Nimm Sie, verschling Sie!

„Nimm sie, nimm sie, verschling‘ sie! Und vor allen Dingen, lass dich von ihr verschlingen!“ das war die Vorstellung, die mich beherrschte, als ich sie das erste Mal sah. Darum bestellte ich unaufgefordert einen Whiskey für beide. Dass sie mich nicht wahrnahm, stellte ich erst fest, als sie mich verwundert ansah.

Ihr Blick glänzte, nicht nur vom Alkohol. Was für ein braun! Ihre Augen waren wie Erde, auf die es frisch geregnet hatte. Wie gerne hätte ich ihr diesen saftigen Ackerboden aus den Augen geholt und es zwischen meinen Händen verrieben. “Danke für den Whiskey! Das soll aber nicht wieder vorkommen!” war ihre Antwort. Sie hatte recht und ich erwiderte: “Wird es auch nicht. Ich bin hier um Frauen zu vergessen und nicht, um Neue kennen zu lernen.” Auch ich hatte Recht. Als ich ihr Feuer gab und sie an der Zigarette zog, sah ich ihre Augen im Schein schimmern. Ich entdeckte ein bisschen Honig auf ihrem Boden. Sie hatte braungoldige Augen.

Ab diesem Zeitpunkt war ich zuerst jeden Tag dort. Danach fand ich heraus, dass sie nur alle zwei Tage dort war. Ich wollte eigentlich vergessen, wohl wie sie. Aber sie war eine Art Erinnerung. Der Nachgeschmack, den ich habe, wenn ich gut esse oder wenn ich eine Frau glücklich gemacht hatte.

Seit dem ersten Gespräch fiel kein Wort mehr zwischen uns und das gefiel mir. Einfach ruhig sitzen, Musik hören und trinken. Bis auf diesen Abend. „Ich habe meiner Tochter nie eine Gute-Nacht-Geschichte erzählt“ sagte ich zu ihr plötzlich. Sie starrte mich wieder an, wie sie es am ersten Abend getan hatte.

„Das soll vorkommen bei Männern.“ meinte sie trocken. „Ja, aber mir tut es leid!“ erwiderte ich trotzig. „Ja auch Reue soll bei gewissen Männern eintreten.“ war ihre eisige Antwort. „Dafür habe ich habe ich sie gestern angerufen und habe ihr über das Telefon eine Gute-Nacht-Geschichte vom Häschen erzählt, dass nicht alleine schlafen wollte.“ Ihre Augen blitzten kurz auf. „Ein ganzes Märchen übers Telefon? Da wird sie sich sicher gefreut haben, ihre Tochter.“ meinte sie. Ich nickte.

Sie drehte sich zu mir, so dass sie mir gegenüber sass. „Wie alt ist ihre Tochter?“ fragte sie plötzlich sanft. „38 Jahre!“ antwortete ich. Sie riss ihre Augen auf und lachte schallend heraus.  Ich grinste. „Und wissen sie was das Beste ist?“ Sie schüttelte den Kopf immer noch lachend. „Sie war gar nicht zuhause also habe ich ihr den ganzen Anrufbeantworter voll geredet. “ Ihr Kopf schnellte kurz nach hinten und sie fuhr sich durch ihre braunen Locken. Ihr Busen zitterte, wie ein leichtes Erdbeben. Sie lachte schön.

Ich glaube, sie mochte mich ein bisschen.

by canela

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10 Gedanken zu “Nimm Sie, verschling Sie!

  1. Komisch. Ich hab´s jetzt fünfmal gelesen weil es wirklich aussergewöhnlich ist. Komisch, ich seh diese Szene ausschliesslich in schwarz/weiss. Was wahrscheinlich sogar der Sinn der Sache ist, um das Wesentliche zu sehen. Cool 🙂

  2. @zores: na ja ich mag sichtwechsel, ich mag andere ansichten, obwohl ich manchmal überhaupt nichts verstehe von allem.

    @leonope: in schwarz und weiss. stimmt! komisch ist, dass ich vorher gar nicht solche dinge überlege. ich scheibe nur drauflos und stelle mir vor, ein mann zu sein, der versucht eine frau kennen zu lernen.

  3. @ canela
    da bist du nicht alleine, ich kenne dutzende schwanzträger die sich ab und zu vorstellen, wie es wäre ein mann, ein richtiger mann zu sein. 😆

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