The brave new world

Früher, als man sich Liebesbriefe von Hand schrieb, wusste man wie die Schrift des Anderen aussah.

Manchmal meinte man gar, ein paar versteckte Charakterzüge des Geliebten ablesen zu können. Oder man lies sich die liebsten Passagen ein paar Mal wie Caramelsauce auf der Zunge zergehen. Bei Bedarf wurde der Brief immer wieder aus der Schachtel der besten Momente herausgeholt, bis die zu Papier gebrachten Gefühle ein paar Flecken und Eselsohren hatten.

Aber was war mit der eigenen Korrespondenz? Selten hat man sich Kopien gemacht und so gingen all die eigenen Wörter, Sätze, Gefühle und Gedanken verloren.

In der heutigen Zeit des E-Mails schreiben mögen viele meiner Generation denken, sie sei unromantischer oder gar unpersönlicher geworden. Das mag sein. Aber ich sehe das Ganze pragmatisch an.

The brave new world d.h. E-Mail schreiben hat der grosse Vorteil, dass man auch die eigene Schreibe nochmals nachlesen kann. Als kleiner Trost sozusagen für die leere Inbox. Denn wie oft hat man verzweifelt auf eine Antwort gewartet und keine bekommen? Also liest man sich halt ins Eigene hinein.

Der Gang zum Briefkasten bleibt einem erspart und niemand sieht einem müde und ungeschminkt herumschlurfen. Kein peinliches Ausgestelltsein. Kein mitleidiger Blick des Nachbarn und keine Ausflüchte aus Peinlichkeiten.

Der triste 546 Klick auf die Mailbox ist in den vier Wänden und unbeobachet. Das bemitleidenswerte Aussehen bleibt versteckt und man kann seinen Gefühlen freien Lauf geben.

Und seien wir ehrlich. Das Gefühl der Verzweiflung oder gar der Fassunslosigkeit, keine Antwort zu bekommen, ist immer noch das gleiche, wie früher, als man enttäuscht vom leeren Briefkasten zurückkehrte. Da ist die letzte E-Mail, die man schrieb eine vermeintliche Linderung für die schmerzlich leere Inbox.

by canela

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9 Gedanken zu “The brave new world

  1. najanu einen kleinen Unterschied gibts da schon – früher hatte sich der gang zum Briefkasten nach einem Mal erledigt denn man wusste mindestens bis zum nächsten Tag wird er weiterhin leer bleiben da wird sich nix dran ändern auch wenn ich noch 100mal nachschauen gehe – da ist es doch heut viel ergiebiger sich in der vermeintlichen Hoffnung zu suhlen und im 5minutentakt die Mailbox abzufragen um doch immer wieder in die selbe leere zu gucken

  2. @d’Frou G.: ja das stimmt. und du hast dir sicher auch keine kopien gemacht, von all deinen wunderbaren briefen, die du früher von hand geschrieben hast 😉

    @rogerrabbit: lach! nein, du gwundernase!

  3. Ich persönlich bevorzuge handgeschriebene Briefe. Sie erlauben mir einen persönlicheren, literarischeren Stil. Und ich hab das Gefühl, das etwas bleibt, auch wenn das nicht mehr unmittelbar bei mir ist.
    Aber ich bin auch Nostalgiker. 😉

  4. @Tobias: schön, dass du sie noch von hand schreibst. ich bin eben auch bequem. schreiben am pc geht bei mir viel schneller als von hand. und ohne löschtaste kann ich nicht leben 😉

  5. deine zeilen erinnern mich gerade daran, dass ich im keller noch einen koffer voller alter liebesbriefe aus der schulzeit habe. ich sollte mal wieder etwas darin schmökern. – schön war die zeit, als ich fast jeden morgen voller erwartungen zum briefkasten ging um den neusten brief meiner liebsten zu lesen. 🙂

  6. ja, wir leben in einer e-mail, sms oder twitter-welt…und, es kommt ja auf den inhalt und nicht zwingend aufs medium an…aber auch heute liebe ich es briefe oder karten zu schreiben – und auch zu erhalten…früher eher jäger, heute fast nur noch sammler – werde ich schon mal zur gerda conzetti und schnörkle herum…eigene briefe kopieren find ich ne gute idee – und wenn mann oder frau so ein multifunktionales gerät zuhause hat, wird der brief grad in ein pdf verpackt und auf dem compi abgelegt;-) – platzsparend…

  7. @falki: schöne zeiten was? aber tami! wieso hast du keine kopien von deinen briefen? 😉

    @augenarbeiter: lach! du meinst also den brief selber schreiben – gebastelt conzettimäsig – dann kopieren, ein pdf daraus machen und dann auf pc speichern? DAS nenne ich eine gelungene kombination von gestern und heute 😉

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