Eine Geschichte des Lebens

Es gibt Dinge, die lernen wir nicht in der Schule. Das wissen wir alle. Trotzdem wären wir manchmal froh um eine Gleichung oder Grammatik, die das Leben im Allgemeinen erklärt.

Heute kam ich nachhause und schaute in jedem Zimmer gründlich nach, ob ich wirklich alleine bin. Sogar unter dem Bett warf ich einen Blick. Manchmal muss ich mich vergewissern, dass nur Geister im meinem Kopf und in meiner Wohnung sind und keine echte Menschen. Erlebnisse mit Geister kann man verscheuchen. Erlebnisse mit Menschen muss man hingegen verdauen und verarbeiten.

Manchmal begibt man sich in Situationen, bei denen man im Voraus schon ahnt, dass sie nicht so enden, wie man es sich wünscht. Und trotzdem tut man es. Wieso eigentlich? Wo sind diese klaren, eindeutigen Gleichungen? Wo ist nur diese Grammatik, die diesen Kasus erklärt?

Eine meiner Freundinnen sagte: „Du musst aus diesem System heraus, damit du siehst, wo du bist und was du fühlst.“ Sie muss wissen, was sie sagt. Ihr Freund hat sich den Lauf einer Pistole in den Mund gesteckt und abgedrückt. Auch ein Weg, sich regelrecht aus der Matrix zu katapultieren.

Sie fragte mich, was mich glücklich mache. Ich überlegte. Vielleicht ist es ein Ablativ? Doch da sich dieser Kasus in keiner germanischen Sprache erhalten konnte und ich weder Sanskrit, Armenisch noch Albanisch spreche, hatte ich keine befriedigende Antwort.

Ist nicht alles nur eine Geschichte des Lebens – una storia della vita – welche in ein paar Jahren verschwommen wahrgenommen werden wird? Doch Geschichten mit Menschen sind keine Geister. Sie sind erlebte Emotionen, Höhenflüge und – vielleicht – Schiffbruch.

Wie lebt man nach dem Tod eines geliebten Menschen weiter? Wie lebt man nach dem Tod einer Illusion weiter? Ist das Ganze wirklich nur ein Kasus, der nicht mehr in unserer Sprache existiert?

Etwas später, nach der Frage, was mich glücklich machen würde, hatte ich dann doch eine Antwort. Eine kleine, aber doch ein Bruchteil einer Erklärung. Denn ein Ablativ wird – da er in der deutschen Sprachen fehlt – mit einem Akkusativ oder einem Dativ und einer Präposition beschrieben.

Mein Ablativ ist im Moment walken im Wald. Mit einer Brille von H&M (aus der Kinderabteilung), welches das Sonnenlicht und meine Umgebung in ein warmes Sepia tränkt, dem Telefon, das auch ein CD-Player ist,höre ich Musik und spüre meinen Atem.

Mein Wald, der mich beim Walken umgibt. Er macht mich wirklich glücklich. Weil es nur ihn und mich gibt. Weil ich in seinem System eingebettet bin. Und dieses System ist gut.

text and pics by canela

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6 Gedanken zu “Eine Geschichte des Lebens

  1. Der Wald war es, der mir während und nach meinem Burnout die Kraft gab, weiter zu atmen und still zu werden. Ich kann also Dein Glück sehr gut nachvollziehen…und noch heute, 6 jahre später ist es der Wald, zu dem ich flüchte, wenn alles wieder Überhand nimmt, in mir und um mich.

  2. @matthias: na dann viel glück 😉
    @gokui: glück muss wohl nicht suchen, wenn man es direkt vor der nase hat, was?
    @doris: solange wir nicht waldschrate werden 🙂

  3. ich hoffe, dass ich da was falsch verstanden habe … (erster teil)

    und ja, der wald! und die aare! das war mein heutiges highlight. wasser und grün – das ist mein paradies.
    ein sehr berührender text.

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