Wo ist dein Herz nur hin?

Während ich mich bewusst entschieden habe, meine Verwundbarkeit und Unzulänglichkeiten zu zeigen, hast du beschlossen, noch sarkastischer zu werden. Möglicherweise wirst du behaupten, das Leben habe dich so gemacht, dass du nicht anders könnest und es sowieso nicht besser werde. Nirgends! Weder in dir noch auf der Welt.

Du gibst nicht mehr so viel von dir Preis wie früher. Ich könnte es ja gegen dich verwenden. Woher diese Angst? Dein Motto ist Kontrolle behalten und darin erstarren. Dafür springst du auf jeden Satz, den ich preisgebe und verspottest mich, weil du meine Worte dumm findest. Ich und meine Naivität entlocken dir ein müdes, arrogantes Lächeln. Dass ich dich genau beobachte, wie du auf meine losgelassenen Worte reagierst, merkst du nicht. Unsere Verbindung ist gekappt.

Ich fand dich toll, ich habe dein Licht gesehen. Dein brillanter Verstand, dein ständiges Hinterfragen, dein vieles gescheites Reden, hat mich immer wieder erstaunt. Doch ich spürte auch immer dein Herz. Wo ist es nur hin? Jetzt wirkst du besserwisserisch, hart und wenn man genau hinfühlt wahnsinnig traurig. Als wärst du vom Alltag zerfressen, verdaut und dann ausgekotzt worden. Deine teuren Schuhe, die dir ausgezeichnet stehen, machen deinen Sarkasmus nicht wett. Glaub mir.

Während ich auf dem Bild zwei sich umarmende Bäume sehe, siehst du nur den Nebel und die vermeintliche Trostlosigkeit.

Somit entlasse ich dich in deine Welt, die abgebrüht und abgestumpft ist. Erträglich mit Alkohol und Drogen. Die du nur mit betrunkenen Frauen im deinem Bett aushältst. Ja nicht hinschauen, dort, wo es weh tut. Denn hinter dem Schmerz, da ist dein Ich. Dein Ich, das verletzlich und klein ist. Wie wohl alle unsere Ichs.

Und dann schaue ich dich an, wie du grosse Worte von dir gibst, aber nichts sagst. Und ich frage mich: Wo ist nur dein Herz hin?

by canela

 

 

 

Nichts weltbewegendes entdeckt.

Man soll eine neue Erde entdeckt haben. Kepler-452b heisst diese Welt.

Vermutlich ist es unspektakulär für die Planeten Erde und Kepler-452b, doch auch ich habe Neues entdeckt. Dass …

  • ich gerne alleine, aber nicht einsam bin. Sehr oft.
  • mein Körper sich wie ein alter, knorriger Baum anfühlt, wenn ich mich nicht bewege. Immer wie mehr.
  • ich während einer Reaktion merke, dass ich in einem Muster stecke, mich aber nicht mehr dafür verurteile. Früher dachte ich, ich sei meine Reaktion. Jetzt nicht mehr.
  • jeder Arsch, der mich aufregt, das versteckte Arschloch in mir zum Klingen bringt. Oft.
  • mein Mantra “Ich liebe mich, so wie ich bin. Ich finde mich schön, so wie ich bin. Ich gebe mir Sorge.” Früchte zum Tragen bringt. Immer wie mehr.
  • ich gütiger zu anderen Menschen und vor allem zu mir geworden bin. Immer wie mehr.
  • wenn Wunden und der Schmerz aufbrechen, Blut und Tränen fliessen. Und dass dies eine ungeahnte Lebendigkeit zum Vorschein bringt. Immer.
  • ich Sehnsucht habe, nach tiefer Verbundenheit habe und mich auf den Menschen freue, der mich wirklich sieht. Nur noch so.
  • ich alle Fotos mit Filter für mich verschönere, sogar mich selber. Nach dem Motto: “Ich mach mir die Welt, so wie sie mir gefällt.” Immer.

text and pic by canela

 

24.12.2015

Ich sitze auf einem grossen Stein am Fluss und beobachte, wie sich der Himmel verändert. Mein Hintern fühlt sich kalt an.

Ein Specht klopft fleissig an einen Baumstamm. Ich schaue in die Wipfel der Bäume, doch ich sehe ihn nicht. Beim Wegfliegen der Enten höre ich das Singen ihrer Flügel.

Ein Hund bellt, rennt, freut sich aufs Stöckchen.

Ein Paar spaziert Hand in Hand an mir vorbei. Ich wünsche ihnen frohe Festtage, lächle sie an und ihre starren Gesichter schauen mich erstaunt an.

Wir sollten alle Weihnachten haben. So wie der Hund oder wie der Specht. Oder wie die Enten. Immer.

pic & text by canela

 

Nebel

Meine Freundin in Kopenhagen sagt immer: “Nebel rückwärts buchstabiert heisst Leben.” Sie hat recht.

Ich mochte früher Nebel nicht. Keine Sonne, der ganze Tag grau; ich wollte Licht, Farben und klare Sicht.

Seit ich oft im Wald bin, hat sich mein Verhältnis zum Nebel verändert. Dank Achtsamkeit habe ich die behutsame Zärtlichkeit des Nebels entdeckt. Die Stille, die dem Nebel innewohnt. Dieses liebevolle Umhüllen, das sich wie ein Flüstern um alles legt, bis alles verstummt. Die Schönheit des Nichtwissen und Nichterkennen.

Ist das wirklich ein Baum, den ich sehe? Wo ist das kleine Häuschen am Rande der Strasse geblieben? Dinge erahnen, das Gewohnte mit anderen Augen sehen.

Dann staune ich, immer wieder, wie plötzlich alles aus dem Nebel hervortritt und freue mich. Wann hast du das letzte Mal gestaunt und dich wie ein Kind darüber gefreut?

text and pics by canela

Wir alle stehen in Verbindung

“Wir alle stehen in Verbindung miteinander, nicht nur sozial und auf körperlicher Ebene, sondern auch über den Strom unserer Gedanken und Emotionen, die einander durchdringen …. Verantwortungsgefühl, Verständnis, Mitgefühl, Liebe, Nicht-Verletzen – das sind die wahren Glieder der Kette, die uns verbindet, und sie müssen in unseren Herzen geschmiedet werden.”
Roberto Assagioli

Wo finde ich dich?

Als er mich fragte, wieso ich spirituell geworden sei, antwortete ich: “Verzweiflung! Es war pure Verzweiflung.” Er senkte den Blick und wirkte betroffen. Ich weiss nicht, welche Antwort er erwartet hatte. Er hob den Blick und wirkte unsicher. “Was hast du gefunden?”, fragte er.
Und ich erwiderte: “Ich habe wenige Antworten und viele Fragen gefunden.”

Am Freitag, 13. November 2015, war ich am Morgen im Dom von Sankt Blasien im Schwarzwald. Von aussen wirkt dieses Gottesgebäude unauffällig. Innen ist der Dom fast weiss und unheimlich schön. Als befände man sich im Himmel.

Ein älterer Herr mit himmelblauen Augen war unser Begleiter. Seine charismatische, humorvolle aber auch kritische Ausführung, wie der Dom entstanden ist, begeisterte mich. Ich spürte seinen Glauben an den christlichen Gott. Es war dieser offene und nicht eingrenzende Glaube. Dieses Vertrauen, das jedem Menschen seinen gebührenden Platz gibt.

Seine Rede beendete er: “Gott ist nicht Rächer und Bestrafer. Wir müssen uns nicht vor Gott fürchten!”

“Gott ist Licht!”

Der letzte Satz traf mich mitten ins Herz.

Abends erfuhr ich von Paris. Und ich fragte mich: “Falls es dich gibt, so wie es in den Religionen beschrieben ist, wo finde ich dich?”

text canela
music dustin tebbutt

Marilyn Manson in Zürich

Während ich auf Zehenspitzen versuche, einen Blick auf Marilyn Manson zu ergattern, röhrt er ins Mikrofon mit geballter Kraft. Marilyn du bist geil!

Die Schlagzeuganlage ist fast zu gross für die Bühne im Xtra und es wummert so stark, dass mein Mineralwasser im Becher fröhlich mithüpft. Marilyns Bauch ist auch fast zu gross für seine Weste. Genau so wie mein T-Shirt – mit der Aufschrift “Fuck the Queen” – meinen Bauchspeck betont. High Five, Marilyn! Scheiss auf den Bauch, gell?

Marilyn performt ausdrucksvoll zwischen einem Blitzgewitter an Lichtern. Manchmal kreischt er seinen Song und das Publikum wirkt wie ein vom Sturmwind aufgepeitschtes Meer. Und ich mittendrin. Gott sei Dank halten einige Ihre Handys nach oben, so dass ich sehe, was auf der Bühne passiert.

Meine Freundin K. habe ich in der Zwischenzeit in der Menge verloren. Auch mein Sohn und sein Vater sind verschwunden.

Das Publikum ist mehrheitlich schwarz gekleidet. Vor mir jedoch steht ein regenbogenfarbenes Hippiepärchen. Beide tragen die gleiche Frisur: Rastas. Kaum geht Marilyn zu einem neuen Song über – er lässt sich zwischen den Songs jeweils ca. 2-4 Minuten Zeit im Dunkeln (?!) “nume ned z’gschprängt gälltetsi, Herr Manson” – rastet dieses Paar tanzend aus. Hüpfende Hochlandrinder, pogende Goaner! Während sie mir ihre Rastas wie kleine Peitschenhiebe ins Gesicht schlagen, kriege ich eine Hitzewallung. Verdammt! Meine Haare kleben an meinem Nacken, mein Gesicht überzieht ein feiner Schweissfilm und als Krönung ihre verfilzten Würste an meinem Gesicht. Ich flüchte.

Ich kämpfe mich durch Korsetts, Piercings, Tattoos, blaue Augenlinsen und filmende Handys. Schliesslich lande ich neben einem schwarz gekleideten blonden Elb aus “The Hobbit”. Ich vermute, dass sich unter der Schminke und der blonden Perücke auch ein älteres Semester befindet. Unsere Köpfe nicken gemeinsam zum Takt. Sonst bewegen wir uns kaum. Er wohl wegen der Schminke, ich wegen den Hitzewallungen.

Marilyn, du bist grossartig! Es war ein geiles Konzert! Du geiler alter Sack! :-)

text by canela

Vom schönsten Plätzchen der Welt

Neulich fragte mich jemand, ob er mich besuchen dürfe, damit er meinen Wald fotografieren könne. Ich müsse ihm nicht die schönsten Plätzchen zeigen, meinte er. Ich antwortete darauf hin, dass es mich freuen würde, wenn er meinen Wald sehen wolle. Aber ich hätte keine Lieblingsplätze. Ich weiss nicht, ob er mich verstanden hatte.

Der schönste Ort der Welt für mich ist der Moment, in dem sich mein Blick und meine anderen Sinne in einer harmonischen Einheit befinden. Diese Ganzheit löst bei mir Glücksgefühle und Verbundenheit aus. Und genau dann befinde ich mich am schönsten Platz überhaupt.

Kürzlich war ein Blatt das schönste Plätzchen, das ich je gesehen hatte. Während dem Walken erblickte ich im Laub ein Blatt, in dem ein Baum eine Nachricht hinterlassen hatte. Er hatte sich selber auf das Blatt gemalt. Als wäre es ein Abschiedsbrief an sein Laubkleid. Das Erkennen des Baumabbildes in einem seiner Blätter, verwandelte dieses Pflanzenteilchen für mich – für einen Augenblick – in den schönsten Ort der Welt.

text and pics by canela