Die Veränderung eines Begriffes

Als ich ein kleines Mädchen war, hiess es, ich sei ein Gastarbeiterkind. Man nahm an, dass wir die Kinder von Gästen seien, die irgendwann wieder verschwinden würden. Denn ein Gast wird bewirtet, aber er geht auch wieder. Man nannte mich auch Spaniögel, bei Tschingg – Schimpfwort für Italiener – reagierte ich nämlich nicht.

Später wurde ich zu einer Seconda; einer Zweiten. Ich begriff nie wieso Seconda, ich war ja hier geboren, also die Erste. Und ich hatte nicht den gleichen Kulturhintergrund wie meine Eltern, da ich nicht unter einer spanischen Käseglocke aufwuchs.

Heute am Mittagstisch mit Mitarbeitenden (man beachte meinen politisch korrekten Terminus für meine Arbeitskollegen, pardon, Arbeitskolleginnen und – kollegen ) sagte man mir, dass ich ein Mensch bin mit einem Migrationshintergrund. Seconda sei nicht mehr richtig.

Aber wenn ich eine Person mit Migrationshintergrund bin, dann sind es ja alle Schweizer auch. Oder kann jemand behaupten, er sei rein helvetischen Ursprunges? Und wenn ja, wieviele Generationen wird zurück gezählt?

Somit bin ich vom Gastarabeiterkind zur Schweizerin geworden und ich wusste das gar nicht. .

by canela

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20 Gedanken zu “Die Veränderung eines Begriffes

  1. liebe canela
    über madame lilas seite bin ich hier gelandet und ebenso wie ihre, sprechen mich deine texte, in denen ich gestern gebadet habe, sehr an. besonders auch dein heutiger… danke! bin ich nun, weil ich meine imigrierten vorfahren nicht mehr eruieren kann, schweizerischer als du? nö! ich habe dieses geleier satt… ich definiere mich eh nicht in erster linie über meine nation(alität)… so what?

  2. Meine Schwester, die Ethnologin hat ihre Lizarbeit über Migration geschrieben. Sie geht sogar noch weiter und sagt, dass auch Menschen wie ich, die vom Land in die Stadt gezogen sind, Migrierende 😉 sind.

    Meine vier Grosseltern sind übrigens alle in meinem Herkunftsort geboren und aufgewachsen. Mein einziges Argument dagegen, dass da Inzucht vorkommen muss, ist ein italienischer Ururgrossvater.

  3. Ich wusste doch, dass ich nicht hierher gehöre. Lauter Migranten hier (und Migrantinnen). Mensch geht mir dieses „Innen“ auf die Nerven 🙂 Ich emigriere dann mal wieder bevor ich zu immigriert werde. Und unterbezahlt bei Migros lande.

  4. ..ich finde gastarbeiter ist ein wirklich niedlicher ausdruck. ich als kind nur fremd. anders. damals gabs noch nicht so viele arabische namen in der schweiz. und dann war meine mutter ja auch noch geschieden…

    ob ich jetzt dazugehöre? ich hoffe doch, dass nicht! anderssein ist schliesslich ein privileg 🙂

  5. Selbst „Gastarbeiter“ war damals neu und politisch motivierter Begriff, denn zuvor waren es „Fremdarbeiter“.

    In welcher Sprache arbeitest Du nun (zumeist?)

    Schweizerdeutsch ist sicher für die meisten Leute sehr schwer zu erlernen und die Schriftsprache nicht viel leichter. Ich kenne Spanier, die nach England oder in die USA reisten und dort auch eher lange studierten oder arbeiteten und doch fast kein Englisch lernten, wo doch Englisch sicher schneller zu lernen wär als etwa Deutsch.

    Hab immer gedacht, die Einwanderer dort sollten einfach Englisch statt Deutsch lernen und kämen dann viel schneller vorwärts.

  6. Mir gefällt sehr, wie du diesem Thema selbst eine positive Wendung gibst. Mütterlicherseits habe ich polnische Wurzeln (Breslau). Daher könnte auch mich mich als Migrant 3. Grades bezeichnen… Ich wünschte mir, wesentlich mehr Menschen hätten den Mut als auch den Weitblick diese veralteten Schubladengedanken zu durchbrechen.

  7. wirklich cancan, es gibt zeiten, da möchte ich tatsächlich deine probleme haben 😦 wir sind doch alle immigranten, wo auch immer wir leben. unsere heimat ist da, wo unser herz ist. einfach was?

    @ redder
    auf deine arrogante einstellung vom nicht dazugehören hingegen, verzichte ich gerne.

  8. @zores: darf ich buchstabieren? I R O N I E
    und glaub mir, ich darf witze über migranten machen. ich bin araber zweiter generation. versuch mal ne wohnung zu finden mit einem arabischen namen….

    aber, liebe(r) zores, erzähl mir doch mal was über integration….

  9. was hab ich doch ein glück nur ein deutscher mit italienisch/holländischen vorfahren zu sein!
    Najaa, vielleicht auch doch nur saarländer 😉

  10. @wirbel: bienvenüü! ein bisschen identität gibt einem die herkunft der eltern immer. aber wenn man sein ganzes ego aufgrund des wohnortes oder der nationalität aufbaut, hat man sonst wohl nicht soviel, nehme ich an.

    acqua: gopf ein italiener? in den 60iger jahren nahmen doch diese den schweizern die frauen weg 😆

    @leonope: migros, migrant? hat was, die assoziation. in der migros, übrigens, gab es laut meinen eltern in den späten 60igern, das erste fischsortiment in einem laden. sonst konnte man in einem grössern laden keine fische kaufen.

    @redder: anderssein kann je nachdem als ein privileg angesehen werden. muss es aber nicht. es kommt darauf an, was man daraus gemacht hat.

    aber ich kann mir gut vorstellen, wie das ist wenn man einen arabischen nachnamen hat und doch schweizer ist. sicher nicht immer lustig.

    @cantueso: für fremdarbeiter war ich dann doch zu klein.

    was die arbeitssprache betrifft: vorher 70% englisch, 20 % deutsch, dann ab und zu noch italienisch und spanisch. am neuen job 100 % deutsch.

    meine eltern lernten sehr schnell italienisch, ist ja auch eine amtssprache in der schweiz. nur lebten wir nicht im tessin….

    @zores: ja, wo das herz ist!

    und isch aabe garr kaine problemö. war nur einen gedanken aufzunehmen und weiter zu spinnen.

    @andi: gott du ausländer! 😆 ich dachte du seist ein berliner aufgrund deiner fotos? brauchst du einen pass als saarländer in berlin 😉

  11. Also, bei mir gabs nur Schweizer, so weit ich zurückblicke (etwa drei Generationen). Da komme ich mir ja so richtigseltsam vor (wobei: Mein Urgrossvater war ein ‚Unehelicher‘; wer weiss, wer sein Vater war!) Und Herr T. ein halber Deutscher! Immerhin.

  12. Das waren eventuell schon die 60er Jahre, in denen mein Ururgrossvater in die Schweiz kam, aber die des 19. Jahrhunderts. Und natürlich hat er eine Schweizerin geheiratet!

  13. …die Hauptsache ist doch, man ist „bei sich“. Der Rest sind doch pure Konventionen. Und manchmal ist man auch als Nicht-Gastarbeiterkind entre dos tierras. 😉

  14. Hier geht’s ja heiss her!

    ich verstehe genau, was du meinst, liebe Canela. Ich war ein Scheidungskind aus einer schweizerisch-italienischen Mischehe.

    Vielleicht darf und muss man uns heute SchweizerInnen mit Migrationshintergrund nennen, weil wir halt eben keine Gäste mehr sind. Die Italiener und Spanier, die damals kamen, sind entweder wieder weg, oder bleiben. Dem Begriff Secondo haftet etwas Gewalttätiges an seit irgendwelchen Strassenunruhen vor ein paar Jahren, obwohl es an sich so ein schön klingender Ausdruck wäre.

    Mich haben die Schweizer Mitschüler übrigens Tschinggeli genannt und die Italiener Mezzasangue, Halbblut (üblicherweise wohl ein Schimpfwort für Kinder mit weissen und indianischen Wurzeln). Ich habe eine seltsame Beziehung zu diesen Ausdrücken, und ich stelle fest, dass sie mir ferner geworden sind, seit meiner Hochzeit, die mir einen fast urchigen schweizerdeutschen Nachnamen gebracht hat, und dem Multi-Kulti-Erlebnis Sydney.

    Anders sein kann schön sein, aber auch eine Qual.
    Und man ist eben schon ein Bisschen anders anders als die andern andern, wenn man anders ist als die andern sind – oder so ähnlich. Und letztlich sind wir doch eh alles irgend eine Sorte weiterentwickelter (?) Affen!

    Das ist mein Senf zum Thema! Ciao

  15. @andi: lizenzdeutscher? dieses wort muss ich mir merken 🙂

    @diefrogg: ein unehelicher zu sein, war damals für kind wie für mutter ein stigmata. ich könnte mir vorstellen, dass das als fast schlimmer betrachtet worden ist, als wenn man von einem anderen land kommt. zu dieser zeit wenigstens….

    @andreschneider: genau entre dos tierras, estas y no tienes aire para respirar. wie recht du hast!

    @pipollina: ich hatte auch mal bewusst den nachnamen meines ersten ehemannes angenommen. ein richtiger schweizerischer name. es hat mir mein gefühl, nicht ganz dazu zu gehören nie genommen. so wie es andré halt sagte, bei sich sein, DAS ist wichtig.

    wenn man aber schweizer ist und einen fremdländischen nachnamen hat, ist es sicher nicht einfacher als wenn man fremdländisch ist mit einem schweizernachnamen, oder so. glaubs…

  16. Na dann hab ich noch ein anderes für Dich! Ein Sachse in meinem Umfeld (deutlich ein Ausländer 😉 ) nennt mich immer „Beutedeutscher“ 😆

  17. stellt euch vor wie schrecklich: vor drei jahren das erste mal für längere zeit im land meiner ahnen, und? ich kann mit der kultur üüberhaupt nichts anfangen und muss zugeben, das ich dem temperament nach eher schweizer bin. pfft, hin die ganze secondo-romantik, die ich um meinen arabischen namen herumgesponnen hab. 🙂

  18. Und selbstverständlich gibt es auch noch solche, die gänzlich entfremdet und entwurzelt, ganz ohne Heimat und Glaube irren.

  19. @andi: beutedeutscher? *gröhl

    @redder: nein aber auch! keine weiteren vorteile um mädels anzubaggern? 😉

    @bd: ja, die gibt es auch. bist du einer?

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