Das Königreich der Tränen

Sie geht nicht weg diese tiefe, giftige und schwarze Kränkung. Sie wechselt sich ab mit Wut, Hass und Wahn.

Sie frisst sich in dich hinein wie ein Geschwür. Dehnt sich aus wie ein gefrässiges Tier, wie eine Heuschreckenplage und hinterlässt ein kahles Nichts. Die Attrappe mit den fröhlichen Augen und dem lachenden Mund fällt augenblicklich zusammen, wenn Bilder und Geschichten von Tod und Leid gesehen und gelesen werden. Mühsam kämpfen, damit die Contenance nicht zusammenfällt.

Eine Maske, eine Fassade, die so schwer ist, dass der Kopf abends dröhnt. Ein unechtes Lächeln den ganzen Tag zu tragen, ist eine schwere Last.

Es regnet salzig.

by canela

song by soulsavers

Nach dem Westwind kommt der Regen

Wenn man nur noch in Interjektionen funktioniert, dann ist es höchste Zeit zur Ruhe zu kommen.

Nicht dass ich gegen dieses Konzentrat an Ausruf, Feststellung oder gar Kundgabe des Befindens hätte. Aber was ist ein „Hm“ oder „Oh“, wenn es nicht in Begleitung eines Substantives oder gar eines Verbes ist?! Es ist zuwenig, wenn man doch soviel mehr möchte.

Gespalten, mit herausgerissener Seele, der Spanischen, bin ich so unvollständig wie seit Jahren nicht mehr. Und die klägliche Erkenntnis, dass man nichts tun kann, als abzuwarten, bis es aufhört zu regnen, ist unvermeidbar. Nach dem Westwind kommt der Regen. Das ist das Gesetz der Natur und dieses ist unumstösslich.

Die Zwillinge Trauer und Einsamkeit, Kinder der Einöde, ziehen an meinen Händen. Sie wollen die volle Aufmerksamkeit wie es nur quängelnde Kinder meisterhaft beherrschen und verhindern, dass sich meine Augenmerk auf jemanden anderen legen kann. Wie soll man jemanden umarmen, wenn man keine freien Hände hat?

Sie erwarten, dass ich Sorge zu ihnen trage und dulden keine Nebenbuhler. „Jetzt sind wir dran!!“, fordern sie rücksichtslos. Und ich muss, ob ich will oder nicht, mich um sie kümmern.

Nach dem Westwind kommt der Regen und es gilt sich zu gedulden, bis sich die schwarzen Gewitterwolken aufgelöst haben.

„Verdammt, das tut weh!“ sage ich zu den Zwillingen, die so umbarmherzig an mir zerren. Und es bleibt mir nur ein resigniertes und schmerzhaftes  „Aua“ übrig .

Glaubt mir, nur Interjektionen sind zu wenig!

by canela

Die Traurigen dürfen nicht aussterben.

Es ging so schnell, dass ich selber überrascht war. Er klappte zusammen, fiel mit einem dumpfen Knall hin und war tot. Seine Pupillen fielen in den Abgrund, seine Augen wurden weiss wie Schnee. Der Tod war schneller als die Zeit, um die Augen zu schliessen.

Ich knie mich hin, ganz nahe an seinem Kopf und streichle sein Haar. Es ist so weich….Ohne ihn wäre es nie gegangen, mit ihm auch nicht.  Mit der anderen Hand schliesse ich seine Augen.

Ich hatte es von langer Hand geplant. Langer Hand! Was für ein Ausdruck! Ich, die so kleine Hände hatte verglichen zu seinen. Aber meine kurze Hand, hatte das Pulver in der kleinen weissen Tüte gefasst und es in sein Glas geschüttet. Champagner! Zu diesem Getränk sagte er nie nein, das wusste ich mittlerweile.

Er ist warm. Doch er atmet nicht mehr. Ich bin erleichtert, dass er nicht gelitten hat. Zusammenklappen und tot. „He was willst du mehr? Ich war gut zu dir! „flüstere ich ihm ins Ohr. Das Gehör ist der letzte Sinn, der schwindet, wenn man stirbt. (Ich las das bei Frau Frogg und das hatte mich betroffen gemacht.)  Ich habe ihm einen Gefallen gemacht. Er wird mir danken, sollten wir uns in der Hölle treffen.

„Bist du jetzt traurig?“ fragte er mich. Ich schüttelte den Kopf und log. Er wusste es. Aber es war nicht nur Trauer. Es war auch Wut gegenüber mir, dass ich immer wieder vor der Türe stand, die sich nie für mich öffnen würde. Zumindest nicht die Türe, die ich gerne offen gehabt hätte. Er und ich haben schon immer in unterschiedlichen Häusern gelebt. Oder soll ich es Welten nennen?

Der Tod steht ihm gut! Und ich drücke ihn an meine Brust und weine, weil ich erlöst bin.

Er sagte mir mal: „Die Traurigen dürfen nicht aussterben!“ Nur gehörte er nicht dazu.

by canela

inspired by Markus Werner, Zündels Abgang

Wahre Grösse

Die wahre Grösse soll sich nicht in Zentimeter messen lassen. Sagt man. Und man verweist immer wieder auf berühmte Frauen und Männer, die meine Körperlänge mehr oder weniger teilen oder teilten. Doch ich bin nicht berühmt.

Ich fühlte mich als Kind oft klein, weil ich auch kurz war und immer noch bin. Diese Unsicherheit kommt ab und zu wieder auf. Ein Teil dieses Gefühls liegt in mir vergraben. Wer als Kind  mit den Ausdrücken Liliputaner und Zwerg gehänselt wurde und nicht gerade aus Zement besteht, trägt diese Kränkungen immer noch irgendwo in einer kleinen Seitentasche.

Als junge Frau wurde ich oft nicht ernst genommen. Es gibt Menschen, die meinen, wenn sie dank ihrer Körperlänge auf andere hinunter schauen können, sie auch diesen geistig überlegen sind. Für mich war eine gute Schulung in Schlagfertigkeit.

Westwind ist fast 2 Meter hoch. Doch ich fühle mich nie klein neben ihm. Dass ich, wenn ich nicht nach oben schaue, in seinen Bauch spreche, stört mich nicht. Ich bin genauso gross wie er. Zumindest fühlt es sich für mich so an.

Es liegt nicht nur an mir, dass ich keinen Unterschied spüre, sondern auch an ihm. „Wir sind auf gleicher Augenhöhe.“ sagt er. Und er lässt mich das auch spüren. Wie er das macht, weiss ich nicht.

Ich fühle mich gross. Mit Grösse verbinde ich auch Mut. Ich bin nicht Goliath, ich bin David. Das gefällt mir. Sehr!

by canela

Für einen Tag verheiratet sein.

Westwind  fragte mich: „Liebst du mich?“

Und ich antwortete: „Ja, ich liebe dich! Komm, lass uns heiraten!“ forderte ich ihn lächelnd auf.

Und er meinte: „Ja, das machen wir!“

Und so heirateten wir letzte Nacht auf dem Berg.

Die Hochzeit fand in seinem Wohnzimmer mit Lilly, der Katze, als Trauzeugin und die Rotweinflasche Mazarrón als Trauzeuge, welcher in rot und schwarz gekleidet war, statt.  Crevetten an Olivenöl waren unsere Gäste und als Menü gab es Gemüse an einer Senfsauce. Köstlich! Wir hatten zwei Pfarrer: zwei Stück Käse. Mein Schleier war eine Scheibe von Westwinds selbstgebackenem Zopf. Ich liebe Männer, die kochen können !

Als einer der Käse sagte: „Sie können die Braut küssen.“ war ich gerüht, ob dem sanften Kuss von Westwind. Ich hatte das erste Mal in meinem Leben einen Mann geheiratet, den auch ich wirklich heiraten wollte.  Der Trauschein war Facebook. Wie sich meine Freunde freuten! Zumindest die, die noch zu diesem Zeitpunkt wach waren.

Heute Abend werden sich Westwind und ich scheiden lassen. Doch ich weiss, ich war noch nie so glücklich verheiratet wie in dieser Ehe. Und wenn Westwind und ich alt sind, zusammen auf dem Bänkchen sitzen und unserem Lebensabend entgegenblicken, werden wir uns umarmen und ins Ohr flüstern: „Es war schön mit dir verheiratet zu sein.“

by canela

Räubergeschichten

Heute sassen wir im Wagen und fuhren in den Abend hinein. Während der Fahrt betrachteten wir das Gold, welches sich an den Hängen wie Honig ergoss. Und ich stellte mir vor, wir hätten eine Bank ausgeraubt und flüchteten.

Es spielte keine Rolle, wohin wir fahren würden. Hauptsache ans Meer. „Scheiss aufs Establishment“, würde mein Kleiner hinten sitzend und grosskotzend herausposaunen. Und ich wäre stolz auf ihn, weil er diesen Satz wunderbar klar und fehlerfrei sagen würde.  Wer das Establishment sein soll, weiss ich nicht. Dieses Wort ist für mich völlig abstrakt. Ich habe noch nie Groll gegen Dinge gehegt, die für mich nicht fassbar sind. Doch der Satz gefällt mir, er klingt so revolutionär. Wer das Wort Exkremente kennt, darf auch Scheisse sagen.

Wer uns drei sieht, denkt an Gandalf und die Hobbits. Mein Sohn dürfte der Ringträger sein. Eine Rolle, die ich früher nie und nimmer jemandem anderen überlassen hätte.  Aber auch kleine, verwöhnte Egoistinnen werden Mütter, die nicht mehr im Rampenlicht stehen wollen. Und ich befürchte, dass man nicht mehr immer an erster Stelle stehen zu wollen, was mit erwachsen werden zu tun hat.

Ich wollte nie erwachsen werden. Und denke heute noch, dass ich mich diesem Prozess verweigere. Ein Trugschluss. Ich halte Dinge aus, die ich früher nie zugelassen hätte und streiche Menschen aus meinem Leben, mit denen ich früher milder umgegangen wäre.

Und nun sitzen wir in diesem Auto und hören der Frau Sophie Zelmany zu. Sie untermalt meine Räubergeschichte. Der Kofferraum voller Geld, alles Tausenderscheine, die sich aneinander reiben und rascheln. Eine Orgie, an der der schnöde Mammon seine helle Freude gehabt hätte. Und wir fahren dem Ende der Erde und des Himmels entgegen zu dem grossen Wasser. Und weil die Erde rund ist, würde wir das Ende nie erreichen.

„Mama, was ist ein Establishment?“ käme dann die Frage. Und wir zwei Erwachsenen würden grinsen und mit den Schultern zucken.

by canela

Er war noch nie in Berlin.

„Weisst du, “ erkläre ich ihm plakativ, „Rock kommt aus dem Bauch, Elektro aus dem Herzen und Jazz aus dem Kopf.“  wohlwissend, dass es sovieles mehr an Genres und Farbmelodien gibt. Dabei schaue ich ihm in die Augen.

Wenn er sitzt, geht das gut. Das in die Augen schauen. Sonst rede ich mit seinem Bauch, oder mit seiner Brust, wenn ich hohe Stiefel trage. Und wenn er antwortet und ich ganz nahe bei ihm stehe, vibriert es in meinem Ohr. Seine Stimme ist Bass pur, der durch seinen Brustkorb wummert. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich gerade Rock oder Elektro höre. Denn Jazz ist es nicht.

Mein Kopf funktioniert nicht gut im Moment. Zuwenig Schlaf, zuviele Erlebnisse und mein Kopf versucht sich in den Schwanz zu beissen, wie es junge Katzen tun. Lesen fällt mir schwer, ich kann nichts behalten, was mein Auge auffängt. Tengo la cabeza como una regadera, sagt man auf spanisch, mein Kopf fühlt sich wie eine Giesskanne an.

Er hingegen liest auf Teufel komm raus. Wenn ich ins Bett steige, kämpfe ich mit Büchern und Zeitschriften um einen warmen Platz zu ergattern. Er mag Wörter. Wie ich. Und er mag Peter Fox. Wie ich. Doch in meiner einfältigen Erklärung, der Dreifaltigkeit der Musik, passt dieser Sänger nicht in eine Schublade.  Wen kümmert’s!

Denn bei diesem Stück singt er lauthals mit und ich wippe selig dazu. Meine Hüften kreisen und meine Schultern hüpfen im Takt. Er war noch nie in Berlin, ich sollte es ihm zeigen….

text by canela
music by peter fox

Warum man einem Ja-Aber nicht immer folgen sollte

Manchmal sollte man die ersten Gefühle sofort aufschreiben und lesen lassen. Frisch aus dem Bauch, rein in den Kopf!

Und oft sollte man die ersten Gedanken ernst nehmen und sich sofort darauf einlassen. Denn die kommen auch aus dem Bauch. Wenn man sich dann einlässt, kommt der Kopf und mit erhobenem Zeigefinger und sagt aber. Ich mag aber „Aber“ nicht! Und erst recht „Ja aber“ nicht!

Stürzt man sich in das erste Gefühl und in den ersten Gedanken rein, erlebt man wunderbare Dinge, die mit einem „Ja aber“ nie zustande gekommen wären. Ob das Mut oder nur Risikobereitschaft ist, interessiet mich nicht. Den Leben heisst auch, die Aber-Hürden zu überspringen. Es gibt nämlich auch Und-Brücken, die ziehe ich vor.

Wer jetzt denkt, dass es einfacher wäre, keinem „Ja aber“ zu folgen, täuscht sich. Denn dann kommt der Anfangssatz mit „Was ist dann, wenn…“ Und diesem Einwand muss man sich stellen.

Wen man den einfachsten Weg sucht – eine legitime Lebensart, meines Erachtens – verpasst vieles. Wohlgemerkt auch Schlechtes. Das Abwägen zwischen dem Normalem, was man auch mit normal auch immer meinen mag,  und dem Besonderen, auch hier driften die Definitionen für jeden einzelnen weit auseinander, ist nicht immer einfach. Denn die Verantwortung trägt man alleine für den Entscheid.

Mein Bauch und Kopf sind voller erster Gefühle und Gedanken, die ich nicht zuliess. Jede meiner überwundenen Aber-Hürden ist eine wunderbare Erkenntnis.

Im Moment erlebe ich Und-Brücken, wohin sie führen, weiss ich nicht. Sie fühlen sich stabil an, geben Halt und vorallem füllen sie mich mit soviel Energie, dass ich platzen könnte wie ein roter Luftballon mit lautem Knall. Die Ja-Aber-Sager würden behaupten, die Luft wäre raus. Die Und-Sager bauen daraus einfach ein Bild oder eine Gummischnur aus jedem kleinen einzelnen Detail.

by canela

Und da kam der Westwind

Ich lerne gerade einen Mann kennen, der so glühend und gross ist, dass man durch seine Intensität in den Bann gezogen wird und sich davor fürchtet.

Ich bin naiv, ab und zu sogar klug. Und trotzdem gibt es immer wieder Situationen, die mich herausfordern und mir Angst machen. Ich habe Krebs besiegt, Kinder verloren, mich gegen Dinge entschieden, trotz Druck von Ärzten. Doch meine Angst ging nie ganz weg.

Kürzlich meinten Freunde, ich sei echt. Keine Animositäten, keine Allüren, einfach Canela. Das berührte mich. Denn ich bin weich und fühle mich oft wie eine offene Wunde. Aber ich bin zäh. Meine Gedanken sind schnell, meine Gefühle langsam. Mein Kopf ist stark, mein Bauch auch.Wer entscheidet nun, was richtig ist? Und wie hört man auf zu bluten?

Dann gibt es Menschen, mit denen man mehr als nur Kaffee getrunken hat. Vielleicht hat man eine oder zwei Nächte zusammen verbracht und sich wohl gefühlt. Daraufhin hat man sich nie mehr gesehen. Und doch weiss man, man sie darf sie um Rat fragen. Und sie erklären dir die Dinge, wie sie sind, ohne wertend zu sein. Und man fühlt sich dann besser.

………….soviele Unds, ich mag dieses Wort.

Und jetzt kommt der Westwind, bläst durch mich hindurch und zersaust nicht nur meine Locken sondern mein ganzes Innerstes. Und während ich versuche, mich zurecht zu finden, regnet es. Ich liebe warmer Regen.

Er nennt mich Amor und dieses Wort ist wie nachhause kommen.

text by canela

song by eddie vedder – long nights