Hart und weich

Eigentlich sollte man keinen Krebs bekommen, um das Leben wirklich, ich meine wirklich, geniessen zu können. Und man sollte auch keinen Unfall haben, um zu wissen, wie schnell man tot sein könnte. Aber wir Menschen gewöhnen uns fast an alles. Auch, dass man auferstanden ist oder immer noch lebt.

Franz hat den schwarzen Hautkrebs. Sein Körper ist voller Metastasen, sagt er. Man sieht ihm nichts an. Er sieht gut aus. Sein Gesicht glänzt vor Lebensfreude. Nur seine dunklen Augen sind etwas tiefer als sonst. Er hatte ein halbes Jahr Chemo, aber er wusste, dass man nichts mehr aufhalten kann. Also hörte er auf. Wieso sich quälen, wenn man weiss, dass der Tod etwas näher herangerückt ist auf dem Lebensbänkchen.

Er behandelt sich jetzt mit Mistelextrakt. Dieses Heilmittel regt das Immunsystem an und hat fast keine Nebenwirkungen. Er fühlt sich wohl damit. Ich kenne es selber.

Dass wir sterben müssen, wissen wir alle. Aber dass wir Leben wollen und das heisst, wirklich Leben leben wollen und nicht vegetieren oder irgendwelchen Ansprüchen genügen, kann man meist nur, wenn man den fauligen Geruch Herrn Sensemanns Mund gerochen hat.

Er sagte mir: „Weisst du, Canela, es mag hart klingen. Aber ich geniesse das Leben so sehr, seit ich weiss, dass ich Krebs habe.“ Und er lächelt. Ich lächle zurück und er macht mich ganz weich im Innern. Und ich werde für einen Moment sehr glücklich.

by canela

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11 Gedanken zu “Hart und weich

  1. warum es so ist, wie du schreibst, canela, weiss ich auch nicht. nur, dass ich ähnliches gehört und miterlebt habe. und daraus für mich den schluss gezogen habe, dass ich jeden tag so leben will, als sei er der letzte. ich selber fürchte den tod nicht. nur will ich würdevoll bis zuletzt hier sein. das wünschen wir uns ja alle. und das wünsche ich ganz besonders franz und beglückwünsche ihn zu seinem lebensmut!

  2. auch ich hatte einen freund, der an dieser krankheit litt. es war schier unglaublich, wie intensiv er zu leben begonnen hat, als er die diagnose erhalten hat. gesagt hat er es niemandem, und erst nach seinem ableben haben wir alle begriffen, wieso der bruno so gelebt hat…

  3. menschen, die in dieses land einen ausflug unternommen haben, sind in der lage die selbe sprache zu sprechen. vielleicht wird sich das leben verkürzen, aber der horizont erweitert sich in die unendlichkeit

  4. @Wirbel: ich glaube nicht, dass wir das wirklich können: den tag so leben, als wäre er der letzte. er ist es nicht. aber bewusster leben, prioritäten setzen, aufpassen, dass man nicht in einen trott kommt, die wahrnehmung für kleines schärfen, das ist – für mich zumindest – machbarer.

    @falki: wahnsinn gell? wie menschen plötzlich aufleuchten, anders werden und aufblühen, nur weil sie etwas genauer wissen, wann sie wohl gehen müssen.

    @soerli: ja schön gesagt. es ist wirklich wie ein land, für viele meist unbekannt. aber einmal dort gewesen, weiss man, dass das leben ganz etwas besonderes ist.

  5. jep – wahnsinnig! beim bruno war es manchmal so, dass wir uns fast schämen mussten, weil er im wahrsten sinne der worte nichts mehr anbrennen liess. er kannte keine grenzen mehr und viele sahen in ihm dann einfach nur einen geistesgestörten spinner. er war ein gleitschirm kollege und du kannst dir gar nicht vorstellen, was der bruno mit dem schirm alles gemacht hat. ein wunder, dass er nicht schon vorzeitig mit dem schirm abgestürzt ist! – aber eben, begriffen haben wir alle seinen lebensstil erst, als er gestorben ist und wir dann die wahrheit erfahren haben…

  6. @falki: es scheint auf jeden fall ein wagemutiger mann gewesen zu sein.

    @soerli: ja kurztripp mal. nicht so lange.

    ich habe deine e-mail gelöscht, gell? nicht, dass du mails mit penisverlängerung angeboten sowie heiratsanträgen von der willigen katjuschka bekommst. 🙂

  7. Ich selbst hab eine Art Krankheit nur mit Glück überlebt, bin aber seither nahe am leben. Nur, dass ich in den letzten 5 Jahren an mehr als zehn beerdigungen war, macht das ganze etwas bitter. Aber, wenn ich tot bin, kann ich mich auch nicht mehr beschweren. Ein ganz grosser Nachteil des totseins 🙂

  8. Wenn Du mal „rübergeschaut“ hast und weisst, dass Du nicht wirklich was zu befürchten hast, dann relativiert sich vieles im Leben. So man noch fähig ist, überhaupt noch etwas, ausser dem täglichen Wahnsinn auf dieser Welt, mitzubekommen.

    Ich kann mir das sehr gut vorstellen, dass man in so einem Fall „auflebt“ weil sich einfach sämtliche Wertigkeiten verschieben.

    Wenn ich so etwas lese, fällt mir komischerweise immer einer der besten Sätze ein, die je ein Sänger/Künstler geschrieben hat, nämlich Falco: „Muss ich denn sterben, um zu leben?“ Gänsehaut!

  9. @leonope: der falco hatte nicht unrecht mit seiner frage.

    dumm ist nur, dass wir menschen immer zuerst eins auf den deckel bekommen müssen, damit wir endlich wissen, was wertvoll für uns selber ist.

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