Mit über 50 einen Job finden?

Heute vor einem Jahr sass ich in einer Sitzung. Ich wollte die neuesten Marketingaktivitäten besprechen, stattdessen wurde mir aus heiterem Himmel gekündigt. Man wolle mein Pensum auf 60% reduzieren und zusätzlich neue Leute einstellen für das nächste Jahr, hiess es. Vier Monate später war ich stellenlos, obwohl ich schon am nächsten Tag begann Bewerbungen zu schreiben.

Was immer mir passiert, es ist meine Entscheidung, wie ich darauf reagiere

Man hatte mir gekündigt und ich war 51 Jahre alt. Diese Tatsache schleckte keine Geiss weg. Wie ich auf diese Tatsache reagiere würde, stand jedoch unter meinem Einfluss.

„Über 50 und keinen Job? Das wird hart, man liest ja überall, dass „blablabla“ und „blablabla.“ Oder „Wie kannst du nur so fröhlich auf deine Kündigung reagieren? Weisst du wie schwer es ist für Menschen über 50, einen Job zu finden? Du verschliesst die Augen vor der Realität!“

Ich spürte IHRE Angst. Ein Monster, das diese Menschen in ihren Klauen gefangen hielt. Ich hingegen beschloss, auf die Kündigung mit Freude und Hoffnung zu reagieren.

Was will ich tun? Wofür brenne ich?

Endlich hatte ich Zeit, jeden Morgen in den Wald zu gehen und zu fotografieren. Holy Shit, was für ein Glück! Endlich konnte ich lesen und lernen. Ich entschied, mein „Ich-will-unbedingt-nach-Island-Geld“ in eine Weiterbildung zu investieren.

Ich half Anderen bei ihrer Website oder bei Marketingangelegenheiten. Ich half Fenster putzen und malte ein Garagentor an. Ich nahm eine Freundin auf, die keine Wohnung und Geld hatte und verbrachte eine tolle Zeit mit ihr. „Du bist mutig, jemand in deiner Situation aufzunehmen,“ sagten sie. Aber, ob ich für zwei kochte oder drei, spielte keine Rolle für mich. Und für mich war klar: Ich will kein Geld für meine Unterstützung.

Die Angst will gesehen werden

Die Angst – keinen Job mehr zu finden – war da. Statt sie in den Keller zu verbannen und ihr so Macht über mich zu geben, blieb ich in Kontakt mit ihr und schaute sie an.

Ich stellte mir diese Angst immer wieder als kleines, ängstliches Mädchen vor, das gehört und gesehen werden wollte. Es mag seltsam klingen, doch ich führte Gespräche mit meiner Angst. Ich schloss die Augen, meditierte und ich bekam Antworten. Sobald ich einen Dialog erlaubte, mir aufschrieb, was sie beschäftigte, verschwand sie für Wochen.

Meine Vision trieb mich an, wie die Sonne die Pflanzen zum Wachsen bringt

Ich besuchte eine Weiterbildung und bezahlte diese mit meinem Reisegeld. Statt zu hadern, dass ich dieses Geld nicht für mein „Island“ einsetzen konnte, freute ich mich auf neues Wissen.

Zudem entfachte sich in mir eine Vision, eine treibende Kraft, die mir immer wieder sagte: „Im Herbst, ab September oder Oktober, arbeitest du wieder“ Diese Vision war mein Treibstoff.

Ich bestimme, was meine Realität ist

Ein paar Male las ich Berichte über arbeitslose Psychologen, Bankers und IT-Leute, die keinen Job mehr fanden. Sie hatten teilweise über 300 Bewerbungen geschrieben! „Über 50 und stellenlos, was nun?“

Was für ein Fehler! Denn diese Artikel mästeten mein kleines, ängstliches Mädchen zu einem riesigen, fucking Monster. Ich sah mich schon mittellos und hungernd unter einer Brücke am Feuer stehen.

Also konzentrierte ich mich wieder auf das, was mir gut tat. Ich bewegte mich täglich, meditierte, schrieb Bewerbungen, lernte und plauderte mit meiner Angst, wenn sie sich meldete. Ich war glücklich und dankbar.

Als die Krise kam und mich ungebremst in den Boden stampfte

Anfangs Oktober unterschieb ich einen Vertrag. Meine Mutter meinte, als ich sie freudig anrief, ich sei eine Hexe. Sie wusste von meiner Vision, dass ich im September oder im Oktober einen Job finden würde.

Einen Tag später, als die Firma meinen unterschriebenen Arbeitsvertrag erhielt, riefen sie mich an und sagten: „Frau Canela, wir habe sie verwechselt! Wir wollten jemanden anderen anstellen. Wir kündigen ihnen. Sorry, für das Versehen.“ Ich fiel aus allen Wolken. Was für ein harter Aufprall!

Dann kam die Krise. Nicht, weil ich diesen Job nicht bekommen hatte. Sondern weil mein Verstand mir weismachen wollte, dass meine Vision pure Einbildung gewesen sei. Diese Kraft, die mich all diese Monate aufrecht gehalten hatte, war weg. Die Quelle der Energie, die mich antrieb zu lernen, zu walken und mich fröhlich und zuversichtlich stimmte, schien gekappt zu sein. Mein Kopf behauptete: „Canela, DU hast versagt!“

Ich ging nicht mehr walken. Ich liess mich von der Angst auffressen und betäubte mich mit Netflix-Serien. Ich lag nur noch herum. Schrieb ich Bewerbungen, sagte mein Kopf: „Du wirst nichts mehr finden. Dich will niemand.“

Dann entschied ich mich für Hilfe. Ich ging zu meinem Psychosynthese-Coach. Ich raffte mich auf und lernte, die Spannung zwischen keimender Hoffnung und tiefer Sinnlosigkeit auszuhalten. Es war verdammt scheisse!

Ich meditierte wieder und dieses Gefühl, dass ich bald einen neuen Job finden würde, kam zurück. Mein Verstand jedoch zweifelte und lachte mich nach diesen Meditationen aus. „Du machst dir nur was vor!“, sagte er. Aber ich weiss seit langem, dass man nicht alles glauben soll, was man denkt.

Nach 145 Bewerbungen, vielen Vorstellungsgesprächen und Absagen, starte ich mit 52 Jahren einen neuen Job im Dezember. Ich habe mich nur um zwei Monate getäuscht.

10 Dinge, die ich gelernt habe

  1. Die Angst ist da, aber ich bin nicht die Angst.
  2. Sich mit Menschen zu umgeben, die Mut zu sprechen und an mich und meine Intuition glauben, gibt Kraft.
  3. Schlechtwetter-Macher und Realitätenkenner sind wie der Teufel das Weihwasser zu meiden.
  4. Geduld zu üben, ist nicht einfach. Die Leere und Spannung auszuhalten, wenn alles zusammenbricht, ist verdammt schwierig.
  5. Nein zu einem Job-Angebot zu sagen, wenn es sich nicht stimmig anfühlt, trotz Angst.
  6. Ich kann die Wahrnehmung meiner Realität beeinflussen. Ich kann einen Zeitraum als schön oder kacke erleben. Es ist mein Entscheid.
  7. Job-Absagen sagen nichts über mich oder meine Fähigkeiten aus.
  8. Menschen helfen, macht mich total glücklich.
  9. Ich hole mir Hilfe, wenn es mir scheisse geht.
  10. Ich, als Mensch, kann NICHT versagen! Es sind Ideen, die ich habe oder Entscheidungen, die ich fälle, die nicht immer funktionieren.

text by canela

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Leise Melancholie

Meine Mutter sagte immer: „Me gustan los hombres con barbas (mir gefallen Männer mit Bart)“. Eine Vorliebe, die ich vermutlich von ihr „geerbt“ habe.

Fink ist mein Lieblingsnasenbär. 2006 hörte ich das erste Mal einen Song von ihm auf KanalK. Mein Musikherz hatte ihn sofort adoptiert! Und als ich beim Googlen feststellte, dass er einen Bart trug, war ich entzückt.

Eine Freundin und ich waren vor zwei Jahren an seinem Konzert. Dort habe ich zum ersten Mal bewusst wahrgenommen, dass die Zeit auch an mir nicht spurlos vorbei gegangen war. Denn als wir den Konzertsaal verliessen, hatte ich Rückenschmerzen. Das lange Stehen hatte mir zugesetzt. Wir suchten eine Sitzgelegenheit und fanden ein rotes Sofa beim Ausgang. Beide stöhnten glücklich, als wir uns niederliessen. Ich sagte zu ihr: „Verdammt, wir werden alt!“ Sie lächelte und nickte. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt erfolgreich die Tatsache verdrängt, dass auch ich älter werde.

Heute habe ich diesen Kurzfilm über ihn gesehen. Er spricht, unter anderem, über das Alleinsein. Und über den Zustand der Leere, wenn man sich ihr hingibt. Dass er sich weniger alleine fühle, wenn er auf der Bühne stehe.

This is the thing

I don’t know if you notice anything missing
Like the leaves on the trees or my clothes all over the floor
I don’t know if you’ll even notice at all
Coz I was real quiet when I closed the door

And the things that keep us apart keep me alive and
The things that keep me alive keep me alone

Ein paar Monate später war ich am Konzert von Alt-J. Dieses Mal hatte ich Sitzplätze gekauft.

text by canela, music by Fink

Frau Trotzig

„Ich arbeite hier seit 20 Jahren und habe noch nie einen einzigen Tag wegen Krankheit gefehlt“, erzählt sie mir trotzig. Sie erinnert mich an diese fremden Kindern, die einem unaufgefordert und mit sichtlichem Stolz einen fast toten, blutigen Regenwurm unter die Nase halten.

Ihre Mundwinkel sind erstarrt in der 8.20 Uhr-Position, die blauen Augen kalt wie ein Bergsee. Sollte jemals Güte, Mitgefühl sowie echten Mut in diesem Gesicht gewohnt haben, dann sind sie durch ihre 20-jährige körperliche Gesundheit getötet worden.

Als ich ihr einmal spontan ein Kompliment für ihre hübsche Bluse gemacht habe, erntete ich ein misstrauisches „Danke!“ Später verstand ich ihre Unsicherheit. „Als du zu uns gekommen bist, sagten die da oben, es käme wenigsten eine, die gut aussehen würde.“

Offensichtlich kuscht sie schon seit Jahren, denn ihre Sätze beginnen meist mit: „Also jetzt muss ich wirklich mal sagen, dass…“ Die Kombination „Also-jetzt-muss-ich wirklich-mal“ brauchen Menschen, die lange den Mund aus Angst gehalten haben. Menschen, die glauben man Schulde ihnen etwas. Menschen, die sich als Opfer fühlen.

Erstaunlich ist, wie sie ihren Frust und ihre Ohnmacht Gift spukend versprüht, wenn sie von „denen da oben“ spricht, sie jedoch bewusst und ohne mit der Wimper zu zucken, ihre unsichere Arbeitskollegin mit einer spitzen Bemerkung verletzt. Denn das „Nach-unten- treten“ ist für sie ein Recht auf Selbstbestimmung.

Und wenn sie mich mit ihren Eiskühlfachaugen anspricht und mir eigentlich eine Frage stellen möchte, die sie aber mit folgenden Wörtern beginnt: „Also jetzt muss ich wirklich mal sagen, dass…“ dann hat sie es bei mir schlichtweg verkackt. Dann werde ich zu dem, was sie ist: Frau Trotzig.

text and pic by canela

 

 

 

Septemberblatt

September, mein stiller Freund. Dein Grün ist müde geworden.
Ich würde gerne ein Orchester für all die Menschen spielen lassen, die im kalten Wasser verschwanden.

Für all die Seelen, die das Meer mit ihren unerfüllten Hoffnungen fütterten.
Für all die Väter und Mütter, die ihre Kinder im dunklen Wasser ertrinken sahen.
Für all die Tränen des Verlusts, die ganze Ozeane füllen.

September, mein stiller Freund. Dein Grün ist müde geworden.

text by canela
music – dustin o’halloran, a great divide

 

50 is not the end

Ich sitze im Zug. Ein junger, hübscher Mann tritt ins Zugabteil und fragt: „Ist hier noch frei?“ Ich nicke. Kaum sitzt er mir gegenüber, ziehe ich meinen Bauch ein. Gott sei Dank dauert die Fahrt nur 29 Minuten.

Ich bin vermutlich doppelt so alt wie er. Und trotzdem verirrt sich mein Blick in seinen Bart aus dem ein paar blonde Haare glänzen, wie Goldfäden. Ich mag Bärte. Ich mag das Knistern, wenn ich mit den Fingern darüber fahre. Ich geniesse es, ihn heimlich zu beobachten. Seine weichen Gesichtszüge und seine vollen Lippen. Er schreibt seine Nachrichten mit den Daumen. Ein Kind aus der Daumengeneration.

Heute bin ich 50. Ich weiss gar nicht, wie man sich dabei fühlen soll. 50 soll das neue 40 sein, habe ich gelesen. Was heisst das überhaupt? Ich kann mir nichts darunter vorstellen.

Mein Leben zusammengefasst:

Mit 20 besass ich eine Matura und wollte die Welt verändern. Um die 30 hatte ich einen Autounfall und mir wurde bewusst, dass das Leben endlich ist. Meine erste Ehe kam und ging. Ich habe in Las Vegas geheiratet, mit Stretch-Limousine. Immerhin. Mit 40 wusste ich, dass ich Krebs besiegen und zwei Fehlgeburten überleben kann, ohne daran zu zerbrechen. Ich habe einen gesunden Sohn auf die Welt gebracht, trotz all den Unkenrufen der Ärzte. Auch die zweite Ehe kam und ging.

Nun besuche ich eine Weiterbildung. Ich will später vor Menschen sitzen nicht vor dem Computer. Ob ich das wirklich tun werde, weiss ich nicht. Doch dieses Lernen, das Erfahren machen mich glücklich. Canela, was willst du werden, wenn du gross bist? Glücklich!

Ich liebe elektronische Musik, zum Beispiel die Mixes, die mein Bruder zaubert. Ich liebe Jazz aus Skandinavien, ich mag Stoner Rock und Männer mit Bart, die Singer Songwriter sind.

Ich liebe meinen Sohn. Ich liebe die Natur, kitschige Sonnenuntergänge und Regenbogen. Ich liebe meine Freundinnen und Freunde. Ich liebe meine Familie.

Ich feiere immer noch ab und zu bis in die Morgenstunden. Ich bin eine Prinzessin und will Königin werden. Ich leide, wenn ich sehe, was gerade in der Welt geschieht. Ich werde wahnsinnig wütend, wenn man meine Grenzen nicht respektiert. Ich weine wegen der Schönheit von Wolken, Bäumen und von Momenten. Ich lache über krude Witze und über mich. Ich falle hin und stehe wieder auf.

Nichts ist mit 50 vorbei. Mit 50 bleibt man nicht stehen, wenn man noch die Welt entdecken will. 50 ist nicht das Ende, definitiv nicht.

text and pic by canela

Alice im Wunderland – Kopf ab, Menopause!

Christiania, Kopenhagen 2014
Christiania, Kopenhagen 2014

Ich fühle mich wie Alice im Wunderland. Die Menopause bringt mich zum Staunen und ich verstehe vieles nicht mehr.

Früher war ich mit Beseitigen von Pickeln beschäftigt. Jeder getötete Pickel ein Triumph. Heute ziehen mich Härchen am Kinn in den Bann. Sie spriessen wie Unkraut. Hatten damals die Pickel mein ganzes Selbstbewusstsein zerstört, zupfe ich heute die Härchen mit einem leisen Seufzer und spiele Grinsekatze vor dem Spiegel.

Mein Uterus hat sich schlafen gelegt, er blutet nur noch alle paar Monate. Er schickt meinen Hormonen Nachrichten wie: „Hey geht schlafen, sie braucht euch nicht mehr!“ Frau PMS ist zwar weg, doch mit ihr auch meine Libido. Vermutlich ist sie verstaut in einem grossen Koffer. So war der Deal nicht, mein liebes Fräulein!

Wenn die Hormone umgezogen sind und die Libido ihr Dornröschenschlaf hält, kommen das Fett und die Faulheit auf die Bühne. Ein Paar, das sich auf einer Datingplattform über eine Matchingformel gefunden hat und nun über ihre Liebesgeschichte erzählt inklusive Fotos. Dämlich lächelnd an ihrer Hochzeit, gefolgt vom obligaten Foto mit Faulheits Schwangerschaft. Meine Kleider kneifen und zwicken. Ich kann mich aber beim besten Willen nicht erinnern, Zaubertrank getrunken zu haben, der mich in die Breite wachsen lässt.

Und dann kommt die Raupe ins Spiel. Ich frage sie: „Welchen Weg soll ich nehmen? Ich habe fast mein halbes Leben hinter mir und nun will ich etwas anderes.“ Sie sagt:“ Was ist dein Ziel?“ Und ich antworte ehrlich: „Ich habe keinen blassen Schimmer.“ „Dann spielt es auch keine Rolle, welchen Weg du nimmst“, meint sie rauchend.

„Verdammt! Wer hat meine Törtchen geklaut?“, fluche ich wie die Herzkönigin und schreie verzweifelt: „Kopf aaaab!!!“

„Kopf ab“ für den luftleeren Raum ohne Kompass, in dem ich mich befinde. „Kopf ab“, weil ich beruflich dem falschen Hasen gefolgt bin und mich an einer Teeparty mit Miesmachern, Braunzünglern und Machtmissbrauchern befinde. Wo sind nur der verrückte Hutmacher und der Märzhase?

Ich fühle mich wie Alice im Wunderland. Alice ist geschrumpft und gewachsen. Alice hat sich verirrt und zurückgefunden. Alice hat gegen den Jabberwocky gekämpft und ihn besiegt. Zurück in ihrer Welt tat sie das, was sie für richtig hielt. Meine Hoffnung auf ein Happy End bleibt.

text by canela
pic by canela

Absolute Entschlossenheit Grenzen zu setzen

Ich bin bekannt für meine rigorosen Erziehungsmethoden. Wenn ich „Nein!“ sage, dann meine ich „Nein!“ Meine Erziehungsmaxime beruht auf Strenge, Ordnung und Disziplin. Ich weiche nie vom Weg ab. Nie! Das weiss mein Sohn.

Ich bin sozusagen der Fels in der Brandung des „Ich-will-Mama“-Meers. Ich bin die barbusige  Jeanne d’Arc, die für eine Sache kämpft: dem Junior Grenzen zu setzen! Ich bin der Winkelried aller „Aber, Mamaaa!“-Speere, die heroisch in seiner Brust stecken.

Hier ein Beispiel, um meine Festung des Grenzensetzens zu beweisen:

In der Migros betrachtete ich die Auswahl an WC-Bürsten. Diese Auswahl erstaunt mich jedes Mal. Was für Formen und Farben! Habe ich mich für eine Bürste entschieden, beschleicht mich immer wieder das mulmige Gefühl, nicht richtig ausgewählt zu haben. Aber das ist eine andere Geschichte. Kommen wir zum Kernthema dieses Posts: Absolute Entschlossenheit Grenzen zu setzen!

Nun, während ich in den Formen der Bürsten versunken war, fasste mich plötzlich sanft die kleine Hand meines Kindes an der Schulter. Ich drehte mich um und ein Tamagotchi in blauer Verpackung starrt mich direkt an.

Er (Gesicht versteckt hinter der Verpackung): „Darf ich es haben?“

Ich (stark, eisern, konsequent): „NEIN, NEIN!“

Er (Tamagotchi wird an die Brust gekrallt, die Schultern meines Sohnes senken sich in Zeitlupentempo,  dunkelbraune Augen weiten sich – perfekter Hundeblick mit Jöh-Effekt – und blicken mich treuherzig an.): „Aber Mamaaa, ich habe mir schon immer jemand gewünscht, für den ich Sorgen kann.“

Ich (mein Mutterherz sticht. Oh mein Gott, wie süss! Halt durch Canela, lass dich nicht einlullen. Argh… seine Augen glänzen, weint er? Bitte nicht! Bitte nicht! Ich bin hart!!!):  „NEIN!“

Er (weinerliche Stimme, heftige Umarmung seinerseits, sein Kopf liegt an meiner Brust, seine Augen schauen mich inbrünstig flehend an, als würde er mich anbeten): „Aber Mamaaa, du hattest auch eins, als du Kind warst.“

Ich: „NEIN?“

Er (lächelt, blinzelt mit den Augen, innige Umarmung, als ob er ertrinken würde): „Mama?“

Ich (in meinem Inneren rumpelt es gewaltig, das Bollwerk der absoluten Entschlossenheit fällt zusammen). „O.k……………“

Immerhin drei „Neins“.

by canela

Als Frau mit 50 unsichtbar? Goht’s no?

Neulich sah ich diese Sendung – Ab 50 Jahr- Frau unsichtbar? – und fand mich in fast keinem der angesprochenen Themen persönlich betroffen. Ausser bei diesem Satz: “ Wenn du dich unsichtbar fühlst, wirst du unsichtbar!“

Als kleines Mädchen lachte man mich aus, weil mein Haar zu zwei Zapfenlocken modelliert worden war (meine Mutter verbrachte Stunden, um mein Haar zu zähmen, was bei mir in regelmässigen Schreiattacken mündete) und ich kitschige, spanische Kleider trug mit schwarzen Lackschuhen. „Hahaha, du gesehsch us wie es Bäbi! So doof!“ O.k. es war vielleicht nicht gerade die adäquate Kleidung, um eine Freundin auf dem Bauernhof zu besuchen.

Als junge Schülerin, wurde ich gerne vom Arschloch der Klasse vermöbelt (Er: Du Liliputaner! Doing! Ich: Auaaaa…). Nachdem der Missetäter von der Lehrerin gerügt worden war, beschränkte er sich dann aufs Haare reissen. Zog er an meinen Zöpfen oder Zapfenlocken (die Frisur war eh immer nach Mutters Befinden) ging ich los wie eine Heulboje.

In der Pubertät wäre ich gerne unsichtbar gewesen. Denn die vielen Pickel in meinem Gesicht griffen arg mein Selbstbewusstsein an. Aber auch die Pubertät ging äusserlich vorbei (ich stecke heute noch in der Pubertät, versuche aber möglichst erwachsen zu wirken). Und ich wurde wieder sichtbar für mich. Denn für mein Umfeld war ich es immer gewesen.

Heute als Frau mit bald 50 Jahren, die von Weitem noch von 19-jährigen angeflirtet wird, bis die Jungs merken, das ich gar nicht mehr so jung bin und sie dann verstört auf die Seite schauen, wenn sie an mir vorbei spazieren, ja heute fühle ich mich immer noch sichtbar wie eh und je. Und in zwei Jahren soll ich also unsichtbar sein? Schissdräck!

Ab 50 werden Frauen nicht mehr von den Männern wahrgenommen? Sorry Guys, ihr aber auch nicht von den Frauen

Was soll das bedeuten, ab 50 ist die Frau unsichtbar? Darf ich nun überallhin, ohne dass ich gesehen werde? Nur weil mich geifernde Blicke nicht mehr verfolgen, bin ich unsichtbar? Und für wen, bin ich unsichtbar? Für Typen, die mich nicht interessieren?

Habt ihr Fotos von Single-Männer auf Singleplattformen und Onlinedatingportale gesehen? Äbä! Hier noch einen Erfahrungsbericht zu Singleportalen, den ich vor Jahren schrieb: Wann sollte man die Finger von Männern lassen.

Dann dieses Gerede mit der Menopause und den Veränderungen bei der Frau. Klar habe ich Probleme, dass mein Äusseres nachlässt. Hallo? Ich bin eitel wie Sau! Am Morgen sehe ich aus wie ein vermöbelter Boxer, nur ohne Blut. Wenn ich vergesse die Creme für die Nacht aufzutragen, fühlt sich meine Haut wie die Mumie von Tutenchamun an am nächsten Morgen. Die Schweissausbrüche machen sie auch ab und zu bemerkbar, ohne dass mich ein geiler Typ angesprochen hätte. Und eine durchzechte Nacht sieht man mir noch eine Woche später an. Tough shit!

Unser Busen wird schlaff und hängt? Unser Hintern wabbelt und die Cellulite überfällt unseren Körper wie eine Heuschreckenplage? Dann seht euch mal Typen in unserem Alter an: Sie kriegen Brüste, einige einen Bauch und ihre Eier hängen auch. Glaubt mir, DAS ist nicht unsichtbar, liebe Männer!

Klar spinnen neuerdings meine Hormone und ich raste aus wie eine Löwin auf Badesalz. Neulich hat mein grosser Mitbewohner sogar die Messer (Brotmesser, Schnitzmesser und andere Messer) vorsorglich versteckt. Oder das pure Gegenteil geschieht: der einzige für mich vorstellbare Ruhepol wäre in einer Schlinge, die an einem Baum hängt. In dieser Schlinge befände sich mein Kopf und dazu würde ich Fado singen, bis die Noten nicht mehr aus meinem Mund kämen.

Aber ich war nie unsichtbar und werde es auch nicht sein. Und darum sage ich: Fuck you Schubladisierung!

by canela

Mit Kochschüssel, Charme und ohne Melone

Auf der Toilette darf man keine Frau heiraten. (Toilette Friedas Büxe)
Auf der Toilette darf man keine Frau heiraten. (Toilette Friedas Büxe)

Letzten Freitag besuchte ich ein Bloggertreffen, aber nur weil Bluetime mich gerettet hatte. Danke blonder Engel!

Mit WhatsApp und GoogleMaps (ich war der blaue Punkt, sie war der rote) fand sie mich schliesslich an einer Strasse und wir fuhren ins Restaurant um Fondue zu essen. Ich war in Sicherheit. Wahrscheinlich wäre ich sonst in der Nähe der ETH am Hönggerberg vor lauter Herumirren zusammengebrochen und elendlich zugrunde gegangen. Übrigens, danke SBB für deine präzisen Angaben im Internet! Ab Stadion „Sondundso“ nur 15 Gehminuten bis zur eingegebenen Adresse? Ich bin über eine Stunde herumgewandert!! Wie sagen die Jungen so schön: „DINI MUETER!“

Nach dem Fondue begab ich mich an den Zürcher Hauptbahnhof, um mich mit meinem Mitbewohner zu treffen. Wir wollten gemeinsam in Friedas Büxe tanzen gehen, weil mein Bruder auflegte. Also stand ich am Meeting-Point und wartete. Ich hatte keine Angst, dort zu stehen. Sonst wird’s mir meist etwas mulmig. Die Gestalten, die um diese Uhrzeit herumirren, sind mir nicht geheuer. Doch ich hatte eine Kochschüssel meines Bruders dabei, die endlich zurück zu ihrem Besitzer wollte. Die Schüssel gab mir Sicherheit. Es gibt schlimmere Begleiterinnen, nicht?

Endlich tauchte mein Mitbewohner auf mit einer jungen Frau im Schlepptau. Er hatte sie gerade kennengelernt und beschlossen, sie in unseren illustren Kreis bestehend aus der Kochschüssel, ihm und mir, aufzunehmen.

Gabriela war Argentinierin, die in Bolivien lebte und jetzt ein Stipendium für ein Jahr an der Uni in Lion bekommen hatte. Nach einer Woche Lion, erzählte sie mir auf spanisch, habe sie spontan beschlossen ihre Tante in Zürich zu besuchen. Also setzte sie sich in den Zug, um Stunden später am Bahnhof festzustellen, dass weder ihre Tante zuhause war noch Anrufe entgegennahm. Gabriela sah müde und verängstigt aus.

Also adoptieren mein Mitbewohner und ich die junge Frau und nahmen sie in unsere Gewahrsam. Der Plan war, dass sie mit uns tanzen und später bei uns übernachten würde. Glücklicherweise wohnte ihre Tante in der Nähe des Clubs, und um Mitternacht war ihre Tante endlich zuhause. Eine innige Umarmung von Gabriela war der Dank und schon verschwand sie im Treppenhaus.

Ab diesen Zeitpunkt hätte ich nachhause gehen können, weil mittlerweile das Fondue Rock’n Roll in meinem Magen tanzte. Doch ich wollte nicht vernünftig sein und die Kochschüssel wollte endlich zu ihrem Vater zurück.

In der Büxe angelangt, setzte ich mich in den Raucherraum, der einem Wohnzimmer glich. Kurz davor hatte mir mein Mitbewohner einen Jägermeister spendiert, der meinen rebellierenden Magen zur Ruhe brachte. Frisch gestärkt übergab ich feierlich die Schüssel meinem Bruder, der im Raucherwohnzimmer Musik auflegte. Im Gegenzug wurde mir E. vorgestellt: „Das ist E., mit ihr habe ich gearbeitet und das ist meine Schwester Canela. So, redet miteinander!“ Ay, ay Captain Risikogruppe!

Ich glaube, E. und ich plauderten zusammen über vier Stunden. Oft standen wir begeistert auf und fragten meinen Bruder, wie der Song hiesse, den er gerade abspielte. Ich habe sogar zu EINEM Song getanzt! (früher hätte ich die Nacht durchgetanzt. Heute bin ich froh, wenn ich irgendwo gemütlich sitzen kann und mit einem Fuss den Takt mit wippen darf).

Ab und zu wehrte ich tolpatschige Anmachsprüche ab mit Charme und ohne Melone. „Mein Kumpel sagt, du seist Griechin. Ich sage, du bist Italienerin!“ Oder „Er meint du seist ca. 30. Ich glaube, du bist um die 32!“ Ahhhhh, was für ein Genuss, wenn ich mein Alter preisgeben konnte und ich ihre erstaunten Gesichter betrachten durfte. Ich gebe es zu, mein Ego liebt solche Gesichtsausdrücke. „WAAAS DU BIST SCHON 48????“ Ja! Auf sowas stehe ich total!

Um 7 Uhr morgens, bewaffnet mit Mini-Pics und einem Schoko-Gipfel, erreichte ich mein Zuhause. Jetzt war ich echt müde…..Was für ein Freitag…

by canela

Sind berufstätige Frauen immer noch dekorative Vasen?

Es gibt Dinge im Leben, da denkt frau, man sei endlich immun dagegen. Abgehärtet, weil man  jahrelang im Arbeitsleben steckt und schon einiges erlebt hat. Aber das ist ein Trugschluss! Gönnerhafte Bemerkungen im Arbeitsalltag, bei dem frau nur auf das Aussehen reduziert wird, regen mich immer noch total auf.

Ich möchte Videos drehen, um Menschen zu zeigen, die dank ihrer Ausbildung  an unserem Institut, einen beruflichen Karriereschritt erreicht haben. Der Fokus liegt ganz klar auf der Person (in diesem Fall ist es ein Mann), die über unsere Qualität spricht, auch mit kritischen Äusserungen. Denn die Authentizität einer Aussage ruht unter anderem auch darauf, dass Verbesserungsvorschläge angebracht werden dürfen. Wenn nur alles schöngeredet wird, weiss jeder aufgeklärte Konsument, da stimmt was nicht!

Nun möchte mein Vorgesetzter, dass dieser Mann nur in den höchsten Tönen  lobt, was wir anbieten. Ich habe meinen Chef versucht zu überzeugen, dass man Glaubwürdigkeit nicht durch Superlative erreicht. Erfolglos! Zusätzlich möchte er, dass man mich oder seine hübsche Assistentin im Video sieht, da „sympathische Frauen“ gut ankommen, meint er. Hallo?! Ja klar, Chef, und bitte mit tiefem Ausschnitt und dick geschminkten Lippen.

Ich mag Komplimente, wegen meinem Aussehen, so ist es nicht. Ich mag berufliche Anerkennung. Und wenn man beides mixt und mir diesen Cocktail serviert, schlürfe ich gerne daran.

Doch am Liebsten, mag ich es, wenn ich im Job gelobt werde, eine erfolgreiches Projekt durchgeführt zu haben: Sprich höhere Zugriffszahlen auf die Website und den Verkauf der Produkte gefördert zu haben. Das ist mein Job und für das werde ich bezahlt. Meine Arbeit besteht nicht darin, als dekorative Vase da zu stehen, wie die Girls am Autosalon in Genf. Und da ich kein Modell bin, muss ich auch nichts mit meinem Aussehen verkaufen.

Kennt ihr das, Frauen? Ihr plant monatelang eine Aktivität, ihr bringt sie erfolgreich zum Schluss, ihr organisiert ein Apéro und das einzige was man zu hören kriegt, das Buffet sei super gewesen? Wäre ich eine Gastronomin, würde mich dieses Kompliment erfreuen. Aber ich mache Marketing. Ich will hören, dass  ich die Ziele erfolgreich umgesetzt habe, die wir gemeinsam zu Beginn des Projektes aufgestellt hatten. Eine Apéroplatte bei der Migros zu bestellen, ist weiss Gott nicht DIE Herausforderung in meinem Beruf.

Ich kann die Einstellung von Menschen, im speziellen von gewissen Männern, nicht ändern. Das weiss ich. Aber schlucken und nett lächeln, finde ich auch scheisse. Und wenn ein Video gedreht werden soll, auf dem man mich sieht, dann bin ICH der Star und nicht der nette Einschub.

by canela