Sechs der Kelche

IMG_3504Weisst du noch, als ich dir das erste Mal meine Tarotkarten gezeigt habe? Ich hatte sie zufällig in meiner Schachtel der Erinnerungen gefunden. Obwohl du ein Mann der Wissenschaft bist, warst du sofort Feuer und Flamme für die Karten und ihre Bedeutungen.

Deine Faszination für diese Karten wuchs schnell, so dass du dir bald selber welche kauftest. Als ich die neuen Tarotkarten bei dir zuhause sah, fragte ich dich erstaunt: “Was? Du hast dir selber welche gekauft?” Du nicktest lächelnd. Was ich dir damals nicht erklärt habe, ist dass man sich die Karten nicht selber kaufen soll, weil sie scheinbar so keine Kraft hätten, ihre Symbolik zu erfüllen. Die Tarotkarten muss man als Geschenk von einer Person erhalten, die einen mag. Nur dann geht ein möglicher Wunsch in Erfüllung.

Ach … Jedes Mal, wenn ich bei dir zuhause war, hast du dir morgens eine Tageskarte gelegt. Ich belächelte deine kleine Sucht, einen Blick in die Zukunft erhaschen zu wollen. Ich fand es lustig, dass du glaubtest, die Tarotkarten könnten gar einen Traum real werden lassen.

Erinnerst du dich an diesen Abend, als du für mich gekocht hast? Wir tranken Wein bei Kerzenschimmer, hörten Musik und du holtest deine Karten hervor. Wir beide wussten, dass man den Verlauf einer Beziehungen nicht aus den Karten lesen kann. Und trotzdem wollten wir erfahren, wie unsere Beziehung in Zukunft sein könnte. Ich weiss nicht mehr, welche Tarotkarten wir zogen, aber sie prophezeiten uns eine kreative, sinnreiche, gemeinsame Zukunft. Wie eingangs erwähnt, du bist ein Mann der Wissenschaft, aber deine Augen leuchteten hoffnungsvoll, wie die eines kleinen Kindes.

Vor ein paar Tagen kam dein Anruf.

Gestern beim Aufräumen fand ich überrascht die letzte Tarotkarte, die du bei mir zuhause gezogen hattest.  Ich lächelte bitter, steckte die Karte zurück in den Stapel und verstaute sie in meiner Schachtel der Erinnerungen. Dein Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Weisst du wieso? Meine Tarotkarten habe ich geschenkt bekommen.

Sechs der Kelche – Genuss: Geniesse dich und dein Leben, vor allem auch deine Gefühle, deine Erotik und Sexualität. Heile dich selber und andere im Austausch von Sinnlichkeit, Lust und Zärtlichkeit.

by canela

Canal Sur und ihr Silvesterpatzer

An Silvester essen die meisten Spanier zuhause mit ihrer Familie. Danach geht man entweder auf einen Platz, wo man die Glockenschläge hört oder man schaut im Fernsehen die Übertragung.

In Spanien isst man an Silvester 12 Trauben. Also zu jedem Glockenschlag wird eine Traube in den Mund gesteckt und gegessen (wenn möglich nicht zu grosse, man will ja nicht an Silvester über den Jordan treten). Erst dann wird angestossen. Eine Tradition, die ich liebe. Vor allem, weil sie mich an Familie erinnert.

Keine Glockenschläge in Bern (Yolo)
Ich habe dieses Silvester mit meinem Freund in Bern verbracht. Vor Mitternacht befanden wir aus auf dem Münsterplatz mit vielen anderen Menschen. Näher an einem Glockenturm, um die Glockenschläge zu hören, kann man nicht sein, könnte man meinen. (O.k man könnte noch auf den Glockenturm steigen. Aber mit Tinitus ins neue Jahr zu gehen, erscheint mir nicht besonders prickelnd.) Leider haben wir keinen einzigen Glockenschlag gehört, vor lauter Knallkörper und Glockengebimbel. Also schrie ich laut 12 Mal “Dong!” und wir steckten uns nach jedem “Dong” eine Traube in den Mund. In der Not stellt sich der Teufel halt Glockenschläge vor.

KEINE Glockenschläge im andalusischen Fernsehen(OMG)
Canal Sur, das andalusische Fernsehen, hat dieses Jahr einen Kapitalvergehen begangen. Sie haben tatsächlich bei den “Campanadas” (Glockenschläge) Werbung geschaltet?!! Tausende Andalusier, die vor dem Fernseher sassen, haben ein Ritual verpasst, dass ihnen Glück und Prosperität versprechen soll.

Hier habe ich ein Video gefunden, bei dem sich eine andalusische Familie an Silvester gefilmt hatte.  Bei Minute 1:30 sieht man die verblüfften Gesichter. Ganz andalusisch wird nach den verpassten “Campanadas” Canal Sur verflucht . “El Canal Sur es una mierda!” (was ich ja nicht zu übersetzen brauche :-D )

Silvester Andalusien

Hier das ganze Video (falls jemand spanisch versteht oder eher den andalusischen Dialekt). https://www.youtube.com/watch?v=gGkbkuE1LE4

Wenn ich ehrlich bin, ICH möchte kein Mitarbeiter bei Canal Sur sein im 2015. Ich kann mir vorstellen, dass Voodoo-Praktiken und die Zahl an verkauften Stoffpuppen massiv steigen werden. Und das bei den katholischen Andalusiern.

Mit oder ohne Trauben: Gutes neues Jahr!

text by canela

Vorsätze, geht doch eine Runde schwimmen!

Liebe Vorsätze, leckt mich am Arsch! Ihr seid nicht wie die Nebensätze, die einen Hauptsatz ergänzen noch seid ihr Schachtelsätze, die man getrost weglassen kann.

Ihr drängelt euch vor und stellt Bedingungen, die zu erfüllen seien. Zumindest glaubt ihr das. Und dann macht ihr euch aus dem Staub und hinterlässt eine Bürde auf meinen Schultern, die ich das ganze Jahr mit mir herumtrage. Echt, euer imperatives Wesen macht euch so unsympathisch!

Meist beginnt ihr mit “Ich sollte…” oder gar mit “Ich werde..”. Bei dem Verb “sollen” erkenne ich euch sofort! Da haut ihr mich nicht mehr übers Ohr. Aber wenn ihr mit dem Verb “werden” kommt, tut ihr so, als wäret ihr meine Absicht, das Verlangte in der Zukunft zu erfüllen.

Vorsätze, geht eine Runde schwimmen! Lasst euch vom Wasser aufweichen und jeden einzelnen Buchstaben verlieren. Bis nur noch das Wort “Ich” bleibt. Denn ICH bestimme, was ich tun möchte.

by canela

13.12.14 Chilbi

IMG_2715

Es gibt Momente, die drehen sich wie auf einem Karussell. Man sitzt auf einem Pferdchen oder in einer Kutsche und man sieht immer wieder die gleichen Menschen, die einem freundlich zu winken.

Dann gibt es Augenblicke, die man wie Achterbahn fahren erlebt. Jedes Mal, wenn man denkt, das Schlimmste sei vorbei, fährt man plötzlich 90 °Kopf über in die nächste Kurve. Dass man nicht aus dem Wagen gespickt wird, grenzt an pures Glück.

Oder es gibt Situationen, die das reinste Auto-Scooter-Feeling sind. Man wird von jeder Seite gerammt. Fratzen, die grinsen und die kurzen Sekunden Schadenfreude geniessen.

2014 war ein Mix von allem. Doch nicht nur.

Ich habe meine Zunge in Zuckerwatte gesteckt und in einen Apfel umhüllt mit Schokolade hineingebissen. Ich habe gebrannte Mandeln gegessen, die du mir gekauft hast. Was habe ich lauthals gelacht im Spiegelkabinett als du sagtest: “Du bist schön.” Ich sah aus wie ein Hobbit mit Basedow-Augen, der sich von der Streckbank befreit hatte.

Mit dir macht Chilbi Spass. Gib mir deine Hand und lass mich nicht mehr los.

text and pic by canela

The Healer

Dieses Cover von Erykah Badu erfreut mich seit Tagen. The Unused Word haben Erykahs Song “The Healer” zärtlich und liebevoll interpretiert, als würde man still, den Atem anhaltend, seinem Kind beim Schlafen zuschauen.

Entdeckt habe ich diesen Song in einem Mix meines Bruders Risikogruppe, dessen Mixes mich schon in unzähligen Momenten begleitet und erfreut haben. Thanks Bro!

November, du weisst wie’s geht

Lieber November, du hast mich mit deinen Farben nochmals verzückt. Du bist ein Monat, der nicht so schnell alles preisgibt. Ich habe oft gewartet, bist du bereit warst, dich zu zeigen.

Eigentlich bist du ein gemütlicher Monat mit einem Hauch von Melancholie. Gemütlich, weil es morgens meist neblig war und du noch nicht so ganz farbig daher kommen wolltest. Melancholisch, weil du mir trotz Farbenpracht gezeigt hast, dass vieles am Sterben ist. Doch eins muss ich dir lassen: Niemand stirbt so schön wie du!

Du wolltest dieses Jahr jedoch nicht kalt und abweisend sein. Nein. Du hast dich kokett mit fast frühlingshaften Temperaturen geschmückt. “Seht her! Ich kann auch wärmer!” Du alter Kindskopf!

Abends hast du mir oft die volle Dröhnung gegeben. Was für Sonnenuntergänge! Wahrlich, langweilig warst du nicht! Nur halt nicht so schnell, wie andere Monate. Langsam loslassen war deine Prämisse. Das hast du gekonnt umgesetzt.

Danke, November! Du wirst zwar nicht mein Lieblingsmonat, hast aber dieses Jahr doch einige Punkte wettgemacht in meiner Werteskala der Monate.

Ciao, bis nächstes Jahr….

text and pics by canela

Alice im Wunderland – Kopf ab, Menopause!

Christiania, Kopenhagen 2014
Christiania, Kopenhagen 2014

Ich fühle mich wie Alice im Wunderland. Die Menopause bringt mich zum Staunen und ich verstehe vieles nicht mehr.

Früher war ich mit Beseitigen von Pickeln beschäftigt. Jeder getötete Pickel ein Triumph. Heute ziehen mich Härchen am Kinn in den Bann. Sie spriessen wie Unkraut. Hatten damals die Pickel mein ganzes Selbstbewusstsein zerstört, zupfe ich heute die Härchen mit einem leisen Seufzer und spiele Grinsekatze vor dem Spiegel.

Mein Uterus hat sich schlafen gelegt, er blutet nur noch alle paar Monate. Er schickt meinen Hormonen Nachrichten wie: “Hey geht schlafen, sie braucht euch nicht mehr!” Frau PMS ist zwar weg, doch mit ihr auch meine Libido. Vermutlich ist sie verstaut in einem grossen Koffer. So war der Deal nicht, mein liebes Fräulein!

Wenn die Hormone umgezogen sind und die Libido ihr Dornröschenschlaf hält, kommen das Fett und die Faulheit auf die Bühne. Ein Paar, das sich auf einer Datingplattform über eine Matchingformel gefunden hat und nun über ihre Liebesgeschichte erzählt inklusive Fotos. Dämlich lächelnd an ihrer Hochzeit, gefolgt vom obligaten Foto mit Faulheits Schwangerschaft. Meine Kleider kneifen und zwicken. Ich kann mich aber beim besten Willen nicht erinnern, Zaubertrank getrunken zu haben, der mich in die Breite wachsen lässt.

Und dann kommt die Raupe ins Spiel. Ich frage sie: “Welchen Weg soll ich nehmen? Ich habe fast mein halbes Leben hinter mir und nun will ich etwas anderes.” Sie sagt:” Was ist dein Ziel?” Und ich antworte ehrlich: “Ich habe keinen blassen Schimmer.” “Dann spielt es auch keine Rolle, welchen Weg du nimmst”, meint sie rauchend.

“Verdammt! Wer hat meine Törtchen geklaut?”, fluche ich wie die Herzkönigin und schreie verzweifelt: “Kopf aaaab!!!”

“Kopf ab” für den luftleeren Raum ohne Kompass, in dem ich mich befinde. “Kopf ab”, weil ich beruflich dem falschen Hasen gefolgt bin und mich an einer Teeparty mit Miesmachern, Braunzünglern und Machtmissbrauchern befinde. Wo sind nur der verrückte Hutmacher und der Märzhase?

Ich fühle mich wie Alice im Wunderland. Alice ist geschrumpft und gewachsen. Alice hat sich verirrt und zurückgefunden. Alice hat gegen den Jabberwocky gekämpft und ihn besiegt. Zurück in ihrer Welt tat sie das, was sie für richtig hielt. Meine Hoffnung auf ein Happy End bleibt.

text by canela
pic by canela