Rahmen ohne Bild oder der blaue Hund

„Ich will nicht auseinander fallen“, erklärte sie mir heiser, während sie dabei näher zu mir rutschte, so dass ich ihren Atem roch. „Ich bin in der Wüste gewesen, am Meer, sogar in den Bergen. Es nützte nichts. Ich hatte mich immer dabei!“ flüsterte sie mir ins Ohr. Der Geruch aus ihrem Mund floss von meinem Ohr auf meine Wange und kroch mir in die Nase. Ich glaube, sie hatte Kebab gegessen.

Die Bar war um diese Zeit fast leer. Darum sass ich gerne hier und trank mein Wasser. Ich hatte nicht damit gerechnet, jemandem zu begegnen, der betrunken war und nach Zwiebeln roch. Ich hatte das Trinken schon lange aufgegeben und Zwiebeln verursachten Blähungen. Sie nahmen sich einen Platz in meinem Körper, den ich ihnen nicht geben wollte.

Als ich nicht reagierte – was hätte ich auf eine solche Aussage Gescheites antworten sollen? – stand sie auf und spazierte an den Tresen. Sie bestellte sich ein Glas Rotwein. Dann ging sie zum gelben Zebra, das an einem Bourbon on the rocks mit einem Röhrchen nuckelte und setzte sich hin . Ich verstand die Frau nicht. Ich hatte weder das von ihr Gesagte verstanden noch dass sie sich jetzt neben diesem gelben Zebra setzte. Sollte ich das mit dem Wassertrinken sein lassen?

Mein blauer Hund unter dem Tisch gähnte. „Tristan, braver Hund“ quitierte er mit einem Wedeln. Sein Schwanz schlug mir gegen das Schienbein und seine rosafarbene Zunge leckte hingebungsvoll meine linke Hand. Diese hielt ich dann unter meiner Nase. Sie roch nach Hundespucke und Trockenfutter. Der Kebabduft verschwand und das Trockenfutteraroma machte sich in meinen Nasenflügeln breit bis zum hintersten Ecken.

Ich beobachtete, wie sich die Frau und das Zebra angeregt unterhielten. Betrunken zu sein, verschliesst das Auge fürs Wesentliche. Das kann seine Vorteile haben. Und ich verstand plötzlich, wieso die Frau nichts von mir wollte. Ich sprach nicht mit Menschen und trank Wasser. Oder war es der blaue Hund?

Mein Blick schweifte weiter und blieb an einer Wand hängen, an dem ein Rahmen ohne Bild hing. Kleine Fetzen einer Leinwand waren das Zeugnis eines gewaltsamen Entfernen. Mein Hund gähnte laut.

Mein Kopf begann zu jucken und ich kratzte mich. Mein Hund tat es mir gleich. Er setzte sich hin und kratzte sich mit seiner Hinterpfote am Ohr.

Da sagte mein Hund mit den Augen auf den leeren Rahmen gerichtet: „Das Bild hat sich selber herausgerissen.“ Ich starrte ihn verdutzt an. Auf diesen Gedanken wäre ich nie gekommen. Und dann hörte ich das Vogelgezwitscher.

text by canela
music by risikogruppe 

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6 Gedanken zu “Rahmen ohne Bild oder der blaue Hund

  1. Ein sehr schöner und vielsagender Text. Der wunsch von sich selbst einmal Urlaub zu machen und die Angst das sich etwas ändern könnte.
    Vielleicht sind das die ängste und Sehnsüchte die in uns allen ruhen.
    Lg. Raziael

  2. Hallo, ich kann noch nicht genau sagen warum, aber dieser Text sagt mir zu. Im Kopf sehe ich Bilder die mich in die Richtung von Dali oder auch Picasso „treiben“.

  3. der blaue hund. ach, du findest bilder, die ankommen. und das gezwitscher. muss schon frühmorgens gewesen sein? wasser trinken ist nicht das schlechteste 🙂
    schönes lied!

  4. miss passiflora: jonglieren gefällt mir.
    gokui: oh 😉
    sofasophia: blaue hunde sollten mehr zur geltung kommen. sie sie so unterschätzt.

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