Über meinen Vater und Schlampen

Der Ausdruck Macho wird gerne in Zusammenhang mit Südländern oder mit dem übertrieben männlichen Herrschaftsgehabe in Verbindung gebracht. Ich wurde, unter anderem, von einem Macho erzogen. Mein Urgrossvater, der Grossvater meines Vaters, soll ein Guapo aus Cordoba gewesen sein. Ein Zuhälter. Er starb bei einer Messerstecherei.

Es scheint, als stamme ich aus einer Dynastie von Machos, zumindest väterlicherseits.

Wenn man als Kind Hurentochter oder Schlampe oft hört, sind diese Wörter wie ein Schatten. Ein Begleiter der Kindheit, den man nicht los wird. Wie man sich dreht und wendet, er ist immer da. Nicht dass ich sie konstant gehört hätte, aber doch mehr als andere Kinder in meinem Alter.

Mein Vater war ein Mann, der sehr früh seinen Vater im spanischen Bürgerkrieg verlor. Nicht als Soldat gegen Franco – wie er es so gerne gehabt hätte – sondern beim Ausmisten des Hasenstalls im Hinterhof, genannt Patio. Als er den Kopf in den Hasenstall steckte, verletzte ihn ein Draht so schwer am Hals, dass er viele Stunden später, starr wie ein Brett, starb. Da Bürgerkrieg war, hatten sie in Malaga keine Tetanusspritzen. Bis diese Spritze aus Madrid eintraf, war mein Grossvater tot. Mein Vater war damals sechs.

Wenn man als einziger Junge mit sechs Frauen aufwächst, kann es ein Zuckerschlecken sein oder die Hölle. Ich nehme an, für ihn war es eher die Hölle. Er hatte fünf Schwestern . Seine Mutter, die in einer Psychiatrie kranke Menschen pflegte, war immer müde und sehr fromm. Wenn man mit sechs Müttern aufwächst, kann man schon ein Macho werden, oder nicht?

Mit 34 traf er meine Mutter in der Schweiz. Eine Art Unschuld vom Land und ziemlich hübsch. Aber so etwas von naiv, dass es heute schon fast ausserirdisch anmutet. Nach einer turbulenten Verlobungszeit, mein Vater war schon damals ziemlich jähzornig und krankhaft eifersüchtig, heirateten sie. Sie kriegten mich über ein Jahr später. Leider war ich ein Mädchen.

Ich überspringe nun ein grosses Zeitfenster.Heute, fast 42 Jahre später, hat sich unsere Kommunikation auf ein paar Sätze reduziert.

Wie geht es dir? Gut! Und dir? Ich sterbe bald. Immer diese leeren Versprechungen! Lach, du Schlampe! Danke! Wie geht es dem Kleinen. Auch gut!

Und somit hat sich unsere tiefe, von Liebe geprägten Konversation erschöpft.

Während ich das alles schreibe, versuche ich herauszufinden, wer mein Vater ist. Dazu höre ich dieses Stück. Er singt vom Hund ohne Knochen. Und vom Mädchen, dass ihren Mann lieben soll. Es passt zu ihm. Zu meinem Vater. Er hatte schon immer etwas Trauriges in sich. Dabei ist er so lustig. Manchmal. Wenn er sich nicht gerade über jemand lustig macht oder sich verächtlich äussert.

So wenig wie ich von ihm halte, so viel habe ich von ihm. Ich bin die, die von meinen Geschwistern meinem Vater am ähnlichsten ist. Nicht nur im Aussehen sondern auch in der Art, also das Temperament, der Jähzorn, die Melancholie und manchmal die verächtliche Überheblichkeit. Ich bin sogar manchmal ein weiblicher Macho. Es macht mich nicht wirklich stolz.

Hey Dad, wie wärs, wenn du dich mal wirklich für mich interessieren würdest? Und nicht nur deinen Bildern nachrennen würdest wie ein Mann, eine Frau, ein Sohn, eine Tochter zu sein hätten? Du meinst du seist zu alt? Man ist für nichts zu alt, wenn es darum geht, Einsicht und Weitsicht zu ändern und zu erhalten. Aber du wirst mich ja eh nie lesen. Weil du hast nie richtig deutsch gelernt nach 34 Jahren Schweiz. Und mir hast du immer gesagt, ich hätte nichts erreicht und sei „una mierda“.

Ich finde dich irgendwie ein Arschloch, aber irgendwie habe ich dich gerne. Du findest mich irgendwie eine Schlampe, aber irgendwie hast du mich gerne. Wir sind quitt.

by canela

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19 Gedanken zu “Über meinen Vater und Schlampen

  1. Pingback: links for 2007-08-10 « fourtysomething

  2. Ich denke „quitt“ wirst Du nie mit ihm sein. Sonst würdest Du nicht solch starke Einträge schreiben 😉

    Ich habe meinen Eltern vor mehr als zehn Jahren gesagt, dass ich für den Rest meines Lebens nichts mehr mit ihnen zu tun haben will und habe sie seitdem auch nie mehr gesehen bzw. etwas von ihnen gehört. Und doch frage ICH mich wie es IHNEN wohl geht. Ich weiss nicht mal ob sie noch leben…das Leben ist öde. Und trotzdem liebe ich es 🙂

  3. Wow! Das nenn ich mal eine beeindruckende Familiengeschichte! Beeindruckend ist jetzt in dem Zusammenhang natürlich nicht gleichzusetzen mit „schön“, aber es ist doch sehr … na ja, beeindruckend. Ein spannender Beitrag mal wieder.

  4. Schlechte Vorbilder zu haben, ist besser, als gar keine.
    Du wusstest dein Leben lang, wie du nicht werden willst, und wie deine Kinder nicht werden sollen.

  5. @eichhorn: mein vater ist irgendwie sonderbar, das kann man schon als interessant bezeichnen.

    @falki: ja die hälfte auf jeden fall. ob ich will oder nicht. mit den genen bei mir habe ich frieden geschlossen 😉

    @leonope: 10 jahre ohne die eltern zu sehen? wow, DAS nenne ich stark. wir zwei zoffen uns wenigsten 1 mal im jahr, wenn ich in spanien bin. aber 10 jahre nix? wo soll ich denn da mit meinen aggressionen hin 😉

    @andre: danke. wie geht es dir eigentlich? du scheibst so nichts? geht es dir gut?

    @plasmaoxyd: deine aussage stimmt. aber wahrscheinlich gebe ich meinem sohn dafür etwas anderes mit, dass er nicht seinen kindern mitgeben will 😉

  6. @ canela: Mir geht es hundsmiserabel, daher die momentane Stille. Aber keine Sorge: Es gibt mich noch, ich melde mich und blogge auch ganz bald wieder. 🙂

  7. kein mensch möchte etwas so sehr wie ohne liebe sein – im angesicht des todes.
    es zu zeigen und darauf hinzuarbeiten fällt den meisten menschen sehr schwer oder ist ihnen gänzlich unmöglich.

  8. Ich schiffe um die Wörter und Worte auf die Zahlen zu und frage: Wie erklärst Du die 42 und die 34 noch mal, ich blicke da nicht ganz durch. (Dein Vater ist 34 Jahre lang in der Schweiz und Du bist 42 Jahre alt, geht so was?)

  9. @katzenelson: meine eltern lebten 34 jahre in der schweiz, seit ca. 14 jahren leben sie wieder in malaga, spanien.

    ich bin in der schweiz geboren und lebe auch hier. seit satten 42 jahren.

    alles unklar? 🙂

  10. Nun passt es prima.
    Und eigentlich habe ich ja auch nur gefragt, weil ich weiß, dass Dir das lieber ist als umgekehrt, wenn man schon wie ich nix kapiert.

    Wünsche, gedient zu haben.

    Katzenelson,
    Herr der kurzen Wege…

  11. Pingback: Mercy in your daddy’s arms « el mundo de canela

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