Wir sind alle Nomaden

„Du riechst, wie du aussiehst,“ meint Figaro nuschelnd und legt mir eine tote Maus hin. „Wie rieche ich?“ frage ich den Kater und betrachte traurig die Maus. „Nach einem Punkt,“ erwidert er und gähnt.

„Die Beziehung war ein endloser Satz. Ohne Interpunktionen. Wenn man keine Punkte setzen kann, nicht mal Kommas zum Luft holen, wird man von einer Lawine von Worte überrollt. Satzzeichen setzen, heisst auch Grenzen setzen.“ erkläre ich ihm aufgebracht, während er mit regloser Miene zuhört.

Figaro hebt mit dem Maul elegant den leblosen Körper der Maus hoch und wirft ihn in die Luft. Sogleich schlägt er mit der Tatze auf den Rumpf während des Falls. Die Maus prallt an die Wand und plumpst auf den Boden. Er stürzt sich auf ihren Kopf und beginnt ihn genüsslich zu fressen: „Knurps, knurps!“ ertönt es aus seinem Maul.

„Wir sind alle Nomaden, “ sagt Figaro kauend, „und der einzige Ort, die einzige Heimat, die wir haben, ist in uns. Begreife das endlich! Du bist nicht verpflichtet mehr zu geben, als du kannst.“ Lustvoll beisst er in den Bauch der Maus. „Weise Menschen, die deine Grenzen nicht respektieren, in die Schranken. Gehe auf Distanz, wenn diese unbelehrbar sind. Mache es so wie ich! Ich lasse mich nicht immer streicheln, wenn du es möchtest. “ Er leckt genüsslich das Blut am Boden ab und ich betrachte die kleinen Eingeweiden, die er noch nicht verspiesen hat.

Schmatzend fährt er fort: “ Du kannst dich nicht abgrenzen. Oft steht Angst vor Liebesverlust deiner Abgrenzung entgegen. Mach dir klar, ob es sich lohnt, deine Eigenstständigkeit zu verlieren. Mach dir klar, was du gewinnen kannst, wenn du ein klares „Nein“ sagst und dabei auch bleibst! Das sollte doch nicht so schwer sein als Mensch. “ Knurps und letzten Körperteile sind weg. Dann setzt er sich vor mich hin und schaut mir in die Augen. „Übereile nichts, warte ab, lass Zeit verstreichen. Sage den anderen Zweibeinern: Hey, das ging mir zu schnell! Ich habe es mir nochmals richtig überlegt, und ich will das und das nicht!“.

Ich sehe ihm zu, wie er mit breiter Zunge seine Pfoten leckt. Bedächtig und langsam. Er nimmt sich Zeit für seine Körperpflege. Ich verstehe, dass ich mit mir geduldig sein muss. Ich habe sie schliesslich auch mit Figaro. Und ich erkenne, dass Abgrenzung mit persönlicher Wertschätzung, Erkenntnis und Akzeptanz des eigenen Wesens zu tun hat.

„Kannst du nicht dir selbst vertrauen und dir selbst treu sein?“ fragt er bevor er mit einem Sprung auf dem Tisch landet.

Eine Stunde später wischte ich die gekotzten Überreste der Maus weg.

pic and text by canela

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2 Gedanken zu “Wir sind alle Nomaden

  1. oh danke! die katze war zu beginn etwas misstrauisch. aber ich mag katzen und katzen mögen mich. mit der zeit werden sie offen. man braucht nur etwas geduld und verständnis 😉

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