Räubergeschichten

Heute sassen wir im Wagen und fuhren in den Abend hinein. Während der Fahrt betrachteten wir das Gold, welches sich an den Hängen wie Honig ergoss. Und ich stellte mir vor, wir hätten eine Bank ausgeraubt und flüchteten.

Es spielte keine Rolle, wohin wir fahren würden. Hauptsache ans Meer. „Scheiss aufs Establishment“, würde mein Kleiner hinten sitzend und grosskotzend herausposaunen. Und ich wäre stolz auf ihn, weil er diesen Satz wunderbar klar und fehlerfrei sagen würde.  Wer das Establishment sein soll, weiss ich nicht. Dieses Wort ist für mich völlig abstrakt. Ich habe noch nie Groll gegen Dinge gehegt, die für mich nicht fassbar sind. Doch der Satz gefällt mir, er klingt so revolutionär. Wer das Wort Exkremente kennt, darf auch Scheisse sagen.

Wer uns drei sieht, denkt an Gandalf und die Hobbits. Mein Sohn dürfte der Ringträger sein. Eine Rolle, die ich früher nie und nimmer jemandem anderen überlassen hätte.  Aber auch kleine, verwöhnte Egoistinnen werden Mütter, die nicht mehr im Rampenlicht stehen wollen. Und ich befürchte, dass man nicht mehr immer an erster Stelle stehen zu wollen, was mit erwachsen werden zu tun hat.

Ich wollte nie erwachsen werden. Und denke heute noch, dass ich mich diesem Prozess verweigere. Ein Trugschluss. Ich halte Dinge aus, die ich früher nie zugelassen hätte und streiche Menschen aus meinem Leben, mit denen ich früher milder umgegangen wäre.

Und nun sitzen wir in diesem Auto und hören der Frau Sophie Zelmany zu. Sie untermalt meine Räubergeschichte. Der Kofferraum voller Geld, alles Tausenderscheine, die sich aneinander reiben und rascheln. Eine Orgie, an der der schnöde Mammon seine helle Freude gehabt hätte. Und wir fahren dem Ende der Erde und des Himmels entgegen zu dem grossen Wasser. Und weil die Erde rund ist, würde wir das Ende nie erreichen.

„Mama, was ist ein Establishment?“ käme dann die Frage. Und wir zwei Erwachsenen würden grinsen und mit den Schultern zucken.

by canela

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8 Gedanken zu “Räubergeschichten

  1. @frau v. : willkommen! und klar nimm platz, ich rücke den sessel näher zu den boxen und wir hören frau zelmani zu, wie sie singt! ein glas wein gefällig?

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