Mit über 50 einen Job finden?

Heute vor einem Jahr sass ich in einer Sitzung. Ich wollte die neuesten Marketingaktivitäten besprechen, stattdessen wurde mir aus heiterem Himmel gekündigt. Man wolle mein Pensum auf 60% reduzieren und zusätzlich neue Leute einstellen für das nächste Jahr, hiess es. Vier Monate später war ich stellenlos, obwohl ich schon am nächsten Tag begann Bewerbungen zu schreiben.

Was immer mir passiert, es ist meine Entscheidung, wie ich darauf reagiere

Man hatte mir gekündigt und ich war 51 Jahre alt. Diese Tatsache schleckte keine Geiss weg. Wie ich auf diese Tatsache reagiere würde, stand jedoch unter meinem Einfluss.

„Über 50 und keinen Job? Das wird hart, man liest ja überall, dass „blablabla“ und „blablabla.“ Oder „Wie kannst du nur so fröhlich auf deine Kündigung reagieren? Weisst du wie schwer es ist für Menschen über 50, einen Job zu finden? Du verschliesst die Augen vor der Realität!“

Ich spürte IHRE Angst. Ein Monster, das diese Menschen in ihren Klauen gefangen hielt. Ich hingegen beschloss, auf die Kündigung mit Freude und Hoffnung zu reagieren.

Was will ich tun? Wofür brenne ich?

Endlich hatte ich Zeit, jeden Morgen in den Wald zu gehen und zu fotografieren. Holy Shit, was für ein Glück! Endlich konnte ich lesen und lernen. Ich entschied, mein „Ich-will-unbedingt-nach-Island-Geld“ in eine Weiterbildung zu investieren.

Ich half Anderen bei ihrer Website oder bei Marketingangelegenheiten. Ich half Fenster putzen und malte ein Garagentor an. Ich nahm eine Freundin auf, die keine Wohnung und Geld hatte und verbrachte eine tolle Zeit mit ihr. „Du bist mutig, jemand in deiner Situation aufzunehmen,“ sagten sie. Aber, ob ich für zwei kochte oder drei, spielte keine Rolle für mich. Und für mich war klar: Ich will kein Geld für meine Unterstützung.

Die Angst will gesehen werden

Die Angst – keinen Job mehr zu finden – war da. Statt sie in den Keller zu verbannen und ihr so Macht über mich zu geben, blieb ich in Kontakt mit ihr und schaute sie an.

Ich stellte mir diese Angst immer wieder als kleines, ängstliches Mädchen vor, das gehört und gesehen werden will. Es mag seltsam klingen, doch ich führte Gespräche mit meiner Angst. Ich schloss die Augen, meditierte und ich bekam Antworten. Sobald ich einen Dialog erlaubte, mir aufschrieb, was sie beschäftigte, verschwand sie für Wochen.

Meine Vision trieb mich an, wie die Sonne die Pflanzen zum Wachsen bringt

Ich besuchte eine Weiterbildung und bezahlte diese mit meinem Reisegeld. Statt zu hadern, dass ich dieses Geld nicht für mein „Island“ einsetzen konnte, freute ich mich auf neues Wissen.

Zudem entfachte sich in mir eine Vision, eine treibende Kraft, die mir immer wieder sagte: „Im Herbst, ab September oder Oktober, arbeitest du wieder“ Diese Vision war mein Treibstoff.

Ich bestimme, was meine Realität ist

Ein paar Male las ich Berichte über arbeitslose Psychologen, Bankers und IT-Leute, die keinen Job mehr fanden. Sie hatten teilweise über 300 Bewerbungen geschrieben! „Über 50 und stellenlos, was nun?“

Was für ein Fehler! Denn diese Artikel mästeten mein kleines, ängstliches Mädchen zu einem riesigen, fucking Monster. Ich sah mich schon mittellos und hungernd unter einer Brücke an einem Feuer stehen.

Also konzentrierte ich mich wieder auf das, was mir gut tat. Ich bewegte mich täglich, meditierte, schrieb Bewerbungen, lernte und plauderte mit meiner Angst, wenn sie sich meldete. Ich war glücklich und dankbar für diese geschenkte Zeit.

Als die Krise kam und mich ungebremst niederstampfte

Anfangs Oktober unterschieb ich einen Vertrag. Meine Mutter meinte, als ich sie freudig anrief, ich sei eine Hexe. Sie wusste von meiner Vision, dass ich im September oder im Oktober einen Job finden würde.

Einen Tag später, als die Firma meinen unterschriebenen Arbeitsvertrag erhielt, riefen sie mich an und sagten: „Frau Canela, wir habe sie verwechselt! Wir wollten jemanden anderen anstellen. Wir kündigen ihnen. Sorry, für das Versehen.“ Ich fiel aus allen Wolken. Was für ein harter Aufprall!

Dann kam die Krise. Nicht, weil ich den Job nicht bekommen hatte, sondern weil meine Vision zerbrochen war. Diese Kraft, die mich all diese Monate aufrecht gehalten hatte, war nicht mehr da. Mein Kopf sagte mir: „Canela, DU hast versagt!“

Ich ging nicht mehr walken. Ich liess mich von der Angst auffressen und betäubte mich mit Netflix-Serien. Ich lag nur noch herum. Dann entschied ich mich für Hilfe. Ich ging zu meinem Psychosynthese-Coach.

Ich raffte mich auf, lernte die Spannung zwischen keimender Hoffnung und tiefer Sinnlosigkeit aushalten. Es war verdammt scheisse!

Ich meditierte wieder und spürte, dass ich bald einen neuen Job finden würde. Mein Verstand zweifelte zwar und lachte mich nach diesen Meditationen aus. „Du machst dir nur was vor!“, sagte er. Aber ich weiss seit langem, dass man nicht alles glauben soll, was man denkt.

Nach 145 Bewerbungen, vielen Vorstellungsgesprächen und vielen Absagen, starte ich mit 52 Jahren einen neuen Job im Dezember. Ich hatte mich nur um zwei Monate getäuscht…

10 Dinge, die ich gelernt habe

  1. Die Angst ist da, aber ich bin nicht die Angst.
  2. Ich umgebe mich mit Menschen, die mir Mut zu sprechen und an mich und meine Intuition glauben.
  3. Ich meide Schlechtwetter-Macher und Realitätenkenner wie der Teufel das Weihwasser.
  4. Geduld zu üben, ist nicht einfach. Die Leere und Spannung auszuhalten, wenn alles zusammenbricht, ist verdammt schwierig.
  5. Nein zu einem Job-Angebot zu sagen, wenn es sich nicht stimmig anfühlt, trotz Angst.
  6. Ich kann meine Realität beeinflussen. Ich kann einen Zeitraum als schön oder kacke erleben. Es ist mein Entscheid.
  7. Job-Absagen sagen nichts über mich oder meine Fähigkeiten aus.
  8. Menschen helfen, macht mich total glücklich.
  9. Ich hole mir Hilfe, wenn es mir scheisse geht.
  10. Ich, als Mensch, kann NICHT versagen! Es sind Ideen, die ich habe oder Entscheidungen, die ich fälle, die nicht immer funktionieren.

text by canela

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September, danke.

Danke für deine Wärme. Deine weichen Hände, die mein Gesicht hielten. Danke für deine Aufmerksamkeit, die mir so viel Nähe erlaubte, wie ich es zulassen konnte. Danke für deinen Geruch, der süss und nach Ehrlichkeit roch.

Danke für deine Küsse, die nach Leben schmeckten.

text and pics by canela

Ein Sonnenaufgang ganz für mich

Heute morgen um 5 Uhr als ich meine Augen aufschlug, dachte ich, ich sei im Paradies. Durch das Fenster sah ich den Tag, der gerade in unglaublicher Schönheit geboren wurde.

Trotz Müdigkeit und schmerzender Schulter – ein Geschenk meines Körpers, das ich seit Monaten mit mir trage und welches mich penetrant erinnert, dass ich mein Leben ändern sollte- riss ich mich zusammen, schlüpfte in meine Turnschuhe und ging in den Wald den Fluss entlang. Bei jedem Schritt spürte ich meinen rechten Arm und trotzdem entschied ich mich glücklich zu sein. Ich war Zeugin eines wunderbaren Morgens.

Vier Stunden später meinte mein grauhaariger Physiotherapeut, mein Herzchakra sei völlig zu. Er drückte mit voller Inbrunst an mir herum bis mir fast die Tränen in die Augen schossen. „Wollen Sie ein harter Winkelried sein, der alles alleine macht und sich jede Lanze ins Herz stossen lässt?  Oder wollen Sie ein weicher sanfter Fluss werden, der sich mäandrierend den Gegebenheiten der Landschaft anpasst?“ Er wusste, dass ich die Antwort weiss.

text and pics by canela

Ich komme zu dir

Ich komme zu dir.

Wenn du deine Mauer herunterreisst.

Wenn du mir deine frischen Narben und deine alten, bleichen Wunden zeigst.

Wenn du mir deine glücklichen Stärken und deine traurigen Schwächen zeigst.

Wenn ich deinen weichen, goldenen Honigkern sehen darf, den du versteckst.

Ja, dann komm ich zu dir und bleibe.

text and pics by canela