Marilyn Manson in Zürich

Während ich auf Zehenspitzen versuche, einen Blick auf Marilyn Manson zu ergattern, röhrt er ins Mikrofon mit geballter Kraft. Marilyn du bist geil!

Die Schlagzeuganlage ist fast zu gross für die Bühne im Xtra und es wummert so stark, dass mein Mineralwasser im Becher fröhlich mithüpft. Marilyns Bauch ist auch fast zu gross für seine Weste. Genau so wie mein T-Shirt – mit der Aufschrift „Fuck the Queen“ – meinen Bauchspeck betont. High Five, Marilyn! Scheiss auf den Bauch, gell?

Marilyn performt ausdrucksvoll zwischen einem Blitzgewitter an Lichtern. Manchmal kreischt er seinen Song und das Publikum wirkt wie ein vom Sturmwind aufgepeitschtes Meer. Und ich mittendrin. Gott sei Dank halten einige Ihre Handys nach oben, so dass ich sehe, was auf der Bühne passiert.

Meine Freundin K. habe ich in der Zwischenzeit in der Menge verloren. Auch mein Sohn und sein Vater sind verschwunden.

Das Publikum ist mehrheitlich schwarz gekleidet. Vor mir jedoch steht ein regenbogenfarbenes Hippiepärchen. Beide tragen die gleiche Frisur: Rastas. Kaum geht Marilyn zu einem neuen Song über – er lässt sich zwischen den Songs jeweils ca. 2-4 Minuten Zeit im Dunkeln (?!) „nume ned z’gschprängt gälltetsi, Herr Manson“ – rastet dieses Paar tanzend aus. Hüpfende Hochlandrinder, pogende Goaner! Während sie mir ihre Rastas wie kleine Peitschenhiebe ins Gesicht schlagen, kriege ich eine Hitzewallung. Verdammt! Meine Haare kleben an meinem Nacken, mein Gesicht überzieht ein feiner Schweissfilm und als Krönung ihre verfilzten Würste an meinem Gesicht. Ich flüchte.

Ich kämpfe mich durch Korsetts, Piercings, Tattoos, blaue Augenlinsen und filmende Handys. Schliesslich lande ich neben einem schwarz gekleideten blonden Elb aus „The Hobbit“. Ich vermute, dass sich unter der Schminke und der blonden Perücke auch ein älteres Semester befindet. Unsere Köpfe nicken gemeinsam zum Takt. Sonst bewegen wir uns kaum. Er wohl wegen der Schminke, ich wegen den Hitzewallungen.

Marilyn, du bist grossartig! Es war ein geiles Konzert! Du geiler alter Sack! 🙂

text by canela

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Hilfe, ich muss eine Vita schreiben!

Wie gefällt euch meine Vita? Habe ich etwas vergessen? Grammatikalische Korrekturen willkommen!

Canela wurde im August 1965 in Altstetten, Kanton St. Gallen, Schweiz, geboren. Seit ihrem dritten Lebensjahr lebt sie im Kanton Aargau. Ihr Vater stammt aus Andalusien, ihre Mutter aus Navarra. Obwohl sie Tochter von spanischen Migranten ist, sprach sie zuerst Schweizerdeutsch statt Spanisch. Nach dem Gymnasium hatte sie keinen blassen Schimmer, was sie werden wollte und landete schliesslich im Marketing.

Mit 39 begann sie, nebst Beruf, Journalismus an der Schule für angewandte Linguistik in Zürich zu studieren. Sie brach das Studium ab, weil sie schwanger wurde und weil sie sich vor dem Gedanken fürchtete, als Journalistin fremde Menschen interviewen zu müssen. Bevor sie die Schule verliess, ermunterte sie ihr Lieblingsdozent weiter zu schreiben. Im August 2006 begann sie zu bloggen.

2008 absolvierte sie eine Weiterbildung zur Texterin. Ein Jahr später erhielt sie, anlässlich des Swiss Text Awards, für einen Jahresbericht eine Ehrung mit dem Award-Nominierten-Diplom. Was sie bis heute nicht verstanden hat und trotzdem freut.

Sie liebt es, frei von der Leber zu schreiben. Das Redigieren ihrer Texte hingegen, verursacht bei ihr von schlechter Laune bis hin zu depressiven Verstimmungen. Sie mag die deutsche Grammatik, beherrscht sie aber nicht so, wie sie es sich wünscht. Schachtelsätze hingegen mag sie gar nicht, beherrscht sie jedoch ziemlich gut. Mit der Kommasetzung lebt sie auf Kriegsfuss. Ihre Satzstellungen treiben sie manchmal zum Wahnsinn.

Sie geht für ihr Leben gerne in den Wald walken. Ohne Musik kann sie nicht leben. Sie arbeitet immer noch im Marketing und lebt zusammen mit Sohn und Freund.

Der Streber

Heuten morgen sassen mein Sohn und ich im Auto.

Er: „Mama, morgen ist Besuchstag für die Eltern. Ihr kommt doch beide?“

Ich: „Ja sicher, Papa und ich begleiten dich in der ersten Schulstunde.“

Er: „Das wird toll! Ich freue mich!“

Ich: „Aber häng nicht den Streber raus…“

Er: „Aber Mama, ich bin der Streber! Ich kann Dinge lesen oder schreiben, die die anderen nicht mal verstehen!“

Ich: (Wow, habe ich ein intelligentes Kind. Sicher denkt  er zum Beispiel an „Defibrillator“, ein Wort, das er liebt. Oder das Wort „Image“, welches ich ihm neulich erklären musste.)
„Oh Schätzchen, das weiss ich doch! An welches Wort hast du gerade gedacht?“
(Na, na, na??? Sag es schon, mein Augapfel, mach deine Mutter stolz!)

Er: „Fuck! Man schreibt das Wort F.. u..c..k und nicht, wie es die anderen tun. Sie schreibenF..a..k ! Das ist doch völlig falsch!!!“

Ich: …..

by canela

Sechs Jahre und kein bisschen erwachsen

Nun blogge ich seit sechs Jahren und mein Blog ist kein bisschen erwachsen geworden. Ich sagte zu ihm: „Wenn das so weiter geht, wird nichts aus dir!“ Es ist ihm scheissegal.

Er hätte auf Facebook Followers haben können, will er nicht. Er hätte sich zumindest Werbung integrieren lassen, damit ich mir wenigstens ein paar Schuhe hätte kaufen können. Aber er weigert sich.

Zumindest hätte er sich etwas mehr Mühe geben und sich inhaltlich weiter entwickeln können. Aber er liest sich wie eh und je. Im Gegenteil, ich finde, er habe an Unterhaltungswert abgegeben. Er pfeift darauf!

Widerspenstig, langweilig, larmoyant, sage ich. Morbide und gruselig, meinten andere. Ach Blog, du hast mir das Leben nicht einfacher gemacht. Es soll tatsächlich Menschen geben, die glauben alles, was ich hier schreibe. Manchmal schreibe ich auch über die pure Wahrheit. Die ist oft so seltsam, dass sie meinen, das Geschriebene sei erfunden.

Ach Blog, mein Freund, lass dich umarmen. Ich hab dich trotzdem lieb, vielleicht behalte ich dich nochmals sechs Jahre. Immerhin habe ich wegen dir einige Menschen kennengelernt, die mir wichtig waren oder sind.

Blog, mein heimlicher Geliebter, ich könnte dich wieder mit mehr warmen und sinnlichen Geplätscher füllen. Oder ich könnte dich immer lustig und witzig machen. Vielleicht sollte ich dich mit meiner Melancholie füllen.

Lieber Blog, was möchtest du werden, wenn du gross bist?

by canela

Guten Morgen!

Jetzt ist es gerade 8.39 Uhr. Um diese Zeit war ich noch nicht geboren.

Vor zwei Jahren war mein Geburtstag die heisseste Nacht des Sommers: Mitternacht und 25°Grad. Vor einem Jahr gab das Bundesamt für „Weissichwas“ eine Sturmwarnung über das Radio heraus. Ich erlebte keinen Sturm.

Heute morgen um 7.00 Uhr glitten Nebelschwaden durch das Grün und es war kühl. Ruhig ist es, das gefällt mir.

Heute bin ich 47. Dank dem Filter meines Iphones, sieht man fast keine Falten. Die Filter meines Iphones sind meine besten Freunde geworden. Jede Frau über 40 sollte ein Smartphone mit Filter haben. Sie erhalten die Illusion des Nichtälterwerdens aufrecht.

Und so sehe ich gerade aus. Immer noch müde und ungeschminkt. Aber glücklich.

Letztens schrieb mir mein Ex-Schwager und seine Frau: „Du bist immer in unseren Herzen.“ Und dann bekam ich überraschend eine Postkarte aus Deutschland, welche mich vor Rührung zum Heulen brachte. Ihnen und allen, die mich mögen: Thank you for your love!

by canela

Wieso ich nie lernte richtig Klavier zu spielen…

Pizza, Pasta, Punkrock!
Pizza, Pasta, Punkrock!

Eins ist klar, mit Druck geht bei mir gar nichts. Ich habe unter Druck nicht Klavier spielen gelernt, ich kann nicht unter Druck schreiben und auf Druckknopf lieben schon gar nicht. Ich muss selber wollen und da ich oft nicht weiss, was ich will, dauert es länger, bis ich weiss, was ich will. So viel Zeit brauch ich.

Als ich sieben Jahre alt war, wollte ich Opernsängerin werden. Ein paar Jahre später stand Harfe spielen auf Rang 1 und danach wollte ich Klavier spielen lernen. Auf letzteres gingen schliesslich meine Eltern ein. Da war ich 16 Jahre alt und ich bekam ein Klavier und die Stunden dazu.

Das erste Jahr war so, wie die Anfangszeit halt ist. Viel üben, Akkorde klimpern, fühlen was „adaggio ma non troppo“ bedeutet und dazu die Pedale einsetzen. Es war spannend, der Klavierlehrer nett und ich mit mir zufrieden. Ich hatte Spass und übte fleissig.

Der Anfang des Endes
Dann kam das Gymnasium. Da ich Musik als kreatives Fach gewählt hatte, musste man ein Instrument spielen nebst dem Singen. Ich lernte meine Klavierlehrerin kennen. Der Anfang des Endes begann. Sie macht aus dem meinem Wollen, mein Müssen, danach ihr Druck aufsetzen und zuletzt unser Biegen und Brechen. Vier Jahre lang schwieg ich und kämpfte mich durch unzählige frustrierende Klavierstunden.

Sie bestand auf Tschaikowsky, ich wollte lieber Chopin spielen. Während ich Stücke spielen musste, die ich nicht wollte, summte sie immer die Melodie mit, was ich auch nicht wollte. Und traf ich mal den Ton nicht, sang sie mir ihn vor.
– Pling!
– Nein, laaahhhhh!
– Pling?
– Hergottnochmal, laahhhh….. das ist ein E!

Sie mäkelte an meinen Nägeln herum und erklärte mir jedes Mal nach der Stunde, wieso ich nie richtig Klavier spielen werde. Dass sie alles für mich tue und ich nichts für sie. Dass sie Zeit investiere und meine Eltern Geld. Dass sie mich möge und ich solle mir doch endlich Mühe geben, ihr etwas zurückzugeben. In meinen Träumen steckte ich ihr herausgerissene Klaviertasten in die Nase und in den Mund und liess sie dabei jämmerlich ersticken.

Kampf zwischen Kopf und Bauch
Mein Kopf befahl:
– Canela, das musst du jetzt durchziehen. Sonst wird sie traurig und deine Eltern böse, dass du es nicht geschafft hast.

Mein Bauch schrie:
-He ich bin unglücklich. Ich will nicht mehr Klavier spielen. Ich darf nicht mal spielen, was ich möchte. Ich will nicht, es macht mich krank!

Mein Körper rebellierte, ich bekam meist Kopfschmerzen vor den Klavierstunden oder gar Durchfall. Meine Eltern sagten, ich müsse da durch. Ich habe schliesslich dieses Instrument ausgewählt. Dass man auf einem falschen Weg hätte innehalten und sich einen anderen hätte auswählen können, kam mir nicht in den Sinn. Du musst, also machst du, obwohl du nicht willst. Ich war gefangen im Spinnennetzt des Müssens.

Nach meiner Matura habe ich nie mehr ein Klavier angefasst.

Heute steht mein altes Klavier in Malaga und dient als Unterlage für Fotos meiner verstorbenen Grosseltern und für eine Büste von Beethoven, dessen Stücke ich auch nicht besonders mag.

Aber ich liebe immer noch Chopin.

Kommet her ihr Kinderlein – werdet Sponsoren und lernt Stiller Has persönlich kennen am 23. Juni 2012 in Basel

Vor einem Jahr wurde ich angefragt, ob ich nicht für Birame bloggen würde. Ich sagte sofort zu, als ich erfuhr um was es ging. Hier erzählt er persönlich darüber:

Freunde und Bekannte, sein jetziger Arbeitgeber sowie seine ehemaligen Arbeitgeber setzen sich für diesen Mann ein. Sie organisierten diverse Anlässe und konnten  Geld sammeln, das für das Beschreiten des Rechtsweges nötig ist. Hier geht es zum Blog: birame-bleibt.ch

Nun veranstalten sie am Samstag, 23. Juni 2012 im SUD, Burgweg 7, Basel, ab 14 Uhr eine grosse Benefiz-Veranstaltung mit einem Konzert (20.30 Uhr) von Stiller Has. Der gesamte Gewinn geht an das Konto von: BIRAME BLEIBT. Und Sie brauchen Sponsoren!

Da ist das Programm

Und hier findet der Vorverkauf statt

Zeigen Sie mal ihre Vene am Kopf

„Tragen Sie Make-up?“ fragt mich der Akupunkteur. „Ja tue ich.“ antworte ich. „Ich sehe ihre Vene an der rechten Schläfe nicht.“ meinte er. Ich hätte ihm Venen in der Kniekehle und etwa drei innere Krampfadern am linken und rechten Oberschenkel anbieten können, die mir die Schwangerschaft geschenkt hat, aber die wollte er nicht.

Entrüstet hätte ich ihm auch antworten können: „Meine Vene an der Schläfe sieht man auch ohne Make-up nicht! Ich bin Südländerin ich habe keine Alabasterhaut bei der man jedes Venchen sieht. Ich bin ein dunkler Hobbit, keine durchsichtige Elfe!“

Und schon stach er zu! Es hörte sich an wie Pergament, das man faltet. „Oh ich habe sie nicht getroffen!“ meinte er und ich spürte wie er weiter suchte. Aderlass nennt man das ganze, das soll die Spannung im Kopf nehmen. Man sticht in die Vene an der Schläfe und lässt das Blut herausfliessen.

In der Not frisst der Teufel fliegen und ich lasse mich nochmals stechen und höre ein zufriedenes Jahaaaa von ihm. Er drückt an meiner Schläfe herum und klebt mir danach ein Pflaster an den Kopf. Rein ästhetisch sah das ganze ziemlich scheisse aus. Nicht mal ich habe einen Damenbart, der bis zur Schläfe geht.

Wenn man bedenkt, dass die Chinesen Jahrtausend altes Wissen haben, da ist der Aderlass fast neuzeitlich. Da bin ich ja echt gespannt darauf, was mich noch für moderne Methoden erwarten.

by canela

Der kleine Fisch im Meer

Mein Dad wäre ziemlich beleidigt gewesen, wenn er herausgefunden hätte, dass er nicht begraben wurde, wie gewünscht. Doch meine Mutter fand, dass ein Grab zu teuer sei. Er wurde kurzerhand kremiert. Sie hatte schon zu seinen Lebzeiten die Finanzen fest im Griff. Wieso sollte sie das nach seinem Tod nicht weiterhin tun?

Dass er nicht begraben wurde, heisst aber nicht, dass wir ihm nicht einen würdigen Abgang bereitet hätten. Oh nein! Seine Asche wurde auf dem Meer verstreut an einem Strand, der lange Zeit der Lieblingsplatz meiner Eltern gewesen war. Ein grosser Fels ragt aus dem Meer: El peñon del cuervo. Der Abend, an dem mein Vater mit der Meeresbrise fort flog, war lau. Die Sonne ging gerade unter und das Zentrum von Malaga leuchtete am Horizont. Jeder von uns liess eine Handvoll Asche ins Meer gleiten. Ich wollte das Geschehen filmen. Aber meine Mutter und Schwester meinten, das sei pietätlos. Also einigten wir uns aufs Fotografieren. Dass ich keine Digitalkamera  in den Händen hielt – es war die Kamera meiner Schwester -, merkte ich erst später, als wir uns die Fotos anschauten. Ich hatte nur unsere Beine fotografiert und ein Stückchen Meer. Man sah nicht, wie die Asche ins Meer übergeben wurde. Mein Schwager war der letzte, der den Rest meines Vaters ins Meer übergab. Er watete durch das seichte Wasser, kletterte den Felsen hoch und schüttete den Rest aus der Urne aufs Wasser. Als hätte es der Wind bemerkt, holte er aus und liess die vielen Vaterteile im hohen Bogen davonschweben. Mein Vater flog davon. Ein „ohhh“ entsprang aus unseren Kehlen. Mein „oh“ ging über in ein Schluchzen, dass tief aus meinem Bauch kam. Der Tod eines Vaters, wie er auch immer gewesen sein mag, ist unfassbar. Eine Brise fuhr über uns hinweg und schnappte sich eine Träne von mir, welche wiederum sich ein Aschekorn packte und es ins Meer riss. Das sah eine kleine Sardelle, welche  ihren Kopf aus dem Wasser hob, ihr Maul aufriss und das Tochtervater-Gemisch schluckte. Wie ein silberner Pfeil blitzte sie dann davon ins schwarze Nass und verschwand. Ich glaube, es war die Sardelle, die einst meinem Vater von der Angel sprang……. text and dad’s pic by canela