Die Taube der toten Seele

Im Krankenhaus Carlos Haya sind nur die Fassaden hübsch. Drin riecht es wie in jedem Spital: Eine Mischung aus Krankheit, Schmerz und Hoffnung. Im vierten Stock angelangt, ist es so lärmig wie in einer Bar um Mitternacht. Lautes Stimmengewirr.

Manchmal gibt es soviel Verwandte, die sich auf dem Krankenbett drängen, dass der Kranke untergeht und seine Bedeutung verliert. Hier geht es um das Zusammensein. Der Kranke ist nur die Zündung. Die Wortexplosionen der besorgten Verwandten ist das was zählt.

Im Zimmer meines Vaters liegt Augustin. Seine Beine sind übersät mit offenen Wunden und er trägt verdreckte Windeln. Ein dicker Gips ziert seine linke Hand. Augustin ist zwischen 30 und 40 Jahre und geistig behindert, sagt man. Aber ich habe noch nie so einen klaren und wachen Blick gesehen, bei einem Menschen, der im Kopf nicht richtig sein soll. Wahrscheinlich sind seine Augen direkt mit seinem Herz verbunden.

In seinem immer offenen Mund gibt es nur zwei Zähne. Einer links und einer rechts. Er liebt die Schokolade, die ich meinem Vater gebracht habe. Mein Vater hat sie nicht angerührt, aber Augustin ist ein gieriger und dankbarer Abnehmer. Wenn meine Hand über den Kopf meines Sohnes fährt oder er sich an mich schmiegt, beobachtet uns Augstin mit offenem Mund. Und er freut sich an diesem Anblick, weil seine braunen Augen glänzender erscheinen.

Jeden Tag fliegt eine weisse Taube ans Fenster des Krankenzimmer. Sie wird von meiner Mutter gefüttert. Dieses Mal darf mein Kleiner die Taube füttern. Er zerbröselt in der Hand das trockene Brot, streut es über den Sims und dann pickt es die Taube auf.

bild116Sie ist froh um jede Aufmerksamkeit. Schliesslich ist sie die Seele eines toten Menschen, der einsam im Krankenhaus starb. Und weil man in Malaga nicht alleine stirbt, hat sich die Seele in eine weisse Taube verwandelt und lebt nun auf den Fenstersimsen von Carlos Haya.

Die weisse Taube sucht sich nicht einfach ein Fenster aus. Sie beobachtet immer zuerst wer drin liegt und welchen Besuch der Kranke bekommt. Wieso sie das Fenster meines Vaters ausgesucht hat, weiss ich nicht. Wahrscheinlich spürt sie die Einsamkeit des ewigen Egoisten und die Verlassenheit des ewigen Kindes.

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6 Gedanken zu “Die Taube der toten Seele

  1. Die verdreckte Windel nebst offenen Wunden finde ich empörend, alles andere dagegen angenehm gut, nach meinem Geschmack – habe hier gerne gelesen.

    Katzenelson,
    whose life is all I got…

  2. @katzenelson: das mit der windel und beinen ist leider wahr. wenn man nichts zahlt für die behandlung, kann man froh sein, wenn man wenigstens was zu essen kriegt.

    @leonope: nö wieso? das ist eine einsame seele, die nur gesellschaft sucht. du wirst doch jetzt nicht behaupten, du seist nicht oft alleine?

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