Boys will be boys oder Frauen und Technik

„Der Mann stammt aus einer Höhle“ meinte ich doppeldeutig beschwichtigend, als unser Sales mir zu versuchen erklärte, wieso ich seine Inbox im Outlook nicht sehen dürfe. „Weisst du, wir senden uns halt so Männerzeugs.“ fasste er nochmals zusammen. Und ich dachte: „Boys will be boys“ und lächelte ihn verständnisvoll an.

Wie sehr ich recht behalten sollte, ahnte ich in diesem Moment nicht.

Wir haben ein Tool, das über 1000 Geschäftskontakte beinhaltet. Diese Software erlaubt auch Marketingkampagnen zu erstellen. Rudimentär aber sehr wohl funktionierend, wie ich bald erfahren würde. Da versuchte ich also die Adressaten unter einer Kampagne zu erfassen, die ich konzipiert hatte, um die von uns kontaktieren Personen zusammenzufassen. „Canela, mach eine Kampagne, dann kann er die Historie beim Nachfassen eingeben.“ war mein Grundgedanke. Dass ich nicht mit diesem Tool umgehen könnte, kam mir gar nicht in den Sinn.

Also begann ich all die Felder auszufüllen, klickte brav E-Mail an – schliesslich waren sie heute per E-Mail kontaktiert worden – und gab eine Notiz ein, die lautete: Kampagne für den Upgrade gestartet, Sales fasst in den nächsten Tagen nach. Als ich stolz auf den Button klickte – in der Annahme, dass die Notiz gespeichert werden würde, ratterte es plötzlich. Mein Outlook bewegte sich und plötzlich ging alles blitzschnell. Meine vermeintliche Notiz wurde an über 1000 Geschäftskontakte gesendet!

Starr vor Schrecken betrachtete ich ungläubig meinen Laptop. Mein Outlook hüpfte und sprang und jedes Mal sah ich wieder die Nachricht: Gesendet! Statt – wie ein Mann – ruhig Blut zu bewahren, ging ich mit riesigen Telleraugen zu unserer Assistentin und eröffnete ihr mit Grabesstimme: „Ich bin eine Kuh, ich glaube ich habe einen Scheiss gebaut. Mein Outlook sendet eine Notiz an über 1000 Personen!“ Doch sie trauerte nicht solidarisch mit mir, sie brach in ein lautes bellendes Lachen aus. Ich schaute sie nur katatonisch an und wusste, hier war keine Hilfe zu erwarten.

Dann lief ich schnell wieder in mein Büro und konnte ca. 900 Mails stoppen. Aber 150 waren schon bei den Inboxen der Empfänger hineingeflogen. Die Misere war vollbracht und nothing is gonna stop us now.

Ich betrachtete meine Outbox. Mein Leben mit Computern und Software lief an meinem inneren Auge vorbei.

  • Wie ich das erste Mal eine Maus bedienen lernte und fluchte, weil ich die anvisierten Icons nicht traf.
  • Wie ich vor 15 Jahren das erste Mal überhaupt einen Browser sah und die weiten Welten des Internet kennenlernte. Und begeistert war, dass man CDs bestellen konnte.
  • Wie ich eine SAP CRM-Zertifizierung bestand und immer noch nicht verstand, was ich eigentlich gelernt hatte.
  • Wie ich bei Kunden in England ein Customizing (Einstellen der Software noch den vordefinierten Arbeitsprozessen) durchführte und mein Wissen meist knapp vier Seiten aus der Online-Help vor dem Kunden war.
  • Und wie ich jetzt, einfach gedankenlos, einen Button gedrückt hatte, mit dem Computerurvertrauen, das Richtige zu tun.

Ich musste zu meinem Chef beichten gehen.

Wie ein kleines verschrecktes Mädchen stürzte ich in sein Büro. Dass er eine Sitzung mit all den Geschäftsleitern und Partnern, deren sechs Männern im Plenum, hatte, wusste ich nicht. Sie starrten mich an und erst hier – genau in diesem fulminanten Moment – funktionierte mein Frauenhirn wieder, denn mein Berufshirn rannte immer noch entsetzt schreiend herum.

Canela, sagte ich mir, hier sind lauter Männer. Du hast Scheisse gebaut und musst dafür einstehen. Doch wie hole ich mir Absolution und ein väterliches Augen-zu-drücken, ohne gekündigt oder noch schlimmer, geköpft zu werden?

Ich setzte meine Hilfe-ich-bin-eine-Frau-und-weiss-nicht-weiter-Miene auf. Ich muss hinzufügen, dass ich an diesem Tag ein oranges Kleid trug mit hohen Stiefeln, die mich weiblich aussehen liessen. Hinzu kam, dass ich morgens vergessen hatte einen Schalen-BH anzuziehen. Was meine Nippel immer mit einem Hartwerden dankten, in den ungünstigsten Momenten, um ja beachtet zu werden.

Mit grossen braunen Augen, sagte ich zitternd: „Jungs ich habe einen Fehler gemacht, ich muss in die Ecke und mich schämen. Ich habe eine Notiz als E-Mail an 150 Kontakte gesandt. Ich muss ein Entschuldigungsmail schreiben.“ Dabei drehte ich mich langsam um meine eigene Achse und schaute jedem Mann genau ein paar Sekunden tief in die Augen. Sie sollten mein Leiden sehen, spüren und miterleben. Und natürlich meine sich unter dem Kleid abzeichnenden Nippeln, sowie meine Pobacken, die auch nicht zu übersehen waren. Sie starrten wie gebannt zurück und ein Glänzen in etwa 12 Augen wuchs mir entgegen.

Boys will be boys. Ihr möglicher männlicher Zorn über mein weibliches Unvermögen mit Technik umzugehen, schwand wie ein Eiswürfel an der Sonne. Sie lächelten verständnisvoll und ihre Augen sprangen von oben nach unten, beziehungsweise nach hinten.

„Ach Canela, “ hauchte mein Chef und durchbrach das Schweigen. „Das kann jedem passieren. Mach es, wie du es vorgeschlagen hast und schreibe eine Entschuldigung.“ Väterlich aufmunternd nickte er mir zu. Die anderen setzten in den Kanon ein und ihre Köpfe gingen auf und ab. „Hey easy, das ist halb so schlimm“. Oder: „Na bessere Werbung hatten wir schon lange nicht mehr.“ trösteten sie mich.

Obwohl ich die Errungenschaften der Emanzipation schätze, wusste ich, hier war das Männchen-Weibchen-Balzverhalten, welches mich gerettet hatte. Frau sein hat seine Vorteile, man muss sie nur erkennen und zum richtigen Zeitpunkt einsetzen.

by canela

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12 Gedanken zu “Boys will be boys oder Frauen und Technik

  1. Also mir persönlich ist lieber, wenn die männlichen Kollegen Achtung vor mir haben, als dass ihnen der Speichel im Mund zusammenläuft.
    Und ich bin durchaus tageslichttauglich…

    😉

    Besten Wochenendgruß … Eva

  2. @roger: du bist so gemein „mitdenwimpernklimpert und schmollmundmacht“

    @falki: ja. komm endlich auch. du weisst ja, die kopfprämie 😀

    @Lost: gute frage, ich glaube ja. irgenwo sind wir alle noch aus den höhlen stammend.

    @eva: ich teile deine meinung nur bedingt. das eine schliesst das andere nicht aus. aber ich mache einen post daraus 😉

    @paddy: grins! nur zu… ich schlage auch nicht in die weichteile…

    @theswiss: ich weiss. ich habe die sap crm marketingkomponente bei kunden eingeführt, kann aber kein pippi-softwaretool bedienen. 🙂

  3. Frau sein ist immer gut und wozu haben wir denn unsere schönen Körper?

    Dass wir auch was im Kopf haben merken sie schon noch früh genug.

  4. *lach*
    Barbie sein ist manchmal klug. Besonders im Wissen, dass in Barbie eine wilde Amazone wohnt.

    (Männer dürfen das nicht wissen. Darum ist dieses posting in schrillpink verfasst und für testosterongetränkte nicht lesbar)

  5. Ich persönlich bin mir nicht sicher, ob es die richtige Strategie ist, in solchen Momenten Sex Appeal auszuspielen. Wenn man Pech hat, wird das gegen einen verwendet. Motto: Wieder mal typisch – sexy, aber blöd! Warum haben wir das nicht eher bemerkt?

    Aber offenbar hats bei Dir funktioniert. Dann ists ja prima. Insgesamt bin ich ganz Deiner Meinung. Wir sollten unsere Vorteile im Berufsleben schamlos ausnützen. Männer tun das auch.

  6. @frau frogg: bei einer firma mit 80 mitarbeitern und davon nur 5 frauen, ist man eh eine exotin. ob man es möchte oder nicht, ob man sexy ist oder nicht. man ist frau, das genügt.

    ich weiss, dass ich aufgrund meiner erfahrung und fähigkeiten angestellt worden bin. wenn ich etwas sage und begründe, tun sie es. das genügt mir.

    dass sie mich vielleicht attraktiv finden, oder nur die tatsache, dass ich in einer männerdomäne eine frau bin, kann vor- und nachteile bringen.

    aber statt zu jammern, setze ich meine asse ein. jungs taten es schon immer ihre asse auspielen, frauen können nur von ihnen lernen. nur wir frauen haben den joker, den man richtig einsetzen muss. wie du es sagtest, wir sollten unsere vorteile im berufsleben schamlos ausnützen.

    manchmal hat frau erfolg, manchmal nicht.

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