Eine Geschichte von Mängelware und dem Unabhängigkeitstag

Verstohlen hauche ich in meine Hand. Mein Atem stinkt. Die Erkenntnis des eigenen Widerspruchs hat einen bitteren Nachgeschmack und der Geruch erinnert mich an zuviel Alkohol und Zigaretten einer durchzechten Nacht. Ich sitze im Zug und warte auf die Weiterfahrt. Während ich aus dem Fenster schaue, beobachte ich, wie sich zwei ganz in schwarz gekleidete Frauen verabschieden.

Sie lieben sich, das ist offensichtlich. Ihre innigen Küsse und Umarmungen strotzen vor Intimität und Leidenschaft. Ich ertappe mich, wie ich starre und fühle mich als Eindringling. Die eine Frau in Hosen steigt in den Zug, geht ins Abteil und reisst das Fenster herunter. Auf den Lippen formt sich ein „ich-liebe-dich“. Die andere im schwarzen Kleid schaut zu ihr hinauf, streckt die Hand aus und gibt ihr mit dem Händedruck ihre Liebesbezeugung zurück. Beide halten sich fest. Ihre offenkundige Liebe berührt mich und macht mir Hoffnung. Sie ist überall, die Liebe, man muss nur die Augen öffnen und sich getrauen hinzuschauen.

Mein Zug fährt weiter und mein Blick fällt auf mein geschlossenes Buch. Ich fühle mich heute wie dieses Buch. Auf dem Buchdeckel steht Unabhängigkeitstag von Richard Ford. Unten auf den Seiten ist mit dicken Buchstaben Mängelware darauf gestempelt. So unpassend wie die zwei Begriffe – Mängelware und Unabhängigkeitstag – miteinander wirken, so unpassend fühle ich mich.

Ich vertrat die Theorie und lebte den Alltag, dass Geschenke und Geld positive Energie sind, die man weiter geben muss. Eine Theorie sollte aber mehrere Blickpunkte berücksichtigen. Ich hatte nur meinen, die der Gebenden.

Wir hatten uns gestritten und ich hatte ihn verletzt. Nicht mit Absicht, doch ich verstand seinen Missmut. Ich hatte versucht, meinen Standpunkt zu vertreten, der so wackelig war wie ein loser Zahn im Mund. Er will mir etwas geben, das ich dringend brauche und mir nicht leisten kann. Da ich so bedacht bin auf Unabhängigkeit und Freiheit, meinte ich, ohne lange zu überlegen, dass ich mich nicht kaufen lasse. So kann man auch jemandem sagen, dass man ihn wegen seiner Selbst liebt und nicht wegen seines Geldes. Ein Tritt zwischen die Beine wäre wohl angenehmer gewesen!

Und während ich mit ihm diskutierte, merke ich, dass ich mir selber widerspreche. Was für eine bittere Erkenntnis. Und mein Stolz zieht sich mit schmollenden Lippen und verschränkend Armen in eine Ecke zurück, zu der ich ihm folge. Seine Wut packt ihn am Arm und reisst ihn in die entgegengesetzte Ecke. Und so starren wir uns alle beleidigt an.

Der Zug gleitet sanft durch die Landschaft und ich fühle mich immer noch wie mein Buch. Liebe kann überwältigen, Grosszügigkeit auch. Doch beides zusammen ist zuweilen schwer verdaulich und muss in kleinen Portionen auf mehrere Male im Tag verteilt, genossen werden. Sonst gibt es Blähungen und es gibt kein Rennie dagegen.
by canela

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15 Gedanken zu “Eine Geschichte von Mängelware und dem Unabhängigkeitstag

  1. tja, ich hab mal was in der art gelesen, dass liebe immer grosszügig sei, alles verstehe, alles verzeihe, alles gebe, nichts fordere.
    schön sentimentaler quatsch, was? *smile*

  2. Unabhängigkeitstag. Schöne Idee, die Komplexität menschlichen Zusammenlebens aus dem Kaufverhalten von Immobiliensuchenden abzuleiten. Macht er gut, der Herr Ford. Weiterlesen.

  3. Endlich!! Ich bin nicht mehr allein mit dem Wissen, wie idiotisch es sich anfühlt, während eines Gespräches zu spüren, dass man sich selbst widerspricht. 🙂

  4. wie war, liebe will in kleinen dosen genossen werden, sonst kann es leicht passieren das sie einen erdrückt.

    wobei manchmal lauert sie auch da, wo man es gar nicht vermutet, das ist dann echt überraschend und so schön.

  5. @ wolkenfabrik. ich las das interview von ihm (als link) im text und dachte mir: dieser mann gefällt mir, mit seinen ansichten. also habe ich mir das buch gekauft. schon die anfangssätze fand ich toll….

    @jessn: ein unangenehmes gefühl. was? aber wer ist schon perfekt? 😉

    @tuxfriend: ich mag auch die völlerei. aber eben, der magen macht nicht immer mit 🙂

  6. Hab da mal im vorigen Jahrhundert was dazu geschrieben:

    Manchmal frage ich mich warum ich trotz meiner Stärke so schwach bin und mich nicht wehren kann. Müsste ich jemanden geschäftlich „töten“, hätte ich nicht das geringste Problem damit. Doch in diesem Fall bringt mich eher meine Sturheit, die als Ausrede für das eigentliche Problem, das sich Angst nennt, um.

    Denke das könnte hinkommen, oder? 😉

  7. @canela: Shit, da habe ich doch extra ein französisches Cheminée und ein russisches, garantiert nicht haarendes Bärenfell gekauft…. und jetzt das! Glaubst du nicht, wir könnten es mal versuchen? Ich würde dann auch meine neue Kamera…. auch nein? 😀

  8. Deine Erkenntnis ist nicht ganz ungewöhnlich. Die meisten sind nur noch nicht so weit wie du, sich ihrer bewusst zu werden, und sie anzunehmen. Jetzt geht´s nur noch für beide Seiten darum, die Tür wieder ohne Gesichtsverlust zu öffnen.

    Danach könnt ihr gegenseitig eure Wunden lecken 😉

  9. @leonope: schön geschrieben! sturheit und angst? kenne ich, sind meine ständigen begleiter. gott sei dank ab und zu auch einsicht….

    @p. NEIN! damit wir uns nachher auf der duporn-seite sehen können? NIE und NIMMER!

    @ruwen: da ich eine normale frau bin (was normal auch immer heissen mag), habe ich auch normale erkenntnisse. aber wunden lecken, öhm, ja. aber nicht auf dem bärenfell vor dem kamin.

  10. @canela

    hmm so ab und an mal richtig über die stränge schlagen, hat doch noch keinem geschadet, aber muss es den gleich auf den magen schlagen *komisch*

    also denke mal bei entsprechender gelegenheit, so richtige zeit, richtige stimmung und so weiter, dann ist dir auch das bärenfell egal, hauptsache alles andere stimmt 😉

    welche möglichkeiten sich daraus dann noch so ergeben, um die fusseln wieder los zu werden, ungefähr so wie mit dem sand, nur der scheuert mehr *lol*

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