Ein Marienkäfer wieder auf Tour

Beim Pinkeln betrachtete er den weissen Schaum, der sich bildete. Sein Urin war dunkelgelb und es roch nach Bier. Viel Bier. Beim Händewaschen schaute er sich im Spiegel des Badezimmers an. Das Spiegelbild zeigte  ihm ein graues, unrasiertes Gesicht, welches sich durch die vielen schlaflosen und im Bier ersoffenen Nächte verformt hatte.

Sein Antlitz war ihm fremd geworden wie auch sein Körper. Dieser fühlte sich wie ein Ein-Sterne-Hotelzimmer  an. Unpersönlich, schäbig und mit billigem Putzmittel sauber gemacht. „Saufen ist Scheisse.“ dachte er während er sich das Gesicht wusch. Das kalte Wasser schmerzte auf seiner Haut.

Gestern Abend hatte er seine Freundin angerufen und mitgeteilt, er habe es satt ohne sie zu leben zu müssen. Wie eine Memme hatte er am Telefon gejammert. Sie vertröstete ihn. Wie immer. Bis er so wütend war und ihr sagte, er werde sich das Leben nehmen. Sie schien ihn nicht ernst zu nehmen und fragte ihn,  was er für einen Text auf seiner Grabschlaufe haben wolle. Er erwiderte:“Das Arschloch ist endlich weg!“ Da brüllte sie regelrecht ins Telefon, er solle aufhören, so einen Unsinn zu erzählen. Sie liebe ihn und werde bald mit ihm zusammen wohnen, er solle diese zwei Monate noch aushalten. Er hängte auf, weil darauf zu antworten,  schien ihm sinnlos. Dann ging er ans Fenster, öffnete es und schmiss sein Handy auf die Strasse, worauf es sofort von einem Wagen überfahren wurde und in Hunderte von Teilchen zersplitterte. Das ist der Vorteil an einer Stadt. Man kann sofort sterben, wenn man will.

Seine Frau war noch nicht seine Frau, aber er hatte sie immer gerne so genannt. Doch sie würde auch nie seine Frau werden. Denn er hatte nämlich heute Morgen beim Pinkeln beschlossen zu gehen. So wie er ihr es gestern Abend gedroht hatte.  Die Einsamkeit hatte ihn zerfressen und ausgehöhlt. Er fühlte sich wie diese Kürbisse an Halloween. Eine Fratze, die lächelte aber deren Fruchtfleisch von gierigen Mündern gegessen worden war oder gar fortgeschossen. Er war nur noch eine Hülle.

Das letzte Quäntchen Hoffnung hatte ihn vor dem Pinkeln verlassen. Genau als er sein Bein auf den Boden stellte und sich vom Bett aufrichten wollte und feststellte, dass er seit Wochen zum Schlafen nicht mal mehr seine Kleider auszog. Was war das für ein beschissenes Leben!

Er hatte jahrelang nur für die Zukunft gelebt. „Bald komme ich zu dir. Wir werden zusammen aufwachen, jeden Tag“ versprach sie ihm immer wieder. Und wenn sie dann nach ein paar Stunden wegging, war  die Gegenwart ausgelöscht. Es interessiert ihn nicht mehr, ob er ass, schlief oder arbeitete. Seine Gedanken kreisten nur um sie und um das Heimweh, das er wegen ihr hatte. Dieses Sehnen liess ihn nicht mehr im Hier sein, nur im Dort. Aber im Dort kann man nicht leben, weil es existiert nicht jetzt. Das wusste er seit heute morgen früh.

Seine Ex-Frau mäkelte an ihm herum, seine Arbeitskollegen nervten und langweilten ihn. Seine Arbeit erschien ihm absurd.  Und das, was er gerne täte, brachte kein Geld. „Ich bin ein Versager!“ stellte er bitter fest. Auch wenn man ihm etwas anderes sagte. „All das wäre kein Gedanke wert, wäre sie bei mir. Ich vermisse meine Frau, die nicht meine Frau ist und mit jedem Tag wird es schlimmer.“

Kann man aus Sehnsucht sterben? Er hatte beschlossen ja, weil sie unerträglich war. „Ich vegetiere wie ein räudiger Hund. Aber ich bin keiner!“ So stand er wieder wie vortags am offenen Fenster und atmete fest die Luft ein, so dass sich seine Nase wie Nüstern aufblähte. Beim Ausatmen blickte er den Wölkchen nach. Die Autos unter seinem Haus hupten und rasten vorbei.  Der Schnee schien sich heimlich in die Bäume geschlichen zu haben. „Es ist ein guter Tag, um zu gehen.“

Als er den Lauf der Pistole in seinen Mund steckte, der widerlich nach Schmiere schmeckte, atmete er tief ein. Er sah in den Himmel, der grau und düster vor sich hin stierte, obwohl es schon fast Mittag war. Und dann erstarrte er. Er konnte es nicht fassen. Ein Marienkäfer setzte sich direkt auf den Lauf vor seiner Nase. Er schielte ihn an. „Nicht schon wieder!“ dachte er verzweifelt.

„Was machst du da?“ fragte der Marienkäfer ihn. Er musste den Lauf aus dem Mund nehmen, um ihm antworten zu können. „Verdammt noch mal, wieso erscheinst du eigentlich immer, wenn ich mich umlegen will?“ schrie er ihn an und fuchtelte mit der Pistole rum. „Schrei nicht so und sichere deine Pistole!“ antwortete der Marienkäfer, der durch das Fuchelten nun vor seinem Gesicht flattern musste. „Nur noch eine Chance, die letzte. Gib ihr noch einmal eine Chance, dann gehe, wenn sie sie nicht ergreift. Aber bleib hier. “ bat der Marienkäfer inbrünstig.

Als sie abends ihren Beantworter völlig besorgt abhörte, erklang:  Ich will keinen Zentimeter mehr zwischen uns. Sie wusste, das war das letzte Mal. Ihre letzte Chance. Sie setzte sich und weinte.

by canela

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7 Gedanken zu “Ein Marienkäfer wieder auf Tour

  1. starker text!!!
    beklemmend. und überraschend. ich mag deinen stil sehr. sowohl bei den humorvollen als auch bei den anderen texten ist da immer dieses quäntchen melancholie drin …

    ps: verrückt … ich habe neulich einen sehrsehr ähnlichen text geschrieben … 🙂

  2. Kann man aus Sehnsucht sterben? JA, und WIE! Blöd nur wenn die Hoffnung nicht stirbt. Denn dann läuft man ewig als lebendes, totes Etwas durch die Gegend 😉

  3. und so gibt es immer zwei gesichter.

    ist es nicht eigentlich einen geschichte die über eine frau handeln sollte ?

    aber dieser marienkäfer ist eine nette erscheinung. ich mag marienkäfer.

  4. @wirbel: danke. wo kann man deinen text lesen? 🙂
    @gaviota: werde ich.
    @leonope: wie romantisch 😉 doch sind wir nicht alle ab und zu zombies?
    @Susa::-)
    @gokui:ich auch.

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