Wer sind wir „Frauen“?

Wenn Clara zu mir Fräulein sagt, dann finde ich es schön und es gefällt mir. Clara sieht nicht gut und meint, ich sei meiner Freundin ihre Tochter. Ich finde das lustig, meine Freundin wohl eher weniger. Aber wie soll man einer 92-jährigen böse sein, die noch den Schalk in den schlechtsehenden, wunderbar blauen Augen hat? Ihr Körper ist leicht nach vorne gebückt und trotzdem spüre ich ihre starke Haltung. Was würde wohl Clara über den Begriff „Frauen“ erzählen?

Einige ihrer Betreuerinnen sind Menschen, die meinen helfen zu müssen. Sie glauben, sie seien nichts besonderes, weil sie eben Frau sind. Frau sein ist ein Makel. Sie müssen dafür büssen und sich Absolution erarbeiten, indem sie Aufgaben erfüllen, die in unserer Gesellschaft, nicht die Anerkennung erhalten, die sie verdienen.

Kleinbürgerlicher, ländlicher Mief schlägt mir entgegen.  Zurückhaltende, lauernde Blicke. Was ist das für eine, steht in ihren Augen.

Ihre Haltung ist: wir sind nur Frauen, wir wissen nicht so viel, aber wir setzen uns ein, wir wollen fleissig sein. Unser Chef ist ein Arschloch, aber wir sind froh, einen Job zu haben. Wir danken ihm für Dinge, die er nicht gemacht hat, aber deren Erfolg an ihm hängen bleibt. Unsere eigenen Leistungen sehen wir nicht, nur die des männlichen Vorgesetzten.

Man dankt ihm, dass er eine Ausstellung ermöglicht hat, vergisst aber, dass man Image und Bekanntheit der Institution erhöht hat. Vielleicht weiss das der Chef ja auch nicht, der arrogante Sack, der seiner Mitarbeiterin, die selber denkt und eine eigene Meinung hat,  sagt, sie sei arrogant und frech. Nur weil sie ihm nicht den Arsch leckt.

Wie ist eine Frau? Wer ist „Frauen“?

Sind wir die 15-jährige Mädchen, die sich nur über die Meinung der Jungs definieren und für die sie schön sein wollen? Oder sind wir die selbstbewussten Frauen, die sich Männer für einen Fick nehmen und es geniessen, aber bei Liebe sich nicht getrauen, die Hure herauszulassen, weil wir nicht wollen, dass er „schlecht“ denkt?

Sind wir demütige Menschen, die aufgrund ihres Komplexes Frau zu sein, sofort zurückbeissen, obwohl man uns nicht mal angegriffen hat?

Oder sind wir Mütter, die ihren Töchtern das verbieten, was wir selber in diesem Alter taten und uns so  ein bisschen verleugnen, nur damit wir unsere Töchter schützen können?

Wer mir sagt, wir Frauen sind halt so, verstehe ich nicht. Weil ich nicht weiss, wer damit gemeint ist mit „wir Frauen“.

text by canela

pic by branka moser

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10 Gedanken zu “Wer sind wir „Frauen“?

  1. WoW. Ich liebe es, wenn du Klartext schreibst. So nahe an das Thema herangehst, dass die Wahrheit fast weh tut in den Augen.
    Doch wegsehen liegt nicht drin, weil Menschen das viel zu lange gemacht haben.
    Und dann gibt es noch jene Frauen, die sich als solche definieren und es als Kompliment ansehen, zuweilen, als arrogant und frech zu gelten.
    Weil ihnen die demütig knieende Haltung nicht steht .

  2. Der Philosoph Zhuangzi schrieb vor langer Zeit, dass derjenige der Benennt zerstört. Die Etikettierung der Geschlechterrollen mag dies bestätigen. Dein Text erhebt die Stimme Individualität, weshalb er mir sehr gefällt.

  3. Dass der Kaffee nicht schmeckte lag hauptsächlich daran, dass Oma mal wieder Salz mit Zucker verwechselt hatte; wir tranken trotzdem und machten zufriedene Gesichter dabei, in der Hoffnung, dass es wirklich nur ein Fauxpas war und Oma uns nicht wieder nur aufs Kreuz legte.

    Frauen sind böse – ratet mal auf wen…

  4. „Wir Männer“ lieben euch Frauen. Etwas Anderes kennen wir nicht und wäre ein Missverständnis von Eurer Seite.

    ps Der Songtext zu Männer von H. Gröhlemeyer wurde sicher von einer Frau geschrieben um „uns Männer“ zu verwirren.

  5. Na ja, das ist eine Abgrenzung, oder? Bei einem heftigen Streit beispielsweise kommt irgendwann immer der Punkt, wo er (oder sie) die Augen verdreht und sagt: „Frauen…!“ („Männer…!“) — damit ist eigentlich auch alles gesagt. *lach*

    Wir sind doch alle so komplex und vielschichtig — menschlich –, dass es müssig ist, alles zu kategorisieren. So viele Ausnahmen zu einer Regel — wie will man das „ordnen“? Wir Menschen sind (alles in allem) schon sehr okay. So, wie wir sind.

  6. @mme lila: und es geht in die knie, diese demütige haltung. wir sind auch nicht mehr die jüngsten 🙂

    @der toby: nur reine beobachtung und ein paar fragen, sowie ein paar gedanken. küchentischphilosophie 😆

    @katzenelson: didn’t read ya a long time! sind die frauen böse auf dich?

    @æ: männer lieben auch männer.

    gröhlemeyer hatte vielleicht gerade eine transdendentale erfahrung in einer rebirthing gruppe vor diesem song.

    @andreschneider: sag nur nicht, dass etwas schubladisieren auch etwas ordnung schafft und sei es die falsche.

  7. Hm. Das habe ich zwar nicht sagen wollen, aber klar stimmt auch das. Wobei ich nicht finde, dass „Ordnung“ etwas wirklich Erstrebenswertes ist.

  8. Meine Liebe,

    ja, Frauen sind böse: auf mich. Some didn’t even read me in a long time, as I know: die Steigerung von Drama ist Trauma.

    Katzenelson,
    gez.: Vom Leben!

  9. Pingback: Weltfrauentag und geteiltes Sorgerecht | el mundo de canela

  10. Wenn man schon solche Fragen im Titel steht ist es mit“Frauen“ vorbei.
    Weder Mann noch Frau – geschechtlos.

    Bravo bravissimo!

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