Wie ein Geheimnis zum Kater wird

Es ist früh morgens und noch dunkel als ich aufwache. Das Licht der Strassenlampe vor dem Fenster lässt die Möbel Schatten werfen. Stöhnend erhebe ich mich vom Sofa auf dem ich die Nacht verbracht hatte. Die borstigen Stoppeln an meinem Kinn knistern wie Tannennadeln im Feuer als mich kratze. Als ich meinen Kopf zur Seite neige, durchfährt ein kurzer Schmerz meinen steifen Nacken. Was für ein Scheissmorgen!

Ich schlurfe zum Schreibtisch und schalte das Radio ein. Nina Simone krächzt leise „Here comes the sun“. „Sogar du dumme Schlampe im Radio lügst mich an!“ denke ich verbittert. Und mit dem Blick zum Fenster gewandt massiere ich meinen steifen Nacken während mich das grelle Licht der Strassenlampe angähnt. In diesem Moment erscheint es mir unmöglich, dass in einer Stunde die Sonne scheinen wird.

Ich begebe mich zur Kaffeemaschine und drücke den Espressoknopf. Das Gekreische des Bohnenmahlens lässt mich zusammenzucken. Keuchend und zähflüssig fliesst der Kaffee in meine Espressotasse. Und plötzlich pocht es hinter meinen Schläfen wie verrückt, meine Augen schmerzen. Ich habe einen Kater.

Vorsichtig schlurfe ich zu meinem Schreibtisch zurück, setze mich und schalte die grüne Tischlampe ein. Dabei starre ich das hellbraune Schäumchen meines Espressos an, das lautlos platzend in sich zusammenfällt. Gereizt drehe ich den Kopf der Lampe zur Seite. Ihr Schein ist so aufdringlich wie zuviel Schminke auf einem Gesicht einer hässlichen Frau. Was fühle ich mich gerädert! Kein Wunder, habe ich doch die halbe Nacht auf dem Sofa in meinem Büro verbracht, nachdem ich zuerst zuhause gewesen war und nicht einschlafen konnte. Nach ein paar wachen Stunden im Bett wälzen, hatte ich mich in mein Büro begeben. Auf dem grünen Sofa neben meinem Schreibtisch schlief ich dann sofort ein. Alte Gewohnheiten streift man nicht wie einen Schal ab.

Der Geruch meines jetzt fast schaumlosen Espressos bringt keinen Trost. In meinem Kopf haut der Kater heftig auf den Amboss und ich hauche in meine Hand. Mein Atmen stinkt nach Alkohol und Zigaretten. Eigentlich ein vertrauter Geruch. Doch die Beichte, die ich mir gestern Abend von Murgenthaler unfreiwillig angehört hatte, lässt meinen Atmen fauliger riechen als sonst.

Ich war gestern mit meinem Chef in der Löwenbar gewesen. Murgenthaler und ich hatten uns nach Dienstschluss noch ein paar Single Malts genehmigt. Ich mag ihn nicht, aber ungern habe ich ihn auch nicht. Eines gab es noch zu diesem Abend, was ich nicht verstand: wieso hatt er mich vor mehr als einem Jahr eingestellt? Das Vorstellungsgespräch war miserabel gelaufen und ich hatte mir keine Hoffnungen auf eine Anstellung gemacht.

Am Vorabend des Vorstellungsgespräches hatte ich zuviel getrunken und zuwenig geschlafen. Ich hatte Mühe, mich bei dem Gespräch zu konzentrieren. Die Fragen von Murgenthaler schienen mir belanglos und unnütz. Wenn man müde ist, sind Belanglosigkeiten noch schwieriger zu ertragen als ausgeruht. Schliesslich teilte mir Murgenthaler am Ende des Gesprächs mit, dass es noch andere Bewerber geben würde. Ich antwortete ihm, dass es mich erstaunen würde, wenn nicht. „Herr Meyer, wir melden uns wieder bei ihnen. Sie erfahren in den nächsten Tagen, für wen wir uns entschieden haben.“ meinte er darauf reichte mir seine feuchte Hand zum Abschied.

Ich fahre nochmals über meinen Nacken und hoffe, dass er aufhört, sich so steif anzufühlen. Das Sofa war ein hartes Lager gewesen. Um so weicher war gestern Abend der Whiskey in meine Kehle geflossen. Murgenthaler hatte mir in der Bar eine Geschichte erzählt, die ich geahnt hatte, aber nicht bestätigt haben wollte. Ich seufze und empfinde mein Leben als eine Aneinanderreihung von Missgeschicken. Auf diese Erkenntnis muss ich eine Zigarette rauchen. Ich krame meine Schachtel Zigaretten aus der Schreibtischschublade hervor und zünde mir eine an. Der Rauch steigt auf und löst sich in Nichts. Es gibt Dinge, die man nicht wissen will. Dann sollte man Rauch sein, inhaliert, ausgestossen werden und verschwinden.

Vor mehr als einem Jahr war ich 58 und hatte gerade meine dritte Scheidung hinter mir. Ich fühlte mich als Niete und wollte diese Gefühl los werden. Trinken half zwar nicht, aber machte das Versagen erträglicher. Als ich in der Zeitung las, dass die Polizei von Zofingen einen Kommissar suchte, beschloss ich, mich zu bewerben und umzuziehen, falls ich den Job erhalten würde. Es ist leichter sich an einem fremden Ort als Versager zu fühlen, als mit bekannten Menschen und Strassen das Unglück zu teilen. In einer fremden Stadt auf keine Vergangenheit zurück blicken zu können, erleichtert das Leben, obwohl es immer noch das alte ist.

Trotzdem hatte ich nicht erwartet, den Job zu bekommen. Als ich den Vertrag per Post erhielt, war ich mehr erstaunt als erfreut. Ich ahnte, dass meine Anstellung nicht mit rechten Dingen zugegangen war.

„Bis jetzt haben sie die drei letzten Fälle nicht gelöst, Meyer. Ich finde sie sollten sich mehr Mühe geben und weniger trinken.“ zickte Murgenthaler, und trank seinen Whiskey in einem Schluck aus. Ich nickte schwach und sah wie sich nach dem Schlucken sein Gesicht kurz zur einer grimmigen Grimasse verzog: „Chef sie könnten recht haben“ erwiderte ich. „Ich habe recht!“ schnauzte mich Murgenthaler an, hob seine Hand und nickte dem Barkeeper zu für einen weiteren Whiskey.

Nachdem er seinen zweiten Whiskey bekommen hatte, packte er mich am Arm und zog mich an sich. Seine Augen waren gerötet und starrten mich eindringlich an. Ich roch seinen Atem, der nicht nur nach Whiskey stank. „Wissen sie Meyer, wir wollten sie gar nicht einstellen“ flüsterte er. Ich drückte ihn von mir weg und schaute verdutzt. „Wie meinen sie das?“antwortete ich. „Wie soll ich ihnen das erklären?“flüsterte Murgenthaler mit unsicherer Zunge weiter. Zitternd und unbeholfen packte er eine Zigarette aus der Schachtel. Er schob sie zu tief in den Mund. Als er es bemerkte, weil seine Lippen am Zigarettenpapier klebten, zog er sie langsam bis zum Filter heraus und hielt sie mit zusammen gepressten Mund. Er zündete sie an, nahm einen tiefen Zug und blies den Rauch zur Decke. Dann schaute er sich herum, als ob uns jemand zuhören würde. Leise fuhr er fort: „Ihre Anstellung war ein Missverständnis. Wir haben die Bewerbungsunterlagen vertauscht! Wir hatten uns für einen anderen Bewerber mit dem gleichen Nachnamen entschieden. Er hiess Meier!“ Murgenthaler schaute hilflos aus dem Fenster, als ob er jemand suchen würde. Und er zog heftig an seiner Zigarette, an der er sich wie ein Ertrinkender festhielt. Ich starrte ihn ungläubig an: „Wie? Er hiess Meyer? Er hatte den gleichen Nachnamen wie ich? Ich verstehe nicht!“ Sowas hatte ich nicht erwartet.

“Ja, er hiess Meier. Aber mit ei und nicht mit ey. Ich bin zwei Tage nach ihrem Bewerbungsgespräch mit meiner Frau in den Urlaub. Darum beauftragte ich telefonisch meine Sekretärin, sie solle den Arbeitsvertrag an Meier senden. Sie griff irrtümlicherweise nach ihren Unterlagen und so erhielten sie den Vertrag. Also statt der Meier, mit ei, erhielten sie, der Meyer mit ey, den Arbeitsvertrag.“ Ich runzelte die Stirne und schüttelte den Kopf. So etwas Lächerliches hatte ich noch nie gehört! Murgenthaler wollte seine Zigarette löschen und drückte sie in den Aschenbecher. Als er aber seinen Finger hob, klebte sie noch an seinem Zeigefinger. Er musste wohl sehr feuchte Finger haben. Er schüttelte seinen Finger unbeholfen bis der zappelnde Zigarettenstummel in den Aschenbecher fiel.

„Chef, sie wollen mich doch verarschen!“ erwiderte ich nach diesem Schauspiel und trank den letzten Schluck. Sein Kampf mit der Zigarette hatte seine Aussage unglaubwürdig lächerlich wirken lassen. „Nein,“ erwiderte er mit glasigen Augen und starrte verzweifelt in sein volles Glas. “Es ist die Wahrheit, Meyer! Ich verrate ihnen noch was.“ sagte er mit gedämpfter Stimme und schaute mich eindringlich an. Er zog mich wieder näher an sich, was mich nicht unbedingt freute, da ich mich wieder mit seinem Mundgeruch auseinander setzen musste.

„Wissen sie, ich habe ein Verhältnis mit meiner Sekretärin. Ich glaube, ich liebe sie. Das ist der Grund, weshalb ich sie, Meyer, nehmen musste. Ich konnte doch denen da oben nicht sagen, dass meine Sekretärin einen Fehler gemacht hatte“ und er zeigte mit dem Zeigefinger nach oben, der noch voller Asche von der widerspenstigen Zigarette war. „Sonst hätte man mir vielleicht befohlen, ich soll meine Sekretärin und sie entlassen. Was meinen sie, wie die gewettert hätte? Sie hätte sicher meiner Frau von unserem Verhältnis erzählt und das ist das letzte, was ich will.“ Ich sah ihn an und wusste nicht, vor wem er mehr Angst hatte, vor seiner Geliebten oder vor seiner Frau. Er fuhr wild fuchtelnd fort. „Darum habe ich beschlossen, sie, Meyer, zu behalten. So habe ich weiterhin meine Sekretärin und meine Frau. Ich finde das fair, Sie nicht?.“ Ich zündete mir eine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug. Ich starrte Murgenthaler an, der wie ein trotziger Junge wirkte und wieder unsicher in sein Glas starrte. Er nahm einen grossen Schluck.

Auch ich nahm einen Schluck. „Sie haben mit Frau Huber ein Verhältnis?“ Ich versuchte mir die grosse, schlanke und äusserst blonde Huber mit dem kleinen, gar nicht blonden Murgenthaler im Bett vorzustellen. Es gelang mir nicht. Nur weil also ein anderer Mann seinen Schwanz nicht im Zaume halten konnte, hatte ich meinen Job. So etwas hatte ich nicht erwartet! Oder man konnte es auch so sehen: ich hatte meinen Job, weil mein Vorgesetzter ein verdammter Feigling war und keinen reinen Tisch machen konnte. Beide Erklärungen gefielen mir nicht. Das einzige was mich gerade tröstete, war, dass nicht nur ein Versager am Tresen stand.

Als ob Murgenthaler meine Gedanken gelesen hätte, fuhr er trotzig fort:“Ich mache jetzt mit ihnen einen Deal!“ Seine Aussprache war nun so nass, dass er mir beim Reden an den Hals und Wange spuckte. Ich fuhr etwas zurück, wischte mir die nassen Stellen mit dem Handrücken ab und schaute ihn fragend an.“Ich habe ihnen von meinem Verhältnis mit der Huber erzählt und sie halten die Schnauze, was sie von ihrer Anstellung wissen.” Ich schüttelte den Kopf: „Aber wie konnte sowas passieren“, murmelte ich mehr zu mir, ohne auf sein Angebot einzugehen. Murgenthaler antwortete indem er die Wörter  langsam und einzeln aussprach, als würde er mit einem Tauben reden:“Statt den Meier mit ei einzustellen, der die erste Wahl war, haben wir sie angestellt. Ich ging in den Urlaub nach unserem Bewerbungsgespräch. Und als ich nach diesen zwei Wochen zurückkam, bemerkte ich das Missverständnis. Elena hatte mir ihre Unterlagen auf den Tisch gelegt und gesagt, sie hätte nun diesem Meyer die Unterlagen gesandt. Da stellte ich fest, dass man ihnen den Vertrag gesandt hatte und nicht meinem Favoriten Meier. Aber ich wollte Elena nicht bloss stellen, ich liebe sie nämlich.” Er hustete kurz: “Glaube ich.“ Ich stand auf und schaute Murgenthaler an. „Chef, ich habe sie verstanden! Sie wollten die Huber verschonen und darum habe ich jetzt den Job! Das ist, was sie mir sagen wollten.“ Murgenthaler sah mich erstaunt an, seufzte, nickte und murmelte: „Ja, das wollte ich eigentlich sagen.“„Ich gehe jetzt, ich bin müde.“ Antwortete ich. In einem Zug leerte ich den Rest meines Glases, löschte die Zigarette, zog meine Jacke an und begab mich zum Ausgang. Da hörte ich Murgenthaler hinter mir durch die Bar brüllen: „Übrigens, ich ich lade sie heute Abend ein. Und wir sind quitt. Vergessen sie das nicht!“ Die Türe fiel mit einem Knall zu. Und ich stand draussen.

Ich zog den Jackenkragen hoch und ging mit schnellen Schritten durch die Gassen. Während ich lief, fühlte ich wie die Kränkung breit machte. Meine Anstellung war nur dank einer Verwechslung zustande gekommen. Die Erkenntnis schmeckte bitter und ich zündete mir eine weitere Zigarette an, die den Geschmack nicht milderte.

Zuhause angekommen, zog ich die Jacke aus und liess sie auf den Boden fallen und ging ins Schlafzimmer. Ohne Licht zog ich mich nackt aus. Ich legte mich aufs Bett und zündete mir nochmals eine Zigarette an. Die Dunkelheit meines Zimmer wurde kurz vom Glimmen der Zigarette durchbrochen. Ich hörte mich den Rauch ausatmen und das leise Knistern der Zigarette. Dann stand ich auf und ging zum Büchergestell. Zwischen den Bücherstapel zog ich eine DVD heraus und begab mich zum Fernseher vor meinem Bett. Ich schob ihn in den DVD-Player, fasste das Kontrollkästchen und legte mich wieder auf mein Bett.

Sofort erschien eine Warnung vom FBI, das von einem Lachen einer Blondine abgelöst wurde. Sie leckte sich die Lippen und schaute mich an. Auf Englisch sagte sie mir, sie hätte Lust nach meinem Saft. Aber dann kniete sie sich hin und nahm zwei schwarze Schwänze in den Mund.

Doch ich hatte keine Lust ihr beim Blasen zu zuschauen, also drückte ich den Vorlauf zur Stelle, in der sie sich von zwei Männern ficken lies. Ich griff nach meinem Schwanz und massierte ihn kräftig. Es ging nicht lange und ich explodierte noch vor den zwei Männern im Film. Zwischen dem Stöhnen der Männer und der Blondine, nahm ich das Laken, wischte das Sperma vom Schwanz, der Hand und meinem Bauch ab und schaltete dann den Fernseher aus. Seltsamerweise fühlte ich mich nicht entspannt. Normalerweise half masturbieren, denn dann wurde mein Kopf leer und es machte mich müde.

Ich lag also da und starrte in die Dunkelheit, während ich mir eine weitere Zigarette anzündete. Ich glaube nicht, dass die Blonde Spass an ihrem Job hatte. Aber den hatte ich auch schon lange nicht mehr. Nur, dass ich meinen zufällig bekommen hatte und sie bei ihrem wohl besser bezahlt wurde. Ich seufzte und zog fest an meiner Zigarette. Ich konnte nicht einschlafen. Also stand ich auf und zog mich an.

Während meine Schritte durch die Gassen von Zofingen hallten, stellte ich mir Murgenthaler vor, wie er die Huber nach meinem Schritttempo bumste. Die Vorstellung lies mich grinsen. Im Büro angekommen, legte ich mich auf meinem Sofa und fiel in einen traumlosen Schlaf.

by canela

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4 Gedanken zu “Wie ein Geheimnis zum Kater wird

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