Unser idyllisches Quartier

Wenn man zu mir fährt, denkt man, hier sei die Quartier-Idylle einer rechtsbürgerlichen Partei mit der Sonne. Einfamilien- oder Mehrfamilienhäuschen mit akkurat gepflegten Gärten für einen Bevölkerungsanteil, der noch weiss, wo Mann und Frau zu sein haben. Und Gott hockt.

Der Brunnen neben dem Eingang trägt stolz die Jahreszahl der Geburt des ersten Kindes. Im Garten ruhen blaue Kugeln, blaue Enten und blaue Gartenzwerge, die man günstig vom Jumbo-Markt en Gros hatte kaufen können.  Das Auto trägt auf der Heckscheibe, die Namen des Nachwuchses: Kevin, Shayenne oder Kira. Man wollte einen speziellen Namen für das Kind und so zeigen, dass man durchaus mit dem Lauf der Zeit geht. Sauberkeit und möglichst normal wirken ist hier das oberste Gebot. Da ragt die alte Spinnerei wie ein Tempel der Sünde aus diesem Meer an Ordnung und Kleingeist heraus.

Dicke Mütter mit dicken Hunden, die zuhause ihre Erziehungsarbeit wahrnehmen und ihre noch schlanken Kinder fleissig betreuen, sagen mit Trotz im Gesicht, Muttersein sei ihre Berufung. Und dabei schauen sie nochmals ganz grimmig drein. Ich glaube, könnte ich meiner Berufung nachgehen, würde ich glücklicher dreinschauen.

Das sind wahrscheinlich auch Frauen, die gegen eine Tagesstruktur in der Schule gestimmt haben (falls sie überhaupt stimmen waren), damit Mütter wie ich endlich einsehen, dass Arbeitengehen den Kleinen schadet. Diese Gofen werden alle asozial! Zahlen müssen sie es dann, diese Mütter mit ihren Steuergeldern, respektive der ihrer Männer. Denn diese Frauen haben nur ihr Haushaltsgeld, mit dem sie sich sogar modische, helle Strähnchen in ihren kurzen Haaren machen lassen bei der Frisöse im Dorf.

Wenn die dicken Väter, der noch schlanken Kinder, mit den dicken Hunden spazieren gehen, pfeifen sie fröhlich einen Marsch. Fühlen sich diese Männer unbeobachtet, dann rächen sie sich an dem linken Pack, dass im Gebäude der alten Spinnerei lebt und nur so wenige Kinder hat. Sie lassen mit Genugtuung ihren dicken Hund auf unserem Kinderspielplatz scheissen und grinsen hämisch dabei. Soll doch das linke Pack ihren Spielplatz einzäunen, wie sie es tun!

Einmal soll eine geschiedene Frau, mit einem dieser verheirateten Männer aus dem Quartier eine Affäre gehabt haben. Sie muss wohl auf dicke, tumb dreinschauende Männer gestanden haben…Was für ein Skandal! Wie konnte diese Schlampe diesen Mann verführen?! Sie hätte fast die Familie zerstört! Typisch geschiedene Weiber, denen kann man nicht trauen. Die hat sicher schon ihren Ehemann betrogen und darum ist die Ehe auseinander.

Da man mich nie mit einem Mann zusammen sieht, bin ich suspekt. Und weil ich in der alten Spinnerei lebe, bin ich sehr suspekt. Mit argwöhnischen Augen werde ich knapp begrüsst. Ein lauernder Blick gleitet über meine Haare zum Körper runter und dann wieder in mein Gesicht. Sicher eine Ausländerin! Na wenigstens spricht sie anständig Schweizerdeutsch. Aber eine, mit solchen Haaren, die ist nicht ganz koscher. Da muss man auf den dicken Ehemann aufpassen. Der kann ja nichts dafür, sollte er von so einer wie mich angemacht werden.

Ich mag mein Quartier; alles ist schön geordnet und die Rollen sind klar verteilt. Und ohne dass ich mich sonderlich bemüht hätte, erhalte ich einen Platz, für den  ich in der Stadt hart hätte kämpfen müssen: Ich falle auf.

by canela.

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2 Gedanken zu “Unser idyllisches Quartier

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