Der kleine Fisch im Meer

Mein Dad wäre ziemlich beleidigt gewesen, wenn er herausgefunden hätte, dass er nicht begraben wurde, wie gewünscht. Doch meine Mutter fand, dass ein Grab zu teuer sei. Er wurde kurzerhand kremiert. Sie hatte schon zu seinen Lebzeiten die Finanzen fest im Griff. Wieso sollte sie das nach seinem Tod nicht weiterhin tun?

Dass er nicht begraben wurde, heisst aber nicht, dass wir ihm nicht einen würdigen Abgang bereitet hätten. Oh nein! Seine Asche wurde auf dem Meer verstreut an einem Strand, der lange Zeit der Lieblingsplatz meiner Eltern gewesen war. Ein grosser Fels ragt aus dem Meer: El peñon del cuervo. Der Abend, an dem mein Vater mit der Meeresbrise fort flog, war lau. Die Sonne ging gerade unter und das Zentrum von Malaga leuchtete am Horizont. Jeder von uns liess eine Handvoll Asche ins Meer gleiten. Ich wollte das Geschehen filmen. Aber meine Mutter und Schwester meinten, das sei pietätlos. Also einigten wir uns aufs Fotografieren. Dass ich keine Digitalkamera  in den Händen hielt – es war die Kamera meiner Schwester -, merkte ich erst später, als wir uns die Fotos anschauten. Ich hatte nur unsere Beine fotografiert und ein Stückchen Meer. Man sah nicht, wie die Asche ins Meer übergeben wurde. Mein Schwager war der letzte, der den Rest meines Vaters ins Meer übergab. Er watete durch das seichte Wasser, kletterte den Felsen hoch und schüttete den Rest aus der Urne aufs Wasser. Als hätte es der Wind bemerkt, holte er aus und liess die vielen Vaterteile im hohen Bogen davonschweben. Mein Vater flog davon. Ein „ohhh“ entsprang aus unseren Kehlen. Mein „oh“ ging über in ein Schluchzen, dass tief aus meinem Bauch kam. Der Tod eines Vaters, wie er auch immer gewesen sein mag, ist unfassbar. Eine Brise fuhr über uns hinweg und schnappte sich eine Träne von mir, welche wiederum sich ein Aschekorn packte und es ins Meer riss. Das sah eine kleine Sardelle, welche  ihren Kopf aus dem Wasser hob, ihr Maul aufriss und das Tochtervater-Gemisch schluckte. Wie ein silberner Pfeil blitzte sie dann davon ins schwarze Nass und verschwand. Ich glaube, es war die Sardelle, die einst meinem Vater von der Angel sprang……. text and dad’s pic by canela

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5 Gedanken zu “Der kleine Fisch im Meer

  1. tolle geschichte und ein würdiges ende. mein vater sagte mir auch einmal, als wir an einem schönen ort im berner voralpenland vorbei wanderten, ich könne dann mal hier seine asche hinstreuen.

    das habe ich auch getan, allerdings unter vorbehalt des berner pfarrers, weil in der schweiz die asche unter umweltverschmutzung gewertet wird und nicht einfach verstreut werden darf! er gab mir aber trotzdem eine kleine büchse mit einem teil seiner asche.

    und so hat mein daddy nun also gleich zwei gräber. ein legales und ein idyllisches 🙂

  2. @lost: genau! da soll sich mein dad ja nicht beklagen. wunderbares foto nicht? und klar, dieses foto kann nicht von mir stammen 😀

    @sofasophia: wir und unsere eltern sind in vielen dingen unzertrennbar. diese erkenntnis hat mich erschreckt wie auch milde gegenüber mir selber gezeigt.

    @acqua: ich würde spontan sagen nein 😉 aber im tiefsten innern vielleicht ein kleines ja.

    @falki: das, was wir taten, war auch illegal 😉 aber was du gemacht hast, finde ich auch schön. so hat man zwei orte. das ist luxus pur 😉

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