Vom schönsten Plätzchen der Welt

Neulich fragte mich jemand, ob er mich besuchen dürfe, damit er meinen Wald fotografieren könne. Ich müsse ihm nicht die schönsten Plätzchen zeigen, meinte er. Ich antwortete darauf hin, dass es mich freuen würde, wenn er meinen Wald sehen wolle. Aber ich hätte keine Lieblingsplätze. Ich weiss nicht, ob er mich verstanden hatte.

Der schönste Ort der Welt für mich ist der Moment, in dem sich mein Blick und meine anderen Sinne in einer harmonischen Einheit befinden. Diese Ganzheit löst bei mir Glücksgefühle und Verbundenheit aus. Und genau dann befinde ich mich am schönsten Platz überhaupt.

Kürzlich war ein Blatt das schönste Plätzchen, das ich je gesehen hatte. Während dem Walken erblickte ich im Laub ein Blatt, in dem ein Baum eine Nachricht hinterlassen hatte. Er hatte sich selber auf das Blatt gemalt. Als wäre es ein Abschiedsbrief an sein Laubkleid. Das Erkennen des Baumabbildes in einem seiner Blätter, verwandelte dieses Pflanzenteilchen für mich – für einen Augenblick – in den schönsten Ort der Welt.

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Farbenpracht

Letzhin fuhr ich meinen Sohn in die Schule. Mein Blick ruhte nicht nur auf der Strasse. Jeder Strauch, jede Wolke und jeder Baum wurde von mir mit einem: „Oh schau da! Oder dort! Hach ist das nicht schön? Wow der Himmel! Oh mein Gott diese Farben im Wald,“ kommentiert. Mein Sohn rollte mit den Augen und schüttelte den Kopf.

Ich war völlig hin und weg. Der Himmel wusste nicht, ob er dunkelgrau oder hellblau erscheinen soll. Wolken sahen aus wie Wellen, Ufos, Drachen oder Bären. Die Wälder – je nach Lichteinfall – waren blass- bis dunkelgrün bestückt mit orangefarbenen und gelben Tupfen.

Ich fuhr fort mit meinen „Ohhhs“ und „Hachs“. Plötzlich rief mein Sohn entnervt: „Also echt Mama! Komm mal runter! Man könnte meinen du seist erst drei und hast die Welt soeben entdeckt!“

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