Wie bei Almodóvar (2)

Teil 1

Málaga hat fast doppelt soviele Einwohner wie Zürich. In Málaga wohnt die  Sonne und das Meer. Wer möchte hier nicht sterben?!

Der Friedhof von Málaga ist ein Sun City für Tote. Eine gepflegte Gartenanlage steht vor der Abdankungshalle.  Springbrunnen, blaue, maurisch anmutende Wasserbecken laden zum Verweilen ein. Und an den Hängen, wo alle Toten wohnen, blüht die Flora auf Teufel komm raus.  Ob es wohl an der Konsistenz der Erde liegt? Manchmal schleicht sich ein süsslicher Duft in die Nase: Eau de morts.

In der Sala 9 – die Beschriftung ist ein Azulejo mit der Nummer 9 – sass meine Mutter. Sie trug Jeans und einen violetten Poncho. Auch die anderen Personen waren normal gekleidet.  Gemurmel und zurückhaltendes Gelächter. Also nichts mit schwarz gekleidet und lauthals weinen. Als wäre man an einer Cocktailparty wurden Freundlichkeiten und Krankheitsgeschichten ausgetauscht. Ja, el niño sei als Kind schon ein Satansbraten gewesen, hörte ich meine Verwandten sagen. Noch mit 80 nannten sie meinen Vater :  el niño, der Bub.

Nachdem ich meine Mutter umarmt und geküsst hatte, mir mein neuester Neffe ein glückliches, zahnloses Lächeln schenkte, trat ein alter Mann zu mir: Lo siento mucho! Und küsste mich schmatzend rechts und links mit einem Knoblauch geschwängerten Atem. Auch eine andere Frau wiederholte die Worte. Meine Mutter zischelte bei meinem fragenden Blick aus den Mundwinkeln, dein Cousin und deine Cousine! Ich lächelte und nickte meinen unbekannten Verwandten zu.

Wo liegt Vater, fragte ich meine Mutter. Hinter dem Fenster, antwortete sie und zeigte mit dem Finger auf einen glänzenden braunen, mit Blumen, geschmückten Sarg, der in einer hellbeleuchteten Kammer stand.

Meine Geschwister und ich beschlossen, unseren Vater das letzte Mal zu besuchen. Als wir in den Raum mit dem Sarg traten, fröstelten wir. Meine Mutter beobachtete uns durch das Fenster von der anderen Seite. Jetzt erst merkte ich ihre rötlichen Augen. Dann öffnete der Mann, der uns in die Kammer geführt hatte, den Sargdeckel. Mein Vater lag unter einer Decke weissen Satinstoffs. Nur seinen bleichen, abgemagerten Kopf schaute heraus.

Was war er dünn geworden! Seine Hungerstreiks hatten sichalso doch ausgezahlt, welche er ein paar Mal im Pflegeheim durchgeführt hatte. Die Wangenknochen standen aus seinem abgemagerten Gesichtchen hervor. So auch seine Nasenhärchen. Wildes grauschwarzes Gestrüpp aus dunklen Höhlen. Sein Gesicht war eiskalt, als ich ihn liebevoll streichelte. Meine Hand glitt über seine Wange hinunter an sein Kinn und ich berührte es auf die selbe Weise, wie er es immer bei mir getan hatte, als ich Kind war: ein feines, zärtliches Kraulen. Friedlich sah er aus, so ganz anders als zu Lebzeiten! Der Tod hatte alle seinen Frust, seine Wut und Bösartigkeit weggeblasen. Der Tod stand im gut.

Und da erfasste mich Fassungslosigkeit und Bitterkeit. Ich weinte. Ich weinte für all die liebevollen Streicheleinheiten als Mädchen und seine bösen Worte als ich zur Frau wurde. Ich weinte, um die nicht erfüllte Hoffnung anerkannt zu werden. Einfach für das, was ich war. Ich trauerte um einen Vater, den ich mir so gewünscht, aber den ich nicht bekommen hatte. Der mir Mut zugesprochen und meine Angst genommen hätte vor Gespenstern. Doch auch Väter, die despotisch zu Lebzeiten waren,  hat man gerne. Irgendwie.

Als sich der Deckel wieder schloss und wir aus dem Raum traten, versiegten meine Tränen so schnell, wie sie gekommen waren.

Eine halbe Stunde später sassen wir alle mit den Verwandten aus dem Süden und auch aus dem Norden in der Abdankungshalle. Ein alter Pfarrer murmelte etwas Unverständliches. Dazwischen rief er militärisch: Aufstehen! Sitzen! Aufstehen! Sitzen! Ich zischelte zu meinem Bruder: Dieser Typ ist aber schräg drauf! Als wären wir zu Francos Zeiten an einem Morgenappell der Guardia Civil!

to be continued

by canela

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5 Gedanken zu “Wie bei Almodóvar (2)

  1. „Ich trauerte um einen Vater, den ich mir so gewünscht, aber den ich nicht bekommen hatte.“

    das habe ich fast wörtlich vor genau neun jahren gefühlt und in mein tagebuch geschrieben. allerdings über meine mutter, die damals starb. verrückt.

    und doch sind wir die, die wir sind eben auch dank ihnen.
    ein text, der mich sehr berührt hat. danke!

  2. @frau frogg: danke. und ja man liebt sie, trotz allem

    @hanj: gell, väter und mütter ein thema für sich!

    @sofashophia: klar sind wir das, dank ihnen. aber man verbringt doch ein paar jährchen zu lernen, damit umzugehen. ob es sich lohnt? ich werds mit meinem kleinen sehen, ob ich es anders gemacht haben werden 😉

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