9 ist das neue 18

„Weisst du Mama, 9  ist das neue 18“, hast du gestern behauptet, während wir gemeinsam versuchten dein Fahrrad aus meinem Auto zu holen. Ich lachte laut. Ich liebe deine Unverdorbenheit und ich liebe dich, seit du aus meinem Bauch geschlüpft bist.

Eine Geburt ist ein Blind Date, das mit Liebe auf den ersten Blick anfängt. O.k. manchmal auf den zweiten. Denn oft müssen sich zu Beginn die kleinen  Schrumpelmäuse entfalten, bevor sie zu prallen Vanilleeiskugeln werden, in die man am liebsten hineinbeissen möchte. Du warst ein Mischung aus beidem; ich hätte die fressen können!

Nun ist dein Daumen so gross wie meiner und es fehlen zwei Schuhgrössen, dann kannst du meine Turnschuhe tragen (die Silbernen, die dir so gefallen). Letzteres bereitet mir Unbehagen. Ich will meine Schuhe nicht teilen, würde aber gerne deine T-Shirts tragen. Was du wiederum nicht cool finden würdest.

Wir streiten über Politik: Du warst gegen die 1:12 Initiative (ich war dafür),  aber für den Mindestlohn (wie ich). Du warst für den Gripen ich dagegen (was uns unzählige Diskussionen bescherte), aber du bist immer noch gegen Strom aus Atomkraftwerken. Und trotz deiner Vorliebe für Horrorfilme, bist du weiterhin der warme Kuschelbär, der am liebsten mit Water – der Waschbär – oder Rudolf – die  Schildkröte – und mir in meinem Bett schläft.

Im Moment stehst du auf Gangsterrap und schaust dir am liebsten Videos an, die mit Untertitel versehen sind, damit du mitrappen kannst.  Deine Liebe für Wörter ist ungebrochen. So wie dein Redeschwall, der mich manchmal zum Wahnsinn treibt. Deine Reims, die du auf meinem Computer schreibst, finde ich zu martialisch. Wiederum machst du Fotos von mir und dekorierst sie mit Herzchen und Liebessschwüren. Natürlich mit Hashtag versehen vor „ENDLESSLOVE“. Du bist halt ein digitaler Eingeborener.

Du findest es blöd, wenn dich deine Mutter vor deinen Freunden knuddelt.

Er: Mama, ich bitte dich, nicht auf jugendlich zu machen, wenn heute mein Kollege kommt. 
Ich: Waaas „auf jugendlich machen“? (Mein Sohn spinnt doch, ich bin doch noch jung, keine 50!). 
Er: Und knutsch mich ja nicht ab vor ihm!
Ich: Und wenn ich ihn mitabknutsche? (höhöhö)
Er: MAMAAAA!!!!!“*ç%&/()

Und dein Interesse für Krieg, Kämpfen und Waffen geht mir auch auf den Sack. Ein Jungensdings, das ich nicht verstehe.

Er: Mama, wann begann der 2. Weltkrieg? 1942?
Ich: Nein, ich glaube es war 1939…Aber Krieg ist Scheisse!
Er: Er hatte was Gutes, man hat Autobahnen gebaut.
Ich: Krieg ist Scheisse!
Er: Und dank dem Krieg hat man die Entwicklung von Flugzeugen vorangetrieben.
Ich: Krieg ist Scheisse!
Er: Wieso darfst du so oft Scheisse sagen und ich muss mir überlegen, wann ich dieses Wort sagen kann?
Ich: Weil Krieg Scheisse ist?

Mittlerweile willst du Staatsanwalt und Bienenzüchter werden. Polizist zu sein, ist für dich keine Option mehr. Vielleicht hat Tom Waits doch etwas bewirkt.

Ich freue mich auf weitere 90 Jahre mit dir, mein Kleinergrosser. Jetzt würdest du sagen: „Mama, du wirst sicher 100 Jahre alt, aber übertreibe nicht!“

by canela

 

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6 Gedanken zu “9 ist das neue 18

  1. Ich habe auch so ein redseelige Kind. Sie erzählt so viel, so schnell und so begeistert. Meist aber dann, wenn der Papi schon kaum noch die Augen aufhalten kann und die Worte wie ein endloser Wasserfall den hang hintunter stürzen.

    Es ist alle ein gutes Zeichen, ein Zeichen für Aufgewecktheit und Liebe. Liebe zum Leben und den Menschen. Mögen sie nie enttäuscht werden und wenn doch, dann nicht den Mut verlieren weiter zu machen.

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