50 is not the end

Ich sitze im Zug. Ein junger, hübscher Mann tritt ins Zugabteil und fragt: “Ist hier noch frei?” Ich nicke. Kaum sitzt er mir gegenüber, ziehe ich meinen Bauch ein. Gott sei Dank dauert die Fahrt nur 29 Minuten.

Ich bin vermutlich doppelt so alt wie er. Und trotzdem verirrt sich mein Blick in seinen Bart aus dem ein paar blonde Haare glänzen, wie Goldfäden. Ich mag Bärte. Ich mag das Knistern, wenn ich mit den Fingern darüber fahre. Ich geniesse es, ihn heimlich zu beobachten. Seine weichen Gesichtszüge und seine vollen Lippen. Er schreibt seine Nachrichten mit den Daumen. Ein Kind aus der Daumengeneration.

Heute bin ich 50. Ich weiss gar nicht, wie man sich dabei fühlen soll. 50 soll das neue 40 sein, habe ich gelesen. Was heisst das überhaupt? Ich kann mir nichts darunter vorstellen.

Mein Leben zusammengefasst:

Mit 20 besass ich eine Matura und wollte die Welt verändern. Um die 30 hatte ich einen Autounfall und mir wurde bewusst, dass das Leben endlich ist. Meine erste Ehe kam und ging. Ich habe in Las Vegas geheiratet, mit Stretch-Limousine. Immerhin. Mit 40 wusste ich, dass ich Krebs besiegen und zwei Fehlgeburten überleben kann, ohne daran zu zerbrechen. Ich habe einen gesunden Sohn auf die Welt gebracht, trotz all den Unkenrufen der Ärzte. Auch die zweite Ehe kam und ging.

Nun besuche ich eine Weiterbildung. Ich will später vor Menschen sitzen nicht vor dem Computer. Ob ich das wirklich tun werde, weiss ich nicht. Doch dieses Lernen, das Erfahren, macht mich glücklich. Canela, was willst du werden, wenn du gross bist? Glücklich!

Ich liebe elektronische Musik, zum Beispiel die Mixes, die mein Bruder zaubert. Ich liebe Jazz aus Skandinavien, ich mag Stoner Rock und Männer mit Bart, die Singer Songwriter sind.

Ich liebe meinen Sohn. Ich liebe die Natur, kitschige Sonnenuntergänge und Regenbogen. Ich liebe meine Freundinnen und Freunde. Ich liebe meine Familie.

Ich feiere immer noch ab und zu bis in die Morgenstunden. Ich bin eine Prinzessin und will Königin werden. Ich leide, wenn ich sehe, was gerade in der Welt geschieht. Ich werde wahnsinnig wütend, wenn man meine Grenzen nicht respektiert. Ich weine wegen der Schönheit von Wolken, Bäumen und von Momenten. Ich lache über krude Witze und über mich. Ich falle hin und stehe wieder auf.

Nichts ist mit 50 vorbei. Mit 50 bleibt man nicht stehen, wenn man noch die Welt entdecken will. 50 ist nicht das Ende, definitiv nicht.

text and pic by canela

 

 

 

 

Ein feines Süppchen – Chancha via Circuito, Argentinien

Als Kind wurde ich meist mit Flamenco oder südamerikanischem Sound beschallt. Ersteres mag ich immer noch. Beim Zweiten wurde ich nie so warm damit. Was mich absolut nicht kalt lässt ist, wenn man mir ein leckeres Süppchen aus verschiedenen Zutaten köchelt, die Anteile von originaler Latino-Musik enthalten.

Chancha via Circuito aus Argentinien ist so ein Meisterkoch. Er nimmt frischen Sound (mit Blätter und Stiel) aus den Anden, mischt Cumbia (fein gemahlen) dazu, lässt Indios (original und biologisch) singen oder er spielt selber Flöte (von Hand zubereitet). Das alles mischt er gekonnt und lässt es ein paar Stunden köcheln, bis sich der feine Notenduft im ganzen Raum verbreitet.

Dieses Lied lässt mich seit einigen Tagen jeden Morgen tanzen. Der schleppende Beat entspricht genau meinem Morgenrhythmus und lässt meine Hüfte schwingen.

text and pic by canela
music chancha via circuito

 

Von Beobachten, Meditation und Katzen

Ich beobachte oft Details, Kleinigkeiten. Nicht bewusst und nicht mit Absicht. Menschen mit schiefem Lächeln oder mit einem warmen, offenen Blick. Menschen mit verhärteten Gesichtszügen, deren Körpersprache nicht mit dem Wort aus ihrem Mund übereinstimmt. Runde Sommersprossen, die zu eckigen Altersflecken werden.

Wer meditiert, kennt den Begriff des Beobachters. Man solle die Gedanken beobachten wie Wolken, die am Himmel vorbei schweben. Innehalten. Ich habe lange nicht verstanden was damit gemeint ist.  Sklavin meiner Gedanken, diese Hirnfickorgie aus Angst, Vorurteilen, Mustern aus der Kindheit, Glaubenssätzen und Feigheit. Mittlerweile habe ich ein vages Gefühl für die Beobachterin bekommen.

Für mich sind Katzen ein Sinnbild fürs Beobachten. Sie sitzen auf dem Fenstersims und blicken gelassen auf das Treiben auf der Strasse. Sie nehmen auf dem Tisch Platz und schauen dir zu, wie du deinen Kaffee trinkst.  Sie verfolgen dich vom Fenster aus, wie du lachst und sprichst.

Ich mag Katzen.

text and pic by canela

August, du bist so hübsch

Du bist dieses Jahr besonders hübsch und abwechslungsreich, mein lieber August. Morgens manchmal mit Nebelschwaden in den schläfrigen Augen und dann drehst du auf. Volle Pulle Hitze!

Meist streife ich durch den Wald oder an blühenden Gärten vorbei. Ich bin euphorisch, auf Blumenrausch. Torkelnd zwischen Begeisterung und Bewunderung für all die Meisterwerke, welche die Natur erschaffen hat. August, ich erlebe dich mit jeder Faser meines Körpers!

August, ich liebe dich. Sehr sogar!

text and pics by canela

Ein bisschen über Kwabs

Wer mich kennt weiss, dass ich viele Musikgenres mag und dafür offen bin. Und nein “alles-was-im-Radio-kommt” ist kein Genre!

Vor ca. 2 Jahren hörte ich einen Song von SOHN in dem Kwabs sang. Die Kraft und Intensität dieser starken, göttlichen, ergreifenden Stimme durchflutete mich wie flüssiges Gold. Mein Herz stand ganz kurz still. Als es wieder pochte, wurde mir warm im Bauch und ein Schauer durchfuhr meinen Körper. Für einen kurzen Moment glaubte ich sogar an Gott. An einen Gott der Liebe, der sich durch die Stimme von Kwabs manifestiert.

Heute ist Kwabs auch in unseren Breitengraden berühmt. Mit Liedern, die mir eine Spur zu “lieb-Kind-mit-allen” sind.

Trotzdem, seine Stimme ist die warme Kuhle, die dein Liebster unter der Bettdecke hinterlässt und in der du dich hinein kuschelst, um in seinem Duft zu liegen. Die Stimme von Kwabs, ist das T-Shirt deines Liebsten, das du mit aufs Sofa nimmst, wenn du dich einsam fühlst. Sie ist die Schwere einer nie sterbenden Melancholie oder nicht erfüllten Liebe.

Mein erstes Mal Kwabs

Mein zweites Mal Kwabs

text canela
music Kwabs

 

 

 

 

 

 

Ich stelle mir vor

Manchmal, wenn ich im Zug sitze, male ich mir Geschichten aus. Ich stelle mir vor, du sässest mir gegenüber. Beide vertieft in einem Buch und glücklich, nicht reden zu müssen.

Du weisst, dass ich ab einer bestimmten Strecke nicht mehr lese, weil ich meinen Blick durch das Fenster schweifen lasse, um über den Wald und die Wiesen zu fliegen. Ich spüre den sanften Wind, während ich durch die Baumkronen schwebe. Die vom Tau nassen Blätter streifen mein Gesicht, und es riecht nach Birken,Tannen, Erde und Fluss. Dann gleite ich tief hinunter zu den Wiesen. Es duftet nach Blumen und die Halme streicheln mein Gesicht.

Du beobachtest mich, erkennst an meinem reisenden Blick, wie ich diesen Moment geniesse. Du weisst, dass ich das erlebe, was ich mir ausmale.Dann schaue ich dich an, lächle und du wischst mir ein Tautropfen von meiner Wange.

Ich stelle mir vor, dass du mir gegenüber sitzt. Willst du wissen, wie ich heute meine Haare trage? Meine Haare sind zu einem Zopf geflochten. Du magst das doch.Und weil du vis-à-vis von mir sitzst, beugst du dich zu mir vor, küsst meine Stirne, streichelst meine Wange und fährst sachte mit deiner Hand über meinen Zopf.

Die Frau neben dir, scheint deine zärtliche Geste zu missfallen. Ich lächle sie an und sie spendet mir dafür einen giftigen Blick. Sie hat diesen trotzigen Ausdruck einer Frau, die einsam ist und es nicht zugibt. Sie schaut dich an und denkt: “Pah, mich würdest du nicht so einfach kriegen!” Sie hat klare Vorstellungen, wie ein Mann zu sein hat und was sie vom Leben will.

Was sie nicht weiss, ist, dass ich diese auch habe. Meine Vorstellungen und Prinzipien jedoch werfe ich sofort über Bord, wenn ich sie als selbstauferlegte Schranken empfinde. Was sie nicht weiss, ist, dass Loslassen, das Einzig wahre ist, wenn sich etwas schwer anfühlt.

Ich stelle mir vor, wie du aufstehst und das Abteil im Zug wechselst.

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Der Stern und der blaue Prinz

Was passiert eigentlich, wenn ein Stern und ein blauer Prinz aufeinander treffen? Verlassen beide ihre angestammten Orte – der Himmel und die Erde – damit sie zusammen sein können?

Der blaue Prinz ist lustig, wort- und sprachgewandt und er hat Angst vor grossen Gefühlen.

Er hat an vielen Orten auf der Erde gelebt. Auch dort, wo man Tango tanzt. Er erklärt dem Stern das Tangotanzen. Er erzählt über die zärtliche und doch bestimmte Führung des Mannes über die Frau. Seine Ausführungen sind so leidenschaftlich, als ob er einen sinnlichen Liebesakt beschreiben würde. Der blaue Prinz spricht über den kleinen Rausch, dem sich die Frau hingibt, während sie vom Mann geführt wird. Der Mann, der ihr ihren Platz und den Raum gibt, den sie benötigt, damit sie in voller Pracht erstrahlen kann.

Der Stern ist übewältigt. Er spürt die unendliche Zärtlichkeit in den Ausführungen und weint. Die Tränen fliessen, ob den zarten Worten des blauen Prinzens. Und was macht der Prinz? Der traut seinen Augen nicht.

Der Stern ist witzig, stark wie ein rasender Meteorit, zart wie weiches Sternenlicht und er hat Angst vor grossen Gefühlen.

Der Stern hat den Himmel noch nie verlassen. Aber er wurde schon unfreiwillig durch seine Galaxie geschleudert. Er wurde mit dem Tod bedroht, belogen und gedemütigt. Er hatte Todesangst. Und trotzdem, er hat nie aufgehört zu leuchten.

Der Stern würde es wagen auf die Erde zu kommen, trotz der Gefahr, dass er verglühen könnte. Der blaue Prinz fürchtet sich.

Beide haben Angst, grosse Angst.

text canela

Sonntagseinsichten

Heute Morgen beim Walken, spazierten Gedanken durch meinen Kopf:

  • Wenn man vor den Hundehaltern in den Wald geht, streifen das Gesicht gefühlte 100 Spinnennetze. Diese erzeugen etwa 1000 Ekelschauer.
  • Im Verstand wohnt das Ego.
  • Ich bin nicht nur mein Verstand, ich besitze einen Verstand. Ich bin nicht nur mein Körper, ich lebe in meinem Körper. Ich bin nicht nur meine Gefühle, ich besitze Gefühle. Das, was mich ausmacht, ist mehr als nur diese drei Dinge.
  • Ich dirigiere diese drei Dinge und achte auf die Balance. Das kann ich üben. Einfach ist es nicht.
  • Der echte Wille an etwas dran zu bleiben und erreichen zu wollen, kann man trainieren. Kommt das Ziel von aussen, will der echte Wille nicht. Kommt es von innen, will er. Echt!
  • Wenn ein Wunsch nur gedacht wird, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er sich erfüllt geringer, als wenn man ihn aufschreibt.
  • Wechseljahre sind ein bisschen wie Pubertät. Der Körper und die Haltung zum Leben verändern sich.
  • Eine Blumenwiese zu betrachten, in deren Farben und in der Beschaffenheit jeder einzelnen Blumen einzutauchen und sich von deren Vollkommenheit überwältigen zu lassen, ist ein Orgasmus für die Seele.

text and pic by canela