Von oben sieht alles belanglos aus

Ich hoffte, dass wenn wir beide nur lange genug in den Himmel starren würden, flögen wir davon. Gemeinsam abheben wie die Superhelden im Film. Nur ohne Cape und Strumpfhosen. Gut hatten wir uns. Wir waren füreinander das Schlupfloch in das sich verletzte Tiere zurückziehen, um ihre Wunden zu lecken.

Meist sassen wir auf diesem kleinen Vorplatz vor dem verwitterten Haus. Ein alter Tisch, zwei Stühle und eine Sicht, die einer Postkarte würdig war. Der See und die Stadt.

Wir tranken Tee, rauchten und hörten Musik. Der Tee spülte unsere vom Weinen trockenen Kehlen weich. Manchmal suchte meine Hand seine und ich drückte sie kurz. Dann schaute er mich an und sein glasiger, düsterer Blick wurde weich und füllte sich mit Licht. Wären wir in diesem Moment gestorben, hätten wir beide dabei gelächelt.

Die Noten waren unser fliegender Klangteppich. Wir erhoben uns in die Lüfte und hielten uns eng umschlungen. Zusammen waren wir eins.

Von oben sieht alles belanglos aus.

Die Klänge des Liedes tanzten wie Samen einer Pusteblume im Wind. Sie flogen in unsere Ohren, krochen in unsere Köpfe und kämpften sich zu unseren zerrissenen Herzen durch. Die Töne liessen sich wie Käfer auf unseren Armen nieder, frassen sich gierig durch die Haut und nisteten sich in unseren blutenden Wunden ein. Sie suchten Wärme.

Ich fragte ihn: „Hören Angst und Schmerz jemals auf?“ Seine Hand strich über meine kalte Wange. Dann stand er auf, liess sich zu meinen Füssen nieder und er legte seinen Kopf auf meinen Schoss. Ich strich sanft über sein Haar.

text and pic by canela

10 und 51

Ich sass mit meiner Mutter in der Küche in Málaga. Zwei Gläser Tinto de Verano auf dem Tisch. „Ist das normal, wenn man vergisst was war? Ich meine, ich vergesse manchmal sogar, dass es deinen Vater gab. Als wäre ich nie verheiratet gewesen…“ sagte Mutter. „Ich weiss nicht. Fühlt es sich gut an für dich?“ fragte ich zurück. „Ich war noch nie so glücklich wie jetzt.“ sagte sie und nahm einen Schluck aus dem Glas. „Das ist doch was zählt, nur das.“ und ich prostete ihr zu. Meine Mutter wird nächstes Jahr 80 Jahre alt.

„Werde ich deinem Vater gerecht? Ist das richtig ihn zu vergessen?“ fragte mich Mutter nochmals.

„Hier geht es doch nicht um richtig und falsch. Diese Frage nützt dir nichts, wenn du sie dir stellst. Vater, war ein Arschloch! Ein Mann, der seine Traurigkeit und Unsicherheit immer wieder auf uns alle ausgekotzt hat. Es ist also kein Wunder, dass du ihn ab und zu vergisst. Immerhin, sein Bild steht ja jetzt auch auf dem Klavier zusammen mit Grossmutter und Grossvater.““Es hat fünf Jahre gedauert.“ „Ach er soll froh sein, dass er jetzt einen Logenplatz in der Ahnengalerie auf dem Klavier erhalten hat!“

Meine Mutter lachte. „Weisst du, was er jetzt sagen würde, wenn er uns zwei sähe?“ Ich grinste und antwortete: „Novea las dos hijas de putas!!“ Wir prosteten uns nochmals zu.

Mein Blog wird übrigens heute zehn Jahre alt, und ich bin vor ein paar Tagen 51 geworden. Ich habe also noch Zeit, um Dinge zu bewusst zu vergessen, die für mich nicht mehr von Bedeutung sind und um glücklich zu sein. Und wenn ich Dinge nicht vergessen möchte, schreibe ich sie auf oder fotografiere sie. Vielleicht nochmals 10 Jahre…

text by canela

Leise Melancholie

Meine Mutter sagte immer: „Me gustan los hombres con barbas (mir gefallen Männer mit Bart)“. Eine Vorliebe, die ich vermutlich von ihr „geerbt“ habe.

Fink ist mein Lieblingsnasenbär. 2006 hörte ich das erste Mal einen Song von ihm auf KanalK. Mein Musikherz hatte ihn sofort adoptiert! Und als ich beim Googlen feststellte, dass er einen Bart trug, war ich entzückt.

Eine Freundin und ich waren vor zwei Jahren an seinem Konzert. Dort habe ich zum ersten Mal bewusst wahrgenommen, dass die Zeit auch an mir nicht spurlos vorbei gegangen war. Denn als wir den Konzertsaal verliessen, hatte ich Rückenschmerzen. Das lange Stehen hatte mir zugesetzt. Wir suchten eine Sitzgelegenheit und fanden ein rotes Sofa beim Ausgang. Beide stöhnten glücklich, als wir uns niederliessen. Ich sagte zu ihr: „Verdammt, wir werden alt!“ Sie lächelte und nickte. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt erfolgreich die Tatsache verdrängt, dass auch ich älter werde.

Heute habe ich diesen Kurzfilm über ihn gesehen. Er spricht, unter anderem, über das Alleinsein. Und über den Zustand der Leere, wenn man sich ihr hingibt. Dass er sich weniger alleine fühle, wenn er auf der Bühne stehe.

This is the thing

I don’t know if you notice anything missing
Like the leaves on the trees or my clothes all over the floor
I don’t know if you’ll even notice at all
Coz I was real quiet when I closed the door

And the things that keep us apart keep me alive and
The things that keep me alive keep me alone

Ein paar Monate später war ich am Konzert von Alt-J. Dieses Mal hatte ich Sitzplätze gekauft.

text by canela, music by Fink

Konzerte 2016/17

Februar: Concha Buika (Kaufleuten, Zürich).

April: Ursula Rucker (Rote Fabrik, Zürich).

Juli: Massive Attack weiter (Stimmen Festival, Lörrach).

Juli: Kwabs und SOHN (Blue Balls Festival, Luzern).

Im August gibt es einige Künstler (alle gratis!) am Musig i de Altstadt, Aarau. Auf Delinquent HabitsPablo Nouvelle und King Pepe freue ich mich besonders.

November: Cinematic Orchestra (jazznojazz, Zürich)

November: Archive (Kaufleuten, Zürich)

Januar 2017: José Gonzalez (X-tra, Zürich)

Ein Sonnenaufgang ganz für mich

Heute morgen um 5 Uhr als ich meine Augen aufschlug, dachte ich, ich sei im Paradies. Durch das Fenster sah ich den Tag, der gerade in unglaublicher Schönheit geboren wurde.

Trotz Müdigkeit und schmerzender Schulter – ein Geschenk meines Körpers, das ich seit Monaten mit mir trage und welches mich penetrant erinnert, dass ich mein Leben ändern sollte- riss ich mich zusammen, schlüpfte in meine Turnschuhe und ging in den Wald den Fluss entlang. Bei jedem Schritt spürte ich meinen rechten Arm und trotzdem entschied ich mich glücklich zu sein. Ich war Zeugin eines wunderbaren Morgens.

Vier Stunden später meinte mein grauhaariger Physiotherapeut, mein Herzchakra sei völlig zu. Er drückte mit voller Inbrunst an mir herum bis mir fast die Tränen in die Augen schossen. „Wollen Sie ein harter Winkelried sein, der alles alleine macht und sich jede Lanze ins Herz stossen lässt?  Oder wollen Sie ein weicher sanfter Fluss werden, der sich mäandrierend den Gegebenheiten der Landschaft anpasst?“ Er wusste, dass ich die Antwort weiss.

text and pics by canela

2652 wunderbare Gefühle

Heute habe ich beschlossen 2652 Fotos auf meinem Iphone zu löschen. Schwierig, ganz schwierig für mich. Jedes Foto war ein Moment eines angenehmen Gefühls. 2652 wunderbare Gefühle. Es fällt mir schwer loszulassen.

Wie zum Beispiel gestern in Zürich. Da ist mir der Sommer begegnet. Kurz und warm, nass und schwül. Ich war glücklich.

text and pics by canela

Blumen – oder du bist seltsam

Während ich am Bach stehe und in den Himmel eintauche, der sich im Wasser spiegelt, erinnere ich mich an ein Gespräch mit einer Arbeitskollegin.

„Du bist doch die, die keine Blumen mag,“ behauptete sie überzeugt. „Seltsam, dass du Blumen nicht als Geschenk möchtest,“ fährt sie fort.

Ich liebe Blumen. Nur nicht als Strauss sondern dort, wo sie leben. Ein Blumenstrauss, der langsam zerfällt und stirbt, bedrückt mich.

„Es fühlt sich nicht richtig an für mich,“ erkläre ich ihr. „Du bist seltsam,“ meint meine Arbeitskollegin daraufhin und schüttelt verständnislos den Kopf.

pics and text by canela