Von Sinnlosigkeiten und remodellierten Gesichtskonturen

Neulich kam ich zerzaust ins Büro. Ich beklagte mich theatralisch in gespielter Barbie-Manier über diesen schrecklichen Wind, der meine Locken entstellte. Der Kollege erhob sein Gesicht, dann seine linke Augenbraue und meinte mit gelangweilter Stimme: „Ach, diese Probleme möchte ich auch mal haben.“ „Also meine richtigen Probleme sind,“ konterte ich,“ der nicht erreichte Weltfrieden, der CO2-Ausstoss und die gewaltige Eurokrise. Darum spiegelt sich mein Ersatzproblem in der zerzausten Frisur als metaphorische Brücke meiner quälenden Ohnmacht.“ Irritiert schaute er mich an, zuckte mit den Schultern und überliess mich meinem unverstandenen Humor.

Einen Tag danach traf ich mich mit einer Freundin. Nebst Kaffee trinken, Zigaretten rauchen und Dessous kaufen für unsere Männer – ich meine für uns Frauen – spazierten wir auch durch die Kosmetikabteilung eines grossen Warenhauses. Wie alle weiblichen Wesen dieser faltenfreien sowie ewig jugendlichen Welt, können wir uns nicht dem Druck entziehen, ab einem gewissen Alter mehr für das Aussehen zu tun als nur Zähne putzen vor dem Schlafengehen.

Ich studierte mit einer fiebrigen Aufmerksamkeit die Produkte für Frauen ab 30. Ich las über die Wirkungen und Resultate und verglich sie mit einer im Kopf erstellten Nutzwertanalyse. Ich hielt die Döschen und Töpfchen und las das Kleingeschriebene mit der Akribie eines nach einem Auftrag lechzenden Detektivs. Mein Blick wanderte meist nach oben. Die dort platzierten Produkte waren für die jungen Frauen, wie ich, die für die alten, nicht wie ich, waren unten.

Wie erwähnt, befanden sich die Regale für die älteren Damen mehr in den unteren Bereichen. Am Regalrand waren kleine Spiegelchen befestigt. Der Sinn dieser Spiegelchen leuchtete mir erst ein, als ich entdeckte, wie beschissen man aussieht, wenn man den Kopf nach unten neigt und sich die Haut am Hals und an den Konturen des Gesichtes faul hängen lässt. Wie eine Hängematte schwang meine Haut hin und her. Erschrocken sah ich Dinge, die ich noch nie gesehen hatte. Diese Drecksschweine, wer immer auch die Spiegel dort befestigt hatte!

So griff ich wie in Trance ein Döschen im unteren Regal. Dieser Tiegel versprach remodellierte Gesichtskonturen und straffe Haut in nur 3 Wochen. Produkt ab 45! Traumatisierte zahlte ich meine neue Gesichtscreme, vergass meine Freundin im Laden, überfuhr fast einen Grand Anglo-Francais Blanc et Noir (Hund für den Rest der Leser) und torkelte nachhause.

„Ich bin alt“ stotterte ich verstört, als später Mozart die Haustüre betrat. „Und schön!“ fügte er galant hinzu. Aber das hörte ich nicht mehr, weil ich mich mit dem Rückzug der Amis aus Irak beschäftigte und über die lausigen Ergebnisse des Klimagipfels ärgerte. Der Weltfrieden war, wie erwartet, noch mehr in die Ferne gerückt.

by canela

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9 Gedanken zu “Von Sinnlosigkeiten und remodellierten Gesichtskonturen

  1. ach, liebe canela, glaub mozart! er weiss das. was er sonst auch immer weiss oder nicht weiss, darin hat er recht. weil er dich liebt. mit oder ohne falten.

    ein genial geschriebener text! satire par exellence!!!

  2. Toller Text. Mozart hat recht, glaube ihm! Die Marketingexperten aus der Kosmetikbranche lassen sich wirklich fiese Tricks einfallen, um die Produkte an die Frau zu bringen. 😉

  3. ..was so ein paar „Hängebacken“ doch alles zum Vorschein bringen.
    Köstlich geschrieben.
    Wünsch Dir und Deinem Mozart ein gelungenes Weihnachsfest.
    Liebe Grüße, Oswald

  4. @sofasophia: liebe macht blind 😉
    @miss passiflora: ich bin selber eine marketingtante. ich weiss, zu was die leute meiner berufsgattung fähig sind. diese skrupellosen schweine.
    @monsieur croche: ja klar, die inneren werte und so. aber wenn diese in hängematten-backen verstaut sind? ich weiss nicht….
    @mrs weasly: ja falten sind schön. bei den anderen.
    @morbeed: ja die hängebacken machen es aus, ob man an weltpolitischen dingen interessiert ist, oder nicht.
    @alle: schöne festtage! 😀

  5. Ich sage nur: Grossartiger Text! Wie gut Du aussiehst, sage ich Dir dann, wenn ich Dich wieder mal sehe! Möge es 2012 soweit sein! Vielleicht koche ich dieses Jahr wieder mal Risotto (uuuh, Kohlehydrate!!!) für uns alle. Und ein rechtes Desser!

  6. @buehlersblog2: oh merci für dein kompliment!
    guten rutsch ins 2012 und klar, risotto ist ein superkohlenhydrate-lieferant, das ich für mein leben gerne esse. wir können dann noch über die ideale pinzette sprechen, die lästige gesichtshärchen entfernt. 😀

  7. Pingback: Als Frau mit 50 unsichtbar? Goht’s no? | el mundo de canela

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