Hallo Juni

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Zärtlichkeit eines Frühlingsregens

Es gibt für mich fast nichts Zärtlicheres als ein leichter Frühlingsregen im Wald. Die unschuldigen Liebkosungen auf meinem Gesicht eines jungen Frühlings, der noch nicht erwachsen ist.

Die Tropfen benetzen meine Lippen wie ein flüchtiger Kuss eines Liebhabers, der sich am Morgen verabschiedet. Behutsame Berührungen von Regentropfen, die meine Wimpern streifen und die Wolken schenken mir all die Tränen, die ich nicht weinen konnte. Wer nicht weinen kann, kann auch nichts sehen.

Obwohl ich den Kopfhörer trage und Dustin O’Hallorans Klavierspiel lausche, höre ich auch das Rieseln des Regens auf den Ästen und Knospen, die sich tanzend im Takt dazu bewegen. Der Wald, ein Ballsaal der aufkeimenden Hoffnung. Zartes Grün, das sich nichts sehnlicheres wünscht, als endlich spriesen zu dürfen.

Ein Mäusebussard stösst einen hohen Schrei aus und die Amsel schreckt zwitschernd auf als ich an ihr vorbeilaufe. Der Eisvogel hat mittlerweile eine Gefährtin gefunden. Und die nasse Pusteblume steht am Weg und hält die Stellung.

Früher wollte ich lieber in einen Baum fahren als ins Büro. Ich hätte diesen Frühlingsregen verpasst.

pic and text by canela

Wer weint schon wegen rosa Cirruswolken?

Seit Wochen walke ich meine Wut aus den Poren.  Jeden Tag! Statt sie zu schlucken, nutze ich ihre Energie als Antrieb.

Mein Gesicht ist dabei nicht verbissen wie die eines Joggers. Nicht konzentriert wie die eines Velofahrers. Meist lächle ich beim Gehen, glaube ich…Wenn ich durch den Wald ziehe, blicke ich nach vorne oder nach oben, selten auf den Boden.

Ich habe einen Eisvogel gesehen, sein Gefieder war leuchtend hellblau. Eichhörnchen beobachtet, die sich spielend verfolgen. Vogelgezwitscher gehört, immer in Dur und nie in Moll. Das Vogelhaus Nr. 216 scheint noch unbewohnt zu sein.

Ich betrachte den Fluss, dessen Farbe sich immer wieder verändert – Dunkelgrün bis helles Flaschengrün. Ich bestaune den Himmel mit seinen Wolkenkompositionen. Manchmal sind die Wolken abends so fluffig rosa, dass ich vor Ergriffenheit weine. Und dann bin ich froh, dass ich alleine bin. Wer weint schon wegen rosa Cirruswolken?!

Gestern am Abend prangte die Sonne wie ein riesiger orangefarbener Ball am Himmel. Ich fotografierte sie, doch es gelang mir nicht, dieses Gefühl von Staunen und Schönheit im Bild festzuhalten. Die Sonne sieht auf dem Bild wie ein gelbes Smarties aus, kein Vergleich zu der grossen Feuerkugel am Firmament. Ich werde mich mit der Erinnerung begnügen müssen.

Vielleicht ist Weinen der Anfang von Trauer, wenn die Wut verblasst ist.

text and pics by canela

November, du weisst wie’s geht

Lieber November, du hast mich mit deinen Farben nochmals verzückt. Du bist ein Monat, der nicht so schnell alles preisgibt. Ich habe oft gewartet, bist du bereit warst, dich zu zeigen.

Eigentlich bist du ein gemütlicher Monat mit einem Hauch von Melancholie. Gemütlich, weil es morgens meist neblig war und du noch nicht so ganz farbig daher kommen wolltest. Melancholisch, weil du mir trotz Farbenpracht gezeigt hast, dass vieles am Sterben ist. Doch eins muss ich dir lassen: Niemand stirbt so schön wie du!

Du wolltest dieses Jahr jedoch nicht kalt und abweisend sein. Nein. Du hast dich kokett mit fast frühlingshaften Temperaturen geschmückt. „Seht her! Ich kann auch wärmer!“ Du alter Kindskopf!

Abends hast du mir oft die volle Dröhnung gegeben. Was für Sonnenuntergänge! Wahrlich, langweilig warst du nicht! Nur halt nicht so schnell, wie andere Monate. Langsam loslassen war deine Prämisse. Das hast du gekonnt umgesetzt.

Danke, November! Du wirst zwar nicht mein Lieblingsmonat, hast aber dieses Jahr doch einige Punkte wettgemacht in meiner Werteskala der Monate.

Ciao, bis nächstes Jahr….

text and pics by canela