Ich verlasse dich nicht

Ich öffnete die Türe und im Eingang standen drei kleine Koffer feinsäuberlich aufgereiht wie Zinnsoldaten. Fast wäre ich darüber gestolpert. „Tami!“ entschlüpfte mir aus dem Mund. „Mein Toaster will weg?“ kam mir in den Sinn.

Als ich dann in den grossen Raum eintrat, spickte mir ein heisser Toast an die Nase. Einige Krümel erreichten sogar mein rechtes Auge und ich fluchte laut. „Gopderdami!“ Verzweifelt rieb ich mir das Auge, welches auf die Krümel mit einem heftigen Tränenfluss reagierte. Meine Schminke löste sich und ein dunkles Rinnsal lief  mir die Wange herunter. Vielleicht sollte ich doch mal wasserdichte Schminke ausprobieren. Heulen und dann wie aus dem eigepellt aussehen. Schlafen und wie eine frische Lotusblüte aus dem Bett steigen. Wie im Film. Aber mein Leben ist kein Film.

„Na wieder mal zuhause?“ stellte mein Toaster fest. „Du spinnst! Was machst du überhaupt? Was soll das Ganze?“ antwortete ich verärgert mit einem Auge, das jetzt pechschwarz war. Meine Nasenspitze brannte auch etwas. Der Toast war heiss gewesen, als er an meine Nase gespickt wurde.

„Du warst eine Woche weg, hast mich einfach alleine gelassen. Ich interessiere dich gar nicht mehr!“brüllte  mein Toaster und seine Drähte glühten rot. Ich glaube, er war wirklich wütend. „Ich ziehe aus, ich lass mich doch nich einfach eine Woche lang vernachlässigen, während du im Liebesglück schwelgst. Du betrügst mich!“ schrie er hysterisch.

Wer schon einmal einen hysterischen Toaster hatte, weiss, dass dies äusserst gefährlich sein kann. Die Drähte überhitzen sich, es raucht aus dem Schlitz und sogar die Aussenhülle kann von der inneren Hitze angesengt werden. Ein Kurzschluss im ganzen Haus ist dann das Nächste. Und wenn ich Pech hätte, würde das Haus anfangen zu brennen. Und das nur weil ich einen hysterischen Toaster habe. Alles in allem eine sehr gefährliche Angelegenheit.

„Ich war doch nur eine Woche weg.“ versuchte ich ihn zu beschwichtigen. „Und ich gehe auch nicht mehr weg, ich bleibe wieder hier. Schliesslich gehöre ich hierher.“ fügte ich hinzu. Ich musste jämmerlich aussehen mit diesem schwarzem Auge. „Verlass mich nicht!“ flüsterte ich dann traurig. Langsam kam er näher. Ich spürte seine Wärme. Sachte knuffte er mich in die Seite. „Du siehst doof aus mit diesem schwarzen Auge.“ grinste er mich an. Ich lächelte schwach zurück.

„Wird es wieder?“ fragte er mich leise. „Ich weiss es nicht.“ antwortete ich resigniert. Er ging zum Eingang, holte seine Koffer und packte deren Inhalt wieder aus. Eine kleine Stahlzahnbürste, einen Ersatzdraht, eine Mehrfachsteckdose und ein Beutel weisser Toasts.

„Ich verlasse dich nicht.“ meinte er lächelnd. Ich lächelte schief zurück und liess dem anderen Auge freien Fluss. Nur ein schwarzes Auge ist asymetrisch und verwirrt.

by canela

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2 Gedanken zu “Ich verlasse dich nicht

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