Frau Trotzig

„Ich arbeite hier seit 20 Jahren und habe noch nie einen einzigen Tag wegen Krankheit gefehlt“, erzählt sie mir trotzig. Sie erinnert mich an diese fremden Kindern, die einem unaufgefordert und mit sichtlichem Stolz einen fast toten, blutigen Regenwurm unter die Nase halten.

Ihre Mundwinkel sind erstarrt in der 8.20 Uhr-Position, die blauen Augen kalt wie ein Bergsee. Sollte jemals Güte, Mitgefühl sowie echten Mut in diesem Gesicht gewohnt haben, dann sind sie durch ihre 20-jährige körperliche Gesundheit getötet worden.

Als ich ihr einmal spontan ein Kompliment für ihre hübsche Bluse gemacht habe, erntete ich ein misstrauisches „Danke!“ Später verstand ich ihre Unsicherheit. „Als du zu uns gekommen bist, sagten die da oben, es käme wenigsten eine, die gut aussehen würde.“

Offensichtlich kuscht sie schon seit Jahren, denn ihre Sätze beginnen meist mit: „Also jetzt muss ich wirklich mal sagen, dass…“ Die Kombination „Also-jetzt-muss-ich wirklich-mal“ brauchen Menschen, die lange den Mund aus Angst gehalten haben. Menschen, die glauben man Schulde ihnen etwas. Menschen, die sich als Opfer fühlen.

Erstaunlich ist, wie sie ihren Frust und ihre Ohnmacht Gift spukend versprüht, wenn sie von „denen da oben“ spricht, sie jedoch bewusst und ohne mit der Wimper zu zucken, ihre unsichere Arbeitskollegin mit einer spitzen Bemerkung verletzt. Denn das „Nach-unten- treten“ ist für sie ein Recht auf Selbstbestimmung.

Und wenn sie mich mit ihren Eiskühlfachaugen anspricht und mir eigentlich eine Frage stellen möchte, die sie aber mit folgenden Wörtern beginnt: „Also jetzt muss ich wirklich mal sagen, dass…“ dann hat sie es bei mir schlichtweg verkackt. Dann werde ich zu dem, was sie ist: Frau Trotzig.

text and pic by canela

 

 

 

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3 Gedanken zu “Frau Trotzig

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