Franz und der schwarze Fleck

Franz starb an einem Sonntag, es war der 13te. Der kleine schwarze Fleck am Bauch hatte sein Leben aufgefressen.

Er hatte lange Angst vor dem Punkt, der auf seinem Bauch wuchs. Dieser Punkt mauserte sich zu einem schwarzen Flecken und dieses schwarze Etwas begann Franz zu fressen. Innerlich. Franz wehrte sich nicht gegen das Gefressen werden. Er meinte, er habe soviel Schönes erlebt, er könne gehen. Er freundete sich mit dem Gedanken an,  dass er den Grund seines Todes kannte und dass der Sensemann früher kommen würde, als in jungen Jahren vermutet.

Sein Tod war leise und rücksichtsvoll. Genauso fotografierte Franz. Leise und rücksichtsvoll. Er starb in Gesellschaft von guten Freundinnen und Freunden. Was für ein Glück! Nicht jeder wird in Gesellschaft derer, die man liebte oder gerne hatte, sterben.

Er freute sich sehr, als er die Leute an seiner Beerdigung sah. Es waren eine ganze Menge Leute. Die ganze Kirche war voll. Sogar der Alex Capus war gekommen und viele andere, die sich von ihm fotografieren hatten lassen. Viele auch, die er schon lange nicht mehr gesehen hatte. Das freute ihn besonders.  Und viele der schwarzgekleideten Menschen waren Frauen.

Franz hatte Frauen geliebt. Er hat einige nackt fotografiert. Er war zwar Industriefotograf, aber Frauenkörper empfand er als genau so schön wie Maschinen. Einige  Frauen trauerten lautlos, die Tränen langsam ihr Gesicht hinunterfliessend, andere wiederum liessen ihren Schmerz freien Lauf und weinten laut und ungehemmt, als ob die Tränen im Innern brennen würden.

Eine grosse blonde Frau überragte eine Rothaarige in der dritten Reihe. Die Blonde weinte nicht, ihr Gesicht war erstarrt vor Trauer. Das dachten zumindest die Anderen. Franz wusste, dass sie ihn gemocht hatte. Doch er wusste auch, dass sich hinter der Maske riesige Angst verbarg. Angst zu wissen, dass sie, wie er, den Grund ihres möglichen Todes wissen könnte. Gerade am Morgen vor der Beerdigung hatte sie einen HIV-Test gemacht. Und sie hatte Angst vor dem Resultat, obwohl sie immer behauptete sie werde 100 Jahre alt. Und während sie sich plötzlich an einen Geburtstag erinnerte,  bei dem Franz ihr Fotos von ihm gezeigt hatte, als er noch eine dunkle Tolle auf dem Kopf hatte, wusste sie, würde das Resultat positiv sein, würde ihr Freund sie hassen und verlassen. Es gäbe kein Sterben mit einem geliebten Menschen. Und dann brach sie in Tränen aus, ihr schwarzer Fleck hatte ihre Contenance aufgefressen.

Die kleine dunkelhaarige Frau hingegen aus der sechsten Reihe weinte seit sie in die Kirche eingetreten war. Leise aber immerfort. Die Tränen schienen an Bindfäden zu hängen. Diese Perlenkette an Leid schien für sie kein Ende zu nehmen. Sie fühlte sich seit Jahren ohnmächtig und hatte niemanden zum Reden, obwohl sie viel sprach und einige Freunde hatte. Doch niemand wollte ihr wirklich zuhören.  Sie sagte oft, es seien ein paar Enttäuschungen zu viel gewesen und innerlich fühle sie sich wie gestorben und sie brauche jemanden zum Reden. Ihr schwarzer Fleck frass sich unnermüdlich in ihre Seele. Und ihre Augen wurden dunkler und dunkler. Sogar Franz hatte ihr einmal gesagt: „Deine Augen werden immer wie trauriger, mach was dagegen!“

Die ältere Dame aus der rechten Reihe lächelte gerade. Franz hatte ihr erzählt: „Ich kenne die Frauen. Eine Frau braucht fünf Männer. Mindestens. Einer schafft das Ganze nicht! Einer als Geliebter, einer als Putzmann, einer für die Kultur und den Spass, einer als Freund und Seelentröster und einer als Begleiter im Alltag.“ Plötzlich vibrierte ihr Handy.  Sie holte es kurz heraus und steckt es wieder in die Tasche. Ihr Ehemann rief sie an. Mit diesem einzigen Mann, war sie über 45 Jahre verheiratet. Und sie hoffte im Geheimen, er würde endlich sterben. Noch heute beschuldigte sie ihr Mann eine Hure zu sein und sie habe ihn nie geliebt. Er war krank vor Eifersucht und Bösheit. Und das nach 45 Jahren Ehe! Ihr Mann war ihr schwarzer Fleck.

Franz weiss, dass all die Leute in der Kirche nicht nur um ihn getrauert haben. Sondern sie haben ihr persönliches Leid mit seinem Tod verbunden. Und so konnte jeder auf seine Art seinem schwarzen Flecken Ausdruck geben. Und das gefiel ihm.

Franz Gloor 29.2.1948-13.12.2009

foto: Franz Gloor

text: canela

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10 Gedanken zu “Franz und der schwarze Fleck

  1. @diekreide: jeder hat wohl seinen schwarzen fleck zu tragen, was?

    @d’Frou G.: der 13te scheint ein guter tag um zu gehen…

    @Tobias: 🙂

    @Susa: er hat zu lebzeiten viel mit mir gelacht und auch über seinen bevorstehenden tod geredet.

  2. ach liebe Canela – so gesehen ja war es wohl ein guter Tag – 2 Tage zuvor stürzte er ab und ich wusste in dem Moment dass er nicht mehr ins Leben zurückkehren sondern hinaus gehen würde – danke dir für vieles

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