Mein Herz war prall. Es platzte fast aus allen Nähten. Bis er mich küsste und es gab einen grossen Knall. Es war geplatzt!
Es ergoss sich zuerst über seine blauen Augen, er musste sie schliessen. Dann über sein ganzes Gesicht. Und während mein Herzblut sich über ihn ergoss, schwebte ich und fühlte wie er mich hielt. Er war durchtränkt.
Unser Atem ging stossweise und die Augen immer auf das Gesicht des Gegenübers ruhend. Verankert im Blick des Andern.
Wartete ich auf dich, mein Kleiner. Und weil es mir gefällt, was ich dir vor einem Jahr schrieb, hier nochmals.
Als ich vor zwei Jahren auf dich wartete, war ich ja ziemlich blauäugig. Und das trotz meinen braunen Augen. Ich hatte überhaupt keinen Schimmer, was mich wirklich erwarten würde. Obwohl ich schon viel darüber gehört und gelesen hatte.
Sagte sich mein Darm und Magen und begannen wie ein frisches Quellwasser zu sprudeln. Drei Tage und Nächte lang lag oder sass ich auf dem Thron in den Heiligen Hallen des Gottes Tualetos.
Heute bin ich 3 kg leichter und um drei Klopapierrollen ärmer.
Heute kam er mit neuer Haut am Rücken aus dem Operationssaal. Stunden später, als er aufwachte und seine Frau und jüngste Tochter sah, machte er wieder seine alten Sprüche. Er stritt sich mit seiner Tochter, bis sie ihn wutentbrannt zum Teufel schickte, nicht ohne vorher ein Foto von ihm gemacht zu haben und alsdann den Raum Türe zuschletzend verliess. So ist er, und wenn er am Verrecken wäre, immer eins noch auf den Deckel hauen.
Seine älteste Tocher bekam das MMS heute und sah einen alten hilflos dreinblickenden Mann mit geschwollenen Augen. Und als sie diese Bild sah, geschah etwas was sie nie für möglich gehalten hätte: Sie bekam Mitleid. Oder nein, es war nicht Mitleid, es war Mitgefühl. Und die plötzliche Angst er könne sterben, stieg in ihr auf und machte ihr Herz klamm. Dabei hatte sie sich seinen Tod so oft als junges Mädchen gewünscht. Doch nicht alle Wünsche gehen sofort in Erfüllung. Man weiss manchmal nur nicht, ob das gut oder schlecht ist.
Dabei erinnerte sie sich genau wie laut sie gelacht hatte, als sie von der jüngeren Schwester erfuhr, ihr Vater habe sich mit einer Heizdecke den Rücken verbrannt. Den Rücken verbrannt?! Wo hatte man sowas schon mal gelesen noch gehört? Gemeinsam lachten sie, weil es sich wie ein Ammenmärchen anhörte. Nur dass es in unserer Zeit keine Ammen mehr gibt und an Märchen glaubten die zwei Frauen schon länger nicht mehr.
Und beide Frauen dachten: Ist das die Strafe für all seine Taten? Für seine Bösartigkeit und Verachtung? Für seine tiefe Hilflosigkeit, die er durch seine Ausbrüche versuchte zu verstecken? Das würde ja bedeuten, dass es Gerechtigkeit gibt. Aber wenn das Gerechtigkeit wäre, würde dieses Geschehnis Erleichterung und Befreiung bedeuten. Das tat es aber nicht.
Wie fühlt man sich überhaupt, wenn einem Gerechtigkeit widerfährt und wer beurteilt, was gerecht ist? dachte sich die älteste Tochter und beschloss, ihn bald besuchen zu gehen. Im Sommer.
Bei uns gibt es ein Mädchen, dass durch Ihre Körpergrösse ziemlich auffällt. Ich glaube, es ist mindestens 1.80. Wobei aus meiner Warte aus, fast alle 1.80 sind. Doch dieses Mädchen ragt richtig heraus aus der Masse.
Sie ist kräftig gebaut und wenn sie geht, wirkt sie sogar ein bisschen burschikos. Sie trägt Hip Hop-Kleider. Die Hosen hängen irgendwo unsichtbar am Hintern befestigt herum.
Sie ist hübsch, aber ich glaube, sie weiss es noch nicht. Sie ist in der Pubertät. In dieser Zeit verliert man sich und findet sich wieder. Dann verliert man sich und findet sich wieder. Bis man denkt, man habe sich gefunden.
Vor ein paar Tagen sah ich sie; sie ist ja nicht zu übersehen. Ihr Gesicht war violett und blau. Als ob man auf sie eingedroschen hätte. Ein Auge sah aus wie eine dicke Brombeere, die bald platzen wird. Ich erschrak. Mein erster Gedanke war: Wer legt sich mit so einem grossen Mädchen nur an? Also ich hätte mich nie getraut. Und vorallem, wer hat soviel Kraft, sie so zu verhauen?
Als ich einen Berater fragte, ob er wisse, was mit diesem Mädchen passiert sei, meinte er, dieses Gesicht hätte man ihr wohl zuhause verpasst. Auf die Idee, dass jemand von der Familie das Mädchen so zugerichtet haben könnte, wäre ich nicht gekommen.
Heute ertrank mein Blick in all dem Grün, welches die Wälder und Wiesen zeigten, und ich musste ihn mit den starren Buchstaben im Buch beruhigen. Als ich dann weiter las, sprudelten die Lettern wie eine Quelle und ich versuchte mit offenem Mund ein paar Tropfen zu fangen.
Was ich sehe, nehme ich erst ein paar Sekunden später wahr. Mein Blick ist müde. Er hat zu lange Fernsehen geschaut. Metallica flimmerte letzte Nacht über den Bildschirm, mein Blick blieb hängen und mein Kopf nickte zum Takt. Als ich heute morgen aufstand, suchte er den kleinen schwarzen Schatten. Nicht bewusst, nur aus reiner Gewohnheit. So ist nun mal mein Blick, ein Gewohnheitstier! Aber nirgends war das leise Schwarz zu sehen. Keine gelben Augen, die an mir klebten. Mein Blick ist ein alter Dusel, unflexibel und starr. Wieso sollte er sich so schnell etwas Neues gewöhnen?
Als ich dann auf den Balkon schaute, erfreute sich mein Blick. Die Aussicht auf heute Abend, die Pflänzchen begiessen zu können und zu sehen, ob sie schon ein bisschen gewachsen sind, machte mich glücklich. Die Vorstellung, dass meine Augen die braune Erde absuchen werden, ob sich die Samen aus dem Päckchen “Wildflowers of Oregon” schon eingegraben haben und neues Grün ausspucken, liess meinen Blick glänzen.
Und dann knisterte es im Raum, ich drehte mich schnell um und mein Blick suchte die Wohnung ab. Aber es bewegte sich nichts. Meinen Blick umzugewöhnen wird dauern, aber mein Gehör wird wohl längers aufbegehren. Es ist wesentlich empfindlicher als mein Blick. Denn auch an Geräusche kann man sich gewöhnen. Auch wenn sie längst im Nichts verhallt sind.
Manchmal muss man sich ablenken. Man kann nicht immer Trübsal blasen und an den schwarzen Kater denken. Zumal die Gefahr besteht, ein Auge oder gar zwei zu verlieren.
Mein Kleiner betrachtet mich prüfend und fragt: “Bist du traurig? Soll ich dich trösten?” Und dann tätschelt er mir den Kopf und sagt: “Mama, Büsi kommt bald, bald nachhause.” Und er tätschelt weiter und zwar so, dass er mir fast das rechte Auge herausschlägt. Sowas nennt man stürmische Liebe. Oder schlagende Argumente .
Also bevor ich erblinde, habe ich mich entschieden meinen Balkon etwas aufzupeppen und Canelito und ich haben Blümchen und Kräuter gepflanzt. Die meisten Blumen hat er ausgesucht.
Anmerkung an mich: Neue Digicam kaufen und dann vor Canelito verstecken.
Jetzt ist er tot! Heute morgen wurde er eingeschläfert, Mr. Monk für die anderen. S’Büsi für uns.
“FIP“, meinte die Tierärztin. Ich schaute sie an: “Was heisst FIP?” “Er hat einen Virus, der ist tödlich. Sehen Sie, der Bauch ist voller Flüssigkeit. Es gibt keine Heilung für diese Krankheit. Wir müssen ihn einschläfern!”
Kaum sagt sie das, heulte ich los wie eine Sirene, als hätte sie ein Knöpfchen gedrückt, das nur wartete, ausgelöst zu werden. Mein Sohn sah mich an und meinte leise: Mama muesch ned brüele! Und tätschelte meine Hand.
S’Büsi war ein seltsamer Kater. Er kam aus einem Tierheim und war immer zurückhaltend und schüchtern. Er liess sich von niemanden streicheln. Bis ich ihn soweit hatte, dass er sich von mir streicheln liess, vergingen Monate. Nur in den letzten drei Wochen lag er konstant neben oder auf mir. Er liess sich sogar von Canelito streicheln und herzen. Ich wusste nicht, dass Tiere Nähe suchen wenn sie bald sterben werden.
Übrigens ein Notfall ist teurer als sterben: Euthanasie Fr. 73.-, Notfall Fr. 80.-