Leise Melancholie

Meine Mutter sagte immer: „Me gustan los hombres con barbas (mir gefallen Männer mit Bart)“. Eine Vorliebe, die ich vermutlich von ihr „geerbt“ habe.

Fink ist mein Lieblingsnasenbär. 2006 hörte ich das erste Mal einen Song von ihm auf KanalK. Mein Musikherz hatte ihn sofort adoptiert! Und als ich beim Googlen feststellte, dass er einen Bart trug, war ich entzückt.

Eine Freundin und ich waren vor zwei Jahren an seinem Konzert. Dort habe ich zum ersten Mal bewusst wahrgenommen, dass die Zeit auch an mir nicht spurlos vorbei gegangen war. Denn als wir den Konzertsaal verliessen, hatte ich Rückenschmerzen. Das lange Stehen hatte mir zugesetzt. Wir suchten eine Sitzgelegenheit und fanden ein rotes Sofa beim Ausgang. Beide stöhnten glücklich, als wir uns niederliessen. Ich sagte zu ihr: „Verdammt, wir werden alt!“ Sie lächelte und nickte. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt erfolgreich die Tatsache verdrängt, dass auch ich älter werde.

Heute habe ich diesen Kurzfilm über ihn gesehen. Er spricht, unter anderem, über das Alleinsein. Und über den Zustand der Leere, wenn man sich ihr hingibt. Dass er sich weniger alleine fühle, wenn er auf der Bühne stehe.

This is the thing

I don’t know if you notice anything missing
Like the leaves on the trees or my clothes all over the floor
I don’t know if you’ll even notice at all
Coz I was real quiet when I closed the door

And the things that keep us apart keep me alive and
The things that keep me alive keep me alone

Ein paar Monate später war ich am Konzert von Alt-J. Dieses Mal hatte ich Sitzplätze gekauft.

text by canela, music by Fink

Advertisements

Frau Trotzig

„Ich arbeite hier seit 20 Jahren und habe noch nie einen einzigen Tag wegen Krankheit gefehlt“, erzählt sie mir trotzig. Sie erinnert mich an diese fremden Kindern, die einem unaufgefordert und mit sichtlichem Stolz einen fast toten, blutigen Regenwurm unter die Nase halten.

Ihre Mundwinkel sind erstarrt in der 8.20 Uhr-Position, die blauen Augen kalt wie ein Bergsee. Sollte jemals Güte, Mitgefühl sowie echten Mut in diesem Gesicht gewohnt haben, dann sind sie durch ihre 20-jährige körperliche Gesundheit getötet worden.

Als ich ihr einmal spontan ein Kompliment für ihre hübsche Bluse gemacht habe, erntete ich ein misstrauisches „Danke!“ Später verstand ich ihre Unsicherheit. „Als du zu uns gekommen bist, sagten die da oben, es käme wenigsten eine, die gut aussehen würde.“

Offensichtlich kuscht sie schon seit Jahren, denn ihre Sätze beginnen meist mit: „Also jetzt muss ich wirklich mal sagen, dass…“ Die Kombination „Also-jetzt-muss-ich wirklich-mal“ brauchen Menschen, die lange den Mund aus Angst gehalten haben. Menschen, die glauben man Schulde ihnen etwas. Menschen, die sich als Opfer fühlen.

Erstaunlich ist, wie sie ihren Frust und ihre Ohnmacht Gift spukend versprüht, wenn sie von „denen da oben“ spricht, sie jedoch bewusst und ohne mit der Wimper zu zucken, ihre unsichere Arbeitskollegin mit einer spitzen Bemerkung verletzt. Denn das „Nach-unten- treten“ ist für sie ein Recht auf Selbstbestimmung.

Und wenn sie mich mit ihren Eiskühlfachaugen anspricht und mir eigentlich eine Frage stellen möchte, die sie aber mit folgenden Wörtern beginnt: „Also jetzt muss ich wirklich mal sagen, dass…“ dann hat sie es bei mir schlichtweg verkackt. Dann werde ich zu dem, was sie ist: Frau Trotzig.

text and pic by canela

 

 

 

Septemberblatt

September, mein stiller Freund. Dein Grün ist müde geworden.
Ich würde gerne ein Orchester für all die Menschen spielen lassen, die im kalten Wasser verschwanden.

Für all die Seelen, die das Meer mit ihren unerfüllten Hoffnungen fütterten.
Für all die Väter und Mütter, die ihre Kinder im dunklen Wasser ertrinken sahen.
Für all die Tränen des Verlusts, die ganze Ozeane füllen.

September, mein stiller Freund. Dein Grün ist müde geworden.

text by canela
music – dustin o’halloran, a great divide

 

50 is not the end

Ich sitze im Zug. Ein junger, hübscher Mann tritt ins Zugabteil und fragt: „Ist hier noch frei?“ Ich nicke. Kaum sitzt er mir gegenüber, ziehe ich meinen Bauch ein. Gott sei Dank dauert die Fahrt nur 29 Minuten.

Ich bin vermutlich doppelt so alt wie er. Und trotzdem verirrt sich mein Blick in seinen Bart aus dem ein paar blonde Haare glänzen, wie Goldfäden. Ich mag Bärte. Ich mag das Knistern, wenn ich mit den Fingern darüber fahre. Ich geniesse es, ihn heimlich zu beobachten. Seine weichen Gesichtszüge und seine vollen Lippen. Er schreibt seine Nachrichten mit den Daumen. Ein Kind aus der Daumengeneration.

Heute bin ich 50. Ich weiss gar nicht, wie man sich dabei fühlen soll. 50 soll das neue 40 sein, habe ich gelesen. Was heisst das überhaupt? Ich kann mir nichts darunter vorstellen.

Mein Leben zusammengefasst:

Mit 20 besass ich eine Matura und wollte die Welt verändern. Um die 30 hatte ich einen Autounfall und mir wurde bewusst, dass das Leben endlich ist. Meine erste Ehe kam und ging. Ich habe in Las Vegas geheiratet, mit Stretch-Limousine. Immerhin. Mit 40 wusste ich, dass ich Krebs besiegen und zwei Fehlgeburten überleben kann, ohne daran zu zerbrechen. Ich habe einen gesunden Sohn auf die Welt gebracht, trotz all den Unkenrufen der Ärzte. Auch die zweite Ehe kam und ging.

Nun besuche ich eine Weiterbildung. Ich will später vor Menschen sitzen nicht vor dem Computer. Ob ich das wirklich tun werde, weiss ich nicht. Doch dieses Lernen, das Erfahren machen mich glücklich. Canela, was willst du werden, wenn du gross bist? Glücklich!

Ich liebe elektronische Musik, zum Beispiel die Mixes, die mein Bruder zaubert. Ich liebe Jazz aus Skandinavien, ich mag Stoner Rock und Männer mit Bart, die Singer Songwriter sind.

Ich liebe meinen Sohn. Ich liebe die Natur, kitschige Sonnenuntergänge und Regenbogen. Ich liebe meine Freundinnen und Freunde. Ich liebe meine Familie.

Ich feiere immer noch ab und zu bis in die Morgenstunden. Ich bin eine Prinzessin und will Königin werden. Ich leide, wenn ich sehe, was gerade in der Welt geschieht. Ich werde wahnsinnig wütend, wenn man meine Grenzen nicht respektiert. Ich weine wegen der Schönheit von Wolken, Bäumen und von Momenten. Ich lache über krude Witze und über mich. Ich falle hin und stehe wieder auf.

Nichts ist mit 50 vorbei. Mit 50 bleibt man nicht stehen, wenn man noch die Welt entdecken will. 50 ist nicht das Ende, definitiv nicht.

text and pic by canela

Alice im Wunderland – Kopf ab, Menopause!

Christiania, Kopenhagen 2014
Christiania, Kopenhagen 2014

Ich fühle mich wie Alice im Wunderland. Die Menopause bringt mich zum Staunen und ich verstehe vieles nicht mehr.

Früher war ich mit Beseitigen von Pickeln beschäftigt. Jeder getötete Pickel ein Triumph. Heute ziehen mich Härchen am Kinn in den Bann. Sie spriessen wie Unkraut. Hatten damals die Pickel mein ganzes Selbstbewusstsein zerstört, zupfe ich heute die Härchen mit einem leisen Seufzer und spiele Grinsekatze vor dem Spiegel.

Mein Uterus hat sich schlafen gelegt, er blutet nur noch alle paar Monate. Er schickt meinen Hormonen Nachrichten wie: „Hey geht schlafen, sie braucht euch nicht mehr!“ Frau PMS ist zwar weg, doch mit ihr auch meine Libido. Vermutlich ist sie verstaut in einem grossen Koffer. So war der Deal nicht, mein liebes Fräulein!

Wenn die Hormone umgezogen sind und die Libido ihr Dornröschenschlaf hält, kommen das Fett und die Faulheit auf die Bühne. Ein Paar, das sich auf einer Datingplattform über eine Matchingformel gefunden hat und nun über ihre Liebesgeschichte erzählt inklusive Fotos. Dämlich lächelnd an ihrer Hochzeit, gefolgt vom obligaten Foto mit Faulheits Schwangerschaft. Meine Kleider kneifen und zwicken. Ich kann mich aber beim besten Willen nicht erinnern, Zaubertrank getrunken zu haben, der mich in die Breite wachsen lässt.

Und dann kommt die Raupe ins Spiel. Ich frage sie: „Welchen Weg soll ich nehmen? Ich habe fast mein halbes Leben hinter mir und nun will ich etwas anderes.“ Sie sagt:“ Was ist dein Ziel?“ Und ich antworte ehrlich: „Ich habe keinen blassen Schimmer.“ „Dann spielt es auch keine Rolle, welchen Weg du nimmst“, meint sie rauchend.

„Verdammt! Wer hat meine Törtchen geklaut?“, fluche ich wie die Herzkönigin und schreie verzweifelt: „Kopf aaaab!!!“

„Kopf ab“ für den luftleeren Raum ohne Kompass, in dem ich mich befinde. „Kopf ab“, weil ich beruflich dem falschen Hasen gefolgt bin und mich an einer Teeparty mit Miesmachern, Braunzünglern und Machtmissbrauchern befinde. Wo sind nur der verrückte Hutmacher und der Märzhase?

Ich fühle mich wie Alice im Wunderland. Alice ist geschrumpft und gewachsen. Alice hat sich verirrt und zurückgefunden. Alice hat gegen den Jabberwocky gekämpft und ihn besiegt. Zurück in ihrer Welt tat sie das, was sie für richtig hielt. Meine Hoffnung auf ein Happy End bleibt.

text by canela
pic by canela

Absolute Entschlossenheit Grenzen zu setzen

Ich bin bekannt für meine rigorosen Erziehungsmethoden. Wenn ich „Nein!“ sage, dann meine ich „Nein!“ Meine Erziehungsmaxime beruht auf Strenge, Ordnung und Disziplin. Ich weiche nie vom Weg ab. Nie! Das weiss mein Sohn.

Ich bin sozusagen der Fels in der Brandung des „Ich-will-Mama“-Meers. Ich bin die barbusige  Jeanne d’Arc, die für eine Sache kämpft: dem Junior Grenzen zu setzen! Ich bin der Winkelried aller „Aber, Mamaaa!“-Speere, die heroisch in seiner Brust stecken.

Hier ein Beispiel, um meine Festung des Grenzensetzens zu beweisen:

In der Migros betrachtete ich die Auswahl an WC-Bürsten. Diese Auswahl erstaunt mich jedes Mal. Was für Formen und Farben! Habe ich mich für eine Bürste entschieden, beschleicht mich immer wieder das mulmige Gefühl, nicht richtig ausgewählt zu haben. Aber das ist eine andere Geschichte. Kommen wir zum Kernthema dieses Posts: Absolute Entschlossenheit Grenzen zu setzen!

Nun, während ich in den Formen der Bürsten versunken war, fasste mich plötzlich sanft die kleine Hand meines Kindes an der Schulter. Ich drehte mich um und ein Tamagotchi in blauer Verpackung starrt mich direkt an.

Er (Gesicht versteckt hinter der Verpackung): „Darf ich es haben?“

Ich (stark, eisern, konsequent): „NEIN, NEIN!“

Er (Tamagotchi wird an die Brust gekrallt, die Schultern meines Sohnes senken sich in Zeitlupentempo,  dunkelbraune Augen weiten sich – perfekter Hundeblick mit Jöh-Effekt – und blicken mich treuherzig an.): „Aber Mamaaa, ich habe mir schon immer jemand gewünscht, für den ich Sorgen kann.“

Ich (mein Mutterherz sticht. Oh mein Gott, wie süss! Halt durch Canela, lass dich nicht einlullen. Argh… seine Augen glänzen, weint er? Bitte nicht! Bitte nicht! Ich bin hart!!!):  „NEIN!“

Er (weinerliche Stimme, heftige Umarmung seinerseits, sein Kopf liegt an meiner Brust, seine Augen schauen mich inbrünstig flehend an, als würde er mich anbeten): „Aber Mamaaa, du hattest auch eins, als du Kind warst.“

Ich: „NEIN?“

Er (lächelt, blinzelt mit den Augen, innige Umarmung, als ob er ertrinken würde): „Mama?“

Ich (in meinem Inneren rumpelt es gewaltig, das Bollwerk der absoluten Entschlossenheit fällt zusammen). „O.k……………“

Immerhin drei „Neins“.

by canela

Als Frau mit 50 unsichtbar? Goht’s no?

Neulich sah ich diese Sendung – Ab 50 Jahr- Frau unsichtbar? – und fand mich in fast keinem der angesprochenen Themen persönlich betroffen. Ausser bei diesem Satz: “ Wenn du dich unsichtbar fühlst, wirst du unsichtbar!“

Als kleines Mädchen lachte man mich aus, weil mein Haar zu zwei Zapfenlocken modelliert worden war (meine Mutter verbrachte Stunden, um mein Haar zu zähmen, was bei mir in regelmässigen Schreiattacken mündete) und ich kitschige, spanische Kleider trug mit schwarzen Lackschuhen. „Hahaha, du gesehsch us wie es Bäbi! So doof!“ O.k. es war vielleicht nicht gerade die adäquate Kleidung, um eine Freundin auf dem Bauernhof zu besuchen.

Als junge Schülerin, wurde ich gerne vom Arschloch der Klasse vermöbelt (Er: Du Liliputaner! Doing! Ich: Auaaaa…). Nachdem der Missetäter von der Lehrerin gerügt worden war, beschränkte er sich dann aufs Haare reissen. Zog er an meinen Zöpfen oder Zapfenlocken (die Frisur war eh immer nach Mutters Befinden) ging ich los wie eine Heulboje.

In der Pubertät wäre ich gerne unsichtbar gewesen. Denn die vielen Pickel in meinem Gesicht griffen arg mein Selbstbewusstsein an. Aber auch die Pubertät ging äusserlich vorbei (ich stecke heute noch in der Pubertät, versuche aber möglichst erwachsen zu wirken). Und ich wurde wieder sichtbar für mich. Denn für mein Umfeld war ich es immer gewesen.

Heute als Frau mit bald 50 Jahren, die von Weitem noch von 19-jährigen angeflirtet wird, bis die Jungs merken, das ich gar nicht mehr so jung bin und sie dann verstört auf die Seite schauen, wenn sie an mir vorbei spazieren, ja heute fühle ich mich immer noch sichtbar wie eh und je. Und in zwei Jahren soll ich also unsichtbar sein? Schissdräck!

Ab 50 werden Frauen nicht mehr von den Männern wahrgenommen? Sorry Guys, ihr aber auch nicht von den Frauen

Was soll das bedeuten, ab 50 ist die Frau unsichtbar? Darf ich nun überallhin, ohne dass ich gesehen werde? Nur weil mich geifernde Blicke nicht mehr verfolgen, bin ich unsichtbar? Und für wen, bin ich unsichtbar? Für Typen, die mich nicht interessieren?

Habt ihr Fotos von Single-Männer auf Singleplattformen und Onlinedatingportale gesehen? Äbä! Hier noch einen Erfahrungsbericht zu Singleportalen, den ich vor Jahren schrieb: Wann sollte man die Finger von Männern lassen.

Dann dieses Gerede mit der Menopause und den Veränderungen bei der Frau. Klar habe ich Probleme, dass mein Äusseres nachlässt. Hallo? Ich bin eitel wie Sau! Am Morgen sehe ich aus wie ein vermöbelter Boxer, nur ohne Blut. Wenn ich vergesse die Creme für die Nacht aufzutragen, fühlt sich meine Haut wie die Mumie von Tutenchamun an am nächsten Morgen. Die Schweissausbrüche machen sie auch ab und zu bemerkbar, ohne dass mich ein geiler Typ angesprochen hätte. Und eine durchzechte Nacht sieht man mir noch eine Woche später an. Tough shit!

Unser Busen wird schlaff und hängt? Unser Hintern wabbelt und die Cellulite überfällt unseren Körper wie eine Heuschreckenplage? Dann seht euch mal Typen in unserem Alter an: Sie kriegen Brüste, einige einen Bauch und ihre Eier hängen auch. Glaubt mir, DAS ist nicht unsichtbar, liebe Männer!

Klar spinnen neuerdings meine Hormone und ich raste aus wie eine Löwin auf Badesalz. Neulich hat mein grosser Mitbewohner sogar die Messer (Brotmesser, Schnitzmesser und andere Messer) vorsorglich versteckt. Oder das pure Gegenteil geschieht: der einzige für mich vorstellbare Ruhepol wäre in einer Schlinge, die an einem Baum hängt. In dieser Schlinge befände sich mein Kopf und dazu würde ich Fado singen, bis die Noten nicht mehr aus meinem Mund kämen.

Aber ich war nie unsichtbar und werde es auch nicht sein. Und darum sage ich: Fuck you Schubladisierung!

by canela

Mit Kochschüssel, Charme und ohne Melone

Auf der Toilette darf man keine Frau heiraten. (Toilette Friedas Büxe)
Auf der Toilette darf man keine Frau heiraten. (Toilette Friedas Büxe)

Letzten Freitag besuchte ich ein Bloggertreffen, aber nur weil Bluetime mich gerettet hatte. Danke blonder Engel!

Mit WhatsApp und GoogleMaps (ich war der blaue Punkt, sie war der rote) fand sie mich schliesslich an einer Strasse und wir fuhren ins Restaurant um Fondue zu essen. Ich war in Sicherheit. Wahrscheinlich wäre ich sonst in der Nähe der ETH am Hönggerberg vor lauter Herumirren zusammengebrochen und elendlich zugrunde gegangen. Übrigens, danke SBB für deine präzisen Angaben im Internet! Ab Stadion „Sondundso“ nur 15 Gehminuten bis zur eingegebenen Adresse? Ich bin über eine Stunde herumgewandert!! Wie sagen die Jungen so schön: „DINI MUETER!“

Nach dem Fondue begab ich mich an den Zürcher Hauptbahnhof, um mich mit meinem Mitbewohner zu treffen. Wir wollten gemeinsam in Friedas Büxe tanzen gehen, weil mein Bruder auflegte. Also stand ich am Meeting-Point und wartete. Ich hatte keine Angst, dort zu stehen. Sonst wird’s mir meist etwas mulmig. Die Gestalten, die um diese Uhrzeit herumirren, sind mir nicht geheuer. Doch ich hatte eine Kochschüssel meines Bruders dabei, die endlich zurück zu ihrem Besitzer wollte. Die Schüssel gab mir Sicherheit. Es gibt schlimmere Begleiterinnen, nicht?

Endlich tauchte mein Mitbewohner auf mit einer jungen Frau im Schlepptau. Er hatte sie gerade kennengelernt und beschlossen, sie in unseren illustren Kreis bestehend aus der Kochschüssel, ihm und mir, aufzunehmen.

Gabriela war Argentinierin, die in Bolivien lebte und jetzt ein Stipendium für ein Jahr an der Uni in Lion bekommen hatte. Nach einer Woche Lion, erzählte sie mir auf spanisch, habe sie spontan beschlossen ihre Tante in Zürich zu besuchen. Also setzte sie sich in den Zug, um Stunden später am Bahnhof festzustellen, dass weder ihre Tante zuhause war noch Anrufe entgegennahm. Gabriela sah müde und verängstigt aus.

Also adoptieren mein Mitbewohner und ich die junge Frau und nahmen sie in unsere Gewahrsam. Der Plan war, dass sie mit uns tanzen und später bei uns übernachten würde. Glücklicherweise wohnte ihre Tante in der Nähe des Clubs, und um Mitternacht war ihre Tante endlich zuhause. Eine innige Umarmung von Gabriela war der Dank und schon verschwand sie im Treppenhaus.

Ab diesen Zeitpunkt hätte ich nachhause gehen können, weil mittlerweile das Fondue Rock’n Roll in meinem Magen tanzte. Doch ich wollte nicht vernünftig sein und die Kochschüssel wollte endlich zu ihrem Vater zurück.

In der Büxe angelangt, setzte ich mich in den Raucherraum, der einem Wohnzimmer glich. Kurz davor hatte mir mein Mitbewohner einen Jägermeister spendiert, der meinen rebellierenden Magen zur Ruhe brachte. Frisch gestärkt übergab ich feierlich die Schüssel meinem Bruder, der im Raucherwohnzimmer Musik auflegte. Im Gegenzug wurde mir E. vorgestellt: „Das ist E., mit ihr habe ich gearbeitet und das ist meine Schwester Canela. So, redet miteinander!“ Ay, ay Captain Risikogruppe!

Ich glaube, E. und ich plauderten zusammen über vier Stunden. Oft standen wir begeistert auf und fragten meinen Bruder, wie der Song hiesse, den er gerade abspielte. Ich habe sogar zu EINEM Song getanzt! (früher hätte ich die Nacht durchgetanzt. Heute bin ich froh, wenn ich irgendwo gemütlich sitzen kann und mit einem Fuss den Takt mit wippen darf).

Ab und zu wehrte ich tolpatschige Anmachsprüche ab mit Charme und ohne Melone. „Mein Kumpel sagt, du seist Griechin. Ich sage, du bist Italienerin!“ Oder „Er meint du seist ca. 30. Ich glaube, du bist um die 32!“ Ahhhhh, was für ein Genuss, wenn ich mein Alter preisgeben konnte und ich ihre erstaunten Gesichter betrachten durfte. Ich gebe es zu, mein Ego liebt solche Gesichtsausdrücke. „WAAAS DU BIST SCHON 48????“ Ja! Auf sowas stehe ich total!

Um 7 Uhr morgens, bewaffnet mit Mini-Pics und einem Schoko-Gipfel, erreichte ich mein Zuhause. Jetzt war ich echt müde…..Was für ein Freitag…

by canela

Sind berufstätige Frauen immer noch dekorative Vasen?

Es gibt Dinge im Leben, da denkt frau, man sei endlich immun dagegen. Abgehärtet, weil man  jahrelang im Arbeitsleben steckt und schon einiges erlebt hat. Aber das ist ein Trugschluss! Gönnerhafte Bemerkungen im Arbeitsalltag, bei dem frau nur auf das Aussehen reduziert wird, regen mich immer noch total auf.

Ich möchte Videos drehen, um Menschen zu zeigen, die dank ihrer Ausbildung  an unserem Institut, einen beruflichen Karriereschritt erreicht haben. Der Fokus liegt ganz klar auf der Person (in diesem Fall ist es ein Mann), die über unsere Qualität spricht, auch mit kritischen Äusserungen. Denn die Authentizität einer Aussage ruht unter anderem auch darauf, dass Verbesserungsvorschläge angebracht werden dürfen. Wenn nur alles schöngeredet wird, weiss jeder aufgeklärte Konsument, da stimmt was nicht!

Nun möchte mein Vorgesetzter, dass dieser Mann nur in den höchsten Tönen  lobt, was wir anbieten. Ich habe meinen Chef versucht zu überzeugen, dass man Glaubwürdigkeit nicht durch Superlative erreicht. Erfolglos! Zusätzlich möchte er, dass man mich oder seine hübsche Assistentin im Video sieht, da „sympathische Frauen“ gut ankommen, meint er. Hallo?! Ja klar, Chef, und bitte mit tiefem Ausschnitt und dick geschminkten Lippen.

Ich mag Komplimente, wegen meinem Aussehen, so ist es nicht. Ich mag berufliche Anerkennung. Und wenn man beides mixt und mir diesen Cocktail serviert, schlürfe ich gerne daran.

Doch am Liebsten, mag ich es, wenn ich im Job gelobt werde, eine erfolgreiches Projekt durchgeführt zu haben: Sprich höhere Zugriffszahlen auf die Website und den Verkauf der Produkte gefördert zu haben. Das ist mein Job und für das werde ich bezahlt. Meine Arbeit besteht nicht darin, als dekorative Vase da zu stehen, wie die Girls am Autosalon in Genf. Und da ich kein Modell bin, muss ich auch nichts mit meinem Aussehen verkaufen.

Kennt ihr das, Frauen? Ihr plant monatelang eine Aktivität, ihr bringt sie erfolgreich zum Schluss, ihr organisiert ein Apéro und das einzige was man zu hören kriegt, das Buffet sei super gewesen? Wäre ich eine Gastronomin, würde mich dieses Kompliment erfreuen. Aber ich mache Marketing. Ich will hören, dass  ich die Ziele erfolgreich umgesetzt habe, die wir gemeinsam zu Beginn des Projektes aufgestellt hatten. Eine Apéroplatte bei der Migros zu bestellen, ist weiss Gott nicht DIE Herausforderung in meinem Beruf.

Ich kann die Einstellung von Menschen, im speziellen von gewissen Männern, nicht ändern. Das weiss ich. Aber schlucken und nett lächeln, finde ich auch scheisse. Und wenn ein Video gedreht werden soll, auf dem man mich sieht, dann bin ICH der Star und nicht der nette Einschub.

by canela

Gestern und heute…

Als wir 12-jährige Mädchen waren, unterteilten wir uns in zwei Kategorien. In solche, die schon die Periode hatten und in solche, die sie noch nicht hatten.

Klar wollte jede zu der zweiten Gruppe gehören. Wer wollte schon keine „erwachsene“ Frau sein?! Eine Freundin offenbarte mir sogar, sie hätte sie noch nicht bekommen. Aber sie wolle unbedingt zu den Frauen gehören, und darum erzähle sie, sie habe sie schon. Ich schwieg dann wie ein Grab. Ich wollte ihren Fraustatus nicht zerstören.

Wir wollten so schnell wie möglich Frauen werden. Obwohl wir davor Angst hatten.

Heute ist es so, dass absolut keine in die Gruppe der „Menopausegefährdeten“ gehören will. Wir wollen alle noch menstruieren. Und das solange wie möglich. Trotz Bauchkrämpfe und PMS.

Denn Menstruieren bedeutet, noch nicht zu den Älteren zu gehören. Wir foppen uns gegenseitig, wenn sich eine beklagt, ihre Fältchen seien tiefer geworden. Oder wir senden uns Bildchen über Cremes gegen Fettablagerungen in der Menopause zu. Kaum hat eine ihre Mens zu spät, liegt über ihr das Damoklesschwert der Wechseljahre. Wir fürchten uns vor dieser neuen Ära.

Als wir Mädchen Frauen wurden (unser Massstab war nur die einsetzende Menstruation), fürchteten wir uns vor dem ersten Mal. Heute fürchten wir uns, dass es das letzte Mal hätte sein können.

Früher wollten wir immer einen älteren Freund, der viel Erfahrung hat. Heute darf er gerne jünger sein. Denn Erfahrungen haben wir selber genug gesammelt.

Gestern dachten wir, er sei für den Orgasmus zuständig. Heute wissen wir, dass wir dafür verantwortlich sind.

Als Mädchen fanden wir es normal, dass der Mann mehr verdient (vor 30 Jahren!). Obwohl wir es nicht verstanden. Heute verstehen wir nicht, wieso ein Mann mehr Lohn bekommt für die gleiche Arbeit. Normal ist das nicht!

Vor was wir uns gestern, weder als Mädchen, noch heute als Frau fürchten, was wir als normal empfinden und IMMER noch gut verstehen, ist: Wenn unser Geldbeutel wegen einem Schuhkauf leer ist. Neue Schuhe sind, damals wie jetzt,  ein Garant für einen kurzen Glücksmoment.

by canela