Kurz ganz jung gefühlt…

Heute in der Migros haben sie Schleckzeug verteilt. Eins wurde mir in die Hände gedrückt. Bei den Melonen spricht mich einer an: „Du abe sicher glaini Kinda?“Ich schaue ihn verdutzt an. „Glaini Kinda sicher Freud!“ Und drückt mir nochmals Süssigkeiten in die Hand. Ich nicke dankend.

Mein erster Gedanke: „Oh mein Gott, der denkt ich sei jung! Sofort Eier einfrieren lassen! Und auf den blauenrosahellgelben Prinzen hoffen!“ Mein zweiter Gedanke:“Mensch, du bist doch in der Menopubertät! Hihi…“

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Mairegen

Ich weiss, der Mai zickt herum. Launisch wird er warm und dann wiederum wirkt er kühl und etwas mürrisch. Doch wenn man genau hinschaut, sieht man so viel Leben und Farben. Die Regentropfen sind kleine durchsichtige Perlen und die Blütenblätter wirken wie Seide. Man kann dem Monat Mai nicht wirklich böse sein…

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Frau Trotzig

„Ich arbeite hier seit 20 Jahren und habe noch nie einen einzigen Tag wegen Krankheit gefehlt“, erzählt sie mir trotzig. Sie erinnert mich an diese fremden Kindern, die einem unaufgefordert und mit sichtlichem Stolz einen fast toten, blutigen Regenwurm unter die Nase halten.

Ihre Mundwinkel sind erstarrt in der 8.20 Uhr-Position, die blauen Augen kalt wie ein Bergsee. Sollte jemals Güte, Mitgefühl sowie echten Mut in diesem Gesicht gewohnt haben, dann sind sie durch ihre 20-jährige körperliche Gesundheit getötet worden.

Als ich ihr einmal spontan ein Kompliment für ihre hübsche Bluse gemacht habe, erntete ich ein misstrauisches „Danke!“ Später verstand ich ihre Unsicherheit. „Als du zu uns gekommen bist, sagten die da oben, es käme wenigsten eine, die gut aussehen würde.“

Offensichtlich kuscht sie schon seit Jahren, denn ihre Sätze beginnen meist mit: „Also jetzt muss ich wirklich mal sagen, dass…“ Die Kombination „Also-jetzt-muss-ich wirklich-mal“ brauchen Menschen, die lange den Mund aus Angst gehalten haben. Menschen, die glauben man Schulde ihnen etwas. Menschen, die sich als Opfer fühlen.

Erstaunlich ist, wie sie ihren Frust und ihre Ohnmacht Gift spukend versprüht, wenn sie von „denen da oben“ spricht, sie jedoch bewusst und ohne mit der Wimper zu zucken, ihre unsichere Arbeitskollegin mit einer spitzen Bemerkung verletzt. Denn das „Nach-unten- treten“ ist für sie ein Recht auf Selbstbestimmung.

Und wenn sie mich mit ihren Eiskühlfachaugen anspricht und mir eigentlich eine Frage stellen möchte, die sie aber mit folgenden Wörtern beginnt: „Also jetzt muss ich wirklich mal sagen, dass…“ dann hat sie es bei mir schlichtweg verkackt. Dann werde ich zu dem, was sie ist: Frau Trotzig.

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Manchmal.

Manchmal
Wenn ich mich getrennt von der Aussenwelt fühle
Verbindet mich die Natur mit meinem Inneren
Umarmt von Farben und Düften

Manchmal
Wenn mich die Härte und Starre zu erobern droht
Erfroren in der Hoffnungslosigkeit des Leids auf unserer Erde
Fängt mich ein Vogelgezwitscher, ein Windstoss, ein Rauschen der Blätter auf

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Ich komme zu dir

Ich komme zu dir.

Wenn du deine Mauer herunterreisst.

Wenn du mir deine frischen Narben und deine alten, bleichen Wunden zeigst.

Wenn du mir deine glücklichen Stärken und deine traurigen Schwächen zeigst.

Wenn ich deinen weichen, goldenen Honigkern sehen darf, den du versteckst.

Ja, dann komm ich zu dir und bleibe.

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Schüchterner Frühling

Hallo schüchterner Frühling…

Ein vom Baum herunter gefallener Kuss erblicken. Auf einem Baumstrunk sitzen und den Eisvogel beobachten. Schwäne, die gemeinsam nebeneinander im Wasser gleiten und dir „Hallo“ sagen. Das Kräuseln der Wasseroberfläche bestaunen. Am Fenster stehen und der in Schönheit sterbende Tag geniessen, der Wolken in allen Farben malt. Vögel, die morgens so laut trällern, als ob sie den Frühling herbei singen wollten.

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Sonntagsgedanke

IMG_5423Als ich dieses Bild betrachtete, dachte ich: „Wow, ich werde alt! Unter den Augen ein Karpatengebirge. Die Konturen meines Gesichts mäandrieren vor sich hin. Und dann der Hals…. Ziehharmonika lässt grüssen. Ich bin nicht mehr so schlank wie früher. Dabei achte ich doch auf mich. Ich esse gesund und bewege mich oft. Gott sei Dank sieht man meine Figur nicht auf dem Bild.“

In 20 Jahren werde ich sagen: „Wow, war ich jung! Dieser verträumte Blick. Ich war voller Tatendrang. Alles war am Körper, wo es hingehörte. Meine Figur weiblich und schön. Schade sieht man das nicht auf dem Bild. Diese Locken….. Und ach, war das ein wunderbarer, lustiger, sonniger Tag mit Freunden am See.“

Darum übe ich gerade: Wow, das bin ich. Ich bin richtig. Die Menschen, die ich mag, mögen mich so, wie ich bin. Ich finde mich schön.“

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