Regenwurm

Heute morgen hatte es einen Haufen Regenwürmer, die versuchten über den Asphalt zu schwimmen. Auch wenn sie Regenwürmer heissen und man annimmt, dass sie Regen mögen, sahen sie bleich aus. Sie waren nicht rot oder braun, sondern sehr hell, fast weissbläulich.  Ich glaube, denen bekommt der Regen so schlecht wie mir. Meine Seele ist bleich und mein Gemüt fühlt sich schwer an. Diese grauen Tage finde ich zum Kotzen.

Immer wenn ich einen Regenwurm sehe, erinnere ich mich an unseren Biologielehrer. Denn wenn sich ein Regenwurm fortbewegt, dann geschieht das mittels Peristaltik. Das habe ich in der Biologiestunde gelernt und das ist mir bis heute geblieben. Unser Darm macht übrigens auch peristaltische Bewegungen. Dass ich aber sonst wenig Ahnung von Biologie oder Anatomie hatte, bewies ich damals in diesen Biologiestunden immer wieder und mit einer frischen Naivität, dass mich unser Lehrer wohl heimlich geliebt oder gehasst haben muss.

Er war ein grosser und voluminöser Mann, der mit seiner monotonen Stimme auch einen Elefanten einschläfern konnte. Er sagte uns immer wieder ganz langsamen und möglichst in der selben Tonlage: „Glauben sie nicht mir, sondern glauben sie der Natur!“ 

Als wir die Farne besprachen, kamen wir natürlich auch auf die Fortpflanzung dieser Pflanzen zu sprechen. Er wollte von uns wissen, wie sich die Farne weiterpflanzten. Ich hielt sofort die Hand auf und war fester Überzeugung, dass ich die Antwort wusste. Einige meiner Mitschülern kritzelten in die Bücher, andere lasen wiederum und einige schauten mich an.

„Ja, Canela?“ ermunterte er mich. „Ich glaube, sie pflanzen sich mit dem Phallus fort.“ Augenblicklich starrten mich 40 Augen an.  Und plötzlich begannen 20 Münder zu kichern. Ich verstand die Welt nicht. War meine Antwort denn nicht richtig? Das Kichern schwoll an zu einem allgemeinen Gelächter. Meine Antwort war nicht richtig! Er betrachtete mich, runzelte die Stirne und ein tiefer Seufzer liess sein Doppelkinn erzittern.

Er antwortee seelenruhig und voller Monotonie: „Dann haben sie gar nichts von Biologie verstanden.“  Dass es Sporen waren, wusste ich, als mir mein Banknachbar die richtige Antwort zuflüsterte.

Aber ich weiss heute noch, wie die Fortbewegung der Regenwürmer heisst. Peristaltik! Das weiss auch nicht jeder, Herr Lehrer!

by canela

 

 

 

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9 Gedanken zu “Regenwurm

  1. farne haben in der tat einen recht seltsamen fortbildungsmechanismus. ich würde mich mal in wiki schlau machen, wenn der dich interessiert.
    falls dich das mit dem phallus immer noch interessiert, stelle ich mich gerne für deine weiterbildung zur verfügung 😆 tja, oder so.

  2. @zores: mich interessieren farne nicht. nur wenn sie im wald stehen und sanft ihre langen ausgerollten blätter mit dem wind mitwiegen lassen, dann finde ich sie wunderschön.

    was dein angebot betrifft: du willst mir griechisch beibringen? 😉

  3. nö, natürlich nicht, ich bin alles andere als ein sprachtalent. in griechisch bringe ich es nicht weiter als bis zu kali nichta, souvlaki, retzina und ouzo. wenn dir das reicht….

    natürlich dachte ich an niki de saint phalle und ihre unvergleichlichen nanas. sie war ja mit dem unvergleichlichen jean tinguely verheiratet, den sie übrigens zeit seines lebens immer zärtlich „tingelii“ nannte. eben jener tingueli hat ja in unserer stadt ein eigenes, von mario botta erbautes museum erhalten. in diesem gebäude gehen die nanas und tinguelys maschinen die simbiose ein, die die beiden künstler in liebe und respekt miteinander gelebt haben. das wollte ich dir zeigen. wobei die kiste von botta ohne nikis phalle schon einen besuch wert wäre.

    hier ist der weiterbildungslink : http://de.wikipedia.org/wiki/Niki_de_Saint_Phalle

  4. Solche Momente prägen die Jugend eines jeden.
    Wer ist nicht mindestens einmal in der Schule mit solch einer geist- und fantasiereichen Antwort auf die Nase gephallen?
    Die fünfzig Mal „ich soll nicht immer so vorlaut sein“ an die Wandtafel kritzeln haben mir dann jedenphalls nicht gephallen.

  5. @zores: ich will in dieses museum, übrigens!

    @nicht: 🙂 ja ich sehe. auch du warst sehr gut in griechisch.

    @andreschneider: willkommen zurück. was ich noch nicht so herausgefunden habe, ob dir der urlaub wirklich gut tat, bei einem solchen menuvorschlag…..

    @leonope: an diese möglichkeit hatte ich nicht gedacht.

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