Schüchterner Frühling

Hallo schüchterner Frühling…

Ein vom Baum herunter gefallener Kuss erblicken. Auf einem Baumstrunk sitzen und den Eisvogel beobachten. Schwäne, die gemeinsam nebeneinander im Wasser gleiten und dir „Hallo“ sagen. Das Kräuseln der Wasseroberfläche bestaunen. Am Fenster stehen und der in Schönheit sterbende Tag geniessen, der Wolken in allen Farben malt. Vögel, die morgens so laut trällern, als ob sie den Frühling herbei singen wollten.

pic and text by canela

Ich stelle mir vor

Manchmal, wenn ich im Zug sitze, male ich mir Geschichten aus. Ich stelle mir vor, du sässest mir gegenüber. Beide vertieft in einem Buch und glücklich, nicht reden zu müssen.

Du weisst, dass ich ab einer bestimmten Strecke nicht mehr lese, weil ich meinen Blick durch das Fenster schweifen lasse, um über den Wald und die Wiesen zu fliegen. Ich spüre den sanften Wind, während ich durch die Baumkronen schwebe. Die vom Tau nassen Blätter streifen mein Gesicht, und es riecht nach Birken,Tannen, Erde und Fluss. Dann gleite ich tief hinunter zu den Wiesen. Es duftet nach Blumen und die Halme streicheln mein Gesicht.

Du beobachtest mich, erkennst an meinem reisenden Blick, wie ich diesen Moment geniesse. Du weisst, dass ich das erlebe, was ich mir ausmale.Dann schaue ich dich an, lächle und du wischst mir ein Tautropfen von meiner Wange.

Ich stelle mir vor, dass du mir gegenüber sitzt. Willst du wissen, wie ich heute meine Haare trage? Meine Haare sind zu einem Zopf geflochten. Du magst das doch.Und weil du vis-à-vis von mir sitzst, beugst du dich zu mir vor, küsst meine Stirne, streichelst meine Wange und fährst sachte mit deiner Hand über meinen Zopf.

Die Frau neben dir, scheint deine zärtliche Geste zu missfallen. Ich lächle sie an und sie spendet mir dafür einen giftigen Blick. Sie hat diesen trotzigen Ausdruck einer Frau, die einsam ist und es nicht zugibt. Sie schaut dich an und denkt: „Pah, mich würdest du nicht so einfach kriegen!“ Sie hat klare Vorstellungen, wie ein Mann zu sein hat und was sie vom Leben will.

Was sie nicht weiss, ist, dass ich diese auch habe. Meine Vorstellungen und Prinzipien jedoch werfe ich sofort über Bord, wenn ich sie als selbstauferlegte Schranken empfinde. Was sie nicht weiss, ist, dass Loslassen, das Einzig wahre ist, wenn sich etwas schwer anfühlt.

Ich stelle mir vor, wie du aufstehst und das Abteil im Zug wechselst.

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Wer weint schon wegen rosa Cirruswolken?

Seit Wochen walke ich meine Wut aus den Poren.  Jeden Tag! Statt sie zu schlucken, nutze ich ihre Energie als Antrieb.

Mein Gesicht ist dabei nicht verbissen wie die eines Joggers. Nicht konzentriert wie die eines Velofahrers. Meist lächle ich beim Gehen, glaube ich…Wenn ich durch den Wald ziehe, blicke ich nach vorne oder nach oben, selten auf den Boden.

Ich habe einen Eisvogel gesehen, sein Gefieder war leuchtend hellblau. Eichhörnchen beobachtet, die sich spielend verfolgen. Vogelgezwitscher gehört, immer in Dur und nie in Moll. Das Vogelhaus Nr. 216 scheint noch unbewohnt zu sein.

Ich betrachte den Fluss, dessen Farbe sich immer wieder verändert – Dunkelgrün bis helles Flaschengrün. Ich bestaune den Himmel mit seinen Wolkenkompositionen. Manchmal sind die Wolken abends so fluffig rosa, dass ich vor Ergriffenheit weine. Und dann bin ich froh, dass ich alleine bin. Wer weint schon wegen rosa Cirruswolken?!

Gestern am Abend prangte die Sonne wie ein riesiger orangefarbener Ball am Himmel. Ich fotografierte sie, doch es gelang mir nicht, dieses Gefühl von Staunen und Schönheit im Bild festzuhalten. Die Sonne sieht auf dem Bild wie ein gelbes Smarties aus, kein Vergleich zu der grossen Feuerkugel am Firmament. Ich werde mich mit der Erinnerung begnügen müssen.

Vielleicht ist Weinen der Anfang von Trauer, wenn die Wut verblasst ist.

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November, du weisst wie’s geht

Lieber November, du hast mich mit deinen Farben nochmals verzückt. Du bist ein Monat, der nicht so schnell alles preisgibt. Ich habe oft gewartet, bist du bereit warst, dich zu zeigen.

Eigentlich bist du ein gemütlicher Monat mit einem Hauch von Melancholie. Gemütlich, weil es morgens meist neblig war und du noch nicht so ganz farbig daher kommen wolltest. Melancholisch, weil du mir trotz Farbenpracht gezeigt hast, dass vieles am Sterben ist. Doch eins muss ich dir lassen: Niemand stirbt so schön wie du!

Du wolltest dieses Jahr jedoch nicht kalt und abweisend sein. Nein. Du hast dich kokett mit fast frühlingshaften Temperaturen geschmückt. „Seht her! Ich kann auch wärmer!“ Du alter Kindskopf!

Abends hast du mir oft die volle Dröhnung gegeben. Was für Sonnenuntergänge! Wahrlich, langweilig warst du nicht! Nur halt nicht so schnell, wie andere Monate. Langsam loslassen war deine Prämisse. Das hast du gekonnt umgesetzt.

Danke, November! Du wirst zwar nicht mein Lieblingsmonat, hast aber dieses Jahr doch einige Punkte wettgemacht in meiner Werteskala der Monate.

Ciao, bis nächstes Jahr….

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Die Schatten sind die Kinder der Nacht

Foto-5

Da ging die Sonne unter und hinterliess ihre Schatten.
Schatten sind die Kinder der Nacht.

Der Fluss glitt vorbei , mit kleinen Wellen winkte er mir zu.
Wellen werden das Meer nähren.

Die Bäume verloren ihr Kleider.
Farbige Herzen ruhten zu ihren Füssen.

Und während ich diese Bild bewunderte, wusste ich:
Die Natur ist eine Malerin.

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