Dein Blick

Dein Blick habe ich auf Anhieb gemocht. Er offenbarte genau das, was du mir nicht zeigen wolltest: deine Verletzlichkeit. Du hattest einen dicken Schutzmantel an, gewoben aus Vorurteilen und Wertungen.

Du hast mich mit den Augen deiner vergangenen Erfahrung betrachtet, statt mit deinem Herzen. Das Herz sieht nur das Jetzt. Alles andere ist nur der Kopf und das festhalten an Leid. An dem Erlebten, das du an den Schmerz koppelst. Du sagtest: „Ich will keine Schmerzen mehr.“ Doch der Schmerz ist genauso wichtig wie die Freude.

Du sagtest: „Hör auf mit diesem Drama, immer machst du das gleiche!“ „Immer“, ein Wort, das man „nie“ gebrauchen sollte. „Du bist schwierig,“hattest du behauptet. „Ich verstehe dich nicht,“ hätte uns beiden mehr geholfen.

Ich habe dein Inneres gesehen, dein weiches Vanilleherz. Unsicher und zerbrechlich. Grüsse es von mir. Es ist schön.

by canela

 

 

 

Der Stern und der blaue Prinz

Was passiert eigentlich, wenn ein Stern und ein blauer Prinz aufeinander treffen? Verlassen beide ihre angestammten Orte – der Himmel und die Erde – damit sie zusammen sein können?

Der blaue Prinz ist lustig, wort- und sprachgewandt und er hat Angst vor grossen Gefühlen.

Er hat an vielen Orten auf der Erde gelebt. Auch dort, wo man Tango tanzt. Er erklärt dem Stern das Tangotanzen. Er erzählt über die zärtliche und doch bestimmte Führung des Mannes über die Frau. Seine Ausführungen sind so leidenschaftlich, als ob er einen sinnlichen Liebesakt beschreiben würde. Der blaue Prinz spricht über den kleinen Rausch, dem sich die Frau hingibt, während sie vom Mann geführt wird. Der Mann, der ihr ihren Platz und den Raum gibt, den sie benötigt, damit sie in voller Pracht erstrahlen kann.

Der Stern ist übewältigt. Er spürt die unendliche Zärtlichkeit in den Ausführungen und weint. Die Tränen fliessen, ob den zarten Worten des blauen Prinzens. Und was macht der Prinz? Der traut seinen Augen nicht.

Der Stern ist witzig, stark wie ein rasender Meteorit, zart wie weiches Sternenlicht und er hat Angst vor grossen Gefühlen.

Der Stern hat den Himmel noch nie verlassen. Aber er wurde schon unfreiwillig durch seine Galaxie geschleudert. Er wurde mit dem Tod bedroht, belogen und gedemütigt. Er hatte Todesangst. Und trotzdem, er hat nie aufgehört zu leuchten.

Der Stern würde es wagen auf die Erde zu kommen, trotz der Gefahr, dass er verglühen könnte. Der blaue Prinz fürchtet sich.

Beide haben Angst, grosse Angst.

text canela

Lass mich dein Licht sein (1)

Manchmal frage ich mich, was wohl aus dir geworden ist. Ich erinnere mich gerne an dich. Du warst lustig, fürsorglich, mutig und männlich. Du warst kein feiger Mann! „Un hombre con cojones!“ pflegte ich zu sagen. Und du lachtest.

Oft warst du wütend auf unsere Welt. „Wir leben in einem Scheisssystem, dass uns Menschen nur ausquetscht und kaputt macht. Ertrag, Ertrag, Ertrag!“ Deine dunklen Augen funkelten aufgebracht.  Dann antwortete ich beschwichtigend: „Lass uns ans Ende der Welt gehen und sie retten!“ Und dein Blick erhellte sich.

Dass du die Natur genauso mochtest wie ich, machte es mir leicht, dich in ins Herz zu schliessen. Deine Liebe zur Fotografie (du wolltest immer, dass ich „Photographie“ schreibe, du fändest es sei erotischer) erfreute meine erschöpfte Seele. Deine Fotos waren packend, berührend und liessen Geschichten in meinem Kopf entstehen. Deine Bilder halfen mir, Abenteuer zu schreiben.

Wir hatten uns am Flughafen von Havanna kennengelernt. Du standest neben dem Taxistand, dein Rucksack lag auf der Mauer. Ich kam aus der Flughafenhalle, noch etwas benebelt vom Flug. Und tollpatschig wie ich bin, blieb mein Rollkoffer an einer Unebenheit des Pflasters hängen und riss mich auf den Boden herunter.

„Gopferdami!“, hörte man mich fluchen. Und noch bevor einer der Taxifahrer zu mir eilen konnte, warst du schon da, bücktest dich und gabst mir die Hand. „Chan in der hälfe?“ Ich musste dich wohl ganz schön blöd angeschaut haben. Denn das letzte, was ich in Kuba erwartete, war, auf schweizerdeutsch angesprochen zu werden.  Drei Taxifahrer rannten herbei, schauten dich feindselig an und fragten mich, ob alles in Ordnung sei. „Ella es mi mujer. Esta bien!“  In diesem Moment hatte ich mich wohl in eine Eule verwandelt, deren Augen grösser waren als der Kopf selber. Du hattest ihnen auf Spanisch geantwortet! Ich nickte nur noch stumm. Die Taxifahrer blieben misstrauisch stehen. Als ich wieder auf den Beinen stand, umarmtest du mich und küsstest meine Stirne. „Hola mi amor, te he hechado mucho de menos!“

Minuten später sassen wir in einem der Taxis und fuhren durch Havanna. Mein Knie schmerzte und ich wusste nicht, wie ich diese Situation mit dir einordnen sollte. Wortlos schaute ich aus dem Fenster.  Was für eine Stadt! Und die vielen Menschen. Als ich einen rosafarbenen Bus sah, der irre lang war, erklärtest du mir: „Dieser Bus heisst „el camello“ also das Kamel. Man munkelt man könne bis zu 250 Personen transportieren. Ich lächelte.

„Übrigens, ich heisse Canela, 39, bin Spanierin, ein Tollpatsch und lebe in der Schweiz.“ Er antwortete:“ Ich heisse Jakub, 29, bin Tscheche, bin die Notrufnummer 144 und wohne auch in der Schweiz.“ Und schnell flüsterte er mir noch ins Ohr: „Gib mir jetzt ja nicht die Hand! Sonst merkt der Taxifahrer, dass wir kein Paar sind! Er beobachtet uns die ganze Zeit, vor allem mich. Ich könnte ja ein Unhold sein.“ Er zwinkerte und grinste. Ich lachte schallend. Und die Stirne des Taxifahrers, die ich im Rückspiegel sah, entspannte sich. Wir fuhren an Che Quevara vorbei.

Plötzlich übermannte mich Unsicherheit und Angst. „Ich kenne dich nicht. Ich, ich…. ich weiss nicht, wieso du hier in meinem Taxi sitzt. Und eigentlich wollte ich alleine sein. Ich fühle mich krank.“ „Ich weiss, ich spüre es. Lass mich dein Licht sein.“, war deine einfache Antwort und gabst mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Dein Duft erinnerte mich an „Nachhausekommen“.

old pics of Cuba taken in 2000 by canela long time ago
text as usual by canela

Sechs der Kelche

IMG_3504Weisst du noch, als ich dir das erste Mal meine Tarotkarten gezeigt habe? Ich hatte sie zufällig in meiner Schachtel der Erinnerungen gefunden. Obwohl du ein Mann der Wissenschaft bist, warst du sofort Feuer und Flamme für die Karten und ihre Bedeutungen.

Deine Faszination für diese Karten wuchs schnell, so dass du dir bald selber welche kauftest. Als ich die neuen Tarotkarten bei dir zuhause sah, fragte ich dich erstaunt: „Was? Du hast dir selber welche gekauft?“ Du nicktest lächelnd. Was ich dir damals nicht erklärt habe, ist dass man sich die Karten nicht selber kaufen soll, weil sie scheinbar so keine Kraft hätten, ihre Symbolik zu erfüllen. Die Tarotkarten muss man als Geschenk von einer Person erhalten, die einen mag. Nur dann geht ein möglicher Wunsch in Erfüllung.

Ach … Jedes Mal, wenn ich bei dir zuhause war, hast du dir morgens eine Tageskarte gelegt. Ich belächelte deine kleine Sucht, einen Blick in die Zukunft erhaschen zu wollen. Ich fand es lustig, dass du glaubtest, die Tarotkarten könnten gar einen Traum real werden lassen.

Erinnerst du dich an diesen Abend, als du für mich gekocht hast? Wir tranken Wein bei Kerzenschimmer, hörten Musik und du holtest deine Karten hervor. Wir beide wussten, dass man den Verlauf einer Beziehungen nicht aus den Karten lesen kann. Und trotzdem wollten wir erfahren, wie unsere Beziehung in Zukunft sein könnte. Ich weiss nicht mehr, welche Tarotkarten wir zogen, aber sie prophezeiten uns eine kreative, sinnreiche, gemeinsame Zukunft. Wie eingangs erwähnt, du bist ein Mann der Wissenschaft, aber deine Augen leuchteten hoffnungsvoll, wie die eines kleinen Kindes.

Vor ein paar Tagen kam dein Anruf.

Gestern beim Aufräumen fand ich überrascht die letzte Tarotkarte, die du bei mir zuhause gezogen hattest.  Ich lächelte bitter, steckte die Karte zurück in den Stapel und verstaute sie in meiner Schachtel der Erinnerungen. Dein Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Weisst du wieso? Meine Tarotkarten habe ich geschenkt bekommen.

Sechs der Kelche – Genuss: Geniesse dich und dein Leben, vor allem auch deine Gefühle, deine Erotik und Sexualität. Heile dich selber und andere im Austausch von Sinnlichkeit, Lust und Zärtlichkeit.

by canela

Versuch es

Während sein Bart meinen Bauch streift, seine Hand ruhig auf meinem Schoss liegt, ergreift die Sehnsucht nach mir. Ich bin mir abhanden gekommen. Meine Eingeweiden fühlen sich kalt und tot an. Ich muss nachschauen. Was ist nur mit mir los?

Seine Lippen gleiten ganz nahe an mein Ohr. Durch seinen Bart fliessen Kosewörter in meinen Kopf, die mich auf meine Wanderung begleiten. Es ist dunkel und ich habe so Angst.

Seine Beine – stark wie Baumstämme – haben meine umschlungen. Seine Brust riecht nach Nachhause kommen und ich… ich irre mit geschlossenen Augen in meinem Labyrinth umher. Ich fühle mich verloren. „Gehe immer rechts,“ höre ich ihn leise.

Plötzlich falle ich in kaltes Wasser, ich bin gelähmt vor Entsetzen, ich glaube zu ertrinken. Der Abgrund ist so tief und schwarz. Ich strample im kalten Nass, zapple wie ein Fisch in Agonie an der Angel. Und als ich glaube, meine Lungen würden platzen, reisse ich meine Augen auf und ein verzweifeltes Röcheln entflieht aus meiner Mundhöhle. Da spüre ich sein Gesicht über mir. Seine Lippen legen sich auf meine. Ein tiefer Atemzug und er haucht mir Mut in die gierigen Lungen ein.

Ich sehe seine blauen Augen und sie ergiessen sich über mein Gesicht. Das Blau läuft mir über die Stirne, die Wangen, über meine Nase hinunter zu meinem Kinn. Sein Mund lässt von meinem ab und fährt zu meinen Haaren hoch. Er säuselt Worte in mein Haarkleid und bevor sie sich in den Locken verlieren, höre ich: „Versuch es…“

text by canela
music by bugge wesseltoft & sidsel endresen

Rahmen ohne Bild oder der blaue Hund

„Ich will nicht auseinander fallen“, erklärte sie mir heiser, während sie dabei näher zu mir rutschte, so dass ich ihren Atem roch. „Ich bin in der Wüste gewesen, am Meer, sogar in den Bergen. Es nützte nichts. Ich hatte mich immer dabei!“ flüsterte sie mir ins Ohr. Der Geruch aus ihrem Mund floss von meinem Ohr auf meine Wange und kroch mir in die Nase. Ich glaube, sie hatte Kebab gegessen.

Die Bar war um diese Zeit fast leer. Darum sass ich gerne hier und trank mein Wasser. Ich hatte nicht damit gerechnet, jemandem zu begegnen, der betrunken war und nach Zwiebeln roch. Ich hatte das Trinken schon lange aufgegeben und Zwiebeln verursachten Blähungen. Sie nahmen sich einen Platz in meinem Körper, den ich ihnen nicht geben wollte.

Als ich nicht reagierte – was hätte ich auf eine solche Aussage Gescheites antworten sollen? – stand sie auf und spazierte an den Tresen. Sie bestellte sich ein Glas Rotwein. Dann ging sie zum gelben Zebra, das an einem Bourbon on the rocks mit einem Röhrchen nuckelte und setzte sich hin . Ich verstand die Frau nicht. Ich hatte weder das von ihr Gesagte verstanden noch dass sie sich jetzt neben diesem gelben Zebra setzte. Sollte ich das mit dem Wassertrinken sein lassen?

Mein blauer Hund unter dem Tisch gähnte. „Tristan, braver Hund“ quitierte er mit einem Wedeln. Sein Schwanz schlug mir gegen das Schienbein und seine rosafarbene Zunge leckte hingebungsvoll meine linke Hand. Diese hielt ich dann unter meiner Nase. Sie roch nach Hundespucke und Trockenfutter. Der Kebabduft verschwand und das Trockenfutteraroma machte sich in meinen Nasenflügeln breit bis zum hintersten Ecken.

Ich beobachtete, wie sich die Frau und das Zebra angeregt unterhielten. Betrunken zu sein, verschliesst das Auge fürs Wesentliche. Das kann seine Vorteile haben. Und ich verstand plötzlich, wieso die Frau nichts von mir wollte. Ich sprach nicht mit Menschen und trank Wasser. Oder war es der blaue Hund?

Mein Blick schweifte weiter und blieb an einer Wand hängen, an dem ein Rahmen ohne Bild hing. Kleine Fetzen einer Leinwand waren das Zeugnis eines gewaltsamen Entfernen. Mein Hund gähnte laut.

Mein Kopf begann zu jucken und ich kratzte mich. Mein Hund tat es mir gleich. Er setzte sich hin und kratzte sich mit seiner Hinterpfote am Ohr.

Da sagte mein Hund mit den Augen auf den leeren Rahmen gerichtet: „Das Bild hat sich selber herausgerissen.“ Ich starrte ihn verdutzt an. Auf diesen Gedanken wäre ich nie gekommen. Und dann hörte ich das Vogelgezwitscher.

text by canela
music by risikogruppe 

Wie ein Geheimnis zum Kater wird

Es ist früh morgens und noch dunkel als ich aufwache. Das Licht der Strassenlampe vor dem Fenster lässt die Möbel Schatten werfen. Stöhnend erhebe ich mich vom Sofa auf dem ich die Nacht verbracht hatte. Die borstigen Stoppeln an meinem Kinn knistern wie Tannennadeln im Feuer als mich kratze. Als ich meinen Kopf zur Seite neige, durchfährt ein kurzer Schmerz meinen steifen Nacken. Was für ein Scheissmorgen!

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Die Traurigen dürfen nicht aussterben.

Es ging so schnell, dass ich selber überrascht war. Er klappte zusammen, fiel mit einem dumpfen Knall hin und war tot. Seine Pupillen fielen in den Abgrund, seine Augen wurden weiss wie Schnee. Der Tod war schneller als die Zeit, um die Augen zu schliessen.

Ich knie mich hin, ganz nahe an seinem Kopf und streichle sein Haar. Es ist so weich….Ohne ihn wäre es nie gegangen, mit ihm auch nicht.  Mit der anderen Hand schliesse ich seine Augen.

Ich hatte es von langer Hand geplant. Langer Hand! Was für ein Ausdruck! Ich, die so kleine Hände hatte verglichen zu seinen. Aber meine kurze Hand, hatte das Pulver in der kleinen weissen Tüte gefasst und es in sein Glas geschüttet. Champagner! Zu diesem Getränk sagte er nie nein, das wusste ich mittlerweile.

Er ist warm. Doch er atmet nicht mehr. Ich bin erleichtert, dass er nicht gelitten hat. Zusammenklappen und tot. „He was willst du mehr? Ich war gut zu dir! „flüstere ich ihm ins Ohr. Das Gehör ist der letzte Sinn, der schwindet, wenn man stirbt. (Ich las das bei Frau Frogg und das hatte mich betroffen gemacht.)  Ich habe ihm einen Gefallen gemacht. Er wird mir danken, sollten wir uns in der Hölle treffen.

„Bist du jetzt traurig?“ fragte er mich. Ich schüttelte den Kopf und log. Er wusste es. Aber es war nicht nur Trauer. Es war auch Wut gegenüber mir, dass ich immer wieder vor der Türe stand, die sich nie für mich öffnen würde. Zumindest nicht die Türe, die ich gerne offen gehabt hätte. Er und ich haben schon immer in unterschiedlichen Häusern gelebt. Oder soll ich es Welten nennen?

Der Tod steht ihm gut! Und ich drücke ihn an meine Brust und weine, weil ich erlöst bin.

Er sagte mir mal: „Die Traurigen dürfen nicht aussterben!“ Nur gehörte er nicht dazu.

by canela

inspired by Markus Werner, Zündels Abgang

Die Inseln

„Ich habe so oft verlassen, dass ich bald kein Herz mehr habe.“ stöhnte sie und schielte leicht.

Ich schaute sie an und lächelte. „Wie viele blieben unentdeckt, wie viele wären vielleicht gut gewesen für mich?“ Ich schüttelte den Kopf, ich kannte sie ja nicht.

„Ich schwimme zwischen zwei Inseln hin und her. Beide gefallen mir, beide sind schön und vor allem bei beiden fühle ich mich irgendwie willkommen. Aber ich bin müde vom Schwimmen. Ich habe kein Boot. Meine Kräfte schwinden und ich brauche Festland. Aber niemand will Festland für mich sein.“

Sie stand auf, wankte nach vorne und fiel der Länge nach auf den Boden. Liegend hörte man sie schnarchen.

Der Mann hinter dem Tresen grinste: „Das macht sie seit Wochen.“ Ich nickte, zahlte meinen Drink und verliess die Bar.

Festland. Wo mag es wohl sein?

text by canela
music by the xx

In Shanghai ist es Morgen

und wahrscheinlich schläft er noch. Bald wird er aufstehen, einen Toast essen mit Tee oder Kaffee. Er wird sich auf einen Platz mit vielen Bäumen und grünem Rasen begeben, wo sich Chinesen zum Tai Chi treffen. Im Schatten eines Baumes stehend, bedächtig, fast ehrfürchtig, wird er die Bewegungen dieser Menschen verfolgen und es ihnen gleich tun.

Dann wird er zurück ins Hotel gehen, duschen und sich für einen langen Arbeitstag vorbereiten. Er wird viel reden, organisieren, Kopf nicken und lächeln. Seine Übersetzerin als ständiger Schatten und wichtige Begleiterin.

Abends wird er sich mit seiner alten Freundin, der Schriftstellerin, in den kleinen, versteckten Quartieren herumtreiben, essen und trinken. Vielleicht viel trinken. Bei ihr zuhause angelangt, werden sie das Döschen öffnen, das Pulver hervorholen und alle Sinne wecken und tanzen lassen.

Das Rot wird röter, das Blau noch tiefer und der Geschmack ihrer Scham, wird ihm wie Honig vorkommen. Gierig lecken, beissen, mit den Händen zupacken. Geniessen wie sie stöhnt, wie ihre Haut diesen leichten Film Schweiss bildet. Salz, Jasmin und Erde werden ihm in den Sinn kommen.

Riechen, staunen, schmecken. Er wird seiner Begierde freien Lauf lassen. Er gönnt sich der bewusste Verlust seiner Fassung. Und kontrolliert sie, indem er ihren zarten schlanken Hals mit seiner Hand umfasst, wohl wissend, wenn er zu drückte, sie sterben könnte. Er geniesst die Macht über sie. Und wird ob ihrer Hingabe so weich, zärtlich, fast verwundbar. Und seine Stösse in ihren Unterleib, werden sanfter, als wolle er sie von innen streicheln und sich selber nicht verletzen.

Morgens, oder wohl eher nachmittags, nach seinem Toast und Tee, wird er in den kleinen Laden gehen mit den Stoffen und Kleidern. Und den vielen Gerüchen. Er wird mir ein rotes Kleidchen kaufen, das mit dem Maokragen und sich vorstellen, wie hübsch ich darin aussehen werde. Während er den Stoff fühlt, wird er sich meinen Körper darunter vorstellen. Und das erregt ihn, obwohl er immer noch satt von den Erlebnissen ist, die er die letzte Nacht geniessen durfte. Dinge, die er tat, die ich nie tun würde, oder doch?

Und er wird glauben, dass ich seine Dämonen fürchte. Doch er weiss nicht um meine.

by canela