Das Haus

In mir gibt es ein Haus mit vielen unterschiedlichen Bewohnerinnen.

Die Diva, die sich nur von der glamourösen Seite zeigt und bewundert werden möchte.
Das ängstliche Mädchen, das sich vor Gespenstern fürchtet und nach Schutz sucht.
Die Kritikerin, die alles genau unter die Lupe nimmt, bewertet und kommentiert.
Die Misstrauische, die manchmal nicht mal ihren eigenen Gefühlen traut.
Die Unsichere, die sich am liebsten am Rande einer Menschenmenge aufhält.
Die Waldfee, die zwischen Bäumen und Flüssen fliegt und jeden Sonnenauf- und untergang anbetet.
Die Sensible, die nicht auf einem Bett schlafen kann, wenn eine Erbse unter der Matratze liegt.
Die Sinnliche, die jede Berührung geniessend empfängt und jede Berührung zurückgibt.
Die Verächtliche, sie sich über andere lustig macht.
Die Naive, die an das Gute glaubt.
Die Ehrgeizige, die jedes Ziel erreichen will, die sie sich gestellt hat.
Die Wütende, die sofort zurück schlägt, wenn sie angegriffen wird.
Die Bösartige, die genau weiss, wo deine Schwachstelle ist und darin bohrt.
Die Weiche, die keine schrecklichen Bilder sehen kann, ohne zu weinen.
Die Fröhliche, die fremde Leute anlächelt und die den Kindern kurz die Zunge rausstreckt, wenn sie sie anstarren.

Sie alle und noch ein paar mehr wohnen in meinem Haus. Ich kenne sie alle und gut. Und obwohl sie unterschiedlich sind, haben sie nur eine Seele.

Wenn ich dir nun sage, ich schenke dir meine Seele, bist du dir bewusst, dass du eine Sippe dazu bekommst? Ein Haus voll mit verschiedenen Frauen?

Jetzt liegt es an dir: Gehst du in die Angst oder in die Liebe?

text and pic by canela

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Von oben sieht alles belanglos aus

Ich hoffte, dass wenn wir beide nur lange genug in den Himmel starren würden, flögen wir davon. Gemeinsam abheben wie die Superhelden im Film. Nur ohne Cape und Strumpfhosen. Gut hatten wir uns. Wir waren füreinander das Schlupfloch in das sich verletzte Tiere zurückziehen, um ihre Wunden zu lecken.

Meist sassen wir auf diesem kleinen Vorplatz vor dem verwitterten Haus. Ein alter Tisch, zwei Stühle und eine Sicht, die einer Postkarte würdig war. Der See und die Stadt.

Wir tranken Tee, rauchten und hörten Musik. Der Tee spülte unsere vom Weinen trockenen Kehlen weich. Manchmal suchte meine Hand seine und ich drückte sie kurz. Dann schaute er mich an und sein glasiger, düsterer Blick wurde weich und füllte sich mit Licht. Wären wir in diesem Moment gestorben, hätten wir beide dabei gelächelt.

Die Noten waren unser fliegender Klangteppich. Wir erhoben uns in die Lüfte und hielten uns eng umschlungen. Zusammen waren wir eins.

Von oben sieht alles belanglos aus.

Die Klänge des Liedes tanzten wie Samen einer Pusteblume im Wind. Sie flogen in unsere Ohren, krochen in unsere Köpfe und kämpften sich zu unseren zerrissenen Herzen durch. Die Töne liessen sich wie Käfer auf unseren Armen nieder, frassen sich gierig durch die Haut und nisteten sich in unseren blutenden Wunden ein. Sie suchten Wärme.

Ich fragte ihn: „Hören Angst und Schmerz jemals auf?“ Seine Hand strich über meine kalte Wange. Dann stand er auf, liess sich zu meinen Füssen nieder und er legte seinen Kopf auf meinen Schoss. Ich strich sanft über sein Haar.

text and pic by canela

10 und 51

Ich sass mit meiner Mutter in der Küche in Málaga. Zwei Gläser Tinto de Verano auf dem Tisch. „Ist das normal, wenn man vergisst was war? Ich meine, ich vergesse manchmal sogar, dass es deinen Vater gab. Als wäre ich nie verheiratet gewesen…“ sagte Mutter. „Ich weiss nicht. Fühlt es sich gut an für dich?“ fragte ich zurück. „Ich war noch nie so glücklich wie jetzt.“ sagte sie und nahm einen Schluck aus dem Glas. „Das ist doch was zählt, nur das.“ und ich prostete ihr zu. Meine Mutter wird nächstes Jahr 80 Jahre alt.

„Werde ich deinem Vater gerecht? Ist das richtig ihn zu vergessen?“ fragte mich Mutter nochmals.

„Hier geht es doch nicht um richtig und falsch. Diese Frage nützt dir nichts, wenn du sie dir stellst. Vater, war ein Arschloch! Ein Mann, der seine Traurigkeit und Unsicherheit immer wieder auf uns alle ausgekotzt hat. Es ist also kein Wunder, dass du ihn ab und zu vergisst. Immerhin, sein Bild steht ja jetzt auch auf dem Klavier zusammen mit Grossmutter und Grossvater.““Es hat fünf Jahre gedauert.“ „Ach er soll froh sein, dass er jetzt einen Logenplatz in der Ahnengalerie auf dem Klavier erhalten hat!“

Meine Mutter lachte. „Weisst du, was er jetzt sagen würde, wenn er uns zwei sähe?“ Ich grinste und antwortete: „Novea las dos hijas de putas!!“ Wir prosteten uns nochmals zu.

Mein Blog wird übrigens heute zehn Jahre alt, und ich bin vor ein paar Tagen 51 geworden. Ich habe also noch Zeit, um Dinge zu bewusst zu vergessen, die für mich nicht mehr von Bedeutung sind und um glücklich zu sein. Und wenn ich Dinge nicht vergessen möchte, schreibe ich sie auf oder fotografiere sie. Vielleicht nochmals 10 Jahre…

text by canela

Leise Melancholie

Meine Mutter sagte immer: „Me gustan los hombres con barbas (mir gefallen Männer mit Bart)“. Eine Vorliebe, die ich vermutlich von ihr „geerbt“ habe.

Fink ist mein Lieblingsnasenbär. 2006 hörte ich das erste Mal einen Song von ihm auf KanalK. Mein Musikherz hatte ihn sofort adoptiert! Und als ich beim Googlen feststellte, dass er einen Bart trug, war ich entzückt.

Eine Freundin und ich waren vor zwei Jahren an seinem Konzert. Dort habe ich zum ersten Mal bewusst wahrgenommen, dass die Zeit auch an mir nicht spurlos vorbei gegangen war. Denn als wir den Konzertsaal verliessen, hatte ich Rückenschmerzen. Das lange Stehen hatte mir zugesetzt. Wir suchten eine Sitzgelegenheit und fanden ein rotes Sofa beim Ausgang. Beide stöhnten glücklich, als wir uns niederliessen. Ich sagte zu ihr: „Verdammt, wir werden alt!“ Sie lächelte und nickte. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt erfolgreich die Tatsache verdrängt, dass auch ich älter werde.

Heute habe ich diesen Kurzfilm über ihn gesehen. Er spricht, unter anderem, über das Alleinsein. Und über den Zustand der Leere, wenn man sich ihr hingibt. Dass er sich weniger alleine fühle, wenn er auf der Bühne stehe.

This is the thing

I don’t know if you notice anything missing
Like the leaves on the trees or my clothes all over the floor
I don’t know if you’ll even notice at all
Coz I was real quiet when I closed the door

And the things that keep us apart keep me alive and
The things that keep me alive keep me alone

Ein paar Monate später war ich am Konzert von Alt-J. Dieses Mal hatte ich Sitzplätze gekauft.

text by canela, music by Fink

Konzerte 2016/17

Februar: Concha Buika (Kaufleuten, Zürich).

April: Ursula Rucker (Rote Fabrik, Zürich).

Juli: Massive Attack weiter (Stimmen Festival, Lörrach).

Juli: Kwabs und SOHN (Blue Balls Festival, Luzern).

Im August gibt es einige Künstler (alle gratis!) am Musig i de Altstadt, Aarau. Auf Delinquent HabitsPablo Nouvelle und King Pepe freue ich mich besonders.

November: Cinematic Orchestra (jazznojazz, Zürich)

November: Archive (Kaufleuten, Zürich)

Januar 2017: José Gonzalez (X-tra, Zürich)

Nichts weltbewegendes entdeckt.

Man soll eine neue Erde entdeckt haben. Kepler-452b heisst diese Welt.

Vermutlich ist es unspektakulär für die Planeten Erde und Kepler-452b, doch auch ich habe Neues entdeckt. Dass …

  • ich gerne alleine, aber nicht einsam bin. Sehr oft.
  • mein Körper sich wie ein alter, knorriger Baum anfühlt, wenn ich mich nicht bewege. Immer wie mehr.
  • ich während einer Reaktion merke, dass ich in einem Muster stecke, mich aber nicht mehr dafür verurteile. Früher dachte ich, ich sei meine Reaktion. Jetzt nicht mehr.
  • jeder Arsch, der mich aufregt, das versteckte Arschloch in mir zum Klingen bringt. Oft.
  • mein Mantra „Ich liebe mich, so wie ich bin. Ich finde mich schön, so wie ich bin. Ich gebe mir Sorge.“ Früchte zum Tragen bringt. Immer wie mehr.
  • ich gütiger zu anderen Menschen und vor allem zu mir geworden bin. Immer wie mehr.
  • wenn Wunden und der Schmerz aufbrechen, Blut und Tränen fliessen. Und dass dies eine ungeahnte Lebendigkeit zum Vorschein bringt. Immer.
  • ich Sehnsucht habe, nach tiefer Verbundenheit habe und mich auf den Menschen freue, der mich wirklich sieht. Nur noch so.
  • ich alle Fotos mit Filter für mich verschönere, sogar mich selber. Nach dem Motto: „Ich mach mir die Welt, so wie sie mir gefällt.“ Immer.

text and pic by canela

 

24.12.2015

Ich sitze auf einem grossen Stein am Fluss und beobachte, wie sich der Himmel verändert. Mein Hintern fühlt sich kalt an.

Ein Specht klopft fleissig an einen Baumstamm. Ich schaue in die Wipfel der Bäume, doch ich sehe ihn nicht. Beim Wegfliegen der Enten höre ich das Singen ihrer Flügel.

Ein Hund bellt, rennt, freut sich aufs Stöckchen.

Ein Paar spaziert Hand in Hand an mir vorbei. Ich wünsche ihnen frohe Festtage, lächle sie an und ihre starren Gesichter schauen mich erstaunt an.

Wir sollten alle Weihnachten haben. So wie der Hund oder wie der Specht. Oder wie die Enten. Immer.

pic & text by canela

 

Marilyn Manson in Zürich

Während ich auf Zehenspitzen versuche, einen Blick auf Marilyn Manson zu ergattern, röhrt er ins Mikrofon mit geballter Kraft. Marilyn du bist geil!

Die Schlagzeuganlage ist fast zu gross für die Bühne im Xtra und es wummert so stark, dass mein Mineralwasser im Becher fröhlich mithüpft. Marilyns Bauch ist auch fast zu gross für seine Weste. Genau so wie mein T-Shirt – mit der Aufschrift „Fuck the Queen“ – meinen Bauchspeck betont. High Five, Marilyn! Scheiss auf den Bauch, gell?

Marilyn performt ausdrucksvoll zwischen einem Blitzgewitter an Lichtern. Manchmal kreischt er seinen Song und das Publikum wirkt wie ein vom Sturmwind aufgepeitschtes Meer. Und ich mittendrin. Gott sei Dank halten einige Ihre Handys nach oben, so dass ich sehe, was auf der Bühne passiert.

Meine Freundin K. habe ich in der Zwischenzeit in der Menge verloren. Auch mein Sohn und sein Vater sind verschwunden.

Das Publikum ist mehrheitlich schwarz gekleidet. Vor mir jedoch steht ein regenbogenfarbenes Hippiepärchen. Beide tragen die gleiche Frisur: Rastas. Kaum geht Marilyn zu einem neuen Song über – er lässt sich zwischen den Songs jeweils ca. 2-4 Minuten Zeit im Dunkeln (?!) „nume ned z’gschprängt gälltetsi, Herr Manson“ – rastet dieses Paar tanzend aus. Hüpfende Hochlandrinder, pogende Goaner! Während sie mir ihre Rastas wie kleine Peitschenhiebe ins Gesicht schlagen, kriege ich eine Hitzewallung. Verdammt! Meine Haare kleben an meinem Nacken, mein Gesicht überzieht ein feiner Schweissfilm und als Krönung ihre verfilzten Würste an meinem Gesicht. Ich flüchte.

Ich kämpfe mich durch Korsetts, Piercings, Tattoos, blaue Augenlinsen und filmende Handys. Schliesslich lande ich neben einem schwarz gekleideten blonden Elb aus „The Hobbit“. Ich vermute, dass sich unter der Schminke und der blonden Perücke auch ein älteres Semester befindet. Unsere Köpfe nicken gemeinsam zum Takt. Sonst bewegen wir uns kaum. Er wohl wegen der Schminke, ich wegen den Hitzewallungen.

Marilyn, du bist grossartig! Es war ein geiles Konzert! Du geiler alter Sack! 🙂

text by canela

Meine Konzertbesuche 2015

Seit es sich bei meinen Freundinnen herumgesprochen hat, dass ich eine angenehme Konzertbegleiterin bin (ich plappere nicht die ganze Zeit noch schnarche und furze ich), werde ich immer wieder eingeladen (danke Girls!) oder angefragt, ob ich mitkommen wolle.

Selbstverständlich gab es oder wird es auch Konzertbesuche geben, die Family-Affairs sind, also mit Bruder, Schwester und Sohn. Oder mit Freunden :).

Januar 2015

  • King Pepe in Bern
  • Kiasmos in Aarau

Juli 2015

  • Damian Marley in Malaga (inkl. Fahnenschwinger 🙂 )
  • Richard Bona in Malaga
  • James Vincent McMorrow in Luzern

Oktober 2015

Sophie Zelmanie in Zürich

November 2015

  • Paolo Nuttini und Philipp Poisel in Basel
  • Fat Fredy’s Drop in Zürich
  • Marylin Manson in Zürich
  • John Grant in Zürich
  • Cinematic Orchestra in Zürich

Was ist dein Land?

Im August bin ich mit Bluetime im Tessin gewesen. Wir fuhren einem Fluss entlang, der die Schweiz von Italien trennt.  „Schon komisch das mit den Ländern,“ sagte ich zu ihr. „Immer, wenn ich irgendwo an einer Grenze bin, verstehe ich das Konzept von Grenze nicht. Irgendwie macht das gar keinen Sinn für mich. Was ist der Unterschied zwischen den Menschen am andern Flussufer und uns, ausser dass sie eine andere Sprache sprechen?“

Wenn man kein Land hat, zu dem man sich wirklich dazugehörig fühlt wie ich, muss man Menschen um sich haben, die ähnlich denken und fühlen. Die Nationalität spielt für mich dabei keine Rolle.

Es ist nicht wichtig, woher meine Eltern stammen. Oder wo ich geboren wurde und aufgewachsen bin.  Denn das ist weder mein eigener Verdienst, noch etwas, worauf ich stolz sein könnte.

Es geht um das Gefühl von Zusammenhalt, ähnlichen Werten und Bewusstsein. Es geht um Träume und Visionen, die ich teile. Es geht um die Verbundenheit, die ich mit anderen spüre.

Menschen sind mein Land, die mit mir zusammen lachen und die mir ein Taschentuch geben, wenn ich weine. Die mit mir an Konzerten herumhüpfen oder ruhig im Stuhl sitzen und mir zuhören. Mein Land sind Freunde, Familie und mein Kind, die mit mir gemeinsam an einem Tisch essen und feiern. Die mich in Ruhe lassen, wenn ich alleine sein will, ohne dabei eingeschnappt zu sein.

Mein Land sind Menschen, die mich spontan auf ein Abenteuer mitnehmen. Die mir Mut machen, wenn ich vor Angst in die Hosen scheisse. Mein Land ist das Herz der Frau und des Mannes, die mir darin einen Platz gegeben haben.

by canela
music by dustin o’halloran