Web 2.0 oder was ist das richtige Leben?

Neulich starb ein Blogger. Monoblog hiess er. Ich habe mir seine Bilder ab und zu angeschaut, die er postete. Kommentiert habe ich nie. Nur geschaut und mich gefreut.

Auf Facebook waren wir auch befreundet. Gekannt habe ich ihn, irgendwie, aber nie persönlich. Trotzdem hat es mich sehr berüht, als ich über seinen Tod las, bei einer anderen Bloggerin auf Facebook, die wohlgemerkt in Südspanien lebt. Auf der Pinnwand des Bloggers hatte ich dann die Gewissheit: Arbeitgeber sowie Freunde verabschiedeten sich von ihm.

„Wie kann man über den Tod von jemanden traurig sein, wenn man ihn nicht kannte?“ fragten mich Nicht-Blogger, -Facebookler oder halt Nicht-Webnullzweier. „Und ist das nicht pietätslos an die Pinnwand eines Toten seinen Schmerz über den Verlust zu schreiben?“

Wer es gewohnt ist, seine Meinung oder auch seine Gefühle über das Internet kundzutun, versteht diese Fragen nicht. Trauerten nicht Millionen über Michael Jackson als er starb? Ich glaube kaum, dass sie ihn alle persönlich kannten. Sie fanden seine Musik gut, that’s it! Ich mochte Monos Bilder, that’s it!

Werden nicht Todesanzeigen geschaltet in den Zeitungen und es lesen, je nach Reichweite, zigtausend Menschen den Schmerz der Hinterlassenen, obwohl sie den Verstrobenen nicht kannten? Das Medium ist ein anderes, die Trauer ist die gleiche.

Und was ist nicht mehr, als „richtiges Leben“ wenn man seinem Mitgefühl Ausdruck geben kann und sieht, dass andere genauso denken respektive fühlen?

Blogger sind Lügner
Blogger lügen doch alle, sagte mir eine Frau vor Jahren, die mit mir die Texterausbildung absolvierte. Blogger lügen oder lügen nicht. Menschen lügen oder lügen nicht.

„Das ganze Web 2.0 ist doch nichts Reales,“ meinte eine Arbeitskollegin abschätzig. Und ich erwiderte: „Web 2.0 ist so wie das richtige Leben. Es gibt Angeber, Lügner, Möchtegerns, Bitches und Eso-Tanten. Das alles gibt es auch ohne das Internet.“

Ich kann Müllmann sein und in meiner Freizeit einen Boss-Anzug tragen, damit ich Frauen oder andere Männer beeindrucken kann. Ich kann auf meinem Facebookprofil Partyfotos posten, aber nie meinen Arbeitsalltag zeigen. Seien wir ehrlich, wer hat nicht schon solche Aufschneider ohne Web 2.0 gekannt?

Neulich fragte eine Bloggerin bei Facebook, ob man das Facebook-Profil für die Beziehung löschen würde. Ich fragte ich mich, ob ich meine Freundinnen oder Freunde aufgeben würde, meinen Ausgang mit ihnen, mein einsames Walking im Wald, mein dummes Gelaber an der Bar mit Fremden aufgeben würde, nur weil meine neue Beziehung unsicher ist in Bezug auf seine eigenen Qualitäten.

Ist das nicht alles echtes Leben?

by canela

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20 Gedanken zu “Web 2.0 oder was ist das richtige Leben?

  1. Kenn ich. Vor ca. 3 Jahren lernte ich eine tolle und begabte Bloggerin kennen, in die ich so ein klitzekleinwenig verguckt hatte. Kurz vor unserem ersten persönlichen Treffen verstarb sie plötzlich unerwartet. Da war ich schon ein wenig von den Socken …

    (Ach ja, Löckchen ist bei FB und hat mich noch nicht geaddet? Hmmmm…)

  2. Ne ne, da bin ich unter meinem Realnamen, wie inzwischen etliche Blogger, die früher wie ich rumzickten, ihren Namen zu nennen 😉 Findest Du im Impressum, Stadt Hanau, Foto mit Westernhut 🙂

  3. Das Internet ist wie eine Reise ohne Gepäck ☺, ein Art virtueller Luxus, geballte Eindrücke.
    Das verbindet und ja, mir geht es auch so – ich leide mit, ich freue mich mit … egal ob bekannt oder unbekannt, „man“ kennt sich halt im Netz.
    Jemand sagte mir vor Jahren, sie wisse alles über mich … aus meinem Blog natürlich.
    Hach, wie schön, das zu wissen ….. Frau kann alles sein im Netz, oder?

    • man meint auch bei mir, man wisse, wer ich sei aufgrund meines blogs. dabei sieht man nur eine facette. ich glaube, man kann auch im realen leben alles sein. nur muss man mit den konsequenzen klar kommen…. 😉

  4. Du überraschst mich mit deinen Postings immer wieder und hältst mir oft den Spiegel hin. Und genau für diese unverblümte Ehrlichkeit dir und uns gegenüber mag ich dich.

  5. Ich kann die Verbundenheit und Betroffenheit verstehen und nachvollziehen. Die Blogosphäre ist ein spannendes Paralleluniversum und eine Plattform, um neue Menschen kennenzulernen und zu kommunizieren. Blogs eröffnen uns eine neue Art der zwischenmenschlichen Kommunikation, sie ersetzen natürlich nicht die Beziehungen im Real-Life. Mit einem Klick bin ich in der Schweiz oder Südamerika, diese Tatsache erachte ich als eine Bereicherung. Ach, die charmanten Hochstapler durchschaue ich mittlerweile, sie fallen natürlich sofort durchs Raster. 😉

    • ich traf sogar eine bloggerin, die zuerst in australien lebte und jetzt hier in der schweiz. so klein ist die welt geworden….

  6. „nur weil meine (neue) Beziehung unsicher ist in Bezug auf seine/ihre eigenen Qualitäten….“ DIE ERKENNTNIS schlechthin!!! Liebe canela…wenn Du erlaubst, werd ich mir diesen Satz aneignen für alle „Rechtfertigungen“ zu denen ich je gezwungen „werde“. 🙂

  7. …das Leben ist halt wie die Fotos von seinem Blog: es bringt immer weider ineteressante Blickwinkel. Auch wenn das hier nur im Net ist, ist es doch authentisch. Ich bemühe mich jedenfalls darum authentisch zu sein.

  8. spannend, liebe canela. bin grad so am mich-neu-im-web-definieren. dein artikel tut grad saugut. monoblog kannte ich nur dem namen nach, doch wenn menschen sterben, bin ich immer berührt. und dieses mitberührtsein macht uns letztlich zu menschen.
    liebe grüsse, soso

    • ich glaube nicht, dass man sich „neu-definiert“. ich bin der meinung, dass man nur eine andere seite zeigt, die nicht neu ist, sondern nur noch nicht blogtechnisch gezeigt wurde. meinst du nicht?

    • das stimmt natürlich. das Was-zeige-ich? ist dann quasi die neudefinition, die ich gemeint habe. ja. genau. da gibt es noch vieles auszuloten!

  9. Meiner Erfahrung nach lügen Blogger selten (und ich habe schon eine ganze Reihe Blogger persönlich kennen gelernt). Sie sind sogar oft irgendwie sehr authentisch – wenn sie im realen Leben anders sind, dann darum, weil man im Blog einen Teil seiner Persönlichkeit zum Ausdruck bringen kann, den man im realen Leben nicht so zur Geltung bringen kann (oft hat das mit Aussehen oder Prestige zu tun). Um eine Fiktion über so lange Zeit aufrecht zu erhalten wie die meisten Leute bloggen, braucht es sehr viel Motivation – gibts fürs Bloggen kein Geld und keinen Sex, dann ist es deshalb attraktiver, authentisch zu sein.

    • …das gefällt mir sehr gut fraufrogg. Eben das bloggen als Authenzitätslehre zu sehen und die Tatsache, daß es dafür tatsächlich nichts „Reales“ gibt.

    • wer andere über jahre mit dem blog anlügt, hat einen langen atem und schätzt sich selber nicht. ich bin einfach zu faul, um zu lügen und finde mich gut 😉

  10. Mit den Bloggern ist es tatsächlich so wie mit allen anderen Menschen. Es gibt diejenigen die aufrichtig sind und es gibt eben auch die anderen die versuchen, den Lesern ein A für ein U vorzumachen. Selber bin ich aber davon überzeugt, dass sich Unaufrichtigkeit (nicht nur beim Bloggen) früher oder später gewaltig rächt.

    Weiter glaube ich, dass man zwar einige Leser einige Zeit lang an der Nase herumführen kann aber eben nur einige. Die grosse Mehrheit durchschaut das doppelte Spiel irgendwann und dann muss man auch mit negativen Kommentaren ausserhalb des eigenen Territoriums rechnen.

    Ehrlichkeit ist insbesondere beim Bloggen ein absolutes MUSS, damit die eigene Glaubwürdigkeit nicht zerstört wird und viele Blogger möchten schliesslich auch da und dort ein paar Produkte verkaufen. Aber-wer kauft schon bei jemandem, der als offensichtlicher Lügner enttarnt wurde ?

    Wer glaubt mir noch ein einziges Wort, wenn ich nur schon ein einziges absichtlich gelogen habe und aufgeflogen bin ? Richtig- (praktisch) Niemand- oder irre ich mich da ? Die grosse Masse der Blogger ist aber meiner Erfahrung aufrichtig und Lügen haben nunmal nicht nur beim Bloggen kurze Beine!

    Drum hab ich mir damals beim Blogstart geschworen, meinen Lesern immer absolut aufrichtig, loyal und ehrlich gegenüberzutreten. Damit bin ich bis heute bestens gefahren.

  11. hallo denkmaschine! beim bloggen kommt es darauf an, was man bloggt. wenn man über technisches zeugs bloggt, sollte man nicht bescheissen, und wenn man übers kochen schreibt, auch nicht.

    ich schreibe manchmal geschichten. wenn diese wahr wären, wäre ich am saufen und killen. ;-). (nicht dass mich der gedanke abschrecken würde. so ist es nicht. aber er ist leider nicht ohne konsequenzen realisierbar, auf die ich keinen bock habe).

    ich schwöre nichts, denn ich kenne keine person, die nicht einen schwur gebrochen hätte. bei meinem blogstart – vor bald 6 jahren – wollte ich nur unterhalten und anerkennung. mehr nicht. so einfach ist mein ego. das ist einfacher einzuhalten und unterdrückt mein ego moralisch auch nicht. 😉

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