Das Haus

In mir gibt es ein Haus mit vielen unterschiedlichen Bewohnerinnen.

Die Diva, die sich nur von der glamourösen Seite zeigt und bewundert werden möchte.
Das ängstliche Mädchen, das sich vor Gespenstern fürchtet und nach Schutz sucht.
Die Kritikerin, die alles genau unter die Lupe nimmt, bewertet und kommentiert.
Die Misstrauische, die manchmal nicht mal ihren eigenen Gefühlen traut.
Die Unsichere, die sich am liebsten am Rande einer Menschenmenge aufhält.
Die Waldfee, die zwischen Bäumen und Flüssen fliegt und jeden Sonnenauf- und untergang anbetet.
Die Sensible, die nicht auf einem Bett schlafen kann, wenn eine Erbse unter der Matratze liegt.
Die Sinnliche, die jede Berührung geniessend empfängt und jede Berührung zurückgibt.
Die Verächtliche, sie sich über andere lustig macht.
Die Naive, die an das Gute glaubt.
Die Ehrgeizige, die jedes Ziel erreichen will, die sie sich gestellt hat.
Die Wütende, die sofort zurück schlägt, wenn sie angegriffen wird.
Die Bösartige, die genau weiss, wo deine Schwachstelle ist und darin bohrt.
Die Weiche, die keine schrecklichen Bilder sehen kann, ohne zu weinen.
Die Fröhliche, die fremde Leute anlächelt und die den Kindern kurz die Zunge rausstreckt, wenn sie sie anstarren.

Sie alle und noch ein paar mehr wohnen in meinem Haus. Ich kenne sie alle und gut. Und obwohl sie unterschiedlich sind, haben sie nur eine Seele.

Wenn ich dir nun sage, ich schenke dir meine Seele, bist du dir bewusst, dass du eine Sippe dazu bekommst? Ein Haus voll mit verschiedenen Frauen?

Jetzt liegt es an dir: Gehst du in die Angst oder in die Liebe?

text and pic by canela

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Ich komme zu dir

Ich komme zu dir.

Wenn du deine Mauer herunterreisst.

Wenn du mir deine frischen Narben und deine alten, bleichen Wunden zeigst.

Wenn du mir deine glücklichen Stärken und deine traurigen Schwächen zeigst.

Wenn ich deinen weichen, goldenen Honigkern sehen darf, den du versteckst.

Ja, dann komm ich zu dir und bleibe.

text and pics by canela

Der Stern und der blaue Prinz

Was passiert eigentlich, wenn ein Stern und ein blauer Prinz aufeinander treffen? Verlassen beide ihre angestammten Orte – der Himmel und die Erde – damit sie zusammen sein können?

Der blaue Prinz ist lustig, wort- und sprachgewandt und er hat Angst vor grossen Gefühlen.

Er hat an vielen Orten auf der Erde gelebt. Auch dort, wo man Tango tanzt. Er erklärt dem Stern das Tangotanzen. Er erzählt über die zärtliche und doch bestimmte Führung des Mannes über die Frau. Seine Ausführungen sind so leidenschaftlich, als ob er einen sinnlichen Liebesakt beschreiben würde. Der blaue Prinz spricht über den kleinen Rausch, dem sich die Frau hingibt, während sie vom Mann geführt wird. Der Mann, der ihr ihren Platz und den Raum gibt, den sie benötigt, damit sie in voller Pracht erstrahlen kann.

Der Stern ist übewältigt. Er spürt die unendliche Zärtlichkeit in den Ausführungen und weint. Die Tränen fliessen, ob den zarten Worten des blauen Prinzens. Und was macht der Prinz? Der traut seinen Augen nicht.

Der Stern ist witzig, stark wie ein rasender Meteorit, zart wie weiches Sternenlicht und er hat Angst vor grossen Gefühlen.

Der Stern hat den Himmel noch nie verlassen. Aber er wurde schon unfreiwillig durch seine Galaxie geschleudert. Er wurde mit dem Tod bedroht, belogen und gedemütigt. Er hatte Todesangst. Und trotzdem, er hat nie aufgehört zu leuchten.

Der Stern würde es wagen auf die Erde zu kommen, trotz der Gefahr, dass er verglühen könnte. Der blaue Prinz fürchtet sich.

Beide haben Angst, grosse Angst.

text canela

Sechs der Kelche

IMG_3504Weisst du noch, als ich dir das erste Mal meine Tarotkarten gezeigt habe? Ich hatte sie zufällig in meiner Schachtel der Erinnerungen gefunden. Obwohl du ein Mann der Wissenschaft bist, warst du sofort Feuer und Flamme für die Karten und ihre Bedeutungen.

Deine Faszination für diese Karten wuchs schnell, so dass du dir bald selber welche kauftest. Als ich die neuen Tarotkarten bei dir zuhause sah, fragte ich dich erstaunt: „Was? Du hast dir selber welche gekauft?“ Du nicktest lächelnd. Was ich dir damals nicht erklärt habe, ist dass man sich die Karten nicht selber kaufen soll, weil sie scheinbar so keine Kraft hätten, ihre Symbolik zu erfüllen. Die Tarotkarten muss man als Geschenk von einer Person erhalten, die einen mag. Nur dann geht ein möglicher Wunsch in Erfüllung.

Ach … Jedes Mal, wenn ich bei dir zuhause war, hast du dir morgens eine Tageskarte gelegt. Ich belächelte deine kleine Sucht, einen Blick in die Zukunft erhaschen zu wollen. Ich fand es lustig, dass du glaubtest, die Tarotkarten könnten gar einen Traum real werden lassen.

Erinnerst du dich an diesen Abend, als du für mich gekocht hast? Wir tranken Wein bei Kerzenschimmer, hörten Musik und du holtest deine Karten hervor. Wir beide wussten, dass man den Verlauf einer Beziehungen nicht aus den Karten lesen kann. Und trotzdem wollten wir erfahren, wie unsere Beziehung in Zukunft sein könnte. Ich weiss nicht mehr, welche Tarotkarten wir zogen, aber sie prophezeiten uns eine kreative, sinnreiche, gemeinsame Zukunft. Wie eingangs erwähnt, du bist ein Mann der Wissenschaft, aber deine Augen leuchteten hoffnungsvoll, wie die eines kleinen Kindes.

Vor ein paar Tagen kam dein Anruf.

Gestern beim Aufräumen fand ich überrascht die letzte Tarotkarte, die du bei mir zuhause gezogen hattest.  Ich lächelte bitter, steckte die Karte zurück in den Stapel und verstaute sie in meiner Schachtel der Erinnerungen. Dein Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Weisst du wieso? Meine Tarotkarten habe ich geschenkt bekommen.

Sechs der Kelche – Genuss: Geniesse dich und dein Leben, vor allem auch deine Gefühle, deine Erotik und Sexualität. Heile dich selber und andere im Austausch von Sinnlichkeit, Lust und Zärtlichkeit.

by canela

13.12.14 Chilbi

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Es gibt Momente, die drehen sich wie auf einem Karussell. Man sitzt auf einem Pferdchen oder in einer Kutsche und man sieht immer wieder die gleichen Menschen, die einem freundlich zu winken.

Dann gibt es Augenblicke, die man wie Achterbahn fahren erlebt. Jedes Mal, wenn man denkt, das Schlimmste sei vorbei, fährt man plötzlich 90 °Kopf über in die nächste Kurve. Dass man nicht aus dem Wagen gespickt wird, grenzt an pures Glück.

Oder es gibt Situationen, die das reinste Auto-Scooter-Feeling sind. Man wird von jeder Seite gerammt. Fratzen, die grinsen und die kurzen Sekunden Schadenfreude geniessen.

2014 war ein Mix von allem. Doch nicht nur.

Ich habe meine Zunge in Zuckerwatte gesteckt und in einen Apfel umhüllt mit Schokolade hineingebissen. Ich habe gebrannte Mandeln gegessen, die du mir gekauft hast. Was habe ich lauthals gelacht im Spiegelkabinett als du sagtest: „Du bist schön.“ Ich sah aus wie ein Hobbit mit Basedow-Augen, der sich von der Streckbank befreit hatte.

Mit dir macht Chilbi Spass. Gib mir deine Hand und lass mich nicht mehr los.

text and pic by canela

November Blues

IMG_8729„Du bist sanft und zart“, sagte er leise.

Wir zeigten uns Fotos, als wir Kinder waren. Festgehaltene  Momente als wir noch lockig, zahnlos und glücklich strahlten.

Und ich fragte mich, unter welcher Hülle diese ahnungslosen und unschuldigen Gefühle verschwunden waren. Vielleicht lagen sie verstaut in verstaubten Fotoalben oder dunklen Kisten. Oder vielleicht ruhten sie unter einer Hülle gelebtes Leben. Wer weiss das schon so genau….

Heute morgen überfiel mich eine tiefe Traurigkeit, als ich die Sommermöbel und Pflanzen unter grauen Schutzhüllen betrachtete, die auf den Balkonen standen. Es ist so still geworden.

text and pic by canela

Vorstellungen prägen das Verhalten

Wenn man mit bestimmten Vorstellungen an Beziehungen herangeht, dann wird man meist enttäuscht. Die Bedingungen, die man an „das-wie-es-sein-sollte“ knüpft, werden oder können vom anderen oft nicht erfüllt werden.

Wer starre Anforderungen hat, ist wie ein stures Pferd, das in seinem Stall steht und den Kopf nicht aus dem Fenster hält. Es sieht nur einen Teil der Weide. Es weiss nicht, dass dieses Stückchen Grün, noch viel mehr zu bieten hat, als aus diesem Blickwinkel zu sehen ist.

Das Pferd im Stall beobachtet, wie ein anderes Pferd vorbei galoppiert und frisst. Aber dieses andere Pferd nimmt es nicht wahr. „Blöde Kuh, du siehst mich ja gar nicht!“ denkt sich das Pferd im Stall.

Statt zu wiehern und den Kopf aus dem Stall zu strecken, steht es beleidigt in einer Ecke. Es denkt: „Das andere Pferd sollte doch fühlen und wissen, was ich möchte. Schliesslich ist es auch ein Vierbeiner wie ich!“

Das Pferd im Stall findet das Pferd auf der Weide blöd. Das auf der Weide kann das Stallpferd noch so freundlich anschauen oder gar anwiehern. Das im Stall mag das andere Tier nicht mehr, weil es sich vorgestellt hatte, das Pferd auf der Weide würde sofort auf es zugehen. Das Pferd auf der Weide ist ein Arschloch.

Was würdest du dem Pferd im Stall empfehlen?

by canela

Versuch es

Während sein Bart meinen Bauch streift, seine Hand ruhig auf meinem Schoss liegt, ergreift die Sehnsucht nach mir. Ich bin mir abhanden gekommen. Meine Eingeweiden fühlen sich kalt und tot an. Ich muss nachschauen. Was ist nur mit mir los?

Seine Lippen gleiten ganz nahe an mein Ohr. Durch seinen Bart fliessen Kosewörter in meinen Kopf, die mich auf meine Wanderung begleiten. Es ist dunkel und ich habe so Angst.

Seine Beine – stark wie Baumstämme – haben meine umschlungen. Seine Brust riecht nach Nachhause kommen und ich… ich irre mit geschlossenen Augen in meinem Labyrinth umher. Ich fühle mich verloren. „Gehe immer rechts,“ höre ich ihn leise.

Plötzlich falle ich in kaltes Wasser, ich bin gelähmt vor Entsetzen, ich glaube zu ertrinken. Der Abgrund ist so tief und schwarz. Ich strample im kalten Nass, zapple wie ein Fisch in Agonie an der Angel. Und als ich glaube, meine Lungen würden platzen, reisse ich meine Augen auf und ein verzweifeltes Röcheln entflieht aus meiner Mundhöhle. Da spüre ich sein Gesicht über mir. Seine Lippen legen sich auf meine. Ein tiefer Atemzug und er haucht mir Mut in die gierigen Lungen ein.

Ich sehe seine blauen Augen und sie ergiessen sich über mein Gesicht. Das Blau läuft mir über die Stirne, die Wangen, über meine Nase hinunter zu meinem Kinn. Sein Mund lässt von meinem ab und fährt zu meinen Haaren hoch. Er säuselt Worte in mein Haarkleid und bevor sie sich in den Locken verlieren, höre ich: „Versuch es…“

text by canela
music by bugge wesseltoft & sidsel endresen

Manchmal ist es anders

Einmal – vor ein paar Monaten – gab ich einen Wunschzettel auf und sandte ihn ins Niemandsland. Ich besprach ihn mit meinem Freund, der Fisch.“Ach Fisch ,“ seufzte ich, „ach mein lieber Fisch, es ist zum Kotzen. Ich lasse es sein, das mit den Männern. Ich habe ein faible fürs Unmögliche. “

Mein Freund, der Fisch, blubberte oder er hätte sicher geblubbert, wäre er ein echter Fisch gewesen: „Zauberin aus dem Ozean, wie sieht dein Wunschzettel aus nach dieser Odyssee? “ Ich antwortete: “ Ich will keinen mehr. Es gibt ihn nicht. Oder ich bin komisch, ach was weiss ich. Huereschissdräck!“

Ich fuhr fort: „Aber wenn ich wünschen könnte, dann will ich back to the roots. Ich möchte einen Südländer, einer der in Zürich lebt und er soll ähm, ähm…. Graphiker sein!“ Mein Freund, der Fisch erwiderte: „He so genaue Vorstellungen hattest du schon lange nicht mehr! Das finde ich echt gut!“ Ich wusste nicht, ob er mich auf den Arm nahm oder es ernst meinte. Aber schlussendlich spielte es keine Rolle. Weil ich ja für immer und ewig nie, aber gar nie jemanden mehr finden würde, bei dem ich es länger als ein paar Wochen aushalten könnte. Ich war mit einem Fluch belegt. Das ahnte ich nun.

Vielleicht war mein Fluch selber verschuldet.

Mein Sohn fragte mich kürzlich: „Glaubst du an Gott?“
Ich: „Nein!“
Er fragte: „Glaubst du an Jesus?“
Ich: „Nein!“
Er entrüstet: „Aber glaubst du an Krösus?“
Ich: „Öhm? Nein!“
Mein Sohn völlig bestürzt: „Aber Mama! An irgend etwas muss du doch glauben, sonst wirst du nicht beschützt!“
Ich überlegte, ob mein Kleiner möglicherweise recht haben könnte. Vielleicht sollte ich wenigstens an Krösus glauben.

Krösus hat mir Mozart gesandt. Mozart könnte rein äusserlich mein Bruder sein. Dunkle Augen und ein wilder Lockenkopf. Manchmal sind unsere Locken morgens ineinander verwoben. Er riecht nach Meer. Er ist Graphiker, Südländer und lebt in Zürich. Eigentlich wollte ich nur mit ihm was trinken gehen…Eigentlich.

by canela

Weltfrauentag und geteiltes Sorgerecht

Heute ist so ein Tag, an dem wohl einige Frauen irgendwo in der Welt für ihre Rechte marschieren. Ich kann leider heute nicht. Ich muss arbeiten.

Ich weiss nicht genau, ob ich als Mann mehr verdienen würde in meiner jetzigen Position. Wenn ich mir darüber den Kopf zerbrechen würde, müsste ich mich auch noch mit anderen Dingen beschäftigen. Aber ich da ich nicht den EMMA-Geist besitze und wohl auf den Lorbeeren von anderen Frauen ausruhe, die für meine Generation gekämpft haben, nehme ich gewisse Dinge einfach als selbstverständlich hin.

Selbstverständlich finde ich auch, dass ich Mutter bin und arbeite. Was ich noch viel selbstverständlicher finde, ist, dass der Vater meines Sohnes und ich, das geteilte Sorgerecht haben. Ich wusste eh von Anfang an, dass er ein guter Vater sein würde.

Was ein guter Vater in meinen Augen ist? Einer, der sich der Erziehung widmet. Einer, der sich wirklich mit seinem Kind beschäftigt. Einer, der Geld nicht als Ersatz für Liebe sieht.

Canelitos Vater und ich haben gemeinsam ein Projekt: Unser Kind. Es ist der einzige Mittelpunkt und das einzige Mass aller Dinge. Ob wir uns Eltern mögen oder nicht, spielt keine Rolle. Wir haben die Paarebene bei geschiedenen Eltern „He-ich-mach-dich-jetzt-fertig-übers-Kind“ komplett ausgeschaltet. Denn, was viele Erwachsene nicht merken, es geht nicht um sie. Es geht NUR ums Kind.

Mein Kind lebt diese Woche beim Vater. Nächste Woche bin ich wieder dran. Papahaus und Mamahaus. Mein Ex-Mann hat nicht nur das geteilte Sorgerecht, er nimmt auch seine Erziehungsfunktion wahr.

Und was die Alimente betrifft; die gibt es bei uns nicht. Ich gebe ihm nichts, er gibt mir nichts. Da wir beide arbeiten geben wir die Kohle einem privaten Kindergarten.

Darum arbeite ich heute, ich muss schliesslich mich, mein Kind und den Kindergarten finanzieren.

Ich gehe nicht für Frauenemanzipation auf die Strasse. Ich lebe sie. Das ist langweilig. Ich würde lieber Pflastersteine werfen, Autos anzünden und „alle Macht den Frauen schreien“.

Wer sind wir Frauen?

Ärztin sucht Krankenpfleger

Faule Sau

by canela