Reminiszenz

Ganz tief habe ich Trauer, Wut, Ohnmacht, Verzweiflung und Todesangst wie dreckige Kleider zusammengeknüllt und tief in meinem Rucksack gestossen.

Obwohl sich der Rucksack schon schwer anfühlte, habe ich ihn zusätzlich mit unausgesprochenen Sätzen bepackt. Das war nicht leicht! Sie wehrten sich. Sie wollten ausgesprochen werden. Doch ich schlug sie mundtot mit meiner Faust und drückte sie in den Rucksack. Er war so prall und der Inhalt so zappelig, dass ich ihn fast nicht zu schnüren konnte. Dann habe ich ihn auf meinen Rücken gehievt und bin meines Weges  gegangen. Und gut war’s!

Auf einem neuen Weg zu marschieren mit einer schweren Last ist nicht einfach, aber machbar. Ständig drohte ich nach hinten zu kippen, umzufallen wie ein hilfloser Käfer, der auf dem Rücken liegt und mit seinen Beinchen zappelt.

Mit der Zeit habe ich mich an meine Bürde gewöhnt, sie wurde ein Teil von mir. Ich hatte den Rucksack so verschlossen, dass wirklich nichts aus ihm entfliehen konnte. Doch diese Last machte mich immer wie müder.

Eines Tages schlich sich ein Anklang an eine Erinnerung – eine Reminiszenz – mit einem Lied in meine Ohren. Die Schnur hatte sich aufgrund der Melodie gelöst und eine Flut an Tränen überraschte mich. Die verstummten Sätze purzelten aus meinem Rucksack. Ich legte ihn schnell ab, wollte die Sätze einfangen. Hektisch rannte ich ihnen nach. Hatte ich einen Buchstaben gepackt, befreite sich wieder ein anderer. Eine Weile lang sprang ich erfolglos hin und her, bis ich mich ergab. Resigniert stellte ich fest, dass ich diesen Schwall an verstummten Sätzen nicht mehr aufhalten konnte.

Die Sätze rissen ihre Freunde aus dem dunklen Inneren des Rucksacks heraus: Jeder einzelne Satz, jedes Wort, jeder Buchstabe, ja, sogar jede einzelne Interpunktion stieben davon. Bis sich alle, bis auf den letzten Satz, um mich versammelten und mich anstarrten. Dann kam die Trauer hervorgekrochen.

Nichts ist trauriger als ungesagte Worte. Nichts ist belastender, als die eigene Wahrheit nicht zu leben. Nichts ist schmerzvoller, als verwahrlosten Gefühlen ins Gesicht zu schauen.

text by canela
music by olafur arnalds

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4 Gedanken zu “Reminiszenz

  1. Und jetzt? Ich bin auch sprachlos und schaue dich an.
    Was nun?
    Ein sehr weiser Text. Ich glaube, die meisten von uns schleppen solche Lasten mit sich herum.
    Danke!

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