Tangomai

Ohne Macht sein ……Ist das nicht schön …………. Für einen Augenblick?

Ich lenke deinen Körper und deine Schritte. Wir bilden eine Einheit.

Nur dieser Moment. Nicht das Leben lang!

Nur für eine kurze Weile herrsche ich über dich. Und du weisst, dass ich mich um dich kümmere.

Deine Schritte sind im Einklang mit meinen. Lass uns mit Nähe und Distanz spielen. Ich führe dich, aber ich erdrücke dich nicht. Ich beschütze dich.

Das nennt sich Vertrauen.

pics and text by canela

Der Tannenzapfen

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“Oh, du bist schön und zart! Darf ich dich mit nachhause nehmen?”

“Nein! Ich bin oft verletzt worden. Ich werde mich nicht mehr auf etwas Neues einlassen!”

“Was für eine bescheuerte Einstellung! Niemand geht ohne Wunden durchs Leben. Durch Verletzungen können neue Erfahrungen entstehen, wenn du den Schmerz loslässt. Lässt du ihn nicht los, wird er dich vergiften. Und deine Wunden werden nie heilen.”

“Nein, ich will nicht! Du kannst mit mir spielen, aber mehr nicht!”

“Ich will nicht mit dir spielen! Ich will dich kennenlernen, ich will mich auf dich einlassen. Ich will sehen, wie deine Schuppen braun und holzig werden. Ich will erleben, wie du dich veränderst, wie du wächst, wie du dich entwickelst.”

“Ich will mich nicht öffnen und dann wieder verletzt werden!!”

“Niemand möchte verletzt werden! Nur an vergangenem Schmerz festzuhalten, ist, wie sich selber immer wieder ein Messer in den Bauch zu rammen. Möchtest du nicht, dass man dich wirklich kennenlernt? Wie soll das gehen, wenn du dich nicht öffnest?”

Ich weiss, wer selber keinen Ausgang sucht, bleibt dort, wo er ist. Ich liess den Tannenzapfen auf dem Waldboden liegen.

text and pic by canela

Von der Magie eines Nuggis

Der Nuggi im Wald

Morgens fühlt sich die Luft und das Licht zwischen den Bäumen jungfräulich an. Die Schatten des jungen Tages sind noch weich. Ihr wisst, ich liebe meinen Wald. Vor allem, weil er immer wieder für Überraschungen sorgt.

Heute traf ich einen Nuggi. Er hing an einem Ast. Wahrscheinlich hat ihn eine Sofie Lea Karina verloren oder ein Justin Marc Kevin. Nichts gegen Dreifachvornamen. Ich besitze auch zwei.

Ich mochte diesen Nuggi auf Anhieb, weil er einen Stern trug. Ich mag Sterne, weil sie mir das Gefühl geben, meine entfernten Verwandten zu sein. Sterne sind die stillen Augen des Himmels, sie spenden Trost. Wie ein Nuggi.

Der Wald lebt. Viele Blätter sind noch als Knospen zu erkennen. Aber auf dem Boden, da wird geblüht und gewachsen, was das Zeugs hält. Wachstum kommt von unten und innen. Oft habe ich diese Tatsache vergessen, wenn ich hingefallen bin.

Ich lief an einem Paar mit einem alten Hund vorbei. Der Mann und die Frau trugen schneeweisses Haar. Ihre äusserliche Symbiose machte mich glücklich und ich dachte: “Wo du auch immer stecken magst. Ich freue mich, mit dir weisse Haare zu bekommen.”

pic and text by canela

 

 

 

Lass mich dein Licht sein (1)

Manchmal frage ich mich, was wohl aus dir geworden ist. Ich erinnere mich gerne an dich. Du warst lustig, fürsorglich, mutig und männlich. Du warst kein feiger Mann! “Un hombre con cojones!” pflegte ich zu sagen. Und du lachtest.

Oft warst du wütend auf unsere Welt. “Wir leben in einem Scheisssystem, dass uns Menschen nur ausquetscht und kaputt macht. Ertrag, Ertrag, Ertrag!” Deine dunklen Augen funkelten aufgebracht.  Dann antwortete ich beschwichtigend: “Lass uns ans Ende der Welt gehen und sie retten!” Und dein Blick erhellte sich.

Dass du die Natur genauso mochtest wie ich, machte es mir leicht, dich in ins Herz zu schliessen. Deine Liebe zur Fotografie (du wolltest immer, dass ich „Photographie“ schreibe, du fändest es sei erotischer) erfreute meine erschöpfte Seele. Deine Fotos waren packend, berührend und liessen Geschichten in meinem Kopf entstehen. Deine Bilder halfen mir, Abenteuer zu schreiben.

Wir hatten uns am Flughafen von Havanna kennengelernt. Du standest neben dem Taxistand, dein Rucksack lag auf der Mauer. Ich kam aus der Flughafenhalle, noch etwas benebelt vom Flug. Und tollpatschig wie ich bin, blieb mein Rollkoffer an einer Unebenheit des Pflasters hängen und riss mich auf den Boden herunter.

“Gopferdami!“, hörte man mich fluchen. Und noch bevor einer der Taxifahrer zu mir eilen konnte, warst du schon da, bücktest dich und gabst mir die Hand. “Chan in der hälfe?” Ich musste dich wohl ganz schön blöd angeschaut haben. Denn das letzte, was ich in Kuba erwartete, war, auf schweizerdeutsch angesprochen zu werden.  Drei Taxifahrer rannten herbei, schauten dich feindselig an und fragten mich, ob alles in Ordnung sei. “Ella es mi mujer. Esta bien!”  In diesem Moment hatte ich mich wohl in eine Eule verwandelt, deren Augen grösser waren als der Kopf selber. Du hattest ihnen auf Spanisch geantwortet! Ich nickte nur noch stumm. Die Taxifahrer blieben misstrauisch stehen. Als ich wieder auf den Beinen stand, umarmtest du mich und küsstest meine Stirne. “Hola mi amor, te he hechado mucho de menos!”

Minuten später sassen wir in einem der Taxis und fuhren durch Havanna. Mein Knie schmerzte und ich wusste nicht, wie ich diese Situation mit dir einordnen sollte. Wortlos schaute ich aus dem Fenster.  Was für eine Stadt! Und die vielen Menschen. Als ich einen rosafarbenen Bus sah, der irre lang war, erklärtest du mir: „Dieser Bus heisst „el camello“ also das Kamel. Man munkelt man könne bis zu 250 Personen transportieren. Ich lächelte.

„Übrigens, ich heisse Canela, 39, bin Spanierin, ein Tollpatsch und lebe in der Schweiz.“ Er antwortete:“ Ich heisse Jakub, 29, bin Tscheche, bin die Notrufnummer 144 und wohne auch in der Schweiz.“ Und schnell flüsterte er mir noch ins Ohr: „Gib mir jetzt ja nicht die Hand! Sonst merkt der Taxifahrer, dass wir kein Paar sind! Er beobachtet uns die ganze Zeit, vor allem mich. Ich könnte ja ein Unhold sein.“ Er zwinkerte und grinste. Ich lachte schallend. Und die Stirne des Taxifahrers, die ich im Rückspiegel sah, entspannte sich. Wir fuhren an Che Quevara vorbei.

Plötzlich übermannte mich Unsicherheit und Angst. “Ich kenne dich nicht. Ich, ich…. ich weiss nicht, wieso du hier in meinem Taxi sitzt. Und eigentlich wollte ich alleine sein. Ich fühle mich krank.” “Ich weiss, ich spüre es. Lass mich dein Licht sein.”, war deine einfache Antwort und gabst mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Dein Duft erinnerte mich an “Nachhausekommen”.

old pics of Cuba taken in 2000 by canela long time ago
text as usual by canela

Zärtlichkeit eines Frühlingsregens

IMG_0438Es gibt für mich fast nichts Zärtlicheres als ein leichter Frühlingsregen im Wald. Die unschuldigen Liebkosungen auf meinem Gesicht eines jungen Frühlings, der noch nicht erwachsen ist.

Die Tropfen benetzen meine Lippen wie ein flüchtiger Kuss eines Liebhabers, der sich am Morgen verabschiedet. Behutsame Berührungen von Regentropfen, die meine Wimpern streifen und die Wolken schenken mir all die Tränen, die ich nicht weinen konnte. Wer nicht weinen kann, kann auch nichts sehen.

Obwohl ich den Kopfhörer trage und Dustin O’Hallorans Klavierspiel lausche, höre ich auch das Rieseln des Regens auf den Ästen und Knospen, die sich tanzend im Takt dazu bewegen. Der Wald, ein Ballsaal der aufkeimenden Hoffnung. Zartes Grün, das sich nichts sehnlicheres wünscht, als endlich spriesen zu dürfen.

Ein Mäusebussard stösst einen hohen Schrei aus und die Amsel schreckt zwitschernd auf als ich an ihr vorbeilaufe. Der Eisvogel hat mittlerweile eine Gefährtin gefunden. Und die nasse Pusteblume steht am Weg und hält die Stellung.

Früher wollte ich lieber in einen Baum fahren als ins Büro. Ich hätte diesen Frühlingsregen verpasst.

pic and text by canela

 

Die Schönheit des Nichts

IMG_0268Als ich mich früher einsam fühlte, versuchte ich alles, um dieses Gefühl loszuwerden. Ohne Erfolg.

Ich übte mich im Aushalten und blieb zuhause. Das machte mich unruhig, fahrig und missmutig. Doch das Nichts verschwand nicht. Dann wiederum war ich oft und lange mit Freundinnen bis zum Umfallen unterwegs. Oder neue Partnerschaften mussten herhalten. Und als ich viel verdiente, gab ich viel aus. Doch dieses bittere, leere Gefühl ging nicht weg.

Heute fühle ich mich selten einsam.

Einsamkeit verschwindet nicht, wenn man sich mit Arbeit zumüllt, sich betrinkt oder Drogen nimmt. Das Nichts geht nicht weg, wenn man in einer Beziehung ist.

Wenn diese Leere aufkommt, halte ich inne und frage mich: Bin ich wirklich einsam oder vergleiche ich mein Jetzt mit etwas das WAR oder SEIN KÖNNTE? Ich stelle fest, dass es nur mein Kopf ist, der mir meine Isolation vorgaukelt. Und wenn mein Kopf das denkt, entsteht das Gefühl dazu.  Ich erlebe, dass sich  Einsamkeit einstellt, wenn ich nicht akzeptiere, was gerade ist.

Einsamkeit und Leere gehören zum Leben . Seit ich dieses Gefühl nicht beiseite schiebe, mit irgendwelchem Mist fülle oder es verkrampft auzuhalten versuche, sondern in diesem Nichts das tue, was nur mich glücklich macht, sind dieses Nichts und ich beste Freundinnen. Einsamkeit ist meine Begleiterin im Wald, wenn ich mich setze und den Fluss betrachte.  Einsamkeit ist ein Gefühl, kein Zustand.

Alfredo le Mont meinte: “Einsamkeit ist eine Gefängniszelle, die sich nur von innen öffnen lässt.” In diesem kurzen Satz hat er alles gesagt und besser beschrieben als ich.

text and pic by canela

Ich bin für Menschen, die deine Bauchschmerzen heilen

Ich bin fürs Spuren hinterlassen, für behagliche Erinnerungen an sonnendurchfluteten Tagen. Für das respektvolle Beschreiten eines neuen Gefühlskontinentes, ohne dabei ein Chaos zu hinterlassen. Für Menschen, die sich ihrer bewusst sind und wissen, wo ihre und deine Grenzen liegen. Für diskussionsloses  Akzeptieren eines “Neins” und für wortloses Freuen über ein “Ja”.

Ich bin fürs Narben zufügen, weil Erwartungen nicht immer erfüllt werden, weil dir Enttäuschungen die Augen öffnen für andere Wirklichkeiten. Ich bin für das sich-in-eine-dunklen-Ecke-verziehen-wollen, wie ein verwundetes Tier, das sich die Wunden leckt. Ich bin für den Rückzug, für das Heilenlassen, weil Leben ohne Verletzungen nicht möglich ist.

Ich bin für regelmässige Ausschweifungen, trotz Leiden am nächsten Tag. Für das unschuldige Geniessen des Moments. Ich bin für das Augenrollen des Buschauffeurs, weil man das Schliessen der Bustüre verhindert, um einen Menschen hereinzulassen. Ich bin für die vorwurfsvollen und verständnislosen Blicke, während man in der Öffentlichkeit ausgelassen wie Kinder laut kichert .

Ich bin für Menschen, die deine Bauchschmerzen heilen. Ich bin fürs Loslassen, weil das Gefühl von Freisein Liebe erzeugt und weil Freiheit Verbundenheit schafft.

by canela

Wer weint schon wegen rosa Cirruswolken?

Seit Wochen walke ich meine Wut aus den Poren.  Jeden Tag! Statt sie zu schlucken, nutze ich ihre Energie als Antrieb.

Mein Gesicht ist dabei nicht verbissen wie die eines Joggers. Nicht konzentriert wie die eines Velofahrers. Meist lächle ich beim Gehen, glaube ich…Wenn ich durch den Wald ziehe, blicke ich nach vorne oder nach oben, selten auf den Boden.

Ich habe einen Eisvogel gesehen, sein Gefieder war leuchtend hellblau. Eichhörnchen beobachtet, die sich spielend verfolgen. Vogelgezwitscher gehört, immer in Dur und nie in Moll. Das Vogelhaus Nr. 216 scheint noch unbewohnt zu sein.

Ich betrachte den Fluss, dessen Farbe sich immer wieder verändert – Dunkelgrün bis helles Flaschengrün. Ich bestaune den Himmel mit seinen Wolkenkompositionen. Manchmal sind die Wolken abends so fluffig rosa, dass ich vor Ergriffenheit weine. Und dann bin ich froh, dass ich alleine bin. Wer weint schon wegen rosa Cirruswolken?!

Gestern am Abend prangte die Sonne wie ein riesiger orangefarbener Ball am Himmel. Ich fotografierte sie, doch es gelang mir nicht, dieses Gefühl von Staunen und Schönheit im Bild festzuhalten. Die Sonne sieht auf dem Bild wie ein gelbes Smarties aus, kein Vergleich zu der grossen Feuerkugel am Firmament. Ich werde mich mit der Erinnerung begnügen müssen.

Vielleicht ist Weinen der Anfang von Trauer, wenn die Wut verblasst ist.

text and pics by canela

Kellerkinder

Kellerkinder sind unterdrückte Gefühle. Es sind schwierige Kinder, die du in den Keller gejagt und eingesperrt hast. Der Schlüssel zur Kellertüre hast du das Klo hinuntergespült. Sicher ist sicher. Danach hast du dir es im Wohnzimmer gemütlich gemacht und hattest deine Ruhe. Man kann so leben.

Aber glaub mir, es spielt keine Rolle, wie lange du diese unbequemen Kinder gefangen halten wirst. Irgendwann brechen sie das Schloss auf und sie stürmen wütend, laut brüllend in dein sauberes Wohnzimmer.

Beachtest du sie nicht, ist es aus mit deiner vermeintlichen Ruhe. Dein Wein, der dich so lange eingelullt hatte, schmeissen sie auf deinen kostbaren Teppich. Dein Buch, mit all den platten Weisheiten zerreissen sie in der Luft. Dein Fernseher, der dich mit sinnlosen Sendungen betäubte, wird aus dem Fenster geschossen.

Schenkst du den Kellerkindern weiterhin keine Aufmerksamkeit, werden sie dein ach so stabiles Haus Stein für Stein auseinander nehmen.  Bis nur noch der Keller steht. Der Ort, den du am meisten gemieden hast.

Kellerkinder sind wie alle Kinder, sie brauchen Aufmerksamkeit. Nur dass sie unbequemer und so fordernd sind, dass man glaubt, an ihnen zerbrechen zu müssen.  Sie sind furchterregende kleine Monster. Darum hast du sie ja auch in deinen Keller gesperrt.

Kinder spielen gerne, Kellerkinder auch. Und jetzt, wo sie dein Haus zerstört haben, bringen sie dich zum nächsten Baum. Dort wirst du von ihnen an den Stamm gefesselt . Wie kleine Indianer tanzen sie wütend um dich herum. Bis sie sich beruhigt haben und sich vor dich hinsetzen. Du siehst kleine schmutzige Gesichter, mit schwarzen, trostlosen Augen.

Jetzt musst du zuhören, du alter Feigling!

text by canela
music by nils frahm