Ach Freitag…

Wenn ausdrucklose Gesichter ihre Nasen in die Gratiszeitung stecken, dann wollen sie wissen, was in der Welt geschieht.

Nachrichten von abgeschnittenen Beinen, von zu Tode geprügelten Männern oder Frauen, von Menschen, die von Bäumen erschlagen wurden oder von Öl, das ins Meer fliesst. Irgendwie sind wir alle am Sterben, ob gewaltsam oder langsam.

Politiker, die Geld verprassen oder Funktionäre, die freiwillig von ihrem Amt zurücktreten. Politiker, die Dinge versprechen, die ihnen niemand mehr glaubt. Alles schon mal gehört, gewusst, geahnt, gegessen, verdaut, wieder ausgespuckt und neu aufgewärmt.

Überdruss.

Mein müdes Lächeln für Aussagen in der Zeitung in der Single-Sparte wie „nie ohne mein Handy“, „wenn ich betrunken bin, rede ich zu viel“. Oder „ich suche nicht verbissen, aber wenns passt“…. Klar suchst du verbissen! Sonst wärst du ja nicht in der Gratiszeitung mit deinem Foto!

Mir gefallen Geburtsanzeigen mit all diesen hoffnungsvollen Sprüchen. „Aus Liebe entstanden“,  „Willkommen auf dieser Erde“, „Unser grösstes Glück ist da“, „Es ist ein Junge, wir freuen uns so!“ Und ein paar Jahre später, gibt es kein „wir“ mehr. Meistens.

Der Ehering hat sich in den Finger meines Gegenüber festgefressen. Fest umklammert er das Fleisch. Der Besitzer des Fingers hat Knopfaugen und Doppelkinn. Wer ihn geheiratet hat, steht eindeutig auf innere Werte. Graues Hemd, zu grauen Hosen, zu grauen Haaren mit grauem Schnauz. Rotes Herz?

Einige Frauen wie Männer verstehen die Türe des klimatisierten Zugsabteil nicht. Sie zerren verzweifelt am Türgriff, geraten in Panik, wenn sie merken, dass sich die Türe nicht öffnet. Endlich! Ich sehe echte Emotionen. Fassungslosigkeit und echte Verzweiflung! Für unechte Probleme.

Die Sitzenden starren die Verzweifelten an. Und die Verzweifelten schämen sich, ob ihrer vermeintlichen Unfähigkeit. Statt sich zu beruhigen und sich die Türe nochmals genau anzuschauen, wollen sie aus dieser Situation fliehen. Sofort! Ob sich die Türe öffnet oder nicht, spielt keine Rolle mehr. Nur weg vom unfreiwilligen Rampenlicht. Vielleicht macht sich der Sensor oberhalb ihre Kopfes ein Spässchen und rächt sich für all die unausgesprochenen Flüche. Er spürt sie, schliesslich ist er ein Sensor.

Dann… endlich… Der Zug hält. Alle befreit, die Sitzenden und die Verzweifelten. Hinaus in die schwüle Luft des Freitags. Der Tag, der sich gerne als Hoffnungsträger für das Wochenende ausgibt. Der Viele von uns träumen, tanzen, trinken, kotzen und weinen lässt.

„Wir treffen in Zürich Hauptbahnhof ein! Zurich main station“!

text and pic by canela

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