Lass mich dein Licht sein (1)

Manchmal frage ich mich, was wohl aus dir geworden ist. Ich erinnere mich gerne an dich. Du warst lustig, fürsorglich, mutig und männlich. Du warst kein feiger Mann! „Un hombre con cojones!“ pflegte ich zu sagen. Und du lachtest.

Oft warst du wütend auf unsere Welt. „Wir leben in einem Scheisssystem, dass uns Menschen nur ausquetscht und kaputt macht. Ertrag, Ertrag, Ertrag!“ Deine dunklen Augen funkelten aufgebracht.  Dann antwortete ich beschwichtigend: „Lass uns ans Ende der Welt gehen und sie retten!“ Und dein Blick erhellte sich.

Dass du die Natur genauso mochtest wie ich, machte es mir leicht, dich in ins Herz zu schliessen. Deine Liebe zur Fotografie (du wolltest immer, dass ich „Photographie“ schreibe, du fändest es sei erotischer) erfreute meine erschöpfte Seele. Deine Fotos waren packend, berührend und liessen Geschichten in meinem Kopf entstehen. Deine Bilder halfen mir, Abenteuer zu schreiben.

Wir hatten uns am Flughafen von Havanna kennengelernt. Du standest neben dem Taxistand, dein Rucksack lag auf der Mauer. Ich kam aus der Flughafenhalle, noch etwas benebelt vom Flug. Und tollpatschig wie ich bin, blieb mein Rollkoffer an einer Unebenheit des Pflasters hängen und riss mich auf den Boden herunter.

„Gopferdami!“, hörte man mich fluchen. Und noch bevor einer der Taxifahrer zu mir eilen konnte, warst du schon da, bücktest dich und gabst mir die Hand. „Chan in der hälfe?“ Ich musste dich wohl ganz schön blöd angeschaut haben. Denn das letzte, was ich in Kuba erwartete, war, auf schweizerdeutsch angesprochen zu werden.  Drei Taxifahrer rannten herbei, schauten dich feindselig an und fragten mich, ob alles in Ordnung sei. „Ella es mi mujer. Esta bien!“  In diesem Moment hatte ich mich wohl in eine Eule verwandelt, deren Augen grösser waren als der Kopf selber. Du hattest ihnen auf Spanisch geantwortet! Ich nickte nur noch stumm. Die Taxifahrer blieben misstrauisch stehen. Als ich wieder auf den Beinen stand, umarmtest du mich und küsstest meine Stirne. „Hola mi amor, te he hechado mucho de menos!“

Minuten später sassen wir in einem der Taxis und fuhren durch Havanna. Mein Knie schmerzte und ich wusste nicht, wie ich diese Situation mit dir einordnen sollte. Wortlos schaute ich aus dem Fenster.  Was für eine Stadt! Und die vielen Menschen. Als ich einen rosafarbenen Bus sah, der irre lang war, erklärtest du mir: „Dieser Bus heisst „el camello“ also das Kamel. Man munkelt man könne bis zu 250 Personen transportieren. Ich lächelte.

„Übrigens, ich heisse Canela, 39, bin Spanierin, ein Tollpatsch und lebe in der Schweiz.“ Er antwortete:“ Ich heisse Jakub, 29, bin Tscheche, bin die Notrufnummer 144 und wohne auch in der Schweiz.“ Und schnell flüsterte er mir noch ins Ohr: „Gib mir jetzt ja nicht die Hand! Sonst merkt der Taxifahrer, dass wir kein Paar sind! Er beobachtet uns die ganze Zeit, vor allem mich. Ich könnte ja ein Unhold sein.“ Er zwinkerte und grinste. Ich lachte schallend. Und die Stirne des Taxifahrers, die ich im Rückspiegel sah, entspannte sich. Wir fuhren an Che Quevara vorbei.

Plötzlich übermannte mich Unsicherheit und Angst. „Ich kenne dich nicht. Ich, ich…. ich weiss nicht, wieso du hier in meinem Taxi sitzt. Und eigentlich wollte ich alleine sein. Ich fühle mich krank.“ „Ich weiss, ich spüre es. Lass mich dein Licht sein.“, war deine einfache Antwort und gabst mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Dein Duft erinnerte mich an „Nachhausekommen“.

old pics of Cuba taken in 2000 by canela long time ago
text as usual by canela

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Ein Gedanke zu “Lass mich dein Licht sein (1)

  1. Cuba ein Land der Gegensätze. Schönheit und Armut zugleich, ein Land mir viel Licht und den Bildern dazu, aber ein Licht am Ende des politischen Tunnels ? Aber vielleicht ist es ja genau diese Situation, die es den Menschen dort ermöglicht ihre eigenes Leben aus Hoffnung Freude zu leben.

    Seit neustem tut sich auch dort in diesem Land etwas. Hoffnung.

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