Der Kommissar lernt seine Frau kennen

Er konnte sich nicht an ihr satt sehen und genoss diesen Moment als erlaubter Voyeur. Sie schlief erst seit kurzem, er hörte ihre regelmässigen Atemzüge. Im Hintergrund lief leise Mazzy Star. Er hatte noch nie von ihr gehört. Doch die Musik passte zu dieser schlafenden Frau, die nicht seine erste, aber seine letzte Liebe sein würde.

„Diese Frau, Hope Sandoval, könntest du mögen. Sie ist nicht nur schön, sondern ihre klare, melancholische Stimme beruhigt mich“ meinte sie lächelnd. Darauf legte sie sich aufs Bett und schloss ihre Augen. Das Kinn grub sich in ihre Unterarme und die Daumen versteckten sich in ihren Fäusten. Das tiefe Einatmen, bevor sie in den Schlaf fiel, liess ihre Nasenflügel leicht zittern.

Liebevoll strich sein Blick von ihren aufgewühlten, dunklen Haaren, zu ihrem Gesicht bis zu ihren Hüften. Ihr Bauch war weich und hatte die Straffheit verloren. Kleine Fältchen meandrierten und suchten sich so ihren Weg in die Haut. Es war schön, sie nackt zu sehen.

Obwohl sie viel jünger war als er, war sie schon in einem Lebensabschnitt, in dem das Altern ganz schnell und plötzlich geschehen konnte. Eines Tages würde sie aufstehen und feststellen, dass sie alt geworden war. Aber im Moment waren nur diese Vorahnungen auf ihrer Haut. Diese Vorzeichen, die alle Menschen erreichen, falls sie ihr eigenes Leben überleben. Das Altwerden.

Die Haut von Leichen ist anders. Man kann es nicht mal mehr Haut nennen. Sie sieht wie ein Wachstuch aus, als ob sie der Tod präpariert hätte. Und dann kommt es auch darauf an, in welchem Stadium man die Leichen findet, schoss es ihm durch den Kopf. Sein Job war immer dabei und liess ihn nicht los, sogar jetzt, stellte er resigniert fest.

Er hat schon viele Tote gesehen und seine Augen hatten nie Freundschaft mit dem Anblick toter Menschen geschlossen. Als Kommissar hätte er abgebrühter sein sollen. Aber er war ein schlechter Kommissar. Nicht weil er der Anblick von Toten nicht ertrug, sondern weil er die Fälle dazu fast nie löste.

Und während er diese feinen Fältchen betrachtete, sprachen sie zu ihm. Alle diese Grübchen und feinen Verzweigungen erzählten ihm von ihr. Und er horchte genau hin, er wollte nichts verpassen.

Heute hatten sie sich das erste Mal geliebt. Beide waren sehr nervös gewesen, weil sie dieses Treffen so oft hatten verschieben müssen. Und die Spannung, sich zu lieben, war ins Unermessliche gestiegen und hatte sie Kraft gekostet. So sehr, dass beide mehr erschöpft als befriedigt sich fürs stille Nebeneinanderliegen entschieden, während ihre Hände das Neuland ertasteten, das sich so gut anfühlte.

Sein Job wachte über ihn, wie eine eifersüchtige Ehefrau und hatte ihn schon einige Rendez-vous platzen lassen. Und er war dankbar für ihre Geduld und ihre Wut, die sich abwechselten, wenn er ihr absagen musste. So wusste er, dass sie Verständnis hatte, aber trotzdem ihre Bedürfnisse nicht in den Hintegrund stellte. Er tat es auch nicht.

Und während er sie weiter ansah und ihre weichen Schenkel liebkoste, beschloss er, dass er sie heiraten wollte. Falls sie ihn wollte.

by canela

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3 Gedanken zu “Der Kommissar lernt seine Frau kennen

  1. mehr davon, aber subito, sonst werde ich sauer. 😀

    echt gut, canela, wirklich. und es macht appetit darauf, noch mehr von dir lesen zu wollen.
    LG zores

    ps: bin am überlegen, ob sich ein berufswechsel in meinem alter noch lohnt. 🙄

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