Tanz Schwester tanz!

Der Türsteher hat gezupfte Augenbrauen. Er ist gebräunt und schmalbrüstig. Das fehlende Körpervolumen eines Türstehers macht er mit seiner Arroganz wett. Er schaut mich von oben bis unten an und meint: „Du warst auch schon hier, nicht wahr?“ Ich: „Ja war ich.“ Dass er sich an mich erinnert, kommt mir spanisch vor.

Im Eingangsbereich, wo man Mäntel und sonstige überflüssige Bekleidung abgibt, hat es ein Regal, das wie in einem Designladen für Taschen aussieht. Eine hübschere Tasche als die andere reihen sich nebeneinander auf. Der Bass dröhnt. Auf meiner Augenhöhe sehe ich dieses Plakat:

darkroom-rules

Dann trete ich in den Tanzraum ein und fliegende weisse Dinger hängen herab von der Decke. Ich erkenne zuerst nicht , was es ist. Spontan denke ich: Fliegende Schwänze! Als ich aber genauer hinschaue, merke ich, dass es fliegende Spermien sind. Wir sind im Laby!

Es gibt auch einen Weihnachtsmann. Nur ist es hier kein Mann sondern eine Weihnachtsfrau. Kokett trägt sie ihre Santa Claus-Mütze auf dem Kopf und ihr Kleid schmiegt sich eng um ihren schlanken Körper. Der Auschnitt lässt die Glocken süsser nie klingen, als zur Weihnachtszeit. Als sie kurz neben mir steht, stelle ich fest, dass sie eine Riesin ist. Was hat sie für lange Beine! Ich fühle mich wie ein halbes Portiönchen neben ihr.

Das alte Laby – kurzzeitig waren sie ja woanders, bis es wieder geschlossen wurde – hat den Charme einer Höhle. Der Raum ist dunkel und eher klein. Aber auf der Tanzfläche, die auch nicht gross ist, hat es sogar zwei Podeste mit mehreren Stangen. An diesen hängen Jungs mit nacktem Oberkörper und tanzen fleissig was vor.

Es hat nicht so viele Männer wie sonst. Das hat den Vorteil, dass man nicht von triefendem Schweiss geduscht wird. Denn die meisten tanzen ohne T-Shirt. Meistens eine Augenweide. Es gibt aber auch modische Todsünden. Einer trägt zum Beispiel einen Stringbody. Seitlich erspäht man die Beinausschnitt aus den Jeans. Ich finde das extrem unsexy.

Pat Coon legt sowas von geil auf. Wir tanzen und tanzen. Manchmal lässt er die tanzende Meute kurz hängen, bis er sie wieder mit den Bässen holt. Dann wird gejubelt und gejohlt. Die nassen Oberkörper glänzen unter den Augen von drei Schneemännern aus Plastik die beten.

Was neu ist, dass eine Toilette angeschrieben ist mit „gemischte Toilette“. Sie haben sich auf ein weibliches Publikum eingestellt. Ich weiss noch früher, als Männer und Frauen verzweifelt die Piktogramme für Männlein und Weiblein suchten und mich fragten, wo sie nun auf die Toilette könnten. „Du kannst in beide gehen, hier spielt es keine Rolle.“ antwortete ich.

Als wir um zehn vor sieben Uhr morgens an den Bahnhof begeben, bin ich müde. S. und ich sitzen im Zug und passen gegenseitig auf, dass wir nicht einschlafen. Mein Frisör ist nämlich schon mal von Zürich aus in Biel gelandet, dabei hätte er in Olten umsteigen sollen. Als er dann von Biel aus nach Olten wollte, schlief er wieder ein und landete erneut in Zürich.  Er brauchte fünf Stunden für einen Weg von 45 Minuten.

by canela

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9 Gedanken zu “Tanz Schwester tanz!

  1. Zum derzeitigen Mangel an Gefühl hier: Sind denn fünf verschlafene Stunden nicht viel kürzer als 45 abgewartete Minuten?

    Ansonsten nehme ich Dein eigenes Alibi für die beschriebene Nacht ohne Fragezeichen hin, hat sich einwandfrei erlesen lassen – chapeau!

    Aus Israel, bei Bombenwetter,
    Katzenelson

  2. @katzenelson: ja das ist sicher so. trotzdem sind wir schon in einem alter, wo man das imbettschlafen dem imzugschlafen vorzieht. 😉

    ich hoffe, bei dir schneit es nicht gerade bomben. das muss ja bei euch unten ziemlich heavy was abgehen.

  3. wenn ich diese geshichte so lese denke ich mit ein wenig wehmut an alte zeiten, aber auch mit genugtun daran, diese zeit hinter mich gebracht zu haben – im positiven sinne. heute habe ich disco in meine tiefschlafbett-träumen. und wie ich denke wohlverdient.

  4. Solche Beiträge erinnern mich immer an meine Discozeit. Aber die habe ich schon eine Weile abgelegt. Das sind Jahre die ich nie vergessen werde. Und dein Beitrag klingt auch so spannend, das du ihn nicht vergessen kannst.

  5. @Susa: ja, war es auch. immer wenn ich mit meinen jungs unterwegs bin.

    @gokui: du bist schon opa? so liest du dich 😉 tanzen ist leben. wer aufhört zu tanzen, stirbt in raten.

    @ecki: bienvenido ecki!

    auch du klingst so, als ob du schon um 20.00 deinen schlaf brauchst. ich verstehe nicht, was disco oder club mit dem alter zu tun hat. aber wahrscheinlich sind das die kulturellen unterschiede. ich war mit meinem vater in einer disco in spanien und da war er 70.

  6. @canela: nein opa bin ich noch nicht. un dich hoffe es wird mir auch noch ein wenig erspart bleiben, schließlich ist meine älteste gerad zwölf jahre alt. nichts desotrotz würde ich mich jederzeit freuen opa zu sein.

    zu meinem zustand: op ich in raten sterben bis später muß wech

  7. sorry mußte schnell weg ne kollegin beim auto anlassen behilflich sein !

    …also ob ich in raten sterbe ? ja natürlich ist es so. aber das ist bei jedem so – rein biologisch.

    den nichtanzenden zustand meinerseits sehe ich aber nicht als negativ an. tanz ist nur eine form der bewegung. eventuell bin ich ja anderweitig körperlich aktiv.

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