Müssen wir uns wirklich dem System unterwerfen?

Am Wochenende feierten wir in der Kita meines Sohnes die Sommersonnenwende. Ich sass neben einer zugezogenen Genferin, deren Tochter oft zusammen mit meinem Sohn spielt. Wir besitzen nicht nur diese Gemeinsamkeit, sondern waren die einzigen Mütter – die einzigen Erwachsenen überhaupt – die rauchten und Wein tranken. Pseudorebellinnen zu spielen, macht kindischen Spass.

Die Kita meines Sohnes, die auch einen Kindergarten beinhaltet, wird nach der Philosophie von Maria Montessori geführt. Die Genferin und ich waren uns einig; unsere Kids hatten viel Spass und Freude, als sie den Kindergarten besuchten. Ihre Neugierde wurde gestillt, ihre Talente und Begabungen gefördert. Dann kam die 1. Klasse im normalen Schulsystem. Seither klagen unsere Kinder oft über Langeweile und Frust. Sie erzählte mir: „Meine Tochter wurde so trotzig, dass sie Dinge plötzlich nicht mehr konnte, die sie schon lange wusste.“

An dieser Feier sprach ich auch mit einem Vater, dessen 6-jähriger Sohn ein süsses, vorwitziges und kluges Kerlchen ist. Als ich diesen Mann fragte, wie es wohl seinem Kleinen ergehen werde, wenn er in den Regelunterricht käme, meinte er nur, sein Sohn müsse ja irgendwann „auf die Welt kommen“. Er müsse lernen, sich anzupassen.

Müssen sich unsere Kinder an das System anpassen? Was ist das für ein verkacktes Schulsystem, die aus unseren neugierigen, lauten und glücklichen Kindern, gelangweilte, angepasste, frustrierte Faust-im-Sack-Macher produziert? Sollte nicht das System UNS dienen und nicht umgekehrt? (Das ist keine rhetorische Frage.)

Als ich zu Beginn ins Gymnasium ging, war ich voller freudiger, naiver Erwartung. Ich hatte den Typus Neusprachen gewählt, weil ich Sprachen und Literatur über alles liebte. Ich glaubte tatsächlich, ich würde in Wörtern, Sätzen und vielen, vielen Bücher eintauchen und die Welt um mich vergessen. Ein fataler Trugschluss. Ein halbes Jahre später war die blauäugige Hoffnung tot und dunkler Frust machte sich breit wie ein Krebsgeschwür.

Jahrelang kämpfte ich mit Ungeheuern und  Monstern bestehend aus Formeln und Zahlen: Mathematik, Physik und Chemie. Ich war grottenschlecht in diesen Fächern, weil sie mich nicht interessierten. Darum musste ich viel Zeit investieren in Dinge, die mir am Arsch vorbei gingen. Das, was ich liebte – Sprachen – liefen nebenher und verlor an Bedeutung.

So erfuhr ich, dass das, was mich glücklich macht, keine Priorität haben darf. Und dass das, was man tun muss oder von einem erwartet wird, Vorrang hat. Ich fügte mich in das grosse Uhrwerk des Schulsystems und später passte ich mich an die Anforderungen der Arbeitswelt an. Das grosse Unbehagen wuchs und meine Abneigung gegen „etwas-was-sich-nicht-richtig-anfühlt“ wuchs. Ich wusste aber nie, wohin mit diesem Gefühl.

Mit diesem Unbehagen lebe ich heute noch. Jahrelange Muster zu verändern, ist ein zäher Prozess. Ich ertappe mich immer wieder beim Dinge tun, die mich unglücklich machen. Danach bin ich zu müde, um mir Gutes zu tun.

Nun stellt sich mir die Frage: Soll mein Sohn mein Unbehagen erben? (Das ist eine rhetorische Frage, weil ich alles tun werde, um DAS zu verhindern).

text by canela

 

 

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2 Gedanken zu “Müssen wir uns wirklich dem System unterwerfen?

  1. Die Welt in der wir leben ist krank. Um uns herum sind kranken Menschen, die kranke Dinge tun und glauben, es sei richtig so.
    Die meisten Menschen werden nie verstehen worum es geht. Sie werden nicht einmal wissen, wer sie sind und was sie wollen. Da sie so umhertreiben, lassen sie sich manipulieren und sind für das Systhem hervoragend zu gebrauchen.

    Stumme, blinde und dumpfe Konsumenten.

    Sie haben ihre Seele ( Liebe ) schon verkauft, bevor sie wussten das sie eine hatten.

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