Wie bei Almodóvar (1)

Mein Vater hat immer seinen Willen durchgesetzt. Nur sein letzter Wille, der wurde ihm nicht erfüllt! Doch ich glaube, er wäre trotzdem zufrieden gewesen mit unseren Entscheidungen und hätte genauso viel gelacht und geweint an seiner Bestattung am Meer wie wir.

Als meine Mutter vom Hombre de los muertos (ein Mann der Versicherung, der sich um alles kümmert bei einem Todesfall) erfuhr, dass man bei einer Erdbestattung die Gebeine des Toten nach 5 Jahren wieder aus der Erde holen muss, um ein teures Grab zu bezahlen, entschied sie kurzerhand meinen Vater einäschern zu lassen. „El no lo va a notar“ (Er wird es nicht merken), meinte meine Mom.

Meine Mutter war schon immer die, welche die familiären Finanzen unter Kontrolle hielt. Sonst wären wir wohl alle unter einer Brücke aufgewachsen. Zwar mit dem neusten technischen Firlefanz, einem coolen Auto, 40 Lederjacken, Goldringe, die keine waren (weil sich mein Vater gutgläubig gerne reinlegen liess) aber eben, ohne ein richtiges Dach über dem Kopf.

In Malaga werden die Toten innert 24 Stunden bestattet. Diese Tatsache verursachte schon das erste Problem. Da es keinen früheren Flug gab, wären wir aus der Schweiz zu spät zur Totenfeier gekommen respektive mein Vater wäre bei unserer Ankunft schon kremiert worden. Also zwang meine Mutter die Ärzte, den Todeszeitpunkt nach hinten zu verschieben, damit ihre Kinder aus der Schweiz an der kirchlichen Feier teilnehmen konnten auf die das Einäschern folgen würde. Wenn man tot ist, spielt es keine Rolle, zu welchem Zeitpunkt man verbrannt wird, oder?

Ich trage nicht oft schwarze Kleider. Das ergab eine weitere Hürde, die es zu überwinden gab. Und die wenigen schwarzen T-Shirts, die ich besitze, haben entweder einen Aufdruck von Pipi Langstrumpf, Pothead oder KISS. Ich versuche ja meist, wo ich kann, Regeln zu brechen, ein entsetztes Kopfschütteln zu provozieren. Auch mit einem empörten Augenrollen gebe ich mich zufrieden. Aber an der Beerdigung wollte ich nicht wegen meiner Mutter auffallen. Also entschied ich mich für ein schlabberiges, aber schlichtes Oberteil, dass mir zu gross war.

Kaum im Malaga gelandet, wurden wir von unserem Schwager abgeholt und mein Bruder und ich mussten uns im Flughafen-Parking  im Auto umziehen. Wir dachten wir müssten uns in schwarz anziehen. Das wir falsch lagen, wussten wir beide nicht. Wer kennt sich schon in spanischen Gebräuchen aus, wenn er weder dort gelebt noch sich  wirklich dafür interessiert hat?

Dann fuhren wir zum Cementerio, wo mein Vater aufgebahrt lag. In der Sala 9 stand sein Sarg hinter einer Scheibe und ein kleiner Raum versammelte Menschen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen hatte. Ausser meiner Mutter und meiner Schwester.

to be continued…

by canela

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5 Gedanken zu “Wie bei Almodóvar (1)

  1. bin auch gespannt wie es weiterging! der mit dem unter der brücke aufwachsen mit auto und 40 lederjacken war gut… 😉

    kann es mir so grad schön vorstellen, wie die moral deines vaters ausgesehen hat.

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