Ich bin für Menschen, die deine Bauchschmerzen heilen

Ich bin fürs Spuren hinterlassen, für behagliche Erinnerungen an sonnendurchfluteten Tagen. Für das respektvolle Beschreiten eines neuen Gefühlskontinentes, ohne dabei ein Chaos zu hinterlassen. Für Menschen, die sich ihrer bewusst sind und wissen, wo ihre und deine Grenzen liegen. Für diskussionsloses  Akzeptieren eines “Neins” und für wortloses Freuen über ein “Ja”.

Ich bin fürs Narben zufügen, weil Erwartungen nicht immer erfüllt werden, weil dir Enttäuschungen die Augen öffnen für andere Wirklichkeiten. Ich bin für das sich-in-eine-dunklen-Ecke-verziehen-wollen, wie ein verwundetes Tier, das sich die Wunden leckt. Ich bin für den Rückzug, für das Heilenlassen, weil Leben ohne Verletzungen nicht möglich ist.

Ich bin für regelmässige Ausschweifungen, trotz Leiden am nächsten Tag. Für das unschuldige Geniessen des Moments. Ich bin für das Augenrollen des Buschauffeurs, weil man das Schliessen der Bustüre verhindert, um einen Menschen hereinzulassen. Ich bin für die vorwurfsvollen und verständnislosen Blicke, während man in der Öffentlichkeit ausgelassen wie Kinder laut kichert .

Ich bin für Menschen, die deine Bauchschmerzen heilen. Ich bin fürs Loslassen, weil das Gefühl von Freisein Liebe erzeugt und weil Freiheit Verbundenheit schafft.

by canela

Wer weint schon wegen rosa Cirruswolken?

Seit Wochen walke ich meine Wut aus den Poren.  Jeden Tag! Statt sie zu schlucken, nutze ich ihre Energie als Antrieb.

Mein Gesicht ist dabei nicht verbissen wie die eines Joggers. Nicht konzentriert wie die eines Velofahrers. Meist lächle ich beim Gehen, glaube ich…Wenn ich durch den Wald ziehe, blicke ich nach vorne oder nach oben, selten auf den Boden.

Ich habe einen Eisvogel gesehen, sein Gefieder war leuchtend hellblau. Eichhörnchen beobachtet, die sich spielend verfolgen. Vogelgezwitscher gehört, immer in Dur und nie in Moll. Das Vogelhaus Nr. 216 scheint noch unbewohnt zu sein.

Ich betrachte den Fluss, dessen Farbe sich immer wieder verändert – Dunkelgrün bis helles Flaschengrün. Ich bestaune den Himmel mit seinen Wolkenkompositionen. Manchmal sind die Wolken abends so fluffig rosa, dass ich vor Ergriffenheit weine. Und dann bin ich froh, dass ich alleine bin. Wer weint schon wegen rosa Cirruswolken?!

Gestern am Abend prangte die Sonne wie ein riesiger orangefarbener Ball am Himmel. Ich fotografierte sie, doch es gelang mir nicht, dieses Gefühl von Staunen und Schönheit im Bild festzuhalten. Die Sonne sieht auf dem Bild wie ein gelbes Smarties aus, kein Vergleich zu der grossen Feuerkugel am Firmament. Ich werde mich mit der Erinnerung begnügen müssen.

Vielleicht ist Weinen der Anfang von Trauer, wenn die Wut verblasst ist.

text and pics by canela

Kellerkinder

Kellerkinder sind unterdrückte Gefühle. Es sind schwierige Kinder, die du in den Keller gejagt und eingesperrt hast. Der Schlüssel zur Kellertüre hast du das Klo hinuntergespült. Sicher ist sicher. Danach hast du dir es im Wohnzimmer gemütlich gemacht und hattest deine Ruhe. Man kann so leben.

Aber glaub mir, es spielt keine Rolle, wie lange du diese unbequemen Kinder gefangen halten wirst. Irgendwann brechen sie das Schloss auf und sie stürmen wütend, laut brüllend in dein sauberes Wohnzimmer.

Beachtest du sie nicht, ist es aus mit deiner vermeintlichen Ruhe. Dein Wein, der dich so lange eingelullt hatte, schmeissen sie auf deinen kostbaren Teppich. Dein Buch, mit all den platten Weisheiten zerreissen sie in der Luft. Dein Fernseher, der dich mit sinnlosen Sendungen betäubte, wird aus dem Fenster geschossen.

Schenkst du den Kellerkindern weiterhin keine Aufmerksamkeit, werden sie dein ach so stabiles Haus Stein für Stein auseinander nehmen.  Bis nur noch der Keller steht. Der Ort, den du am meisten gemieden hast.

Kellerkinder sind wie alle Kinder, sie brauchen Aufmerksamkeit. Nur dass sie unbequemer und so fordernd sind, dass man glaubt, an ihnen zerbrechen zu müssen.  Sie sind furchterregende kleine Monster. Darum hast du sie ja auch in deinen Keller gesperrt.

Kinder spielen gerne, Kellerkinder auch. Und jetzt, wo sie dein Haus zerstört haben, bringen sie dich zum nächsten Baum. Dort wirst du von ihnen an den Stamm gefesselt . Wie kleine Indianer tanzen sie wütend um dich herum. Bis sie sich beruhigt haben und sich vor dich hinsetzen. Du siehst kleine schmutzige Gesichter, mit schwarzen, trostlosen Augen.

Jetzt musst du zuhören, du alter Feigling!

text by canela
music by nils frahm

Reminiszenz

Ganz tief habe ich Trauer, Wut, Ohnmacht, Verzweiflung und Todesangst wie dreckige Kleider zusammengeknüllt und tief in meinem Rucksack gestossen.

Obwohl sich der Rucksack schon schwer anfühlte, habe ich ihn zusätzlich mit unausgesprochenen Sätzen bepackt. Das war nicht leicht! Sie wehrten sich. Sie wollten ausgesprochen werden. Doch ich schlug sie mundtot mit meiner Faust und drückte sie in den Rucksack. Er war so prall und der Inhalt so zappelig, dass ich ihn fast nicht zu schnüren konnte. Dann habe ich ihn auf meinen Rücken gehievt und bin meines Weges  gegangen. Und gut war’s!

Auf einem neuen Weg zu marschieren mit einer schweren Last ist nicht einfach, aber machbar. Ständig drohte ich nach hinten zu kippen, umzufallen wie ein hilfloser Käfer, der auf dem Rücken liegt und mit seinen Beinchen zappelt.

Mit der Zeit habe ich mich an meine Bürde gewöhnt, sie wurde ein Teil von mir. Ich hatte den Rucksack so verschlossen, dass wirklich nichts aus ihm entfliehen konnte. Doch diese Last machte mich immer wie müder.

Eines Tages schlich sich ein Anklang an eine Erinnerung – eine Reminiszenz – mit einem Lied in meine Ohren. Die Schnur hatte sich aufgrund der Melodie gelöst und eine Flut an Tränen überraschte mich. Die verstummten Sätze purzelten aus meinem Rucksack. Ich legte ihn schnell ab, wollte die Sätze einfangen. Hektisch rannte ich ihnen nach. Hatte ich einen Buchstaben gepackt, befreite sich wieder ein anderer. Eine Weile lang sprang ich erfolglos hin und her, bis ich mich ergab. Resigniert stellte ich fest, dass ich diesen Schwall an verstummten Sätzen nicht mehr aufhalten konnte.

Die Sätze rissen ihre Freunde aus dem dunklen Inneren des Rucksacks heraus: Jeder einzelne Satz, jedes Wort, jeder Buchstabe, ja, sogar jede einzelne Interpunktion stieben davon. Bis sich alle, bis auf den letzten Satz, um mich versammelten und mich anstarrten. Dann kam die Trauer hervorgekrochen.

Nichts ist trauriger als ungesagte Worte. Nichts ist belastender, als die eigene Wahrheit nicht zu leben. Nichts ist schmerzvoller, als verwahrlosten Gefühlen ins Gesicht zu schauen.

text by canela
music by olafur arnalds

Sechs der Kelche

IMG_3504Weisst du noch, als ich dir das erste Mal meine Tarotkarten gezeigt habe? Ich hatte sie zufällig in meiner Schachtel der Erinnerungen gefunden. Obwohl du ein Mann der Wissenschaft bist, warst du sofort Feuer und Flamme für die Karten und ihre Bedeutungen.

Deine Faszination für diese Karten wuchs schnell, so dass du dir bald selber welche kauftest. Als ich die neuen Tarotkarten bei dir zuhause sah, fragte ich dich erstaunt: “Was? Du hast dir selber welche gekauft?” Du nicktest lächelnd. Was ich dir damals nicht erklärt habe, ist dass man sich die Karten nicht selber kaufen soll, weil sie scheinbar so keine Kraft hätten, ihre Symbolik zu erfüllen. Die Tarotkarten muss man als Geschenk von einer Person erhalten, die einen mag. Nur dann geht ein möglicher Wunsch in Erfüllung.

Ach … Jedes Mal, wenn ich bei dir zuhause war, hast du dir morgens eine Tageskarte gelegt. Ich belächelte deine kleine Sucht, einen Blick in die Zukunft erhaschen zu wollen. Ich fand es lustig, dass du glaubtest, die Tarotkarten könnten gar einen Traum real werden lassen.

Erinnerst du dich an diesen Abend, als du für mich gekocht hast? Wir tranken Wein bei Kerzenschimmer, hörten Musik und du holtest deine Karten hervor. Wir beide wussten, dass man den Verlauf einer Beziehungen nicht aus den Karten lesen kann. Und trotzdem wollten wir erfahren, wie unsere Beziehung in Zukunft sein könnte. Ich weiss nicht mehr, welche Tarotkarten wir zogen, aber sie prophezeiten uns eine kreative, sinnreiche, gemeinsame Zukunft. Wie eingangs erwähnt, du bist ein Mann der Wissenschaft, aber deine Augen leuchteten hoffnungsvoll, wie die eines kleinen Kindes.

Vor ein paar Tagen kam dein Anruf.

Gestern beim Aufräumen fand ich überrascht die letzte Tarotkarte, die du bei mir zuhause gezogen hattest.  Ich lächelte bitter, steckte die Karte zurück in den Stapel und verstaute sie in meiner Schachtel der Erinnerungen. Dein Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Weisst du wieso? Meine Tarotkarten habe ich geschenkt bekommen.

Sechs der Kelche – Genuss: Geniesse dich und dein Leben, vor allem auch deine Gefühle, deine Erotik und Sexualität. Heile dich selber und andere im Austausch von Sinnlichkeit, Lust und Zärtlichkeit.

by canela

Canal Sur und ihr Silvesterpatzer

An Silvester essen die meisten Spanier zuhause mit ihrer Familie. Danach geht man entweder auf einen Platz, wo man die Glockenschläge hört oder man schaut im Fernsehen die Übertragung.

In Spanien isst man an Silvester 12 Trauben. Also zu jedem Glockenschlag wird eine Traube in den Mund gesteckt und gegessen (wenn möglich nicht zu grosse, man will ja nicht an Silvester über den Jordan treten). Erst dann wird angestossen. Eine Tradition, die ich liebe. Vor allem, weil sie mich an Familie erinnert.

Keine Glockenschläge in Bern (Yolo)
Ich habe dieses Silvester mit meinem Freund in Bern verbracht. Vor Mitternacht befanden wir aus auf dem Münsterplatz mit vielen anderen Menschen. Näher an einem Glockenturm, um die Glockenschläge zu hören, kann man nicht sein, könnte man meinen. (O.k man könnte noch auf den Glockenturm steigen. Aber mit Tinitus ins neue Jahr zu gehen, erscheint mir nicht besonders prickelnd.) Leider haben wir keinen einzigen Glockenschlag gehört, vor lauter Knallkörper und Glockengebimbel. Also schrie ich laut 12 Mal “Dong!” und wir steckten uns nach jedem “Dong” eine Traube in den Mund. In der Not stellt sich der Teufel halt Glockenschläge vor.

KEINE Glockenschläge im andalusischen Fernsehen(OMG)
Canal Sur, das andalusische Fernsehen, hat dieses Jahr einen Kapitalvergehen begangen. Sie haben tatsächlich bei den “Campanadas” (Glockenschläge) Werbung geschaltet?!! Tausende Andalusier, die vor dem Fernseher sassen, haben ein Ritual verpasst, dass ihnen Glück und Prosperität versprechen soll.

Hier habe ich ein Video gefunden, bei dem sich eine andalusische Familie an Silvester gefilmt hatte.  Bei Minute 1:30 sieht man die verblüfften Gesichter. Ganz andalusisch wird nach den verpassten “Campanadas” Canal Sur verflucht . “El Canal Sur es una mierda!” (was ich ja nicht zu übersetzen brauche :-D )

Silvester Andalusien

Hier das ganze Video (falls jemand spanisch versteht oder eher den andalusischen Dialekt). https://www.youtube.com/watch?v=gGkbkuE1LE4

Wenn ich ehrlich bin, ICH möchte kein Mitarbeiter bei Canal Sur sein im 2015. Ich kann mir vorstellen, dass Voodoo-Praktiken und die Zahl an verkauften Stoffpuppen massiv steigen werden. Und das bei den katholischen Andalusiern.

Mit oder ohne Trauben: Gutes neues Jahr!

text by canela

Vorsätze, geht doch eine Runde schwimmen!

Liebe Vorsätze, leckt mich am Arsch! Ihr seid nicht wie die Nebensätze, die einen Hauptsatz ergänzen noch seid ihr Schachtelsätze, die man getrost weglassen kann.

Ihr drängelt euch vor und stellt Bedingungen, die zu erfüllen seien. Zumindest glaubt ihr das. Und dann macht ihr euch aus dem Staub und hinterlässt eine Bürde auf meinen Schultern, die ich das ganze Jahr mit mir herumtrage. Echt, euer imperatives Wesen macht euch so unsympathisch!

Meist beginnt ihr mit “Ich sollte…” oder gar mit “Ich werde..”. Bei dem Verb “sollen” erkenne ich euch sofort! Da haut ihr mich nicht mehr übers Ohr. Aber wenn ihr mit dem Verb “werden” kommt, tut ihr so, als wäret ihr meine Absicht, das Verlangte in der Zukunft zu erfüllen.

Vorsätze, geht eine Runde schwimmen! Lasst euch vom Wasser aufweichen und jeden einzelnen Buchstaben verlieren. Bis nur noch das Wort “Ich” bleibt. Denn ICH bestimme, was ich tun möchte.

by canela

13.12.14 Chilbi

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Es gibt Momente, die drehen sich wie auf einem Karussell. Man sitzt auf einem Pferdchen oder in einer Kutsche und man sieht immer wieder die gleichen Menschen, die einem freundlich zu winken.

Dann gibt es Augenblicke, die man wie Achterbahn fahren erlebt. Jedes Mal, wenn man denkt, das Schlimmste sei vorbei, fährt man plötzlich 90 °Kopf über in die nächste Kurve. Dass man nicht aus dem Wagen gespickt wird, grenzt an pures Glück.

Oder es gibt Situationen, die das reinste Auto-Scooter-Feeling sind. Man wird von jeder Seite gerammt. Fratzen, die grinsen und die kurzen Sekunden Schadenfreude geniessen.

2014 war ein Mix von allem. Doch nicht nur.

Ich habe meine Zunge in Zuckerwatte gesteckt und in einen Apfel umhüllt mit Schokolade hineingebissen. Ich habe gebrannte Mandeln gegessen, die du mir gekauft hast. Was habe ich lauthals gelacht im Spiegelkabinett als du sagtest: “Du bist schön.” Ich sah aus wie ein Hobbit mit Basedow-Augen, der sich von der Streckbank befreit hatte.

Mit dir macht Chilbi Spass. Gib mir deine Hand und lass mich nicht mehr los.

text and pic by canela