Von laut und leise

Meine Dramen sind meistens leise.  Ganz wenige waren laut und mit so einer Wucht, dass mich die Erinnerung daran erschauern lässt. Das seltsame ist, dass mich die Lauten am wenigsten belasten. Über die kann ich frei reden, sie führen nicht mein Verhalten gegenüber Menschen und Situationen.

Es sind die Leisen, die gemein sind. Die ganz Leisen. Das sind die, die im Herzen knistern und rote Glut auf einer abgebrannten Erde hinterlassen. Die, die dich plötzlich von unten her überschwemmen. Zuerst werden die Füsse nass und dann steigt es schnell und blubbert. Und unverhofft steht man bis zum Hals im Wasser und versucht sich irgendwo festzuhalten.

Und so wünscht man sich, manchmal zumindest, wenn es zuviele leise Tragödien gab, eine Laute, eine Offensichtliche. Eine, mit der man kämpfen muss, bei der man Blut vergiesst, die schlägt und man zurück schlägt, bei der man die offenen Wunden nach dem Kampf sieht. Eine, die dich zudröhnt wie ein riesiger Bass.

Vermutlich schleicht sich bald wieder ein neues, ein leises Drama ein. Eines, das nur einen kleinen, feinen Stich hinterlassen wird, fast unsichtbar. Aber es wird mich traurig machen. Ich werde es noch wochenlang spüren, wie ein Splitter im Finger. Und ich werde nicht darüber reden können.  Schweigen, keinen Laut von sich geben. Nur nicken und schlucken.

Und vielleicht wird es sich nach einem Liebesakt bemerkbar machen. Wenn man gelöst ist, wenn man für ganz kurz in den Himmel gespickt wurde wie ein Ping-Pong-Bällchen und dann wieder hart auf der Erde landet. Ploff! Eines, das dich aufschluchzen lässt nach dem kleinen Tod. Nur für einen kurzen Moment, weil man die Kontrolle verloren hat. Eines, dass sich wie ein Donnern eines entfernten Gewitters anhört und man schnell weghören möchte.

Die Lauten sieht man manchmal am Körper. Die Leisen sieht man nur in den Augen.

text and pic by canela

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4 Gedanken zu “Von laut und leise

  1. Oh,das ist so wunderschön und traurig zugleich!
    Und das krasse ist,dass ich dich spüre.
    Vielleicht versuchst du trotzdem mal zu reden-über die leisen? Ganz leise eben und stetig….du wirst sehen, es gibt menschen die zuhören.ganz bestimmt.
    Und es gibt auch diejenigen die in deine augen sehen-und wissen!
    Sei umarmt

  2. ja, diese unterscheidungen kenn ich auch. über die leisen kann ich oft erst lange danach reden. das gemeine ist, dass wir normalerweise nichts aufhaltendes tun können.
    sandsäcke für die leisen dramen wären da manchmal wirklich gut. die wünsch ich dir. und liebe menschen, die dich auch verstummt in den arm nehmen.

    liebgrüss, soso

  3. @bluetime: ich umarme dich zurück!
    @miss passiflora: danke für deine worte!
    @Sofasophia: ich sammle gerade sand. schwierig, wenn er zwischen den fingern hindurchrieselt.

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