900 – Novecento

Als ich Alessandro am Strand kennenlernte, war ich unbewohnt und verwaist. Die lange Durststrecke des Wartens hatte mich aufgefressen und nichts als eine Hülle hinterlassen. Mein Ich war weggeflogen. Einfach auf und davon. Ein leerer Cocon. Und trotzdem lebte ich noch. Seltsam.

Er fiel mir sofort auf unter den blonden und hellen Touristen. Ein dunkelhaariger, blauäugiger Mann unter einem roten Sonnenschirm.  Der einzige Sonnenschirm, übrigens. Er schaute aufs Meer weit über den Menschenknäuelhorizont hinweg und lächelte. Wieso nur? Das Geschrei der spielenden Kindern erschien einem unerträglich und die Erwachsenen schwatzten laut. Doch er, Alessandro, schaute aufs Meer und sah glücklich aus.

Die hellen Leiber, hungrig nach Wärme, wollten im Urlaub der Einöde ihre Alltags entfliehen. Die Sonne brannte sich tief in ihre Haut, so dass die Glut in sie hinein floss.

Tourist sein, ist etwas Anstrengendes. Man hat so viele Pflichten, genau wie im Arbeitsleben. Braun werden, Museum besuchen, in den bekanntesten Restaurants essen gehen und abends sich betrinken. Eigentlich spielte es gar keine Rolle, in welcher Reihenfolge man es tat. Denn der Urlaub war nicht für zum Entspannen da.

Alessandro starrte auf die Grenze zwischen Meer und Himmel. Und als ich mich ihm näherte, schüchtern und zage, dachte ich: Novecento, neunhundert. Ich wusste nicht wieso neuhundert. Neuhundert Touristen, neunhundert Leben, neuhundert kaputte Herzen?

Er richtete seinen Blick auf mich und winkte mich zum ihm. Ich liess mich neben ihm nieder. Der Schatten tat gut und der Wind fuhr mir durch die Haare. Ich spürte seine Finger meine Locken liebkosen, während ich meinen Kopf auf Alessandros Bein legte. „Schau dir das Meer an! Ist es nicht wunderbar? Schau dir das Gesicht des Meeres an, so malt man ein Gesicht!“ schwärmte er. Und ich blickte über die Menschen hinweg auf das sich bewegende Blau.

Aber was wusste ich vom Meer? Welches Gesicht hatte es überhaupt? Und während ich aufs grosse Wasser schaute und die Gischt sich kurz vor ihrem Tod aufbäumte, sagte er: „Ich habe ein Buch über einen Pianisten geschrieben. Ich lese dir daraus vor.

Ich schloss die Augen.


text by canela

musik: thomas newman

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4 Gedanken zu “900 – Novecento

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