Selbstgespräche gestern und jetzt und morgen

Ich bin im Jetzt und sitze im Zug und wäre lieber Alma. Alma heisst Seele auf spanisch. Sie schreibt Liebesbriefe für ihre Mutter. Sie weiss nicht, dass ihre Tochter in ihrem Namen Briefe verfasst.

Alma heisst Alma, weil Alma in einem Buch vorkommt. Das Buch heisst Geschichte der Liebe. Mein Buch heisst auch Geschichte der Liebe. Das ist wie sich selber im Zugfenster sehen und sich hübscher finden, als man ist. Heute gefalle ich mir. Im Fenster wirke ich jünger und durchsichtiger. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich meine Brille vergessen habe. Aber der Mann neben mir gefällt sich selber wohl nicht.

Er hat weisse Haare, die abstehen. Und er hustet oft. Und er spricht mit sich selber. Er flucht und verneint eine Aussage, die niemand gemacht hat. Aber vielleicht flucht er auch, weil sein weisses lichtest Haupthaar wie blühender Schilf im Sommer aussieht. Wer will schon Schilfhaare? Meine Haare sind auch nicht mehr so wie früher, aber schilfig sind sie nicht. Meine sind eher wie Seetang.

Früher war ich mal 25 und konnte mir nicht vorstellen wie ich mit 42 aussehen würde. Heute will ich wie 40 aussehen, was ich früher nicht wollte. So verändern sich Dinge und der Blick von jetzt, ist der Blick von gestern, aber damals war er der Blick von morgen.

Bleiben wir beim Gestern. Früher wollte man mir keinen Eintritt in einen Club in Zürich gewähren. Er hiess Flamingo. Die Musik gefiel uns Golden Girls sehr. Aber der Türsteher fand, dass sei kein ausreichender Grund mich hinein zu lassen. Er sagte, ich sei keine 18. Jahre alt. So musste ich meinen Führerschein zeigen. Und er staunte und ich auch.

Gegen vier Uhr morgens kamen dann alle Kreaturen der Nacht und versammelten sich im Flamingo. Huren, Transen und Schwule. Alles farbige Wesen mit schillernder Aura. Und sie mischten uns auf. Auf der Toilette sah ich oft, wie Männer mit Brüsten diese richteten und den BH zurecht zupften. Ich richte meine Brüste nie auf fremden Toiletten, nicht mal auf der eigenen. Ich richte sie nie. Morgens kommen sie in die Körbchen, abends kommen sie wieder heraus.

Aber manchmal möchte ich aus mir herauskommen und nicht nur funktionieren. Ich möchte vor Wut zuschlagen und schreien. Ich möchte wütend werden wie der Vasella, der dieses Jahr nur 17 Millionen statt 22 Millionen pro Jahr verdient. Das ist einfach nicht fair!

Wenn ich nach morgen schaue, verliere ich das Vertrauen. Das Warten erodiert mich wie die Brandung einen Felsen. Und irgendwann werde ich Sand. Was ist besser,  Felsen oder Sand zu sein? Was ist Liebe, wenn der Sand weggeschwemmt wurde? Ist sie weg?

Fruchtwasser ist bei mir auch weggeschwemmt worden, aber dann kam die Liebe etwa 12 Stunden später. Heute in vier Monaten wird er drei, mein kleines Früchtchen mit den Kirschenäuglein, das in meinem Obstkorb lag. Während der Schwangerschaft, sah ich sogar ohne Brille und sah ihn scharf, die Frucht unserer Liebe, die schon damals nicht mehr da war.  Aber wir waren uns nicht bewusst, dass unsere Liebe mit dem Fruchtwasser weggeschwemmt wurde.

Jetzt, da ich schlechter sehe, höre ich schlechter zu, dafür spüre ich mehr. Ich hoffe, ich werde eines Tages nicht blind. Höchstens vor Liebe…

by canela

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19 Gedanken zu “Selbstgespräche gestern und jetzt und morgen

  1. ich schreib dir jetzt, dass mich deine zeilen bewegen – und ich bin mir sicher, dass sie es morgen, wenn das jetzt im gestern liegt, genau so tun.. – schön.

  2. Blind vor Liebe – wer hat davor schon Angst? Früher oder später werden einem ja doch die Augen wieder geöffnet…

    Katzenelson,
    dem Heiratsschwindel auf der Spur…

  3. „huren,, transen, schwule“ sind schillernde gestalten? das nenne ich reinsten sozialkitsch 🙂

    die huren die ich kenne, betreiben das nicht als lebensstil, und meine freundin, die transe leidet noch heute unter der ablehnung ihrer eltern. und meine schwulen freunde sind sowas von spiessig, wenns nicht gerade um sex geht…

    aber, was weiss den ich? ich bin schliesslich kein kritiker 😉

  4. @globy: bitte weiter im konjunktiv..

    @hierundjetzt: ist eine art endlosschlaufe gell? diese zeiten….

    @gaviota: gracias

    @katzenelson: ich habe keinen angst. und heiraten ist halb so schlimm, ich habe das schon zweimal hinter mir und es tut gar nicht weh

    @redder:klar mit 25, als landei, war das für mich schillernd. und meine schwulen freunde sind manchmal extravagant, nicht nur im sex. huren kenne ich keine, nur meine innere..

    aber was weiss ich schon, ich lebe nicht in der grossen welt und für mich einfältig wesen, schillert noch vieles, was abgebrühte stadtmenschen als normal empfinden. 😉

  5. Wenn eine Kunst keine Wirkung hinterlässt, ist ihr Künstler ein Darsteller. Ich war lange nicht mehr so benommen vom Lesen und ob der Sprache. Sie ist nicht gewaltig, doch unglaublich.

    Obstkorb?

    Ich fasse es noch gar nicht.
    Mit Ihnen möchte man wütend werden.
    Wunderwas …

    Ski
    with Diamonds

  6. Off topic: Ob Du raten willst, wo ich heute unerwarteterweise mehrere Minuten lang las, wie das ist, überall, mit den Kamelen und den Königen? Dass esa deren drei seien, weil es drei kontinente sind. Now isn’t that something. Und je nach den drei Kontinenten sind auch die Gaben unterschiedlich. Imagine! Und auch noch dass der eine auf einem Pferd einherreitet, der zweite auf einem Elefant, und der dritte auf einem Kamel. — Woher?

    Wikipedia. Das Fest heisst Epiphany.

  7. lach, ich staune immer wieder, wenn zürcher als abgebrühte stadtmenschen eingeschätzt werden. in london kam ich mir vor wie der junge vom land. wieder zurück, hab ich immer die gemütliche und friedliche athmosphäre von „liddel big citi“ geschätzt…

    wie immer, alles eine frage der relation, meine liebe 🙂

  8. @katzenelson: ist der umkehrschluss auch erlaubt? tolle männer heiraten öfters?

    @skibowski: bienvenido y gracias. ich dachte das adjektiv gewaltig gebraucht man eher bei männlicher schreibweise….
    unglaublich gefällt mir ausserordentlich, ich hätte gerne ein pfund davon 🙂

    @cantueso: 🙂 was du nicht alles herausfindest, kein wunder weisst du soviel. bist du eigentlich philosophiedozentin in madrid?

    @redder: tja, mein lieber, ich habe in london und new york gearbeitet und finde den dünkel der zürcher äusserst niedliches. denn eigentlich wollte ich dich hochnehmen, auch wenn ich nicht gerade ein riese bin 😉

  9. der text ist schon prikelnd, mit-bilder-machend geschrieben.

    @Katzenelson: ich habe angst vor liebe blind zu werden. wenn ich liebe nicht sehen kann, woher will ich dann wissen was liebe ist ?

    außerdem – mal ganz pragmatisch gedacht – wenn ich tatsächlich blind wär vor liebe, also sprichwörtlich eher unvernünftig, wäre das erwachen wohl eines mit aufgerissenen augen bis dorthinaus. so weiß ich wneigstens wo ich dran bin oder war…

    och die arme Vasella. nur 17 statt 22 milionen…
    *tief bedauernd schauen*

  10. Nein. Du irrst Dich grundsätzlich. Die Dinge, die ich schreibe, das sind die, die ich NICHT weiss, aber gerne wüsste. Was ich weiss, existiert auf deutsch, und man kann davon nicht schreiben im englisch-sprachigen WordPress. Und ich glaube, die deutsche Sprache geht unter. Ergo bye bye; die Ratten verlassewn das Schiff; aber weh tut es dennoch.

    Nur Churchills Werke kenne ich sehr gut, aber sonst ist praktisch jeder Eintrag in meinem Blog frisch erlernt. Sieh doch jene „timelines“! Griechische Philosophie in drei Zeilen!

  11. Was ich schrieb, widerspricht Ihrer Annahme nicht. Ihre Schrift ist nicht gewaltig, sie ist unglaublich, hinterließ ich Ihnen.

    Ich werde es sammeln, dass Unglaubliche. Dann binden und Ihnen zum Blättern senden. Warten Sie nur noch nicht morgen darauf.

    Ich werde mich bei Zeiten nach Ihrer Adresse erkunden. So werden Sie wissen, wann das Unglaubliche sich auf den Weg zu Ihnen macht.

    Ski

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