Willkommen Pubertät

Bye bye Kindheit, willkommen Pubertät!

Die Zeit, in der man als Mutter noch mehr mit der eigenen Doppelmoral und Inkonsequenz konfrontiert wird.

Die Zeit, in der man Wasser predigt, Wein dazu trinkt und das Rauchen einer transzendentalen Zigarette verteufelt. Weil man ja selber viel später mit all den bösen Versuchungen des Lebens angefangen hat. Weil man vergisst, wie man selber in dieser Zeit war. Und ja, weil man nur das Beste fürs Kind möchte. Das aus ganzem Herzen.

Die Zeit, in der man morgens mit einem Gegrummel begrüsst wird, statt mit einer Umarmung. Die Phase, in der man mit den eigenen Ängsten in Berührung kommt, weil sich das Kind abnabelt und man es immer noch beschützen möchte. Weil man sich ganz fest wünscht, es möge doch gesund und glücklich bleiben. Weil man hofft, es möge noch lange Kind im wohligen Nest bleiben statt flügge zu werden.

Die Pubertät, in der man als Mutter Zurückweisungen aushält, trotzdem in Kommunikation bleiben muss und Grenzen (die man selber manchmal nicht einhält) ziehen soll.

Weil Pubertät eine Station ist mit einem Bahnhof, der auch eine gefährliche und vergammelte Seite hat, nebst der Schönen. Und man nicht möchte, dass sich das Kind zu lange an diesem Ort aufhält.  Und man hofft, dass der nächste Zug für die kommende Destination schnell eintreffen werde.

Bye bye Kindheit, willkommen Pubertät!

by canela

Kartoffelsalat mit Ei – eine Allegorie

Neulich habe ich gelesen: Es ist nicht das Erlebte oder die Umstände, die dich verändern. Es ist dein Wesen, deine Persönlichkeit wie du darauf reagierst. Das kochende Wasser macht die Kartoffel weich, aber das Ei hart.

So gesehen war ich die Kartoffel und du das Ei. Wir hätten einen schmackhaften Kartoffelsalat mit Ei abgeben können. Mit Kräutern, die wir zusammen gepflückt hätten. Mit der Sauce, die wir gemeinsam angerührt hätten.

Doch du, als Ei, wolltest nicht aus deiner Schale. Denn ohne Schale wärst du weich und verletzlich gewesen. Meine Kartoffelpelle hingegen war vor dem Kochen schon zart. Und nachher hättest du mein weiches Inneres erst recht mühelos zu Brei zerdrücken können.

Ich hätte dir und mir die richtige Zubereitung zugetraut. Deine Angst – die Schale zu verlassen – war jedoch grösser als deine Lust auf Kartoffelsalat mit Ei.

by pic and text canela

Das Haus

In mir gibt es ein Haus mit vielen unterschiedlichen Bewohnerinnen.

Die Diva, die sich nur von der glamourösen Seite zeigt und bewundert werden möchte.
Das ängstliche Mädchen, das sich vor Gespenstern fürchtet und nach Schutz sucht.
Die Kritikerin, die alles genau unter die Lupe nimmt, bewertet und kommentiert.
Die Misstrauische, die manchmal nicht mal ihren eigenen Gefühlen traut.
Die Unsichere, die sich am liebsten am Rande einer Menschenmenge aufhält.
Die Waldfee, die zwischen Bäumen und Flüssen fliegt und jeden Sonnenauf- und untergang anbetet.
Die Sensible, die nicht auf einem Bett schlafen kann, wenn eine Erbse unter der Matratze liegt.
Die Sinnliche, die jede Berührung geniessend empfängt und jede Berührung zurückgibt.
Die Verächtliche, sie sich über andere lustig macht.
Die Naive, die an das Gute glaubt.
Die Ehrgeizige, die jedes Ziel erreichen will, die sie sich gestellt hat.
Die Wütende, die sofort zurück schlägt, wenn sie angegriffen wird.
Die Bösartige, die genau weiss, wo deine Schwachstelle ist und darin bohrt.
Die Weiche, die keine schrecklichen Bilder sehen kann, ohne zu weinen.
Die Fröhliche, die fremde Leute anlächelt und die den Kindern kurz die Zunge rausstreckt, wenn sie sie anstarren.

Sie alle und noch ein paar mehr wohnen in meinem Haus. Ich kenne sie alle und gut. Und obwohl sie unterschiedlich sind, haben sie nur eine Seele.

Wenn ich dir nun sage, ich schenke dir meine Seele, bist du dir bewusst, dass du eine Sippe dazu bekommst? Ein Haus voll mit verschiedenen Frauen?

Jetzt liegt es an dir: Gehst du in die Angst oder in die Liebe?

text and pic by canela

10 und 51

Ich sass mit meiner Mutter in der Küche in Málaga. Zwei Gläser Tinto de Verano auf dem Tisch. „Ist das normal, wenn man vergisst was war? Ich meine, ich vergesse manchmal sogar, dass es deinen Vater gab. Als wäre ich nie verheiratet gewesen…“ sagte Mutter. „Ich weiss nicht. Fühlt es sich gut an für dich?“ fragte ich zurück. „Ich war noch nie so glücklich wie jetzt.“ sagte sie und nahm einen Schluck aus dem Glas. „Das ist doch was zählt, nur das.“ und ich prostete ihr zu. Meine Mutter wird nächstes Jahr 80 Jahre alt.

„Werde ich deinem Vater gerecht? Ist das richtig ihn zu vergessen?“ fragte mich Mutter nochmals.

„Hier geht es doch nicht um richtig und falsch. Diese Frage nützt dir nichts, wenn du sie dir stellst. Vater, war ein Arschloch! Ein Mann, der seine Traurigkeit und Unsicherheit immer wieder auf uns alle ausgekotzt hat. Es ist also kein Wunder, dass du ihn ab und zu vergisst. Immerhin, sein Bild steht ja jetzt auch auf dem Klavier zusammen mit Grossmutter und Grossvater.““Es hat fünf Jahre gedauert.“ „Ach er soll froh sein, dass er jetzt einen Logenplatz in der Ahnengalerie auf dem Klavier erhalten hat!“

Meine Mutter lachte. „Weisst du, was er jetzt sagen würde, wenn er uns zwei sähe?“ Ich grinste und antwortete: „Novea las dos hijas de putas!!“ Wir prosteten uns nochmals zu.

Mein Blog wird übrigens heute zehn Jahre alt, und ich bin vor ein paar Tagen 51 geworden. Ich habe also noch Zeit, um Dinge zu bewusst zu vergessen, die für mich nicht mehr von Bedeutung sind und um glücklich zu sein. Und wenn ich Dinge nicht vergessen möchte, schreibe ich sie auf oder fotografiere sie. Vielleicht nochmals 10 Jahre…

text by canela

Schüchterner Frühling

Hallo schüchterner Frühling…

Ein vom Baum herunter gefallener Kuss erblicken. Auf einem Baumstrunk sitzen und den Eisvogel beobachten. Schwäne, die gemeinsam nebeneinander im Wasser gleiten und dir „Hallo“ sagen. Das Kräuseln der Wasseroberfläche bestaunen. Am Fenster stehen und der in Schönheit sterbende Tag geniessen, der Wolken in allen Farben malt. Vögel, die morgens so laut trällern, als ob sie den Frühling herbei singen wollten.

pic and text by canela

Sonntagsgedanke

IMG_5423Als ich dieses Bild betrachtete, dachte ich: „Wow, ich werde alt! Unter den Augen ein Karpatengebirge. Die Konturen meines Gesichts mäandrieren vor sich hin. Und dann der Hals…. Ziehharmonika lässt grüssen. Ich bin nicht mehr so schlank wie früher. Dabei achte ich doch auf mich. Ich esse gesund und bewege mich oft. Gott sei Dank sieht man meine Figur nicht auf dem Bild.“

In 20 Jahren werde ich sagen: „Wow, war ich jung! Dieser verträumte Blick. Ich war voller Tatendrang. Alles war am Körper, wo es hingehörte. Meine Figur weiblich und schön. Schade sieht man das nicht auf dem Bild. Diese Locken….. Und ach, war das ein wunderbarer, lustiger, sonniger Tag mit Freunden am See.“

Darum übe ich gerade: Wow, das bin ich. Ich bin richtig. Die Menschen, die ich mag, mögen mich so, wie ich bin. Ich finde mich schön.“

text and pic by canela

 

24.12.2015

Ich sitze auf einem grossen Stein am Fluss und beobachte, wie sich der Himmel verändert. Mein Hintern fühlt sich kalt an.

Ein Specht klopft fleissig an einen Baumstamm. Ich schaue in die Wipfel der Bäume, doch ich sehe ihn nicht. Beim Wegfliegen der Enten höre ich das Singen ihrer Flügel.

Ein Hund bellt, rennt, freut sich aufs Stöckchen.

Ein Paar spaziert Hand in Hand an mir vorbei. Ich wünsche ihnen frohe Festtage, lächle sie an und ihre starren Gesichter schauen mich erstaunt an.

Wir sollten alle Weihnachten haben. So wie der Hund oder wie der Specht. Oder wie die Enten. Immer.

pic & text by canela

 

Wo finde ich dich?

Als er mich fragte, wieso ich spirituell geworden sei, antwortete ich: „Verzweiflung! Es war pure Verzweiflung.“ Er senkte den Blick und wirkte betroffen. Ich weiss nicht, welche Antwort er erwartet hatte. Er hob den Blick und wirkte unsicher. „Was hast du gefunden?“, fragte er.
Und ich erwiderte: „Ich habe wenige Antworten und viele Fragen gefunden.“

Am Freitag, 13. November 2015, war ich am Morgen im Dom von Sankt Blasien im Schwarzwald. Von aussen wirkt dieses Gottesgebäude unauffällig. Innen ist der Dom fast weiss und unheimlich schön. Als befände man sich im Himmel.

Ein älterer Herr mit himmelblauen Augen war unser Begleiter. Seine charismatische, humorvolle aber auch kritische Ausführung, wie der Dom entstanden ist, begeisterte mich. Ich spürte seinen Glauben an den christlichen Gott. Es war dieser offene und nicht eingrenzende Glaube. Dieses Vertrauen, das jedem Menschen seinen gebührenden Platz gibt.

Seine Rede beendete er: „Gott ist nicht Rächer und Bestrafer. Wir müssen uns nicht vor Gott fürchten!“

„Gott ist Licht!“

Der letzte Satz traf mich mitten ins Herz.

Abends erfuhr ich von Paris. Und ich fragte mich: „Falls es dich gibt, so wie es in den Religionen beschrieben ist, wo finde ich dich?“

text canela
music dustin tebbutt

Vom schönsten Plätzchen der Welt

Neulich fragte mich jemand, ob er mich besuchen dürfe, damit er meinen Wald fotografieren könne. Ich müsse ihm nicht die schönsten Plätzchen zeigen, meinte er. Ich antwortete darauf hin, dass es mich freuen würde, wenn er meinen Wald sehen wolle. Aber ich hätte keine Lieblingsplätze. Ich weiss nicht, ob er mich verstanden hatte.

Der schönste Ort der Welt für mich ist der Moment, in dem sich mein Blick und meine anderen Sinne in einer harmonischen Einheit befinden. Diese Ganzheit löst bei mir Glücksgefühle und Verbundenheit aus. Und genau dann befinde ich mich am schönsten Platz überhaupt.

Kürzlich war ein Blatt das schönste Plätzchen, das ich je gesehen hatte. Während dem Walken erblickte ich im Laub ein Blatt, in dem ein Baum eine Nachricht hinterlassen hatte. Er hatte sich selber auf das Blatt gemalt. Als wäre es ein Abschiedsbrief an sein Laubkleid. Das Erkennen des Baumabbildes in einem seiner Blätter, verwandelte dieses Pflanzenteilchen für mich – für einen Augenblick – in den schönsten Ort der Welt.

text and pics by canela

Fliegender Teppich

Wenn ich walke, blicke ich meistens zu den Kronen der Bäume. Oder ich beobachte ein Eichhörnchen mit dunklem flauschigem Schwanz, das mich anstarrt. Ab und zu stolpere ich, weil die Wurzeln der Bäume den Boden durchbrechen.

Doch wenn es geregnet hat, schaue ich genau auf den Boden, damit ich keine Schnecken oder Regenwürmer plattmache. Gelingt mir nicht immer.

Gestern sah ich dieses Blatt mit den Regentropfen. Man möge mich eine kindliche Träumerin nennen. Doch ich stellte mir vor, wie das eine Regentröpfchen zum Anderen sagte: „Man hat mir gesagt, man könne mit Blätter fliegen.“ Worauf das andere antwortete: „Genau! So wie mit einem fliegenden Teppich!“ Und die anderen Regentropfen brüllten: „Fliegen, fliegen, fliegen!“ Bis sie kicherten.

text and pic by canela