Vom Gugelhopf und den Rosinen

Die Nase des Schachtelsätzers kräuselt sich, wenn er lächelt: „Ich würde so gerne von deinem Gugelhopf probieren. Gibst du mir ein grosse Stück?“ Sie glaubt, er meint es ernst. Er will ein ganzes Stück, nicht nur die Rosinen. Und sie weiss nicht, was sie ihm antworten oder geben soll.

Er ist nicht einer dieser Menschen, der glitschige Verantwortungslosigkeit und vermeintliche Freiheit als erste Bedingung des Zusammenseins in den Vordergrund stellt. Nicht einer dieser Männer, der vor ihr und besonders vor den anderen protzend erzählt, er sei nach einem Fussballspiel nicht alleine aufgewacht. Und alle wissen, dass sie nicht diese Frau war. Nicht einer dieser Herzvergifter, der sie nach dieser Aussage mit der Demütigung erstarrt sitzen lässt, welche sie still schluckt und frisst. „Wir haben keinen Vertrag“ flüstert ihr dieser Mann später vorsorglich und vor allem trotzig zu, weil ihre Kränkung aus ihren Augen zu springen droht. Sie denkt nur: „Aber es gibt eine Art Respekt.“

Sie ist zerfleddert von den gefrässigen Rosinenpicker. Würde sie dem Schachtelsätzer das verlangte Stück geben, fiele der ganze Gugelhopf zusammen.

Sie fühlt sich gelöchert durch die Bleikugeln der Colts der Liebeshungrigen, die sie auf ihr Herz und ihren Schoss richteten. Nicht um sie als Ganzes zu erlegen, sondern um sich nur die Teile herauszupicken, die ihnen besonders gefielen und gut taten. Was ihr diese vermeintlichen Kuchengeniesser im Gegenzug hinterliessen, war ihre eigene Melancholie und ihr Unvermögen zu Lieben. Ihre kalte Vereinsamung getarnt durch heisse Liebesschwüre. Doch diese Emotionen haben nicht die Konsistenz einer süssen Rosine!

Folglich ist dieser Gugelhopf, von dem Schachtelsätzer gerne ein grosses Stück hätte, eine Art Gebäck gespickt mit Gift. Gefüllt mit Bitterkeit und Hoffnungslosigkeit. Am liebsten würde sie Stunden, Tage oder Wochen lang Tränen vergiessen. Sich reinwaschen, entgiften, diese toxische Mixtur herauskotzen, um dann Trauben zu pflanzen. Diesen Früchten beim Wachsen zusehen, zu pflegen und dann bis zur Überreife am Weinstock hängen zu lassen. Einfach Rosinen daraus machen.

„Ich würde dir so gerne ein grosses, dickes Stück Kuchen schenken!“ antwortet sie ihm. „Aber ich habe Angst, dass der Gugelhopf in sich zusammenfällt.“ Und sie hofft, dass sich Schachtelsätzers Nase wieder kräuselt und er ihr vorschlägt, gemeinsam einen neuen Kuchen zu backen und zu teilen.

by canela

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2 Gedanken zu “Vom Gugelhopf und den Rosinen

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