Von oben sieht alles belanglos aus

Ich hoffte, dass wenn wir beide nur lange genug in den Himmel starren würden, flögen wir davon. Gemeinsam abheben wie die Superhelden im Film. Nur ohne Cape und Strumpfhosen. Gut hatten wir uns. Wir waren füreinander das Schlupfloch in das sich verletzte Tiere zurückziehen, um ihre Wunden zu lecken.

Meist sassen wir auf diesem kleinen Vorplatz vor dem verwitterten Haus. Ein alter Tisch, zwei Stühle und eine Sicht, die einer Postkarte würdig war. Der See und die Stadt.

Wir tranken Tee, rauchten und hörten Musik. Der Tee spülte unsere vom Weinen trockenen Kehlen weich. Manchmal suchte meine Hand seine und ich drückte sie kurz. Dann schaute er mich an und sein glasiger, düsterer Blick wurde weich und füllte sich mit Licht. Wären wir in diesem Moment gestorben, hätten wir beide dabei gelächelt.

Die Noten waren unser fliegender Klangteppich. Wir erhoben uns in die Lüfte und hielten uns eng umschlungen. Zusammen waren wir eins.

Von oben sieht alles belanglos aus.

Die Klänge des Liedes tanzten wie Samen einer Pusteblume im Wind. Sie flogen in unsere Ohren, krochen in unsere Köpfe und kämpften sich zu unseren zerrissenen Herzen durch. Die Töne liessen sich wie Käfer auf unseren Armen nieder, frassen sich gierig durch die Haut und nisteten sich in unseren blutenden Wunden ein. Sie suchten Wärme.

Ich fragte ihn: „Hören Angst und Schmerz jemals auf?“ Seine Hand strich über meine kalte Wange. Dann stand er auf, liess sich zu meinen Füssen nieder und er legte seinen Kopf auf meinen Schoss. Ich strich sanft über sein Haar.

text and pic by canela

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2 Gedanken zu “Von oben sieht alles belanglos aus

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